Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin,
29. März 2010, Seite 9 (Berlin) von KLAUS KURPJUWEIT.
[
Original]
BERLIN (Tsp). Der Bahn fehlt das Geld, um dringend benötigte Strecken ausbauen zu
können. Auf der Streichliste in Berlin steht, wie berichtet, die zweite Ausbaustufe ums Karower
Kreuz mit einem derzeit eingleisigen Abschnitt. Dagegen ist das Geld für einen umstrittenen Neubau
in der Stadt vorhanden, an dem jetzt weitergearbeitet wird an der S-Bahn-Verbindung vom Nordring zum
Hauptbahnhof mit dem Bautitel S 21. Wenn dann 309 Millionen Euro verbuddelt sein werden, gibt es im Netz
der S-Bahn eine einzige Station mehr, nämlich im Hauptbahnhof. Die ursprünglich vorgesehene
Station an der Perleberger Straße ist nur noch perspektivisch geplant. 57 Millionen Euro sind
bereits für Vorleistungen ausgegeben worden [Ed: wobei leider der Tunnel unter der Spree
‚vergessen‘ wurde].
An der Invalidenstraße wird derzeit Beton in die Erde gegossen. Unter der Trasse der
Straßenbahn, deren Bau vor kurzem genehmigt worden ist, werden Schlitzwände und darüber
ein Stahlbetondeckel erstellt. Dann kann von 2011 an dort der Tunnel fertig gebaut werden, ohne den
Verkehr an der Oberfläche zu behindern. 2016 sollen die S-Bahnen die neue Endstation im Hauptbahnhof
erreichen, die östlich vom Bahnhof der U-Bahn liegen wird.
Frühestens von 2018 an, jedenfalls erst nach dem Ende des U-Bahn-Baus vom Alexanderplatz zum
Brandenburger Tor, soll der Tunnel dann vom Hauptbahnhof bis zum Bahnhof Potsdamer Platz verlängert
werden. Erst mit dieser Verbindung "rechnet" sich der Bau insgesamt. Doch ob es dann auch Geld dafür
gibt, ist offen. Und ob am Reichstag ein Bahnhof entsteht, wie einst geplant, ist äußerst
zweifelhaft.
Bis die Bahnen durchgehend vom Nordring bis zum Potsdamer Platz fahren werden, wo sie auf den
vorhandenen
Tunnel treffen, müssen sie im Hauptbahnhof wenden. Jeder zweite Zug soll nach derzeitigem
Planungsstand dann den Nordring verlassen, zum Hauptbahnhof fahren und anschließend auf den Ring
zurückkehren [Ed: womit die Deutsche Bahn ein vor dem Krieg mit dem Potsdamer Stadtbahnhof (am
Potsdamer Platz) und dem Südring praktiziertes Betriebskonzept nun im Norden wiederaufleben
läßt]. Wer nicht zum Hauptbahnhof will, muss vorher aussteigen und auf den nächsten Zug
warten oder die längere Fahrt zum Hauptbahnhof und zurück absolvieren. Zusätzlich soll es
eine Verbindung von Frohnau zum Hauptbahnhof geben. Die Ein- und Ausfädelbauwerke vom Ring zum
Hauptbahnhof an den Stationen Westhafen und Wedding sind ebenfalls bereits gebaut.
Wenn die Verbindung durchgehend bis zum Potsdamer Platz vorhanden ist, soll der neue Tunnel mit 3
Linien ins Netz integriert werden. Durch ihn sollen dann die Züge der S 1 (Oranienburg Wannsee)
fahren, die heute den in den 30er Jahren bebauten Nord-Süd-Tunnel mit dem Umsteigebahnhof
Friedrichstraße nutzen. Im Abschnitt vom Potsdamer Platz bis Gesundbrunnen gibt es so weniger
Verkehr; das Warten auf einen Zug verlängert sich.
Der neue S-Bahn-Tunnel, der in der Euphorie nach der Wende zu Beginn der 90er Jahre geplant worden war,
entsteht parallel zum für den Fern- und Regionalverkehr gebauten Nord-Süd-Tunnel mit 4
Gleisen. Zum Erschließen des Hauptbahnhofs mit Regionalzügen ist der Tunnel allerdings nur
bedingt tauglich. Im Fahrplan klaffen Lücken bis zu 47 Minuten, weil die Fahrzeiten auf die
Umsteigeknoten in Brandenburg abgestimmt sind.
Besser wird das Angebot erst mit der Eröffnung des Flughafens in Schönefeld im Oktober 2011,
weil es voraussichtlich 2 weitere Verbindungen stündlich mit dem Flughafen- Express zum
Hauptbahnhof geben wird.
Statt einen weiteren Nord-Süd-Tunnel für die S-Bahn zu bauen, der sogar das Angebot im
vorhandenen Tunnel reduziert, sollte der Regionalverkehr im Fernbahntunnel erweitert werden, fordert der
Fahrgastverband Igeb. Durch eine Vernetzung der Nord-Süd-Linien könnte der Hauptbahnhof viel
billiger an den Nord- Süd-Verkehr angeschlossen werden, argumentiert die Igeb. Auch an der TU wurde
ein solches Konzept bereits entwickelt.
Einen Schritt weiter will die Verkehrsexpertin der Grünen, Claudia Hämmerling, gehen. Sie setzt
sich dafür ein, im Fernbahntunnel sogenannte Zwei-System-Züge einzusetzen, die im Netz der
Regional- und der S-Bahn fahren können. Obwohl dies in Hamburg funktioniert, hält die Bahn eine
solche Lösung in Berlin für ausgeschlossen.