Mit freier Stimme Die Geschichte des RIAS
Transkript der Rundfunksendung von 2006.
Gesendet von:
DeutschlandRadio Kultur, Berlin,
9. Januar 2006, 19.30 Uhr MEZ (Zeitfragen) von WOLF-SÖREN TREUSCH.
[
Original]
SPRECHER vom Dienst: Mit freier Stimme Die Geschichte des RIAS. Eine Sendung von
Wolf-Sören Treusch.
ATMO 1: (RIAS-Jingle: Eine freie Stimme der freien Welt) frei, dann weg.
TAKE 1: (Robert H. Lochner). Ich war im Sommer 45 der amerikanische Kontrolloffizier von Radio
Frankfurt, spätere Hessische Rundfunk, ...
AUTOR: Robert H. Lochner, von 1961 bis 1968 amerikanischer Direktor des RIAS.
TAKE 2: (Robert H. Lochner). ... und kriegte laufend die Berichte über die Verhandlungen in
Berlin, denn die Westalliierten haben natürlich von den Sowjets gefordert, dass diese sie an dem
einzigen bestehenden Sender beteiligen, den die Sowjets, da sie zuerst in Berlin waren, völlig mit
Beschlag belegt hatten. Und da erinnere ich mich noch genau an den Bericht im November 45, wo Oberst
Tulpanow den Westalliierten als, wie er es nannte, letztes Angebot eine Stunde am Tag offerierte,
während die Sowjets 11 Stunden am Tag haben würden.
AUTOR: Die Amerikaner lassen sich auf die Taktik der sowjetischen Militärführung nicht
ein: Sie starten ein eigenes Radioprogramm für Berlin mit Nachrichten und viel Musik.
TAKE 3: (Franz Wallner-Basté). Da sind wir also, liebe Hörer. Und wir
begrüßen Sie. Nicht mit einer feierlichen Eröffnungsansprache. Seien Sie unbesorgt.
Obwohl uns ein bisschen feierlich tatsächlich zumute ist bei dieser ersten Begegnung. Im stehen
gebliebenen Teil einer Ruine ein paar kahle, weniger als kahle Räume in eine komplette Radiostation
zu verwandeln, das ist heutzutage schließlich keine Kleinigkeit.
AUTOR: Am 7. Februar 1946 eröffnet der spätere RIAS-Intendant Franz
Wallner-Basté die Radiostation. Täglich 7 Stunden geht nun der DIAS auf Sendung, der
Drahtfunk im amerikanischen Sektor.
TAKE 4: (Robert H. Lochner). Die Nazis hatten, weil sich schnell erwiesen hatte, dass die
normalen Rundfunksender für die angreifenden alliierten Flugzeuge ideale Hinweise sozusagen gaben,
hatten die ein billiges Gerät entwickelt, das nur ans Telefon angeschlossen wurde, so konnte man bis
Minuten vor dem Luftangriff den Leuten sagen ‚amerikanische Bomber 10 Minuten vor Berlin, 8
Minuten‘, so dass sie in aller Ruhe in die Luftschutzkeller gehen konnten. Davon existierten noch
ungefähr 30.000 bis 40.000 Geräte, und so haben wir mit dem DIAS mit dieser bescheidenen Zahl
angefangen, aber sehr schnell wurde dann ein eroberter fahrbarer Wehrmacht-Transmitter aus
Westdeutschland nach Berlin gebracht, und so konnten wir mit Mittelwellensendungen anfangen und darum die
Änderung im Namen von DIAS zu RIAS: Rundfunk im amerikanischen Sektor.
ATMO 2: (RIAS-Jingle: Hier spricht Berlin).
AUTOR: Ein fertiges Konzept haben die Amerikaner nicht. Der DIAS und danach der RIAS stehen unter
ihrer Kontrolle, sind aber eine deutsche Rundfunkstation. Die Auswahl des Personals bleibt dem Funkhaus
überlassen, die amerikanische Militärregierung prüft lediglich, ob die alliierten
Bestimmungen über Entnazifizierung und Entmilitarisierung eingehalten werden.
TAKE 5: (Jürgen Graf). Im August, ich war genau 3 Monate bei den Russen ...
AUTOR: Jürgen Graf, Mitarbeiter der ersten Stunde, später Chefreporter und
Leiter der Hauptabteilung Zeitgeschehen des RIAS.
Jürgen Graf starb
79-jährig am 20. Oktober 2007 |
TAKE 6: (Jürgen Graf). ... kam ein amerikanisches Auto bei meinen Eltern vorgefahren, und
diesem entstiegen zwei Herren mit den wunderschönen amerikanischen Namen Ostertag und Schechter.
Und Herr Ostertag sagte: Was Sie da im Berliner Rundfunk machen, das gefällt uns, wir machen ein
Gegengewicht zum Berliner Rundfunk und kommen Sie doch zu uns. Das ist so gewesen vielleicht keine
politische Überlegung, sondern mehr, dass eben Chesterfield besser schmeckt als Papierossi und
Whisky besser als Wodka. Ich bin nie wieder bei den Russen gewesen.
Es wird immer gesagt ‚die Amis haben da hinter jedem gesessen und aufgepasst‘, wir hatten
ganze vier Amis da bei uns. Und wir waren am Anfang ungefähr 120 Deutsche. Ein richtiges Training
gab es nicht. Es gab Diskussionen in der morgendlichen Redaktionskonferenz, wo dann auch der eine oder
andere Ami sich mal einmischte, aber ich habe in der damaligen Zeit nie eine Kontrolle gespürt.
AUTOR: Not und Einschränkungen prägen die Gründerzeit. Tonaufnahmen fallen aus,
weil es an beheizten Räumlichkeiten fehlt, Künstler erscheinen nicht auf der Probe, weil Busse
und Bahnen versagen. Die finanziellen Mittel sind knapp. Dennoch werden das Programm des RIAS
erweitert, der Stellenplan erhöht, die Technik verbessert. Die Kosten liegen im Herbst 1948 bei gut
1 Million Mark im Jahr.
TAKE 7: (Jürgen Graf). Die Amerikaner zahlten noch jahrelang 75 Prozent Ost und 25 Prozent
West. Weil sie sagten, sie würden sonst nicht hinkommen mit dem Geld. Aber es gab täglich was
zu essen. Eine ganz wichtige Sache. In der Winterfeldstraße war eine Art Kantine, und wer im
Schichtdienst war und nicht diese Kantine besuchen konnte und nun nicht vielleicht aus Buckow dahin
kommt, weil es da eine warme Suppe gab, der kriegte ein kleines Paket, da waren also Kekse drin, aber
auch eben dieses Frühstücksfleisch in einer Büchse, und das ist natürlich ein
ungeheurer Anreiz gewesen.
AUTOR: Aus den politischen Kontroversen hält sich der RIAS in den Anfangsjahren heraus. Die
politische Profilierung des Senders beginnt im Frühjahr 1948. General Clay startet die
‚Operation Back Talk‘, der RIAS erhält offiziell die Erlaubnis, Vorgänge in der
SBZ, der sowjetischen Besatzungszone, zu kritisieren. Die Amerikaner reagieren damit auf die
sowjetische Propagandamaschine, wie sie den Berliner Rundfunk nennen.
Kurz darauf unterstellen sie den RIAS direkt der amerikanischen Militärregierung in Berlin. Der
Sender wird zum Sprachrohr amerikanischer Außen- und Besatzungspolitik. Er wird ein Produkt des
Kalten Krieges.
ATMO 1: (RIAS-Jingle Eine freie Stimme der freien Welt).
TAKE 8: (Manfred Rexin, 1'09). Kalter Krieg ...
AUTOR: Manfred Rexin, in den 60er Jahren freier Mitarbeiter des RIAS, später Leiter des
Bildungsprogramms und der Hauptabteilung Kultur und Zeitgeschichte.
TAKE 9: (Manfred Rexin). ... ist etwas, was in einer Zeit existentiell erfahrener Bedrohung, von
außen oder durch die Umwelt, Menschen in den Bann zwang. Und man musste sich natürlich mit
einer immer noch in ihren Strukturen stalinistischen DDR scharf auseinandersetzen. Der RIAS war
aus meiner Sicht ein antitotalitärer Sender, der zwei ‚Antis‘ beschrieb: er war
antikommunistisch, und er war antinazistisch. Das Bildungsprogramm hat immer großen Wert darauf
gelegt, gerade die Zeit vor 1933 und nach 1933 genauer zu beschreiben mit historischen
Originaltönen, die zum Teil noch gar nicht verwendet und ausgewertet worden waren, zu analysieren,
und dieses doppelte Nein, Nein zur braunen Diktatur und Nein zur roten Diktatur, das hat dem Sender
Profil gegeben.
AUTOR: Die Blockade West-Berlins durch die Sowjets von Juni 1948 bis Mai 1949 lässt die
politischen Spannungen zwischen West und Ost eskalieren. Das ‚Nein zur roten Diktatur‘ wird
immer wichtiger. Zum Beispiel am 6. September 1948.
TAKE 10: (Reportage Graf) (danach weiter als ATMO). Es war auch für uns RIAS-Reporter heute
ungemein schwer hier hereinzukommen, mein Kollege und ich versuchten zunächst einmal, durch den
offiziellen Haupteingang mit unseren offiziellen Identifikationen hereinzukommen, das war unmöglich:
Uns wurden die Jacken und Kleider zerrissen, wir wurden zurückgestoßen und einige rissen sich
zu Bemerkungen hin: ‚sieh da, da sind die RIAS-Reporter wieder, auf sie!‘, andere schrieen
‚wir wollen keinen RIAS, wir wollen nur die Wahrheit durch den Berliner Rundfunk‘ und so geht
es hier oben auf der Pressetribüne auch weiter. ...
AUTOR: Die beiden RIAS-Reporter Jürgen Graf und Peter Schultze sollen von der
Stadtverordnetenversammlung im Ostteil Berlins berichten. Eigentlich ein Routinetermin, aber
kommunistische Demonstranten unterbrechen die Übertragung mit Gewalt.
TAKE 11: (Reportage Graf) (danach weiter als ATMO). Immer wieder kommen die Rufe hier rauf zu mir
an das Mikrofon, (...) ‚die Proletarier vom RIAS sollen weg gehen‘, das ist nett, dass wir
dieses reizende Kompliment heute hier überbracht bekommen haben. ...
TAKE 12: (Jürgen Graf). Dann sind die nach oben gekommen auf die Pressetribüne, ...
TAKE 13: (Graf Reportage) (danach weiter als ATMO). Soeben ist uns das Mikrofon von einigen
Demonstranten entrissen worden. ...
TAKE 14: (Jürgen Graf). ... haben die beiden Mikrofone rausgerissen, und ich habe ein Mikrofon
über den Kopf gekriegt, ...
TAKE 15: (Graf Reportage). Immer wieder wird uns das Mikrofon weg gezogen, es wird uns nicht
gestattet von den Demonstranten, den Sitzungsverlauf zu berichten. (abruptes Ende der Übertragung)
TAKE 16: (Jürgen Graf). ... und dann haben die uns von der Pressetribüne runter
gedrängelt, da haben wir uns noch ein bisschen geschubst und gestoßen, und dann haben sich
Schultze und ich verloren.
AUTOR: Doch Jürgen Graf sendet weiter. Hinter den Fahnen im Plenarsaal gibt es einen zweiten
Anschluss. Irgendwann wird er auch dort entdeckt.
TAKE 17: (Jürgen Graf). Dann kam ein Mann auf mich zu, der hatte eine amerikanische Uniform
wie unsere Kontrolloffiziere auch, ohne Rangabzeichen, ein rothaariger Mensch, und der sagte ‚Sie
müssen hier schnell raus, die verprügeln Sie oder nehmen Sie mit‘. Und brachte mich in
die Herrentoilette und sagt ‚Springen Sie!‘ Und unten drunter standen 4 oder 5 Jeeps, mit
denen die Amis gekommen waren, die Jeeps hatten so eine Art Segeltuchdach, und da sprang ich rauf, das
war also ungefährlich, man sprang also weich und gut, und dieser Mann war der Liaisonoffizier der
Amerikaner zu den Berliner Stadtverordneten.
AUTOR: Der RIAS wird zum Verfechter eines harten Kurses gegen die sowjetische Besatzungsmacht und
kämpft um die Bewahrung der inneren und äußeren Freiheit West-Berlins.
ATMO 3: (Drahtfunkansage während Blockade). Hier ist RIAS auf Draht. Wir
brachten eine 2-Stunden-Sendung für Ihre Stromgruppe. Auf Wiederhören bei Ihrer nächsten
Stromzuteilung mit einem neuen Programm.
TAKE 18: (Reportage Graf, 0'24 frei, dann weiter als ATMO). In diesen kritischen Tagen, wo es um
Sein oder Nichtsein von 2,2 Millionen Berlinern geht, hat sich RIAS die Berliner Hörerschaft und die
Hörerschaft der Ostzone im Sturme erobert und nicht zuletzt sind daran beteiligt unsere drei
Lautsprecherwagen, die in den drei westlichen Sektoren herumfahren, um den Stromabgeschalteten Gebieten
hier in Berlin die neuesten Nachrichten zukommen zu lassen, ...
AUTOR: Tatsächlich steigen die Hörerzahlen enorm der RIAS hatte kurz vor Beginn
der Blockade seine technische Sendekapazität beträchtlich erhöht. Er ist nun weit
über die Grenzen Berlins hinaus fast in der gesamten Ostzone zu empfangen.
ATMO 4: (Ausschnitt ‚Berlin spricht zur Zone‘, kurz frei, dann als ATMO drunter).
AUTOR: Der RIAS Berlin, eine freie Stimme der freien Welt mischt sich ein in die
dortigen Alltagsbelange. Mit Sendungen wie Aus der Zone für die Zone, Varady
funkt dazwischen oder Berlin spricht zur Zone wendet er sich konkret an die
Hörerschaft in Ost-Berlin und der SBZ und nennt beispielsweise die Namen von SED-Spitzeln.
ATMO 4: (Ausschnitt ‚Berlin spricht zur Zone‘, kurz hoch, dann langsam weg).
TAKE 19: (Jürgen Graf). Propagandasendungen: Geschickt gemacht natürlich wie
‚Varady funkt dazwischen‘, das war fast so populär wie die Insulaner oder wie das
Musikprogramm. Es war ein Ungar, und überall an den Litfasssäulen war so eine schemenhafte
Figur, die Sie nur von rückwärts sahen mit so einem Schlapphut, und unten drunter stand:
‚Hören Sie RIAS, Varady funkt dazwischen‘. Das war ein Kalter Krieger, aber ich glaube,
dass wir damals nicht gedacht haben ‚oh Gott wie schrecklich ist das, was wir hier machen‘,
sondern dass wir gedacht haben: ‚die machen das ja da drüben auch, die machen ja auch eine
Riesenpropaganda gegen uns, die wollen uns abschneiden, die wollen hier zumachen, wir müssen uns
über die Luftbrücke versorgen, wir haben keinen Strom, wir haben nicht genügend zu essen,
wir haben keine Kohle zum Heizen‘, wir waren natürlich in einer schlechten Position.
AUTOR: Rainer Höynck, ab 1948 Reporter beim RIAS, später Leiter des Ressorts
Kulturkritik und Kulturpolitik.
TAKE 20: (Rainer Höynck). Wir hatten ein paar Scharfmacher, die den Kalten Krieg auch
schön angeheizt haben, zum Teil war das äußerst unangenehm. Das Unangenehmste, was mir
persönlich passiert ist, dass ich sehr stolz mit einem Interview mit Kästner nach Hause kam,
und da sagte ein Kollege, der mir damals vorgesetzt war, ‚Ja weißt du denn nicht, dass
Kästner Kommunist ist‘. Und dann hat er es damals hatten wir ja noch nicht so
schöne digitale Geräte, sondern diese Schnürsenkel, nannte man es später beim
Fernsehen, diese kleinen schmalen Bänder auf den Spulenkern aufgewickelt, dann hat er das
genommen und so in den Papierkorb fallen lassen, das Interview mit Kästner. Heute wäre man
froh, wenn man es noch hätte. Das war kennzeichnend für einige Kollegen und auch für eine
gewisse generelle Atmosphäre, aber das wurde dann natürlich im Laufe der Jahre immer besser.
ATMO 5: (Freiheitsglocke, kurz frei, dann drunter).
AUTOR: Am 24. Oktober 1950 wird die Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus eingeweiht.
Seitdem erklingt ihr Geläut regelmäßig im Programm des RIAS, zusammen mit dem Text, den
der Stifter der Glocke, das amerikanische Komitee für die Freiheit Europas, verfasst hat.
ATMO 5: (Freiheitsglocke, hoch: Schwur). Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde
jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen vor Gott das gleiche Recht auf Freiheit
gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo
auch immer sie auftreten mögen.
TAKE 21: (Gerhart Eisler). Ob ich dafür sei, dass der RIAS gestört werde, hat mich ein
Hörer gefragt. ...
AUTOR: Gerhart Eisler, Leiter des Amtes für Information der Deutschen Demokratischen
Republik.
TAKE 22: (Gerhart Eisler). ... Hier meine Antwort: Aber natürlich, mein Herr. Ich bin
dafür, dass der RIAS beseitigt und vernichtet wird mit Mann und Maus, wobei mir nur die Maus Leid
tun würde. Denn sie wäre das einzige unschuldige Wesen in dieser amerikanischen Institution.
AUTOR: Die Herrschenden in der DDR betrachten den RIAS als Feindsender. Kommentare wie dieser aus
dem Jahr 1957 sind an der Tagesordnung.
TAKE 23: (Kommentar). RIAS: Das ist die journalistische Gosse. RIAS, das ist das perverse
Ausrufungszeichen hinter deutscher Charakterlosigkeit. RIAS, das ist etwas, wovon in wenigen Wochen
niemand mehr sprechen wird. Das ist etwas, worüber der nutzlose Wind hinweg wehen wird so, als habe
er den Staub der Gosse für Sekunden empor gewirbelt, durch die schillernden Pfützen gejagt und
wieder fallen gelassen. Dreck, aus Dreck geboren, wieder zu Dreck werdend, jedem erkennbar. Und wird
nichts von diesem RIAS bleiben als der Wind, der Dreck und die Peitsche, mit der man ihn ausgetrieben.
TAKE 24: (Rainer Höynck). Der RIAS ist als der große Feind betrachtet worden von den
Sowjets und von der DDR. ...
AUTOR: Rainer Höynck.
TAKE 25: (Rainer Höynck). ... Wir durften dann auch nicht durch die Zone, wie man damals sagte,
fahren, was dazu führte, dass ein oder zwei Mal wurde in einer Pan Am Maschine ein Sitz ausgebaut,
mein Motorroller wurde dann per Luft befördert, und ich bin dann in Hannover mit meiner damaligen
Frau auf den Motorroller gestiegen, und wir sind nach Rom oder nach Nizza mit dem Motorroller gefahren,
aber durch die Zone durfte man nicht.
AUTOR: Der Wettstreit der Systeme wird im Radio ausgefochten. Es sind nicht nur die RIAS-Berichte
über die großen Themen, wie beispielsweise den Aufstand des 17. Juni 1953, die die Machthaber
in der DDR erzürnen, sondern auch die kleinen Bemerkungen in den Unterhaltungssendungen von Hans
Rosenthal.
ATMO 6: (Ausschnitt Show). Die Begriffe sind Einsendungen unserer Hörer, es wird gelost. Wer
mitspielt, erhält für jede Frage zwei Mark und fünfzig. RIAS-Freunde aus dem Osten
können nach wie vor sich postalisch beteiligen. Bitte schreiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit
unter Decknamen oder Deckadresse. Ein eventueller Gewinn kann an Verwandte ausgezahlt werden oder bleibt
bei uns, bis sich die Verhältnisse ändern.
ATMO 7: (Störsender, kurz frei, dann drunter).
AUTOR: Die DDR-Führung setzt gegen den RIAS Störsender und Stasi-Spitzel ein, mit Hilfe
gezielter Desinformation versucht sie, seine Glaubwürdigkeit zu untergraben. In einem Schauprozess
gegen so genannte ‚RIAS-Agenten‘ werden im Juni 1955 vier Menschen zu langen Zuchthausstrafen
und einer zum Tode verurteilt.
TAKE 26: (Manfred Rexin). Von 48 bis in die Zeit der späten 50er Jahre, zweite große
Berlinkrise, Forderung nach Umwandlung der Stadt in eine entmilitarisierte freie Stadt, wie die Russen
das nannten, Rausschmiss der Amerikaner, Briten, Franzosen: In dieser Zeit war das eine knallharte
Konfrontation. Aber nach dem Mauerbau, in den Phasen, in denen mühsam versucht wurde, die Mauer
durchlässig zu machen, beginnende Bemühungen um Häftlingsfreikauf, beginnende
Anstrengungen, Familien zusammenzuführen, all das was im humanitären Bereich von westlicher
Seite versucht wurde, das ist dann natürlich auch im RIAS begleitet worden. Unter Beachtung der
notwendigen Vorsicht, nehmen wir mal das Stichwort Häftlingsfreikauf: Es hat etliche Jahre gegeben,
in denen das anlief, in denen die Journalisten davon wussten, aber nicht in die Öffentlichkeit
gingen und darüber Sensationsgeschichten verbreiteten. Das hat man sehr bewusst nicht getan, weil
man sagte, ‚das sind humanitäre Pflanzen, die wir sehr sorgsam behandeln müssen‘.
AUTOR: Das erste Passierscheinabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR im Dezember 1963
ist ebenfalls eine solche ‚humanitäre Pflanze‘. In Sonderprogrammen informiert der RIAS
über Antragsformalitäten und sonstige Bedingungen und beantwortet ausführlich
Höreranfragen. Auf den Fluren des Funkhauses diskutieren die Mitarbeiter die mögliche neue
Sprachregelung: Sollte man die Zone nun DDR nennen?
TAKE 27: (Manfred Rexin). In dieser Zeit setzte sich die Überzeugung durch: Wir müssen
alles, was in unserer Kraft steht, ohne eine mögliche Perspektive für die fernere Zukunft zu
vergessen einsetzen und aufwenden, um zu besseren Verhältnissen zu kommen, um zu erträglicheren
Verhältnissen zu kommen, wenn man nicht die Teilung aufheben kann. Wenn man also, wie es ein
Schlagwort jener Zeit besagte, mit der Teilung leben muss, dann ist die logische Konsequenz: Politik der
kleinen Schritte. Und auf dieser Ebene waren viele im RIAS überzeugt worden. Und deshalb hat es
auch im Hause leidenschaftliche Debatten gegeben.
AUTOR: Jürgen Graf, Leiter der Hauptabteilung Zeitgeschehen.
TAKE 28: (Jürgen Graf). Da sammelten sich natürlich eine ganze Menge Leute, die haben
gesagt: ‚Ja wo bin ich denn eigentlich, machen wir jetzt plötzlich weiche Welle und machen
Entspannungspolitik und alles, was hier vorher gewesen ist, wie wir gegen den Kommunismus aufgetreten
sind und standhaft gewesen sind, das ist jetzt alles vorbei? Jetzt müssen wir trallala machen und
sagen, das ist ja wunderbar, wir haben Entspannungspolitik.‘ Da gab es innerhalb des Hauses
große Spannungen, das ist ganz klar.
AUTOR: Und was würden die Amerikaner sagen der RIAS steht schließlich weiter
unter der Kontrolle der US Information Agency? Einmal, beim Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 hatte
sich die US-Regierung in die Berichterstattung des RIAS eingemischt und dem Sender
unmissverständlich klargemacht, das Feuer in der Zone nicht noch anzuheizen. Jetzt, in den 60er
Jahren, dulden die Amerikaner die neuen Töne im RIAS, Töne, die auch den
gesellschaftspolitischen Wandel in der Bundesrepublik widerspiegeln. In der neuen Ostpolitik, aber auch
in der Bewertung der US-Außenpolitik.
TAKE 29: (Jürgen Graf). Wir hatten einen Hanno Kremer, der kürzlich verstorben ist, der
also gegen den Vietnamkrieg gewettert hat, da rief mal ein Amerikaner aus der Clayallee, vom
Hauptquartier, an und sagte: Ich höre da immer den RIAS und da ist der schreckliche Kremer,
und der verurteilt uns wegen des Krieges, schmeißen Sie den doch endlich mal raus. Das wurde
dann in der Redaktionskonferenz besprochen, und dann gab es den klassischen Satz, ich weiß aber
nicht, von welchem Amerikaner: Das ist unsere Stärke: Dass wir in den Osten senden und auch
solche Leute haben. Er sagte: Das macht uns glaubwürdig. Wenn wir dauernd sagen
würden, dieser Vietnamkrieg ist eine tolle Sache und den werden wir auch bald gewinnen, und wir
machen auch keinen Krieg der Verbrannten Erde, sondern wir machen einen ganz humanen Krieg, das wäre
nicht glaubwürdig gewesen. Und ich finde, diese Einstellung ist toll, die haben uns auf
angenehme Weise beigebracht, Demokratie zu lernen.
TAKE 30: (Robert H. Lochner). I put it in this way: initially the station was created to supply the
Berliners with a non-communist objective Radio station, ...
AUTOR: Robert H. Lochner, zu dieser Zeit amerikanischer Direktor des RIAS.
TAKE 31: (Robert H. Lochner). ... but over the years the mission of RIAS grew, so that nowadays the
function has really not so much to inform the Berliners, East or West as the people in the Sowjet
controlled East Zone as a whole.
AUTOR: Die Programme des RIAS richteten sich nicht mehr so sehr ausschließlich an die
Hörer in Berlin, sagt Lochner, sondern inzwischen an alle Menschen in der Sowjetischen
Besatzungszone, der DDR.
TAKE 32: (Robert H. Lochner). Zum Beispiel muss man ja doch bei vielen Entwicklungen, politischen,
wirtschaftlichen, wo man beim westdeutschen Hörer voraussetzen kann, dass er vieles
Zusätzliche, Vorbereitende aus den gedruckten Medien schon mitbekommen hat, muss man ja nun beim
Hörer in der DDR unterstellen, dass das nicht der Fall ist, weil er diesbezüglich
überhaupt keinen Zutritt zu westlichen Medien hat. Darum glaube ich, dass man nach wie vor vieles
an Hintergrundinformationen bringen muss für Hörer in der DDR, was bei Westdeutschen oder
West-Berlinern nicht nötig ist, und da sehe ich nach wie vor primär die Aufgabe des RIAS.
AUTOR: In die Amtszeit Lochners fällt auch die schwerste Krise, die der RIAS erlebt: Die
US-Regierung überlegt Ende der 60er Jahre, das finanzielle Engagement für den Sender komplett
zu streichen. 60 Prozent der Haushaltsmittel mehr als 20 Millionen Mark im Jahr kommen zu
der Zeit von den Amerikanern, den Rest zahlt das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen. Die
Regierung in Bonn ist erzürnt. Von Herbert Wehner, damals Bundesminister für Gesamtdeutsche
Fragen, sind folgende Worte überliefert:
SPRECHER vom Dienst: Die Basis der amerikanischen Präsenz in Berlin sind a) die Truppen und b)
der RIAS. Und ich werde unter keinen Umständen zulassen, dass Sie den RIAS kastrieren. Wenn's Geld
ist, kein Problem.
AUTOR: Die Bundesregierung übernimmt 90 Prozent der Finanzierung des RIAS, der Anteil der
Amerikaner sinkt bis zum Tag des Mauerfalls auf 1 Prozent.
TAKE 33: (Jürgen Graf). Jetzt wäre natürlich die logische Folgerung gewesen, dass
man gegen die Grundfesten des Vertrages über den RIAS verstößt. Denn der RIAS ist ein
amerikanischer Sender, dadurch hat er auch die Sendelizenz bekommen, die Frequenzen bekommen als
amerikanischer Sender, und nun bezahlt Bonn plötzlich diesen Sender. Also was hat man gemacht? Man
hat in eine legitime Trickkiste gegriffen und hat gesagt: ‚Die Amerikaner haben dieses Haus wieder
hergestellt, die haben die Studios eingebaut, wir hatten ja kein Geld für so was, das sind
Millionenbeträge. Die Amerikaner haben in Britz diesen Sender hingestellt, die Amerikaner haben
entlang der Zonengrenze die kleinen Sender später gab es dann ja auch schon UKW
gebaut, die Amerikaner haben jede einzelne technische Einrichtung in dem Haus: Studios, Tonbandmaschinen
und weiß ich nicht alles, haben alles die Amerikaner bezahlt: Dieses nehmen wir als
Grundvermögen des Senders und halten das immer in der Bilanz so, dass die Amerikaner 51 Prozent des
Senders haben‘. So ist es gewesen.
AUTOR: Als Reaktion auf diesen Deal erhält der RIAS 1971 ein neues Statut. Der
deutsche Intendant übernimmt nun Geschäftsleitung und Programmverantwortung, die Amerikaner
stellen das Aufsichtsgremium. Der RIAS wird de facto nicht de jure eine bundesdeutsche
Rundfunkanstalt. Doch seine bloße Existenz symbolisiert weiterhin auf wirksame Weise die Garantie
der Amerikaner für die Sicherheit und Lebensfähigkeit West-Berlins und ihre Mitverantwortung in
Deutschland. Bis zur Wiedervereinigung.
TAKE 34: (Helmut Drück). Der RIAS war bis zum 3. Oktober 90 eine eindeutig amerikanische
Einrichtung und dem deutschen Rundfunkgesetz entzogen, ...
AUTOR: Helmut Drück, von 1990 bis 1993 letzter Intendant des RIAS.
TAKE 35: (Helmut Drück). ... und dann und das ist eben das Komische waren die
Amerikaner weiterhin zuständig, aber quasi im deutschen Auftrag. Aber es gab fast monatlich, also
vierwöchentlich, einen Besuch beim amerikanischen Stadtkommandanten, der in der vollen Pracht eines
Zwei-Sterne-Generals den richtigen Zivilisten- RIAS-Intendanten empfing und sich dann mit ihm unterhielt,
gewöhnlich über die Stadt und nicht über den RIAS, aber ich glaube, das haben sie aus
Prinzip gemacht: Sie wollten deutlich machen: ‚Es ist eine unserer Einrichtungen und der soll
einmal im Monat zum Rapport erscheinen‘, der Rapport war auch, eine Tasse Kaffee gemeinsam zu
trinken.
AUTOR: Nach dem Fall der Mauer wird der RIAS zum Gegenstand heftiger Kontroversen. Die einen
sagen, er müsse weiter bestehen, um das Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands medial zu
unterstützen. Die anderen sagen, er habe keinen Programmauftrag mehr, denn genau das, was der RIAS
immer gefördert habe die DDR-Bevölkerung aus der Isolation zu befreien, ihrer
einseitigen Unterrichtung und dem Auseinanderleben der Menschen in beiden Teilen Deutschlands
entgegenzuwirken genau das sei mit der Wiedervereinigung erreicht, der Sender damit obsolet.
ATMO 8: (RIAS-Pausenzeichen).
AUTOR: Am 1. Januar 1994 fusionieren RIAS Berlin, die freie Stimme der freien Welt,
Deutschlandsender Kultur und der Deutschlandfunk zu einer neuen Sendeanstalt, dem DeutschlandRadio.
TAKE 36: (Manfred Rexin). Es war wohl notwendig. Einen Sender, gar noch von einer anderen Macht
gegründet und in gewissem Umfange von ihr juristisch zu verantworten, konnte im vereinigten
Deutschland so nicht bestehen.
AUTOR: Manfred Rexin.
TAKE 39: (Manfred Rexin). Ich bin zum Beispiel nach wie vor sehr dankbar, dass auf dem Gebäude
dieses Rundfunkhauses die 4 Buchstaben RIAS weiterhin sichtbar sind. Ich ärgere mich manchmal,
dass sie nicht mehr abends leuchten, aber na schön. Wir erleben in dieser Stadt und übrigens
im ganzen Land viele Orte, bei denen man sich der Vergangenheit zu erinnern sucht, indem man Teile ihrer
früheren Existenz andeutet, beschreibt, spiegelt. Und von daher gesehen ist in der Geschichte der
Medienstadt Berlin der RIAS ein ganz wichtiger Teil.
Sprecher vom Dienst: Mit freier Stimme. Die Geschichte des RIAS. Von Wolf-Sören Treusch. Es
sprach: der Autor. Ton: Hermann Leppich. Regie: Stefanie Lazai. Redaktion: Stephan Pape. Produktion:
DeutschlandRadio Kultur 2006.
6 0 J A H R E R I A S
Im Übrigen waren wir frei
Erinnerungen des Korrespondenten Egon Bahr an seine 50er Jahre beim Rias.
Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin,
5. Februar 2006, Seite 30 (Medien) von EGON BAHR. Der Autor, Jahrgang 1922, war von 1950 bis 1960
Chefkommentator und Leiter des Bonner Büros des Rias’. Von 1972 bis 1974 war Egon Bahr
Bundesminister für besondere Aufgaben, von 1974 bis 1976 Minister für wirtschaftliche
Zusammenarbeit.
[
Original]
Wie ein amerikanischer Sender zu einer deutschen Stimme, sogar zu einem
politischen Faktor werden konnte, geliebt und gehasst, verachtet wie geachtet, jedenfalls beachtet, ist
Legende geworden. Einzigartig in der Medienlandschaft der Nachkriegszeit. Es fing sehr harmlos an. Wer
hatte schon Telefon in Berlin im Februar 1946, als der Drahtfunk im amerikanischen Sektor (DIAS) sieben
Stunden täglich sein Programm begann? Im September 1946 wurde daraus der Rias, der einen
Militärsender mit einer Leistung von 800 Watt übernahm, der während der Blockade auf die
erstaunliche Stärke von 2,5 kW ausgebaut wurde.1949, als zwei Staaten in Deutschland entstanden,
nahm der Rias besondere Sendungen für die Hörer in der Zone auf und war 1952 die erste
Rundfunkanstalt in Deutschland mit einem 24-Stunden-Programm, ausgebaut auf 300 kW Sendeleistung.
Der Rias begann als Sender in einer Stadt mit ihren bedrängten Menschen, er begann als ein Sender,
der während der Blockade durch
Lautsprecherwagen Stromsperren ausglich und mitteilte, wie viel Gramm Lebensmittel auf welche Abschnitte
zugeteilt sind. Er wurde zu unserem Rundfunk, zu einem unentbehrlichen Teil der Stadt in
ihrer mehr als einmal bedrohlichen Geschichte.
RIAS Sendefrequenzen
Im Raum Berlin vom Sender Britz |
| Progr. |
UKW |
MW |
| RIAS 1 |
89,6 MHz |
989 kHz |
| RIAS 2 |
94,3 MHz |
855 kHz |
|
RIAS 1 wurde zudem vom MW-Sender in Hof (Bayern) verbreitet, wo auch 2 UKW- Sender auf 91,2 MHz und
xx,x MHz zur Versorgung der südlichen DDR betrieben wurden. Von Berlin-Britz wurde RIAS 1
auch auf Kurzwelle 6005 kHz gesendet. |
Welche Bedeutung für die Zone er gewonnen hatte, erfuhr der Sender samt seiner Mannschaft am 16.
Juni 1953, als er, ohne es zu wollen, zu einem Katalysator des Aufstands wurde. Das wurde uns erst Tage
danach bewusst, als wir herausfanden, dass Wortlaut und Reihenfolge der Forderungen, die Vertreter des
Streikkomitees im Funkhaus formuliert hatten, an allen Orten erhoben worden waren, wo etwas
passiert war. Es war die erste große Erfahrung, dass ein elektronisches Medium in einer
Ausnahmesituation innerhalb von Stunden zur politischen Aktion führen kann, sofern es
glaubwürdig ist. Ohne den Rias hätte es, was wir heute
den 17. Juni nennen, nicht gegeben. Der SFB begann
erst 1954.
Die amerikanische Leitung verstärkte das Ansehen; denn ohne die garantierte Anwesenheit der
Amerikaner hätten die Menschen sich schutzlos gefühlt. Es ist kein Widerspruch, dass der Ruf
des Senders gerade daraus erwuchs, dass er nicht die Stimme Amerikas war oder wurde. Das lag an der
vorzüglichen Auswahl amerikanischer Kontrolloffiziere, die uns vorlebten, was Vertrauen und Toleranz
bedeuten. Es gab nur ein ungeschriebenes Gesetz: Wir durften den US- Präsidenten nicht beleidigen.
Das hatte ohnehin niemand vor. Im Übrigen waren wir frei. Es gab keine Zensur. Unsere Manuskripte
lasen die juristisch verantwortlichen Amis, nachdem sie gesendet waren. Gegenüber ihrer viel
engeren Besatzungsbürokratie verschafften sie uns den nötigen Freiraum, obwohl sie
persönlich oft eine andere Meinung hatten. In der Zeit der üblen Kommunisten- Riecherei des
Senators Mc Carthy drohten wir mit Streik, verhinderten die Vorladung eines unserer Amis vor
seinen Ausschuss. Nichts drang an die Öffentlichkeit.
Während meiner Jahre als Bonner Korrespondent haben Kollegen deutscher Sender ihre
Gefühle formuliert, ein Kollege des bayerischen Rundfunks erklärte seinen Neid, weil die
Journalisten des Rias unbehelligt waren und keine Rücksicht auf ihre Gremienaufsicht der Parteien
und die jeweilige Landesregierung nehmen müssten. Dass der Rias Glaubwürdigkeit erhielt, lag
auch an einem weiteren Faktor. Seit der Gründung der beiden deutschen Staaten dachten wir unsere
Zuhörerschaft zunehmend in der DDR und sahen unsere Aufgabe darin, ihnen die Entwicklung in der
Bundesrepublik zu erklären. Wir kümmerten uns weniger um kleinlichen Parteienstreit oder
hysterische Reaktionen auf angebliche Skandale, sondern erläuterten politische Entwicklungen. Eine
gute Analyse ist besser als ein mäßiger Kommentar.
Der Rias ist die Demonstration der praktischen Unabhängigkeit bei juristisch voller
Abhängigkeit geworden. Als der Kongress befand, er könne Amerikas Steuerzahlern die Kosten
für das Radio-Symphonieorchester des Rias nicht mehr zumuten, waren wir nicht begeistert, aber
zuletzt doch dankbar, dass die Bundesregierung einsprang und langsam wachsende Anteile der Finanzierung
übernahm, ohne uns ein Aufsichtsgremium zu bescheren. Es hat seine Logik, dass nun das
Deutschlandradio in dem sparsamen Gebäude des Rias seinen Sitz gefunden hat.
6 0 J A H R E R I A S
Allein gegen sechzig Störsender
Der Rias brachte Politik, Tanzmusik und Hans Rosenthal auf die andere Seite des Eisernen
Vorhangs.
Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin,
5. Februar 2006, Seite 30 (Medien) von LOTHAR HEINKE. Der Autor, Jahrgang 1934, war Reporter bei der
Ost-Berliner Zeitung Der Morgen. Seit 1991 schreibt er für den
Tagesspiegel.
[
Original]
Es piept in der Wolldecke, unter die sich Handwerksmeister Walter H.
verkrochen hat. Wehe, ihn stört einer. Dies ist seine Stunde, er hält das Ohr noch dichter in
den Radioapparat, das Fiepen und Rauschen der Störsender, von denen sie über sechzig gegen den
Rias in Stellung gebracht haben, wird unerträglich. Aber was dennoch zwischen all dem Gejaule aus
dem fernen West-Berlin über den Äther durch den Eisernen Vorhang bis in die Oberlausitz dringt,
ist Himmelsmusik in seinen Ohren. Walter lacht manchmal so heftig, dass die Decke wackelt: Er hört
die Insulaner.
Das Kabarett von der Insel im roten Meer mit dem Herrn Pollowetzer, dem Genossen
Agitator, mit Professor Kwatschni und den beiden Damen, die sehn se, det is Berlin!
sich immer auf dem Kurfürstendamm treffen, ist viel mehr als die Direktübertragung einer
humorvollen Radiorevue. Sie bringt in den 50ern vielen DDR-Menschen das Lachen und etwas Licht in eine
finstere Zeit. Und sie nährt [Ed: seit Weihnachten 1948] die Hoffnung, dass das
großmäulige, fünfjahresplanmäßige Funktionärsgebaren der großen und
kleinen Ulbrichts bald ein Ende haben möge. Nicht der Insulaner allein hoffte unbeirrt, dass
seine Insel wieder ’n schönes Festland wird.
Der Kalte Krieg hatte den Rias groß und unverwechselbar gemacht. Jeder Nachrichtensendung schickte
er die Botschaft voraus, dass hier eine freie Stimme der freien Welt zum Hörer spricht.
Wem diese Stimme in der Zone oder später in der DDR nicht gefiel, weil er sie für
einen imperialistischen Störenfried beim sozialistischen Aufbau hielt, der schaltete ab, oder er sah
in allem, was da aus dem Rias-Hause kam, eine Rias-Ente, im schlimmsten Falle denunzierte er
Mitbürger. Rias hören ist drüben Sabotage am Trommelfell, sagte Kabarettist
Wolfgang Neuss. Vor dem Rias hatten die Genossen richtig Angst. Humor tötet. Und was die eigene
gleichgeschaltete Presse nicht berichten wollte oder durfte, das sagte der Rias.
Ein Glück, dass es ihn gab, erinnert sich ein älterer Hörer aus Ost-Berlin,
wer wollte, konnte so der vollständigen Verblödung entgehen, Rias erweiterte den Horizont
von der Politik bis zur Tanzmusik. Der Sender wurde besser informiert als seine Konkurrenz
in der Nalepastraße von den Hörern drüben, die die Sendung Aus
der Zone für die Zone mitgestalteten und manchmal die haarsträubendsten Dinge an die
große Glocke hängten, indem sie dem Sender schrieben oder den gefährlichen Weg in die
Kufsteiner Straße wählten, so lange das noch ging bis zum 13. August 1961. Hätte
die DDR eine andere Presse- und Meinungsfreiheit praktiziert nie wäre der Sender so bedeutend
geworden, dass man noch so viele Jahre nach seinem Ende an Pinsel und Schnorchels Dialoge denkt und jeder
seine eigene kleine Rias-Geschichte aus der Erinnerung holt.
Für den Berliner Journalisten Wolfram Schroeder war die Radiostation ein chronologischer
Wegbegleiter: Onkel Tobias vom Rias ist
da! lockte schon die Kleinen [Ed: seit dem 6. Juli 1947] vor den Apparat, dann kam der
Rias-Treffpunkt und die Schlager der Woche. Wer da nicht auf dem Laufenden war,
musste doof sein oder durfte zu Hause keinen Rias hören. Geradezu legendär in seiner
Lockerheit präsentierte der Sender auch nach den 1968 eingestellten Insulanern die
Unterhaltung: Quiz-Veranstaltungen mit Hans Rosenthal oder auch noch heute, 40 Jahre nach ihrer
Erfindung, aktuelle Klingende Sonntagsrätsel. Seit dem Mauerfall dürfen die
Hörer getrost an den Sender schreiben, vorher war das nur über Deckadresse möglich. Wer
seine Lösung direkt an den Rias schickte, konnte wegen Verbindungsaufnahme zu einer
staatsfeindlichen Organisation belangt werden. Den großen Aufwand, die Hörerpost aus
der DDR abzufangen, beschreibt der frühere Rias-Redakteur Hans-Georg Soldat: In Dresden fand ein
MfS-Mann heraus, dass die Deckadressen beim Sonntagsrätsel immer aus bestimmten Gebieten im
Postleitzahlenbereich Berlin 62 kamen und sich männliche und weibliche Adressaten abwechselten. Er
wies die Poststellen an, alle Zuschriften nach Berlin 62 drei Tage zurückzuhalten, bis Mielkes
Berliner Zentrale die Deckadressen herausgefischt und die korrekten Anschriften an die Außenstellen
weitergeleitet hatte. Die Rias-Post wurde aussortiert, der Rest befördert. Wolfram Schroeder ging
1982 selbst nach West-Berlin und kam seinem Lieblingssender ganz nah ab 1984 gestaltete er die
Sendung Sieh fern im Hörfunk, eine klingende Programmillustrierte für das
DDR-Fernsehvolk mit großer Wirkung: Die Hörer notierten Sonntagvormittag die wichtigsten
Sendungen von ARD und ZDF und gaben die Tipps an Freunde und Verwandte weiter.
Und noch eine Sendung war ein Muss, kurz bevor die
Freiheitsglocke sonntags um zwölf durch die Stube dröhnte: Die Stimme der Kritik mit dem
unvergessenen Friedrich Luft, atemlos und jedermann verständlich. Der nahm uns mit in die
West-Berliner Theater, zu Barlog und zu Peter Stein, zur Hoppe und zum Minetti. Dorthin, wo wir, wie es
geplant war, erst ergraut und würdig als Rentner sitzen durften. Aber: Wenn Fritze
wieder einmal eine Inszenierung bei uns im BE oder im Deutschen Theater toll fand, dann waren
wir ein bisschen stolz. Komische Zeiten waren das, irgendwie.
Quellen und ergänzende Links:
Erinnerungen + mein Archiv sowie die bereits oben genannten Quellen.
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Karl-Heinz Dittberner
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Last Update: 06.04.2012 12.34 Uhr