Living in a City  —  Reports aus Berlin     – Zum Report 1 + 3 khd
Stand:  6.4.2012   (67. Ed.)  –  File: Heimat/B/Bln/Ex/RIAS_Berlin.html


RIAS BERLIN Diese Hommage-Seite ist auch eine Ergänzung zu zwei Berlin- Reports.

Berlins Nachkriegszeit war auch geprägt von den Rundfunk- Sendungen des RIAS – dem Rundfunk im amerikanischen Sektor, der am 7. Februar 1946 zunächst als DIAS (Drahtfunk im amerikanischen Sektor) seinen stundenweisen Sendebetrieb im Fernmeldeamt in der Winterfeldstraße aufnahm. Das war Langwellenrundfunk, der nur über das noch bestehende Telefonnetz verbreitet wurde. Die Infrastruktur dazu existierte noch aus der Nazi- Zeit, wo über die Telefondrähte Nachrichten und Luftschutzwarnungen der Bevölkerung aufs Radio gemeldet wurden. [weiter]

I n h a l t :


Erinnerungen an RIAS Berlin – Eine freie Stimme der freien Welt


   
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Am 5. September 1946 wurde aus dem DIAS dann der RIAS mit seinem unverwechselbaren
Pausenzeichen, der von einem Sender in Britz über Mittelwelle zu empfangen war. Die Technik des Senders bestand aus dem alten deutschen Soldatensender Belgrad und aus Teilen eines ausrangierten US-Senders. Die Sendeleistung betrug nur 800 Watt.

      RIAS Berlin an der Kufsteiner Straße
^   RIAS Berlin an der Kufsteiner Straße in Berlin-Schöneberg. Im RIAS-Haus am Hans-Rosenthal-Platz residiert heute das „DeutschlandRadio Kultur“ mit dem RIAS-Archiv. Gesendet wird heute in der SimulCast-Technik – auch digital.   (Repro: 2004 – khd)
1948 bezog der „RIAS Berlin“ das beschlagnahmte Haus in der Kufsteiner Straße in Schöneberg. Am 1. Oktober 1950 kam in Britz ein UKW-Sender hinzu. In Bayern hatte der RIAS vorher am 1. November 1949 eine zweite Sendeanlage erhalten. Das Berliner Programm wurde per Kabel durch die DDR nach Hof geleitet und von dort in den Süden der DDR ausgestrahlt.

Von 1954 bis etwa 1964 sendete der RIAS sein Programm wg. der starken DDR-Störsender stundenweise terrestrisch auf 173 kHz über den sehr starken Langwellensender der „Voice of America“ bei München, so daß er überall in der DDR zu empfangen war. Es herrschte halt ‚kalter Krieg‘ zwischen Ost und West. Seit dem 1. November 1953 produzierte der RIAS ein 2. Programm, aus dem am 30. September 1985 die sehr erfolgreiche „junge Welle RIAS 2“ mit viel Pop-Musik, dem „Treffpunkt“ und „Rock over RIAS“ wurde.

Abgewickelt

Ende der 1980er-Jahre begann mit dem „RIAS-TV“ am 22. August 1988 in der Weddinger Voltastraße für den RIAS sogar noch das Fernsehzeitalter. Das RIAS-TV wurde nach der Wiedervereinigung von der
Deutschen Welle am 1. April 1992 übernommen und als sehr erfolgreiches deutsches Auslandsfernsehen „DW-TV“ via Satellit weitergeführt. RIAS 2 wurde am 1. Juni 1992 privatisiert und heißt seitdem „rs.2“. Aus dem RIAS 1 wurde am 1. Januar 1994 nach viel Streit durch Fusion mit dem ex-DDR Sender „DS Kultur“ das „DeutschlandRadio Berlin“, das sich inzwischen nun „DeutschlandRadio Kultur“ nennt.

Der RIAS 1 stellte also seinen Sendebetrieb am 31. Dezember 1993 um 24.00 Uhr für immer ein – auch er war ‚abgewickelt‘ worden, denn sein Sendeauftrag war erfüllt. Und es sollte in West-Berlin noch sehr viel mehr abgewickelt werden...

Der 60. wird dann gefeiert

   
  R I A S
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Anfang 2006 gehen die Gedanken nicht nur beim „DeutschlandRadio Kultur“ zurück zu den Wurzeln. Denn es ist nun 60 Jahre her, wo der einmalige RIAS in Berlin startete. Für uns Berliner, die den gesamten Werdegang als Hörer miterlebten, ist das „DeutschlandRadio Kultur“ auf UKW-Welle 89,6 MHz noch immer
der RIAS – auch wenn das RIAS-Logo auf dem Dach an der Kufsteiner Straße längst nicht mehr leuchten darf. Unvergessen ist die besondere Informationsleistung, die der RIAS vom Juni 1948 bis Mai 1949 während der Blockade mit seinem Personal und den Lautsprecherwagen vollbrachte. Danke RIAS, daß es Dich gegeben hat.



E R I N N E R U N G   A N   F A S T   5 0   J A H R E   R I A S
Beliebte Sendungen des RIAS Berlin
Alles zum guten Erinnern.
Nr. Titel Erläuterung Anm.
1. Allein gegen alle Eine Hörfunk-Rate-Show von und mit
Hans Rosenthal. (1963–1978)
1
2. Beat mit Nero Mit Nero Brandenburg.  
3. Berlin am Morgen RIAS Berlin hat damit
das Magazin-Formats erfunden.
10
4. Berlin spricht zur Zone Infos für die DDR-Bevölkerung.  
5. Club 18 – Jazz für Alle Die populärste deutsche Jazz-Sendung
von John Hendrik (ab 1958).
 
6. Da ist man sprachlos    
7. Damals war’s Geschichten aus dem alten Berlin.  
8. Darüber läßt sich streiten Ein aktueller Meinungsaustausch
zwischen London und Berlin.
 
9. Das klingende Sonntagsrätsel Von und mit Hans Rosenthal.
(startete am 7. März 1965)
3
8
10. Das berühmte Pausenzeichen Mit der Ansage: „Hier ist RIAS Berlin –
Eine freie Stimme der freien Welt“.
 
11. Die Buchholzens Beliebte Hörspiel-Serie frei nach dem
Roman von Julius Stinde. Funkbearbeitung: Hermann Krause. Regie: Ivo Veit.
15
12. Die größte HIT-Parade
der Welt
Diese Super-Hitparade der „Top 1001“
sendete Rias 2 im Juni 1988 auf 94,3.
5
6
13. Die Insulaner Das unvergleichliche Funk-Kabarett
von Günter Neumann.
(25. Dezember 1948 bis 1968)
9
14. Die Rückblende Hörmagazin zur satirischen Aufarbeitung
der Ereignisse des letzten Monats.
Autoren waren u. a.: Michael Alex, Eckart Hachfeld, Curth Flatow, Volker Ludwig, Horst Pillau, Klaus Peter Schreiner und Rolf Ulrich.
13
15. Es geschah in Berlin Der Radio-Krimi (ab Februar 1951).
Gestaltet von Werner Brink.
Regie: Werner Oehlschläger.
 
16. Evergreens à gogo Von und mit Lord Knud immer
am Sonnabend vormittags.
 
17. Ewalds Schlagerparade –
Hitparade für die reifere Jugend
Oldie-Sendung mit Ewald Wenck,
Autor: Michael Alex.
4
12
18. Freiheitsglocke mit Schwur Vom Rathaus Schöneberg immer
am Sonntag um 12 Uhr.
2
11
19. Klingendes Amerika Mit John Hendrik.  
20. Kutte kennt sich aus Stadtgeschichte(n)
von und mit Kurt Pomplun.
 
21. Mach mit Quizsendung mit Ivo Veit.  
22. Mit RIAS in die Ferien Live vom Platz vor dem Reichstag.  
23. Musik kennt keine Grenzen Gruß- und Musikwunsch-Sendung
nach dem Mauerbau.
 
24. Nero für Nachtschwärmer Mit Nero Brandenburg.  
25. Onkel Tobias Seit 1947 besuchten die RIAS-Kinder fast
22 Jahre Onkel Tobias alias Fritz Genschow.
(6. Juli 1947–1969)
 
26. Pension Spreewitz Kleine Geschichten im großen Berlin
aufgezeichnet von Thierry. (ab 1957)
7
27. RIAS-Funkuniversität Von Herbert Kundler begründete Wissenschaftssendung für Laien.  
28. RIAS-Kaffetafel Unterhaltung am Nachmittag.  
29. RIAS Music-Box Mit Felix Knemöller, Beate
Hasenau und Erwin Palm.
 
30. RIAS-Schulfunk-Parlament Schüler lernen Demokratie.  
31. RIAS-Schulklassengespräch Schüler befragen Politiker.  
32. RIAS stellt vor Eine Konzertreihe.  
33. RIAS-Treffpunkt Die Erfolgssendung von RIAS 2.  
34. Rock over RIAS Unvergessene Musiksendungen.  
35. Rundschau am Morgen Zeitfunk von RIAS Berlin
im Magazin-Format.
 
36. Rundschau am Mittag  
37. Rundschau am Abend 10
38. Schlager der Woche Moderatoren waren u. a.:
Wolfgang Behrendt, Fred Ignor
und Lord Knud.
14
39. Schreibmaschine und Klavier Aktuelles aufgespießt von Wolfgang Neuss. 7
40. Sieh fern im Hörfunk Die tönende TV-Programmillustrierte
für DDR-Bürger.
 
41. So sehe ich meine Zeit Wissenschafts-Sendung mit Hans-Gerhard
Meyer, später mit Harro Zimmer.
 
42. Stimme der Kritik Theater-Kritik von und mit dem
unvergessenen Friedrich Luft.
 
43. Swing tanzen verboten    
44. The Concert for Berlin 3-tägiges Pfingst-Konzert vor dem Reichstag
zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987.
 
45. Wer fragt gewinnt Ein Pfadfinderspiel um Worte und Begriffe
von und mit Hans Rosenthal.
 
46. Werner Müller und
das RIAS-Tanzorchester
Unvergeßlicher Big-Band-Sound.  
47. Wir begleiten Sie durch die Nacht    
48. Wo uns der Schuh drückt Der Regierende Bürgermeister
nimmt Stellung. (ab Februar 1951)
 
49. Zeit im Funk Ein Funk-Magazin.  
50. Zweites Frühstück Mit John Hendrik.  
  1) DeutschlandRadio Kultur (ex-RIAS) hat am 7.10.2007 mit sonntäglichen Wiederholungen begonnen.
  2) Die Erstsendung der Glocke fand am 24. Oktober 1950 statt.
  3) Die Tradition des Sonntagsrätsels wurde bis heute (2007) von Christian Bienert fortgeführt.   8)
  4) Ewald Wenck (1891–1981) war der älteste Disc-Jokey der Welt („Opi, dopi!“).
  5) Start: DO – 23.6.1988 um 4.00 Uhr. Schluß: SO – 26.6.1988 um genau 15.20 Uhr.
  6) Super-Hit Nr. 1 wurde: „Dirty Diana“ (Michael Jackson).
  7) DeutschlandRadio Kultur sendet hin und wieder „aus dem Archiv “ Wiederholungen dieser Sendungen.
  8) Es ist die einzige Sendung, die den RIAS überlebte.
  9) Highlights der "Insulaner" sind 2000 auf 8 CDs verewigt worden (Bear Family Rec., BCD 16005 HD).
10) Unvergessen als einer der Moderatoren ist Joachim Kadenbach (1925–1992).
11) DeutschlandRadio Kulur sendet noch heute (2010) jeden Sonntag um 12 Uhr die Glocke mit Schwur.
12) Autor M. Alex hat für 282 Sendungen die Musik zusammengestellt und die Moderation geschrieben.
13) Die Sendereihe „Rückblende“ startete etwa um 1960 und wurde 1975 eingestellt.
14) Wolfgang Behrendt ging später zum ZDF als Nachrichtensprecher.
15) „Die Buchholzens“ starteten im Oktober 1950.



Z U M   T O D   D E S   R I A S - I N T E N D A N T E N

Nachruf auf den Rias-Radiomacher Herbert Kundler

Von ERNST ELITZ

Aus:
Berliner Morgenpost, 2. November 2004, Seite ?? (Berlin). Der Autor Ernst Elitz ist Intendant vom DeutschlandRadio. [Original]

Friedrich Luft und Hans Rosenthal, John Hendrik und die Insulaner – das waren die Stimmen des legendären von den Amerikanern 1946 gegründeten Rias. Herbert Kundler, der heute zu Grabe getragen wird, war als Kulturchef, Programmdirektor und Intendant vier Jahrzehnte lang Anstoßgeber und Anreger für das Radio Nummer eins in Berlin und der DDR.

1926 in Düsseldorf geboren, in Berlin aufgewachsen, nach Studium in Deutschland und Harvard und einem Volontariat bei "Time" in Washington und New York stieg er 1951 beim Rias ein. Er war ein Multitalent, schrieb mit Wolfgang Neuss das Drehbuch für den Film "Wir Kellerkinder", war Redakteur der Funkuniversität, Förderer des Hörspiels, und er hielt seine schützende Hand über das damalige Rias- und jetzige Deutsche Symphonie-Orchester Berlin.

Kundler war kein Mann der Dienstanweisung. Was er sagte, gelangte ohne Druck in die Köpfe der Redakteure und formte das Programm, weil es vernünftig, nachvollziehbar und erfolgreich war. Geprägt durch die Bedrückung der Nazi-Zeit, beeindruckt von der liberalen Publizistik in den USA lautete sein Programmkonzept: "Geistige und politische Auseinandersetzung im Kampf gegen die Ideologien, Öffnung eines sich allmählich konservativ verengenden Bewußtseins für neue Horizonte, Fühler zu dem größeren Europa, das sich bis Moskau und Leningrad erstreckt, Verbreitung von Urbanität, unverfrorener Kritik, auch von guter Laune." Mit dieser anregenden Liberalität, aber auch mit der Freude an massenattraktiver Unterhaltung machte er den Rias zum Erfolgsprogramm und vermittelte den Hörern im Osten Geist und Lebensgefühl einer freiheitlichen Gesellschaft. 1989, als die Mauer fiel, war Kundler Intendant des Senders, den er geformt und geliebt hat. Der Rias bot ihm als amerikanische Gründung und jenseits der Zwänge eines öffentlich- rechtlichen Anstaltswesens die wie er selber sagte "unvergleichliche Chance der Selbstentfaltung in allen Gebieten meines Interesses". Und weil er diese Chance für sich und andere nutzte, wurde er zu einer Medienpersönlichkeit, die weit über Berlin hinaus wirken konnte.



Mit freier Stimme – Die Geschichte des RIAS

Transkript der Rundfunksendung von 2006.

Gesendet von:
DeutschlandRadio Kultur, Berlin, 9. Januar 2006, 19.30 Uhr MEZ (Zeitfragen) von WOLF-SÖREN TREUSCH. [Original]

SPRECHER vom Dienst: Mit freier Stimme – Die Geschichte des RIAS. Eine Sendung von Wolf-Sören Treusch.

ATMO 1: (RIAS-Jingle: Eine freie Stimme der freien Welt) frei, dann weg.

TAKE 1: (Robert H. Lochner). Ich war im Sommer 45 der amerikanische Kontrolloffizier von Radio Frankfurt, spätere Hessische Rundfunk, ...

AUTOR: Robert H. Lochner, von 1961 bis 1968 amerikanischer Direktor des RIAS.

TAKE 2: (Robert H. Lochner). ... und kriegte laufend die Berichte über die Verhandlungen in Berlin, denn die Westalliierten haben natürlich von den Sowjets gefordert, dass diese sie an dem einzigen bestehenden Sender beteiligen, den die Sowjets, da sie zuerst in Berlin waren, völlig mit Beschlag belegt hatten. Und da erinnere ich mich noch genau an den Bericht im November 45, wo Oberst Tulpanow den Westalliierten als, wie er es nannte, letztes Angebot eine Stunde am Tag offerierte, während die Sowjets 11 Stunden am Tag haben würden.

AUTOR: Die Amerikaner lassen sich auf die Taktik der sowjetischen Militärführung nicht ein: Sie starten ein eigenes Radioprogramm für Berlin mit Nachrichten und viel Musik.

TAKE 3: (Franz Wallner-Basté). Da sind wir also, liebe Hörer. Und wir begrüßen Sie. Nicht mit einer feierlichen Eröffnungsansprache. Seien Sie unbesorgt. Obwohl uns ein bisschen feierlich tatsächlich zumute ist bei dieser ersten Begegnung. Im stehen gebliebenen Teil einer Ruine ein paar kahle, weniger als kahle Räume in eine komplette Radiostation zu verwandeln, das ist heutzutage schließlich keine Kleinigkeit.

AUTOR: Am 7. Februar 1946 eröffnet der spätere RIAS-Intendant Franz Wallner-Basté die Radiostation. Täglich 7 Stunden geht nun der DIAS auf Sendung, der Drahtfunk im amerikanischen Sektor.

TAKE 4: (Robert H. Lochner). Die Nazis hatten, weil sich schnell erwiesen hatte, dass die normalen Rundfunksender für die angreifenden alliierten Flugzeuge ideale Hinweise sozusagen gaben, hatten die ein billiges Gerät entwickelt, das nur ans Telefon angeschlossen wurde, so konnte man bis Minuten vor dem Luftangriff den Leuten sagen ‚amerikanische Bomber 10 Minuten vor Berlin, 8 Minuten‘, so dass sie in aller Ruhe in die Luftschutzkeller gehen konnten. Davon existierten noch ungefähr 30.000 bis 40.000 Geräte, und so haben wir mit dem DIAS mit dieser bescheidenen Zahl angefangen, aber sehr schnell wurde dann ein eroberter fahrbarer Wehrmacht-Transmitter aus Westdeutschland nach Berlin gebracht, und so konnten wir mit Mittelwellensendungen anfangen und darum die Änderung im Namen von DIAS zu RIAS: Rundfunk im amerikanischen Sektor.

ATMO 2: (RIAS-Jingle: Hier spricht Berlin).

AUTOR: Ein fertiges Konzept haben die Amerikaner nicht. Der DIAS und danach der RIAS stehen unter ihrer Kontrolle, sind aber eine deutsche Rundfunkstation. Die Auswahl des Personals bleibt dem Funkhaus überlassen, die amerikanische Militärregierung prüft lediglich, ob die alliierten Bestimmungen über Entnazifizierung und Entmilitarisierung eingehalten werden.

TAKE 5: (Jürgen Graf). Im August, ich war genau 3 Monate bei den Russen ...

AUTOR: Jürgen Graf, Mitarbeiter der „ersten Stunde“, später Chefreporter und Leiter der Hauptabteilung Zeitgeschehen des RIAS.

Jürgen Graf
starb 79-jährig
am
20. Oktober 2007

TAKE 6: (Jürgen Graf). ... kam ein amerikanisches Auto bei meinen Eltern vorgefahren, und diesem entstiegen zwei Herren mit den wunderschönen amerikanischen Namen Ostertag und Schechter. Und Herr Ostertag sagte: „Was Sie da im Berliner Rundfunk machen, das gefällt uns, wir machen ein Gegengewicht zum Berliner Rundfunk und kommen Sie doch zu uns“. Das ist so gewesen vielleicht keine politische Überlegung, sondern mehr, dass eben Chesterfield besser schmeckt als Papierossi und Whisky besser als Wodka. Ich bin nie wieder bei den Russen gewesen.

Es wird immer gesagt ‚die Amis haben da hinter jedem gesessen und aufgepasst‘, wir hatten ganze vier Amis da bei uns. Und wir waren am Anfang ungefähr 120 Deutsche. Ein richtiges Training gab es nicht. Es gab Diskussionen in der morgendlichen Redaktionskonferenz, wo dann auch der eine oder andere Ami sich mal einmischte, aber ich habe in der damaligen Zeit nie eine Kontrolle gespürt.

AUTOR: Not und Einschränkungen prägen die Gründerzeit. Tonaufnahmen fallen aus, weil es an beheizten Räumlichkeiten fehlt, Künstler erscheinen nicht auf der Probe, weil Busse und Bahnen versagen. Die finanziellen Mittel sind knapp. Dennoch werden das Programm des RIAS erweitert, der Stellenplan erhöht, die Technik verbessert. Die Kosten liegen im Herbst 1948 bei gut 1 Million Mark im Jahr.

TAKE 7: (Jürgen Graf). Die Amerikaner zahlten noch jahrelang 75 Prozent Ost und 25 Prozent West. Weil sie sagten, sie würden sonst nicht hinkommen mit dem Geld. Aber es gab täglich was zu essen. Eine ganz wichtige Sache. In der Winterfeldstraße war eine Art Kantine, und wer im Schichtdienst war und nicht diese Kantine besuchen konnte und nun nicht vielleicht aus Buckow dahin kommt, weil es da eine warme Suppe gab, der kriegte ein kleines Paket, da waren also Kekse drin, aber auch eben dieses Frühstücksfleisch in einer Büchse, und das ist natürlich ein ungeheurer Anreiz gewesen.

AUTOR: Aus den politischen Kontroversen hält sich der RIAS in den Anfangsjahren heraus. Die politische Profilierung des Senders beginnt im Frühjahr 1948. General Clay startet die ‚Operation Back Talk‘, der RIAS erhält offiziell die Erlaubnis, Vorgänge in der SBZ, der sowjetischen Besatzungszone, zu kritisieren. Die Amerikaner reagieren damit auf die „sowjetische Propagandamaschine“, wie sie den Berliner Rundfunk nennen.

Kurz darauf unterstellen sie den RIAS direkt der amerikanischen Militärregierung in Berlin. Der Sender wird zum Sprachrohr amerikanischer Außen- und Besatzungspolitik. Er wird ein Produkt des Kalten Krieges.

ATMO 1: (RIAS-Jingle Eine freie Stimme der freien Welt).

TAKE 8: (Manfred Rexin, 1'09). Kalter Krieg ...

AUTOR: Manfred Rexin, in den 60er Jahren freier Mitarbeiter des RIAS, später Leiter des Bildungsprogramms und der Hauptabteilung Kultur und Zeitgeschichte.

TAKE 9: (Manfred Rexin). ... ist etwas, was in einer Zeit existentiell erfahrener Bedrohung, von außen oder durch die Umwelt, Menschen in den Bann zwang. Und man musste sich natürlich mit einer immer noch in ihren Strukturen stalinistischen DDR scharf auseinandersetzen. Der RIAS war – aus meiner Sicht – ein antitotalitärer Sender, der zwei ‚Antis‘ beschrieb: er war antikommunistisch, und er war antinazistisch. Das Bildungsprogramm hat immer großen Wert darauf gelegt, gerade die Zeit vor 1933 und nach 1933 genauer zu beschreiben mit historischen Originaltönen, die zum Teil noch gar nicht verwendet und ausgewertet worden waren, zu analysieren, und dieses doppelte Nein, Nein zur braunen Diktatur und Nein zur roten Diktatur, das hat dem Sender Profil gegeben.

AUTOR: Die Blockade West-Berlins durch die Sowjets von Juni 1948 bis Mai 1949 lässt die politischen Spannungen zwischen West und Ost eskalieren. Das ‚Nein zur roten Diktatur‘ wird immer wichtiger. Zum Beispiel am 6. September 1948.

TAKE 10: (Reportage Graf) (danach weiter als ATMO). Es war auch für uns RIAS-Reporter heute ungemein schwer hier hereinzukommen, mein Kollege und ich versuchten zunächst einmal, durch den offiziellen Haupteingang mit unseren offiziellen Identifikationen hereinzukommen, das war unmöglich: Uns wurden die Jacken und Kleider zerrissen, wir wurden zurückgestoßen und einige rissen sich zu Bemerkungen hin: ‚sieh da, da sind die RIAS-Reporter wieder, auf sie!‘, andere schrieen ‚wir wollen keinen RIAS, wir wollen nur die Wahrheit durch den Berliner Rundfunk‘ und so geht es hier oben auf der Pressetribüne auch weiter. ...

AUTOR: Die beiden RIAS-Reporter Jürgen Graf und Peter Schultze sollen von der Stadtverordnetenversammlung im Ostteil Berlins berichten. Eigentlich ein Routinetermin, aber kommunistische Demonstranten unterbrechen die Übertragung mit Gewalt.

TAKE 11: (Reportage Graf) (danach weiter als ATMO). Immer wieder kommen die Rufe hier rauf zu mir an das Mikrofon, (...) ‚die Proletarier vom RIAS sollen weg gehen‘, das ist nett, dass wir dieses reizende Kompliment heute hier überbracht bekommen haben. ...

TAKE 12: (Jürgen Graf). Dann sind die nach oben gekommen auf die Pressetribüne, ...

TAKE 13: (Graf Reportage) (danach weiter als ATMO). Soeben ist uns das Mikrofon von einigen Demonstranten entrissen worden. ...

TAKE 14: (Jürgen Graf). ... haben die beiden Mikrofone rausgerissen, und ich habe ein Mikrofon über den Kopf gekriegt, ...

TAKE 15: (Graf Reportage). Immer wieder wird uns das Mikrofon weg gezogen, es wird uns nicht gestattet von den Demonstranten, den Sitzungsverlauf zu berichten. (abruptes Ende der Übertragung)

TAKE 16: (Jürgen Graf). ... und dann haben die uns von der Pressetribüne runter gedrängelt, da haben wir uns noch ein bisschen geschubst und gestoßen, und dann haben sich Schultze und ich verloren.

AUTOR: Doch Jürgen Graf sendet weiter. Hinter den Fahnen im Plenarsaal gibt es einen zweiten Anschluss. Irgendwann wird er auch dort entdeckt.

TAKE 17: (Jürgen Graf). Dann kam ein Mann auf mich zu, der hatte eine amerikanische Uniform wie unsere Kontrolloffiziere auch, ohne Rangabzeichen, ein rothaariger Mensch, und der sagte ‚Sie müssen hier schnell raus, die verprügeln Sie oder nehmen Sie mit‘. Und brachte mich in die Herrentoilette und sagt ‚Springen Sie!‘ Und unten drunter standen 4 oder 5 Jeeps, mit denen die Amis gekommen waren, die Jeeps hatten so eine Art Segeltuchdach, und da sprang ich rauf, das war also ungefährlich, man sprang also weich und gut, und dieser Mann war der Liaisonoffizier der Amerikaner zu den Berliner Stadtverordneten.

AUTOR: Der RIAS wird zum Verfechter eines harten Kurses gegen die sowjetische Besatzungsmacht und kämpft um die Bewahrung der inneren und äußeren Freiheit West-Berlins.

ATMO 3: (Drahtfunkansage während Blockade). Hier ist „RIAS auf Draht“. Wir brachten eine 2-Stunden-Sendung für Ihre Stromgruppe. Auf Wiederhören bei Ihrer nächsten Stromzuteilung mit einem neuen Programm.

TAKE 18: (Reportage Graf, 0'24 frei, dann weiter als ATMO). In diesen kritischen Tagen, wo es um Sein oder Nichtsein von 2,2 Millionen Berlinern geht, hat sich RIAS die Berliner Hörerschaft und die Hörerschaft der Ostzone im Sturme erobert und nicht zuletzt sind daran beteiligt unsere drei Lautsprecherwagen, die in den drei westlichen Sektoren herumfahren, um den Stromabgeschalteten Gebieten hier in Berlin die neuesten Nachrichten zukommen zu lassen, ...

AUTOR: Tatsächlich steigen die Hörerzahlen enorm – der RIAS hatte kurz vor Beginn der Blockade seine technische Sendekapazität beträchtlich erhöht. Er ist nun weit über die Grenzen Berlins hinaus fast in der gesamten Ostzone zu empfangen.

ATMO 4: (Ausschnitt ‚Berlin spricht zur Zone‘, kurz frei, dann als ATMO drunter).

AUTOR: Der RIAS Berlin, „eine freie Stimme der freien Welt“ mischt sich ein in die dortigen Alltagsbelange. Mit Sendungen wie „Aus der Zone – für die Zone“, „Varady funkt dazwischen“ oder „Berlin spricht zur Zone“ wendet er sich konkret an die Hörerschaft in Ost-Berlin und der SBZ und nennt beispielsweise die Namen von SED-Spitzeln.

ATMO 4: (Ausschnitt ‚Berlin spricht zur Zone‘, kurz hoch, dann langsam weg).

TAKE 19: (Jürgen Graf). Propagandasendungen: Geschickt gemacht natürlich wie ‚Varady funkt dazwischen‘, das war fast so populär wie die Insulaner oder wie das Musikprogramm. Es war ein Ungar, und überall an den Litfasssäulen war so eine schemenhafte Figur, die Sie nur von rückwärts sahen mit so einem Schlapphut, und unten drunter stand: ‚Hören Sie RIAS, Varady funkt dazwischen‘. Das war ein Kalter Krieger, aber ich glaube, dass wir damals nicht gedacht haben ‚oh Gott wie schrecklich ist das, was wir hier machen‘, sondern dass wir gedacht haben: ‚die machen das ja da drüben auch, die machen ja auch eine Riesenpropaganda gegen uns, die wollen uns abschneiden, die wollen hier zumachen, wir müssen uns über die Luftbrücke versorgen, wir haben keinen Strom, wir haben nicht genügend zu essen, wir haben keine Kohle zum Heizen‘, wir waren natürlich in einer schlechten Position.

AUTOR: Rainer Höynck, ab 1948 Reporter beim RIAS, später Leiter des Ressorts Kulturkritik und Kulturpolitik.

TAKE 20: (Rainer Höynck). Wir hatten ein paar Scharfmacher, die den Kalten Krieg auch schön angeheizt haben, zum Teil war das äußerst unangenehm. Das Unangenehmste, was mir persönlich passiert ist, dass ich sehr stolz mit einem Interview mit Kästner nach Hause kam, und da sagte ein Kollege, der mir damals vorgesetzt war, ‚Ja weißt du denn nicht, dass Kästner Kommunist ist‘. Und dann hat er es – damals hatten wir ja noch nicht so schöne digitale Geräte, sondern diese Schnürsenkel, nannte man es später beim Fernsehen, diese kleinen schmalen Bänder – auf den Spulenkern aufgewickelt, dann hat er das genommen und so in den Papierkorb fallen lassen, das Interview mit Kästner. Heute wäre man froh, wenn man es noch hätte. Das war kennzeichnend für einige Kollegen und auch für eine gewisse generelle Atmosphäre, aber das wurde dann natürlich im Laufe der Jahre immer besser.

ATMO 5: (Freiheitsglocke, kurz frei, dann drunter).

AUTOR: Am 24. Oktober 1950 wird die Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus eingeweiht. Seitdem erklingt ihr Geläut regelmäßig im Programm des RIAS, zusammen mit dem Text, den der Stifter der Glocke, das amerikanische Komitee für die Freiheit Europas, verfasst hat.

ATMO 5: (Freiheitsglocke, hoch: Schwur). Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen vor Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen.

TAKE 21: (Gerhart Eisler). Ob ich dafür sei, dass der RIAS gestört werde, hat mich ein Hörer gefragt. ...

AUTOR: Gerhart Eisler, Leiter des Amtes für Information der Deutschen Demokratischen Republik.

TAKE 22: (Gerhart Eisler). ... Hier meine Antwort: Aber natürlich, mein Herr. Ich bin dafür, dass der RIAS beseitigt und vernichtet wird mit Mann und Maus, wobei mir nur die Maus Leid tun würde. Denn sie wäre das einzige unschuldige Wesen in dieser amerikanischen Institution.

AUTOR: Die Herrschenden in der DDR betrachten den RIAS als Feindsender. Kommentare wie dieser aus dem Jahr 1957 sind an der Tagesordnung.

TAKE 23: (Kommentar). RIAS: Das ist die journalistische Gosse. RIAS, das ist das perverse Ausrufungszeichen hinter deutscher Charakterlosigkeit. RIAS, das ist etwas, wovon in wenigen Wochen niemand mehr sprechen wird. Das ist etwas, worüber der nutzlose Wind hinweg wehen wird so, als habe er den Staub der Gosse für Sekunden empor gewirbelt, durch die schillernden Pfützen gejagt und wieder fallen gelassen. Dreck, aus Dreck geboren, wieder zu Dreck werdend, jedem erkennbar. Und wird nichts von diesem RIAS bleiben als der Wind, der Dreck und die Peitsche, mit der man ihn ausgetrieben.

TAKE 24: (Rainer Höynck). Der RIAS ist als der große Feind betrachtet worden von den Sowjets und von der DDR. ...

AUTOR: Rainer Höynck.

TAKE 25: (Rainer Höynck). ... Wir durften dann auch nicht durch die Zone, wie man damals sagte, fahren, was dazu führte, dass ein oder zwei Mal wurde in einer Pan Am Maschine ein Sitz ausgebaut, mein Motorroller wurde dann per Luft befördert, und ich bin dann in Hannover mit meiner damaligen Frau auf den Motorroller gestiegen, und wir sind nach Rom oder nach Nizza mit dem Motorroller gefahren, aber durch die Zone durfte man nicht.

AUTOR: Der Wettstreit der Systeme wird im Radio ausgefochten. Es sind nicht nur die RIAS-Berichte über die großen Themen, wie beispielsweise den Aufstand des 17. Juni 1953, die die Machthaber in der DDR erzürnen, sondern auch die kleinen Bemerkungen in den Unterhaltungssendungen von Hans Rosenthal.

ATMO 6: (Ausschnitt Show). Die Begriffe sind Einsendungen unserer Hörer, es wird gelost. Wer mitspielt, erhält für jede Frage zwei Mark und fünfzig. RIAS-Freunde aus dem Osten können nach wie vor sich postalisch beteiligen. Bitte schreiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit unter Decknamen oder Deckadresse. Ein eventueller Gewinn kann an Verwandte ausgezahlt werden oder bleibt bei uns, bis sich die Verhältnisse ändern.

ATMO 7: (Störsender, kurz frei, dann drunter).

AUTOR: Die DDR-Führung setzt gegen den RIAS Störsender und Stasi-Spitzel ein, mit Hilfe gezielter Desinformation versucht sie, seine Glaubwürdigkeit zu untergraben. In einem Schauprozess gegen so genannte ‚RIAS-Agenten‘ werden im Juni 1955 vier Menschen zu langen Zuchthausstrafen und einer zum Tode verurteilt.

TAKE 26: (Manfred Rexin). Von 48 bis in die Zeit der späten 50er Jahre, zweite große Berlinkrise, Forderung nach Umwandlung der Stadt in eine entmilitarisierte freie Stadt, wie die Russen das nannten, Rausschmiss der Amerikaner, Briten, Franzosen: In dieser Zeit war das eine knallharte Konfrontation. Aber nach dem Mauerbau, in den Phasen, in denen mühsam versucht wurde, die Mauer durchlässig zu machen, beginnende Bemühungen um Häftlingsfreikauf, beginnende Anstrengungen, Familien zusammenzuführen, all das was im humanitären Bereich von westlicher Seite versucht wurde, das ist dann natürlich auch im RIAS begleitet worden. Unter Beachtung der notwendigen Vorsicht, nehmen wir mal das Stichwort Häftlingsfreikauf: Es hat etliche Jahre gegeben, in denen das anlief, in denen die Journalisten davon wussten, aber nicht in die Öffentlichkeit gingen und darüber Sensationsgeschichten verbreiteten. Das hat man sehr bewusst nicht getan, weil man sagte, ‚das sind humanitäre Pflanzen, die wir sehr sorgsam behandeln müssen‘.

AUTOR: Das erste Passierscheinabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR im Dezember 1963 ist ebenfalls eine solche ‚humanitäre Pflanze‘. In Sonderprogrammen informiert der RIAS über Antragsformalitäten und sonstige Bedingungen und beantwortet ausführlich Höreranfragen. Auf den Fluren des Funkhauses diskutieren die Mitarbeiter die mögliche neue Sprachregelung: Sollte man die „Zone“ nun „DDR“ nennen?

TAKE 27: (Manfred Rexin). In dieser Zeit setzte sich die Überzeugung durch: Wir müssen alles, was in unserer Kraft steht, ohne eine mögliche Perspektive für die fernere Zukunft zu vergessen einsetzen und aufwenden, um zu besseren Verhältnissen zu kommen, um zu erträglicheren Verhältnissen zu kommen, wenn man nicht die Teilung aufheben kann. Wenn man also, wie es ein Schlagwort jener Zeit besagte, mit der Teilung leben muss, dann ist die logische Konsequenz: Politik der kleinen Schritte. Und auf dieser Ebene waren viele im RIAS überzeugt worden. Und deshalb hat es auch im Hause leidenschaftliche Debatten gegeben.

AUTOR: Jürgen Graf, Leiter der Hauptabteilung Zeitgeschehen.

TAKE 28: (Jürgen Graf). Da sammelten sich natürlich eine ganze Menge Leute, die haben gesagt: ‚Ja wo bin ich denn eigentlich, machen wir jetzt plötzlich weiche Welle und machen Entspannungspolitik und alles, was hier vorher gewesen ist, wie wir gegen den Kommunismus aufgetreten sind und standhaft gewesen sind, das ist jetzt alles vorbei? Jetzt müssen wir trallala machen und sagen, das ist ja wunderbar, wir haben Entspannungspolitik.‘ Da gab es innerhalb des Hauses große Spannungen, das ist ganz klar.

AUTOR: Und was würden die Amerikaner sagen – der RIAS steht schließlich weiter unter der Kontrolle der US Information Agency? Einmal, beim Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 hatte sich die US-Regierung in die Berichterstattung des RIAS eingemischt und dem Sender unmissverständlich klargemacht, das Feuer in der Zone nicht noch anzuheizen. Jetzt, in den 60er Jahren, dulden die Amerikaner die neuen Töne im RIAS, Töne, die auch den gesellschaftspolitischen Wandel in der Bundesrepublik widerspiegeln. In der neuen Ostpolitik, aber auch in der Bewertung der US-Außenpolitik.

TAKE 29: (Jürgen Graf). Wir hatten einen Hanno Kremer, der kürzlich verstorben ist, der also gegen den Vietnamkrieg gewettert hat, da rief mal ein Amerikaner aus der Clayallee, vom Hauptquartier, an und sagte: „Ich höre da immer den RIAS und da ist der schreckliche Kremer, und der verurteilt uns wegen des Krieges, schmeißen Sie den doch endlich mal raus“. Das wurde dann in der Redaktionskonferenz besprochen, und dann gab es den klassischen Satz, ich weiß aber nicht, von welchem Amerikaner: „Das ist unsere Stärke: Dass wir in den Osten senden und auch solche Leute haben“. Er sagte: „Das macht uns glaubwürdig. Wenn wir dauernd sagen würden, dieser Vietnamkrieg ist eine tolle Sache und den werden wir auch bald gewinnen, und wir machen auch keinen Krieg der Verbrannten Erde, sondern wir machen einen ganz humanen Krieg, das wäre nicht glaubwürdig gewesen.“ Und ich finde, diese Einstellung ist toll, die haben uns auf angenehme Weise beigebracht, Demokratie zu lernen.

TAKE 30: (Robert H. Lochner). I put it in this way: initially the station was created to supply the Berliners with a non-communist objective Radio station, ...

AUTOR: Robert H. Lochner, zu dieser Zeit amerikanischer Direktor des RIAS.

TAKE 31: (Robert H. Lochner). ... but over the years the mission of RIAS grew, so that nowadays the function has really not so much to inform the Berliners, East or West as the people in the Sowjet controlled East Zone as a whole.

AUTOR: Die Programme des RIAS richteten sich nicht mehr so sehr ausschließlich an die Hörer in Berlin, sagt Lochner, sondern inzwischen an alle Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone, der DDR.

TAKE 32: (Robert H. Lochner). Zum Beispiel muss man ja doch bei vielen Entwicklungen, politischen, wirtschaftlichen, wo man beim westdeutschen Hörer voraussetzen kann, dass er vieles Zusätzliche, Vorbereitende aus den gedruckten Medien schon mitbekommen hat, muss man ja nun beim Hörer in der DDR unterstellen, dass das nicht der Fall ist, weil er diesbezüglich überhaupt keinen Zutritt zu westlichen Medien hat. Darum glaube ich, dass man nach wie vor vieles an Hintergrundinformationen bringen muss für Hörer in der DDR, was bei Westdeutschen oder West-Berlinern nicht nötig ist, und da sehe ich nach wie vor primär die Aufgabe des RIAS.

AUTOR: In die Amtszeit Lochners fällt auch die schwerste Krise, die der RIAS erlebt: Die US-Regierung überlegt Ende der 60er Jahre, das finanzielle Engagement für den Sender komplett zu streichen. 60 Prozent der Haushaltsmittel – mehr als 20 Millionen Mark im Jahr – kommen zu der Zeit von den Amerikanern, den Rest zahlt das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen. Die Regierung in Bonn ist erzürnt. Von Herbert Wehner, damals Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, sind folgende Worte überliefert:

SPRECHER vom Dienst: Die Basis der amerikanischen Präsenz in Berlin sind a) die Truppen und b) der RIAS. Und ich werde unter keinen Umständen zulassen, dass Sie den RIAS kastrieren. Wenn's Geld ist, kein Problem.

AUTOR: Die Bundesregierung übernimmt 90 Prozent der Finanzierung des RIAS, der Anteil der Amerikaner sinkt bis zum Tag des Mauerfalls auf 1 Prozent.

TAKE 33: (Jürgen Graf). Jetzt wäre natürlich die logische Folgerung gewesen, dass man gegen die Grundfesten des Vertrages über den RIAS verstößt. Denn der RIAS ist ein amerikanischer Sender, dadurch hat er auch die Sendelizenz bekommen, die Frequenzen bekommen als amerikanischer Sender, und nun bezahlt Bonn plötzlich diesen Sender. Also was hat man gemacht? Man hat in eine legitime Trickkiste gegriffen und hat gesagt: ‚Die Amerikaner haben dieses Haus wieder hergestellt, die haben die Studios eingebaut, wir hatten ja kein Geld für so was, das sind Millionenbeträge. Die Amerikaner haben in Britz diesen Sender hingestellt, die Amerikaner haben entlang der Zonengrenze die kleinen Sender – später gab es dann ja auch schon UKW – gebaut, die Amerikaner haben jede einzelne technische Einrichtung in dem Haus: Studios, Tonbandmaschinen und weiß ich nicht alles, haben alles die Amerikaner bezahlt: Dieses nehmen wir als Grundvermögen des Senders und halten das immer in der Bilanz so, dass die Amerikaner 51 Prozent des Senders haben‘. So ist es gewesen.

AUTOR: Als Reaktion auf diesen „Deal“ erhält der RIAS 1971 ein neues Statut. Der deutsche Intendant übernimmt nun Geschäftsleitung und Programmverantwortung, die Amerikaner stellen das Aufsichtsgremium. Der RIAS wird de facto – nicht de jure – eine bundesdeutsche Rundfunkanstalt. Doch seine bloße Existenz symbolisiert weiterhin auf wirksame Weise die Garantie der Amerikaner für die Sicherheit und Lebensfähigkeit West-Berlins und ihre Mitverantwortung in Deutschland. Bis zur Wiedervereinigung.

TAKE 34: (Helmut Drück). Der RIAS war bis zum 3. Oktober 90 eine eindeutig amerikanische Einrichtung und dem deutschen Rundfunkgesetz entzogen, ...

AUTOR: Helmut Drück, von 1990 bis 1993 letzter Intendant des RIAS.

TAKE 35: (Helmut Drück). ... und dann – und das ist eben das Komische – waren die Amerikaner weiterhin zuständig, aber quasi im deutschen Auftrag. Aber es gab fast monatlich, also vierwöchentlich, einen Besuch beim amerikanischen Stadtkommandanten, der in der vollen Pracht eines Zwei-Sterne-Generals den richtigen Zivilisten- RIAS-Intendanten empfing und sich dann mit ihm unterhielt, gewöhnlich über die Stadt und nicht über den RIAS, aber ich glaube, das haben sie aus Prinzip gemacht: Sie wollten deutlich machen: ‚Es ist eine unserer Einrichtungen und der soll einmal im Monat zum Rapport erscheinen‘, der Rapport war auch, eine Tasse Kaffee gemeinsam zu trinken.

AUTOR: Nach dem Fall der Mauer wird der RIAS zum Gegenstand heftiger Kontroversen. Die einen sagen, er müsse weiter bestehen, um das Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands medial zu unterstützen. Die anderen sagen, er habe keinen Programmauftrag mehr, denn genau das, was der RIAS immer gefördert habe – die DDR-Bevölkerung aus der Isolation zu befreien, ihrer einseitigen Unterrichtung und dem Auseinanderleben der Menschen in beiden Teilen Deutschlands entgegenzuwirken – genau das sei mit der Wiedervereinigung erreicht, der Sender damit obsolet.

ATMO 8: (RIAS-Pausenzeichen).

AUTOR: Am 1. Januar 1994 fusionieren RIAS Berlin, die „freie Stimme der freien Welt“, Deutschlandsender Kultur und der Deutschlandfunk zu einer neuen Sendeanstalt, dem DeutschlandRadio.

TAKE 36: (Manfred Rexin). Es war wohl notwendig. Einen Sender, gar noch von einer anderen Macht gegründet und in gewissem Umfange von ihr juristisch zu verantworten, konnte im vereinigten Deutschland so nicht bestehen.

AUTOR: Manfred Rexin.

TAKE 39: (Manfred Rexin). Ich bin zum Beispiel nach wie vor sehr dankbar, dass auf dem Gebäude dieses Rundfunkhauses die 4 Buchstaben RIAS weiterhin sichtbar sind. Ich ärgere mich manchmal, dass sie nicht mehr abends leuchten, aber na schön. Wir erleben in dieser Stadt und übrigens im ganzen Land viele Orte, bei denen man sich der Vergangenheit zu erinnern sucht, indem man Teile ihrer früheren Existenz andeutet, beschreibt, spiegelt. Und von daher gesehen ist in der Geschichte der Medienstadt Berlin der RIAS ein ganz wichtiger Teil.

Sprecher vom Dienst: Mit freier Stimme. Die Geschichte des RIAS. Von Wolf-Sören Treusch. Es sprach: der Autor. Ton: Hermann Leppich. Regie: Stefanie Lazai. Redaktion: Stephan Pape. Produktion: DeutschlandRadio Kultur 2006.



6 0   J A H R E   R I A S

„Im Übrigen waren wir frei“

Erinnerungen des Korrespondenten Egon Bahr an seine 50er Jahre beim Rias.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 5. Februar 2006, Seite 30 (Medien) von EGON BAHR. Der Autor, Jahrgang 1922, war von 1950 bis 1960 Chefkommentator und Leiter des Bonner Büros des Rias’. Von 1972 bis 1974 war Egon Bahr Bundesminister für besondere Aufgaben, von 1974 bis 1976 Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. [Original]

RIAS Wie ein amerikanischer Sender zu einer deutschen Stimme, sogar zu einem politischen Faktor werden konnte, geliebt und gehasst, verachtet wie geachtet, jedenfalls beachtet, ist Legende geworden. Einzigartig in der Medienlandschaft der Nachkriegszeit. Es fing sehr harmlos an. Wer hatte schon Telefon in Berlin im Februar 1946, als der Drahtfunk im amerikanischen Sektor (DIAS) sieben Stunden täglich sein Programm begann? Im September 1946 wurde daraus der Rias, der einen Militärsender mit einer Leistung von 800 Watt übernahm, der während der Blockade auf die erstaunliche Stärke von 2,5 kW ausgebaut wurde.1949, als zwei Staaten in Deutschland entstanden, nahm der Rias besondere Sendungen für die Hörer in der Zone auf und war 1952 die erste Rundfunkanstalt in Deutschland mit einem 24-Stunden-Programm, ausgebaut auf 300 kW Sendeleistung.

Der Rias begann als Sender in einer Stadt mit ihren bedrängten Menschen, er begann als ein Sender, der während der Blockade durch Lautsprecherwagen Stromsperren ausglich und mitteilte, wie viel Gramm Lebensmittel auf welche Abschnitte zugeteilt sind. Er wurde zu „unserem“ Rundfunk, zu einem unentbehrlichen Teil der Stadt in ihrer mehr als einmal bedrohlichen Geschichte.

RIAS Sendefrequenzen
Im Raum Berlin vom Sender Britz
Progr. UKW MW
RIAS 1 89,6 MHz 989 kHz
RIAS 2 94,3 MHz 855 kHz
RIAS 1 wurde zudem vom MW-Sender in Hof (Bayern) verbreitet, wo auch 2 UKW- Sender auf 91,2 MHz und xx,x MHz zur Versorgung der südlichen DDR betrieben wurden. Von Berlin-Britz wurde RIAS 1 auch auf Kurzwelle 6005 kHz gesendet.
Welche Bedeutung für die Zone er gewonnen hatte, erfuhr der Sender samt seiner Mannschaft am 16. Juni 1953, als er, ohne es zu wollen, zu einem Katalysator des Aufstands wurde. Das wurde uns erst Tage danach bewusst, als wir herausfanden, dass Wortlaut und Reihenfolge der Forderungen, die Vertreter des Streikkomitees im Funkhaus formuliert hatten, an allen Orten erhoben worden waren, wo „etwas“ passiert war. Es war die erste große Erfahrung, dass ein elektronisches Medium in einer Ausnahmesituation innerhalb von Stunden zur politischen Aktion führen kann, sofern es glaubwürdig ist. Ohne den Rias hätte es, was wir heute den 17. Juni nennen, nicht gegeben. Der SFB begann erst 1954.

Die amerikanische Leitung verstärkte das Ansehen; denn ohne die garantierte Anwesenheit der Amerikaner hätten die Menschen sich schutzlos gefühlt. Es ist kein Widerspruch, dass der Ruf des Senders gerade daraus erwuchs, dass er nicht die Stimme Amerikas war oder wurde. Das lag an der vorzüglichen Auswahl amerikanischer Kontrolloffiziere, die uns vorlebten, was Vertrauen und Toleranz bedeuten. Es gab nur ein ungeschriebenes Gesetz: Wir durften den US- Präsidenten nicht beleidigen. Das hatte ohnehin niemand vor. Im Übrigen waren wir frei. Es gab keine Zensur. Unsere Manuskripte lasen die juristisch verantwortlichen Amis, nachdem sie gesendet waren. Gegenüber ihrer viel engeren Besatzungsbürokratie verschafften sie uns den nötigen Freiraum, obwohl sie persönlich oft eine andere Meinung hatten. In der Zeit der üblen Kommunisten- Riecherei des Senators Mc Carthy drohten wir mit Streik, verhinderten die Vorladung eines „unserer“ Amis vor seinen Ausschuss. Nichts drang an die Öffentlichkeit.

Während meiner Jahre als Bonner Korrespondent haben Kollegen „deutscher“ Sender ihre Gefühle formuliert, ein Kollege des bayerischen Rundfunks erklärte seinen Neid, weil die Journalisten des Rias unbehelligt waren und keine Rücksicht auf ihre Gremienaufsicht der Parteien und die jeweilige Landesregierung nehmen müssten. Dass der Rias Glaubwürdigkeit erhielt, lag auch an einem weiteren Faktor. Seit der Gründung der beiden deutschen Staaten dachten wir unsere Zuhörerschaft zunehmend in der DDR und sahen unsere Aufgabe darin, ihnen die Entwicklung in der Bundesrepublik zu erklären. Wir kümmerten uns weniger um kleinlichen Parteienstreit oder hysterische Reaktionen auf angebliche Skandale, sondern erläuterten politische Entwicklungen. Eine gute Analyse ist besser als ein mäßiger Kommentar.

Der Rias ist die Demonstration der praktischen Unabhängigkeit bei juristisch voller Abhängigkeit geworden. Als der Kongress befand, er könne Amerikas Steuerzahlern die Kosten für das Radio-Symphonieorchester des Rias nicht mehr zumuten, waren wir nicht begeistert, aber zuletzt doch dankbar, dass die Bundesregierung einsprang und langsam wachsende Anteile der Finanzierung übernahm, ohne uns ein Aufsichtsgremium zu bescheren. Es hat seine Logik, dass nun das Deutschlandradio in dem sparsamen Gebäude des Rias seinen Sitz gefunden hat.



6 0   J A H R E   R I A S

Allein gegen sechzig Störsender

Der Rias brachte Politik, Tanzmusik und Hans Rosenthal auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 5. Februar 2006, Seite 30 (Medien) von LOTHAR HEINKE. Der Autor, Jahrgang 1934, war Reporter bei der Ost-Berliner Zeitung „Der Morgen“. Seit 1991 schreibt er für den Tagesspiegel. [Original]

Es piept in der Wolldecke, unter die sich Handwerksmeister Walter H. verkrochen hat. Wehe, ihn stört einer. Dies ist seine Stunde, er hält das Ohr noch dichter in den Radioapparat, das Fiepen und Rauschen der Störsender, von denen sie über sechzig gegen den Rias in Stellung gebracht haben, wird unerträglich. Aber was dennoch zwischen all dem Gejaule aus dem fernen West-Berlin über den Äther durch den Eisernen Vorhang bis in die Oberlausitz dringt, ist Himmelsmusik in seinen Ohren. Walter lacht manchmal so heftig, dass die Decke wackelt: Er hört die Insulaner. Das Kabarett von der Insel im roten Meer mit dem Herrn Pollowetzer, dem Genossen Agitator, mit Professor Kwatschni und den beiden Damen, die – „sehn se, det is Berlin!“ – sich immer auf dem Kurfürstendamm treffen, ist viel mehr als die Direktübertragung einer humorvollen Radiorevue. Sie bringt in den 50ern vielen DDR-Menschen das Lachen und etwas Licht in eine finstere Zeit. Und sie nährt [Ed: seit Weihnachten 1948] die Hoffnung, dass das großmäulige, fünfjahresplanmäßige Funktionärsgebaren der großen und kleinen Ulbrichts bald ein Ende haben möge. Nicht der Insulaner allein hoffte unbeirrt, „dass seine Insel wieder ’n schönes Festland wird“.

Der Kalte Krieg hatte den Rias groß und unverwechselbar gemacht. Jeder Nachrichtensendung schickte er die Botschaft voraus, dass hier „eine freie Stimme der freien Welt“ zum Hörer spricht. Wem diese Stimme in der „Zone“ oder später in der DDR nicht gefiel, weil er sie für einen imperialistischen Störenfried beim sozialistischen Aufbau hielt, der schaltete ab, oder er sah in allem, was da aus dem Rias-Hause kam, eine „Rias-Ente“, im schlimmsten Falle denunzierte er Mitbürger. „Rias hören ist drüben Sabotage am Trommelfell“, sagte Kabarettist Wolfgang Neuss. Vor dem Rias hatten die Genossen richtig Angst. Humor tötet. Und was die eigene gleichgeschaltete Presse nicht berichten wollte oder durfte, das sagte der Rias.

„Ein Glück, dass es ihn gab“, erinnert sich ein älterer Hörer aus Ost-Berlin, „wer wollte, konnte so der vollständigen Verblödung entgehen, Rias erweiterte den Horizont – von der Politik bis zur Tanzmusik.“ Der Sender wurde besser informiert als seine Konkurrenz in der Nalepastraße – von den Hörern „drüben“, die die Sendung „Aus der Zone für die Zone“ mitgestalteten und manchmal die haarsträubendsten Dinge an die große Glocke hängten, indem sie dem Sender schrieben oder den gefährlichen Weg in die Kufsteiner Straße wählten, so lange das noch ging – bis zum 13. August 1961. Hätte die DDR eine andere Presse- und Meinungsfreiheit praktiziert – nie wäre der Sender so bedeutend geworden, dass man noch so viele Jahre nach seinem Ende an Pinsel und Schnorchels Dialoge denkt und jeder seine eigene kleine Rias-Geschichte aus der Erinnerung holt.

RIAS Für den Berliner Journalisten Wolfram Schroeder war die Radiostation ein chronologischer Wegbegleiter: „Onkel Tobias vom Rias ist da!“ lockte schon die Kleinen [Ed: seit dem 6. Juli 1947] vor den Apparat, dann kam der „Rias-Treffpunkt“ und die „Schlager der Woche“. Wer da nicht auf dem Laufenden war, musste doof sein oder durfte zu Hause keinen Rias hören. Geradezu legendär in seiner Lockerheit präsentierte der Sender auch nach den 1968 eingestellten „Insulanern“ die Unterhaltung: Quiz-Veranstaltungen mit Hans Rosenthal oder auch noch heute, 40 Jahre nach ihrer Erfindung, aktuelle „Klingende Sonntagsrätsel“. Seit dem Mauerfall dürfen die Hörer getrost an den Sender schreiben, vorher war das nur über Deckadresse möglich. Wer seine Lösung direkt an den Rias schickte, konnte wegen „Verbindungsaufnahme zu einer staatsfeindlichen Organisation“ belangt werden. Den großen Aufwand, die Hörerpost aus der DDR abzufangen, beschreibt der frühere Rias-Redakteur Hans-Georg Soldat: In Dresden fand ein MfS-Mann heraus, dass die Deckadressen beim Sonntagsrätsel immer aus bestimmten Gebieten im Postleitzahlenbereich Berlin 62 kamen und sich männliche und weibliche Adressaten abwechselten. Er wies die Poststellen an, alle Zuschriften nach Berlin 62 drei Tage zurückzuhalten, bis Mielkes Berliner Zentrale die Deckadressen herausgefischt und die korrekten Anschriften an die Außenstellen weitergeleitet hatte. Die Rias-Post wurde aussortiert, der Rest befördert. Wolfram Schroeder ging 1982 selbst nach West-Berlin und kam seinem Lieblingssender ganz nah – ab 1984 gestaltete er die Sendung „Sieh fern im Hörfunk“, eine klingende Programmillustrierte für das DDR-Fernsehvolk mit großer Wirkung: „Die Hörer notierten Sonntagvormittag die wichtigsten Sendungen von ARD und ZDF und gaben die Tipps an Freunde und Verwandte weiter.“

Und noch eine Sendung war ein Muss, kurz bevor die Freiheitsglocke sonntags um zwölf durch die Stube dröhnte: Die Stimme der Kritik mit dem unvergessenen Friedrich Luft, atemlos und jedermann verständlich. Der nahm uns mit in die West-Berliner Theater, zu Barlog und zu Peter Stein, zur Hoppe und zum Minetti. Dorthin, wo wir, wie es geplant war, erst ergraut und würdig als Rentner sitzen durften. Aber: Wenn „Fritze“ wieder einmal eine Inszenierung bei uns im „BE“ oder im Deutschen Theater toll fand, dann waren wir ein bisschen stolz. Komische Zeiten waren das, irgendwie.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv sowie die bereits oben genannten Quellen.


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