Living in a City  —  Reports aus Berlin     – Teil 1 khd
Stand:  1.2.2011   (96. Ed.)  –  File: Heimat/B/Bln/Living_in_a_City_01.html

Auf diesen Seiten habe ich Interessantes aus meiner Heimatstadt Berlin zusammengestellt. Es handelt sich dabei vor allem um Ereignisse und Begebenheiten, die ich selbst erlebt oder beobachtet habe. Meine Reports beginnen 1945 mit dem Ende des 2. Weltkriegs, das ich als 7 1/2-jähriger Junge in Berlin erlebte. Manches ist auch noch nicht ganz fertig. Mit * sind weiterführende Links (meist zu Fotos) angegeben. xxx = Das folgt demnächst. [Translation-Service]

Inhalt:   [1940er] [1950er] [1960er] [1970er] [1980er] [1990er] [2000er] [2006] [Extra]

  1. 1945 – Das Ende des 2. Weltkriegs.
  2. Lehren aus dem 2. Weltkrieg.
  1. Nach 1945 – Abenteuerspielplatz Ruinen.
  2. 1948/49 – Die Blockade West-Berlins.



1945 — Das Ende des Zweiten Weltkriegs

Was geschah 1945 beim Kampf um Berlin? Was erlebte ich in dieser chaotischen Zeit?
 
16. April 1945  —  Montag
  • In der Nacht um 3 Uhr beginnt die Rote Armee an der Oder mit der Schlußoffensive, die in 14 Tagen zur Beseitigung der Nazi-Diktatur Hitlers führen wird.
  • Noch am Vortag hatte die Sowjetarmee unter Marschall Schukow vergeblich versucht, Küstrin an der Oder einzunehmen.
  Es war wohl der letzte Tag, an dem wir Kinder draußen spielen konnten. Wir hatten im großen Hof des Jugend- wohnheims in Weißensee, wo wir nach der Flucht aus der Neumark Ende Januar 1945 vorerst untergekommen waren, so wunderschöne Buden gebaut. Die Mauersteine dazu hatten wir uns aus Ruinen der Umgebung geholt.

Frontverläufe um Berlin im April/Mai 1945
^   Frontverläufe um Berlin im April/Mai 1945. Mit der Eroberung der Seelower Höhen am 18. April 1945 durch die Rote Armee waren die Tage Berlins gezählt. Bereits am 26. April 1945 war der Ring der Roten Armee um Berlin vollkommen geschlossen.   (Grafik: 2005 – tsp)

17. April 1945  —  Dienstag
  • Aus Berlin werden eiligst mit Stadtbussen zusätzliche Soldaten und Panzerjagdbrigaden der Hitlerjugend an die wankende Front an der Oder gebracht.
  • Um 22 Uhr beginnt ein schwerer Luftangriff.
  Für die Bevölkerung beginnt eine ganz schwere Zeit des Leids und der Entbehrungen. Besonders wir Kinder erleben diese Tage bis zum Ende des Krieges und danach sehr intensiv. Und wir lernen sehr viel – fürs Leben.

18. April 1945  —  Mittwoch
  • Schwere Bombenangriffe bis 1.20 Uhr.
  • Aufruf an die Berliner: „Festes Schuhwerk mit in den Bunker nehmen“.
  • Östlich Berlins erobert die Sowjetarmee weite Teile der Seelower Höhen. Damit ist ihr an der Oder der Durchbruch der Ostfront gelungen.
  • Hitler an die Berliner: „Der Bolschewist wird vor der Hauptstadt des Deutschen Reiches verbluten“.
  Seit März 1945 wird Berlin von den Amerikanern und Briten fast ununterbrochen bombardiert. Wir leben fast nur noch im Luftschutzkeller. Es war furchtbar. Wenn in der Nähe Bomben einschlugen, bebte die Erde, und dann schwankt der ganze Keller. Ständig war die große Angst da, daß wir alle verschüttet werden und sterben müssen.

19. April 1945  —  Donnerstag
  • Ein wunderschöner Frühlingstag.
  • Massive Bombenangriffe bis 2.30 Uhr, von 10.40 bis 11.12 und ab 22.31 Uhr.
  • Die Sowjetarmee stößt bei Müncheberg bis auf wenige Kilometer östlich von Berlin vor.
  • Hitler und seine Generäle sind uneins über die weitere Strategie.
  • Die Zeitung B.Z. ruft auf: „Prüfen Sie, ob ihre Gasmaske luftdicht abschließt!“
  Wir kamen gar nicht mehr aus unseren Sachen und dem Luftschutzkeller heraus. Immer wieder gibt es Fliegeralarm. Und jederzeit konnten erneut die Sirenen heulen. Gott sei Dank kündigten die Sirenen niemals einen todbringenden Giftgas-Einsatz an.

20. April 1945  —  Freitag
  • Schwere Bombenangriffe bis 1.05 Uhr, zwischen 9.30 und 11.00 Uhr sowie ab 21.30 Uhr. Es waren die letzten Luftangriffe der Amerikaner und Briten.
  • Im Radio läuft eine Endlosschleife: Goebbels gratuliert Hitler zum 56. Geburtstag.
  • Die Russen erreichen Buchholz östlich von Berlin.
  • Um 13.30 Uhr feuert weit reichende Artillerie der Roten Armee die ersten Salven in die Stadt.
  • Durch einen 5 Minuten langen Dauerton der Sirenen wird „Feindalarm“ ausgelöst. Die Belagerung der Stadt hat begonnen.
  • Eine Zeitung rät zum Anbau von Zuckerrüben im Garten.
  • Die „Waffen-SS“ sucht per Inserat Freiwillige.
  Nie vergessen werde ich den besonders großen „Weihnachtsbaum“ (Markierung für den Ort des Bombenabwurfs), wie er abends unmittelbar vor dem schweren Luftangriff als Menetekel über Berlins Zentrum schwebte.

Erst viel später werden wir erfahren, daß auf Berlin in 289 Luftangriffen die meisten Bomben gefallen sind – 50.000 Tonnen insgesamt. Dabei sterben in Berlin mindestens 50.000 Menschen und über 1/2 Million Wohnungen werden zerstört. Auch 2005 – 60 Jahre später – werden noch immer wieder gefährliche Blindgänger in Berlin gefunden.

21. April 1945  —  Samstag
  • Unter Generaloberst Bersarin erreichen die ersten russischen Panzer an der Landsberger Allee (heute Nr. 563) den Boden Berlins.
  • Der private Verbrauch von Strom und Gas wird verboten.
  • Hitlers Propaganda-Minister Goebbels droht: „Alle, die weiße Fahnen hissen, werden erschossen.“
  • Hitler beschwert sich bei der deutschen Luftwaffe über das massive Artilleriefeuer. Er befiehlt: „Ausmachen.“
  Wir haben sehr große Angst, denn der Artillerie- Beschuß wird immer stärker. Die Häuser beben, und die Scheiben klirren. Das heißt, die Russen kommen immer näher. Unsere Familie beschließt daher, das bislang schützende Jugendwohnheim in Weißensee zu verlassen und nach Westen zu flüchten. Vielleicht kommen da doch noch die Amerikaner.

22. April 1945  —  Sonntag
  • Regnerisch – 9 Grad.
  • Die Ostfront verläuft nun in Berlin entlang der Linie Lichtenberg – Niederschönhausen – Frohnau.
  • Die Millionenstadt ist zum Schlachtfeld geworden.
  • Ab sofort ist es erlaubt, vom Sparkonto bis zu 1000 RM (Reichsmark) abzuheben, ohne vorherige Kündigung.
  • Bekanntmachung: Der Ladenschluß ist aufgehoben. Lebensmittelläden dürfen auch sonntags öffnen.
  • In den noch nicht eroberten Stadtteilen stehen die Berliner nach aufgerufenen Lebensmittel- Sonderzuteilungen wie Reis, Zucker und 30 g Bohnenkaffee an.
  • Letztes Opernkonzert („Zauberflöte“) um 17.30 Uhr im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt.
  Wir machen uns in den frühen Morgenstunden auf den weiten Fußweg von der Wehlauer Straße (heutige Schönhaar Straße) nach Grunewald quer durch das zerbombte Berlin. Wir – das sind 4 Erwachsene, 2 Kinder, 1 Baby (meine kleine Schwester im Kinderwagen ist nur 5 Monate alt) und einige Jugendliche aus dem Wohnheim. Der Weg führt uns durch die Greifswalder Straße, unter einschlagenden Granaten über den Alexanderplatz, vorbei am zerbombten Berliner Schloß und Lustgarten, Unter den Linden, über den Pariser Platz und durchs stark beschädigte Brandenburger Tor.
     
  Nach einer Verschnaufpause ging es unter Beschuß von Tieffliegern durch den Tiergarten, übers Knie (heute der Ernst-Reuter-Platz), durch die ganze Bismarckstraße, vorbei am Messegelände, Halenseestraße bis zum Bismarckplatz in Grunewald, wo wir im Luftschutzkeller der Reichsleitung des Reichsarbeitsdienstes (RAD, * ) umsorgt werden und totmüde übernachten.

23. April 1945  —  Montag
  • In den östlichen Stadtteilen beginnt bereits die Nachkriegszeit mit einer Vielzahl von Übergriffen, Ausschreitungen und Vergewaltigungen durch russische Soldaten.
  • Der Frontverlauf: Tegel – Wollankstraße – S-Bahnhof Schönhauser Allee – Friedrichshain – entlang dem S-Bahnring vom Bahnhof Landsberger Allee und Frankfurter Allee – Teltow-Kanal.
  • Die Rote Armee befreit das KZ Sachsenhausen bei Oranienburg nördlich von Berlin.
  • Hitler gibt den Befehl, alle Berliner augenblicklich hinzurichten, die „unsere Widerstandskraft schwächen“.
  Wir haben also sehr großes Glück gehabt. Denn heute wären wir nicht mehr von Weißensee – vorbei an den vielen Barrikaden – nach Westen durchgekommen. Das Haus mit unserer alten Wohnung in der Hubertusallee steht noch. Sie ist aber mit Ausgebombten teilbelegt, so daß wir derzeit dahin nicht können. Auch waren ja keine Möbel mehr da. Deshalb bleiben wir erst mal beim RAD. Ich erinnere mich an die schönen Metallgitter- Betten und das gute Essen, das es noch beim RAD gab. Das sollte sich schon bald ändern.

24. April 1945  —  Dienstag
  • Das öffentliche Leben der Stadt ist völlig zusammengebrochen.
  • Viele Berliner begehen Selbsmord, um den Russen nicht in die Hände zu fallen.
  • Hitler fühlt sich von seinen Generälen hintergangen.
  Es gibt keine frische Milch mehr. Und hätte meine Mutter nicht vorsorglich in Weißensee den tiefen Brennabor- Kinderwagen reichlich mit kleinen Dosen Kondensmilch vollgepackt, hätte meine kleine Schwester kaum die letzten Tage des Krieges überleben können.

25. April 1945  —  Mittwoch
  • Der Ring der sowjetischen Truppen um Berlin ist geschlossen.
  • Der S-Bahn-Verkehr wird eingestellt.
  • Bei Torgau an der Elbe stoßen die Russen auf die Amerikanern.
  • Am westlichen Stadtrand Berlins beginnen die Kämpfe.
  Da es uns beim RAD nicht sicher erschien, laufen wir zurück nach Westend, wo wir im Schulbunker an der Kastanienallee Unterschlupf finden. Hier bleiben wir dann bis dieser fürchterliche Krieg zu Ende war.

26. April 1945  —  Donnerstag
  • Strahlend blauer Himmel – 17 Grad.
  • Russische Truppen haben in der Nacht das letzte intakte Telefonkabel durchtrennt, das die Hauptstadt mit der Außenwelt verbunden hatte.
  • Schwere Straßenkämpfe in Zehlendorf, Tegel, Steglitz, Tempelhof und Charlottenburg.
  • Der Kreuzberg wird erobert.
  • Die Ostfront verläuft jetzt entlang der Linie Rathaus Schöneberg – Hallesches Tor – Belle-Alliance-Platz (heute Mehring Platz) – Alexanderplatz.
  • Unter dem ununterbrochenen Artillerie-Beschuß sinken im Granathagel viele von den Bomben bislang verschonte Häuser zusammen.
  • Es gibt kein Wasser, Strom oder Gas mehr.
  • Immer mehr NS-Bonzen in Hitlers Bunker verlieren angesichts der aussichtslosen Lage die Nerven.
  • So bittet Göring um Ablösung als Luftwaffenchef wg. seines Herzleidens.
  • Von Plakaten erfahren die Ost-Berliner: General Bersarin ist der russische Stadtkommandant.
  Meine Tante aus Charlottenburg stößt mit ihrem Hund „Trolly“ zu uns, da sie dort ausgebombt wurde. Ihr Mann ist Polizist, der im Revier am Sophie-Charlotte-Platz Dienst tut. Das Wasser muß nun vom Straßenbrunnen geholt werden. Es stellt sich als ein Segen heraus, daß es in Berlin so viele autonome Straßenbrunnen (Pumpen) gibt.

Das Leben im Bunker ist für uns Kinder eintönig. Etwas Abwechselung bringt dann ein Aufzieh-Grammophon, das Jugendliche zusammen mit einigen Schallplatten „organisiert“ haben. Mißlich ist nur, daß nur wenige Grammophon- Nadeln vorhanden sind. Dennoch spielen wir die Platten immer wieder – vor allem die Platte mit der bei den Nazis verpönten „Lili Marleen“ und eine mit Rumba-Musik.

Und überhaupt: Das „Organisieren“ wird in der Nachkriegszeit noch eine ganz große Bedeutung erhalten.

27. April 1945  —  Freitag
  • Die Russen haben alle östlichen Bezirke Berlins erobert.
  • Nicht nur der Potsdamer Platz ist ein einziges Trümmerfeld.
  • SS-Chef Himmler versucht über den schwedischen Grafen Bernadotte Verhandlungen mit den West-Alliierten über eine Teilkapitulation aufzunehmen.
  Die Bunkerzeit war auch die Zeit der vielen Gerüchte. Und so hieß es plötzlich, im nicht allzuweit entfernten Olympia- Stadion gäbe es noch reichlich Lebensmittel. Einige Jugendliche machen sich auf den Weg. Und sie bringen jede Menge Kekse mit.

28. April 1945  —  Samstag
  • Starker Regen – 11 Grad.
  • Die Russen haben Zehlendorf, Reinickendorf, Wedding, Tempelhof, Schöneberg, Steglitz, Kreuzberg, Wilmersdorf und Spandau erobert.
  • Der Kampf um den Berliner Stadtkern und den Reichstag beginnt.
  • Lebensmittelkarten werden nicht mehr ausgegeben.
  • Bersarin verbietet die NSDAP (Partei der Nazis).
  • Die Berliner müssen alle Waffen, Radios, Autos und Fotoapparate abliefern.
  Immer wieder geht mir durch den Kopf, was wohl aus den tapferen Volkssturm- Männer geworden ist, die wir am 22. April im Tiergarten trafen (etwa dort, wo heute das sowjetische Ehrenmal steht). Sie waren mit jeder Menge Panzerfäusten ausgerüstet, die schußbereit in Holzkisten lagerten. Man übe für den „Endsieg“ und warte auf den „Iwan“, wie sie sagten. Als Erinnerung schenkten sie mir eine Bedienungsanleitung der „Panzerfaust 30 und 60 m für Einzelkämpfer“.

Frontverlauf in Berlin am 28. April 1945
^   Am 28. April 1945 ist Hitlers „Drittes Reich“ auf nur wenige Quadratkilometer geschrumpft. Die Rote Armee hat das Regierungsviertel in Berlin eingekreist (rote Linie). Der Endkampf um Reichstag und Reichskanzlei (Führerbunker) beginnt. [Russ. Lageplan]   (Grafik: 2005 – khd/am.net)


29. April 1945  —  Sonntag
  • Die Sowjets erobern im Westen das Schloß Charlottenburg und die gesamte Bismarckstraße.
  • In Mitte wird das Rote Rathaus und der Lustgarten erobert.
  • Russische Truppen stehen jetzt 300 m vor Hitlers „Führerbunker“ in der Wilhelmstraße.
  • Hitler erkundigt sich, wie lange es noch dauern würde, bis die Russen kommen. „24 Stunden.“
  • Hitler heiratet seine Freundin Eva Braun und bereitet seinen Selbstmord vor.
  • In seinem Testament ernennt er Großadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger.
  • Hitler ruft auf, alle noch lebenden Juden zu ermorden.
  Brot gibt es nun schon seit Tagen nicht mehr. Aber wir haben ja nun die Kekse. Die ersten Russen tauchen auf. Sie wollen nur eins: „Uri – Uri“ oder „Frau komm!“

Viele Frauen erleiden in diesen Tagen großes Leid. Etwa 100.000 Frauen wurden in Berlin von russischen Soldaten vergewaltigt, 10.000 Frauen wurden dabei getötet.


30. April 1945  —  Montag
  • Im Regierungsviertel gehen die Kampfhandlungen unerbittlich weiter.
  • Hitler begeht nachmittags zusammen mit seiner Frau Eva im „Führerbunker“ Selbstmord.
  • Rotarmisten dringen gegen 18 Uhr in den Reichstag ein und hissen an der Kuppel die Rote Fahne.
  • Bis Ende April sind rund 450.000 Rotarmisten in Berlin einmarschiert.
  Im Radio lügen die Nazis bis zuletzt. Denn sie melden (erst) am 2. Mai, daß „der Führer beim Kampf um Berlin gefallen“ sei.

Bei den Kämpfen am Sophie-Charlotte-Platz wird heute mein geliebter Onkel, den wir dort noch am 22. April bei unserem Marsch durch Berlin trafen, schwer verwundet, was wir erst Tage später erfahren werden.

Russische Panzer stoßen über die Moltkebrücke zum Reichstag vor      

<   Ein letzter Akt des 2. Weltkriegs: Panzer der Roten Armee stoßen am 30. April von Moabit kommend über die Moltkebrücke zum Reichstag vor. Berlin ist erobert und wird in den frühen Morgenstunden des 2. Mai 1945 kapitulieren.   (Foto: 30.4.1945 – nn?)

[Stadtplan] [Moltkebrücke im Jahr 2006]


1. Mai 1945  —  Dienstag
  • Um 1 Uhr ist die Eroberung Berlins durch die Rote Armee praktisch abgeschlossen.
  • Großadmiral Dönitz übernimmt in Flensburg die Geschäfte des Reichspräsidenten.
  • Die Sowjets lehnen jegliche Verhandlungen ab und fordern die bedingungslose Kapitulation.
  • Gegen 21.30 Uhr wird in Berlin der Widerstand eingestellt.
  Der grausame Krieg war hier aus. Aber so richtig freuen können wir uns nicht. Denn wir haben so ziemlich alles verloren. Aber wir leben. Und viele andere nicht.

So auch mein Onkel, der heute früh an seinen schweren Verwundungen gestorben ist. Man beerdigt ihn notdürftig am Sophie-Charlotte-Platz.

2. Mai 1945  —  Mittwoch
  • Grauer Himmel – 8 Grad.
  • Der Berliner Kommandant General Weidling unterzeichnet um 6 Uhr im Gefechtsstand der Roten Armee am Schulenburgring (Viktoriapark) in Tempelhof die Kapitulation Berlins.
  • Um 10 Uhr stürmen die Russen den „Führerbunker“. Sie finden die verbrannten Leichen des Ehepaars Hitler.
  • Die SS läßt noch sinnlos den S-Bahntunnel unter dem Landwehrkanal sprengen, worauf das gesamte Tunnelsystem geflutet wird. Viele Berliner ertrinken.
  Meine Mutter versucht per Fahrrad zu erkunden, ob in Grunewald noch unsere Wohnung intakt ist. Längs der Straßen lagen überall noch viele Tote, erzählt sie später. An der großen Eisenbahnbrücke in der Halenseestraße wurde sie von 2 Russen aufgehalten und wieder zurückgeschickt. Sie dachte erst, die wollen sie erschießen.

3. Mai 1945  —  Donnerstag
  • Heiter bis wolkig – 11 Grad.
  • Wasser, Strom und Gas sind abgeschaltet.
  • Die sowjetische Stadtkommandatur ordnet eine provisorische Lebensmittelversorgung an.
  • Die Rationen pro Tag für Ertwachsene:
    200 g Brot, 10 g Zucker, 25 g Fleisch, 10 g Salz, 400 g Kartoffeln, 2 g Kaffee.
  • Arbeitsfähige Einwohner werden zum Schutträumen von wichtigen Straßen herangezogen.
  Meine Mutter versucht, nochmals nach Grunewald zu gelangen. Sie geht diesmal zusammen mit Natascha, einem russischen Mädchen, das im Jugendwohnheim gearbeitet hatte. Als sie an der Hubertusallee ankamen, waren dort überall Russen. Auf einmal rief Natascha: „Da kommt ja mein Bruder als Soldat.“ Mit der Wohnung war alles in Ordnung. Geschützt durch Natascha kehrt Mutter von der Erkundung zurück.

4. Mai 1945  —  Freitag
  • Regen – 15 Grad.
  • An den Berliner Straßenbrunnen bilden sich lange Schlangen, denn die Berliner müssen sich Trinkwasser in Eimern holen.
  • Die Russen verteilen die ersten Lebensmittelmarken.
  • Der Berliner Rundfunk beginnt mit dem Sendebetrieb unter sowjetischer Regie.
  • Schering erhält den Befehl, die Produktion von Arzneimitteln wieder aufzunehmen.
  In diesen Bunker-Tagen gibt es sehr wenig zu essen. Meistens nur Wassersuppen, die mit etwas Mehl oder Graupen angedickt sind. Ein krönendes Essen sind Graupenbrei mit in wenig Margarine braun gebratenen Zwiebelwürfeln. Und nicht nur ich träume: Wann wird es wohl wieder ein richtiges Mittag mit Fleisch, Soße, Kartoffeln und Schokoladenpudding geben?

5. Mai 1945  —  Samstag
  • Die Rote Armee hat die gesamte Region Berlin- Brandenburg unter Kontrolle.
  • Die Jagd auf die Nazis beginnt.
  In einer Bäckerei in der Reichsstraße erhalten wir das erste Brot – klitschiges Kommißbrot („Russenbrot“).

6. Mai 1945  —  Sonntag
  • Nieselregen – 14 Grad.
  • Das Gaswerk in Lichtenberg nimmt wieder die Produktion auf.
  • In der Zehlendorfer Paulskirche konstituiert sich die Evangelische Kirche für Berlin neu.
  • In Berlins Bezirken werden vom russischen Stadtkommandanten die ersten Bürgermeister eingesetzt.
  Wir verladen unsere wenigen Habseligkeiten auf eine große ‚organisierte‘ Schubkarre, verlassen den Bunker und ziehen damit von der Kastanienallee, vorbei am Haus des Rundfunks und am Funkturm, durch die Halenseestraße nach Grunewald. Am Straßenrand liegen noch immer Erschossene, Munition und auch tote Pferde und ausgebrannte T34-Panzer der Russen.

7. Mai 1945  —  Montag
  • In Reims verhandelt Generaloberst Jodl auf Weisung von Großadmiral Dönitz in US-General Eisenhowers Hauptquartier über eine deutsche Gesamtkapitulation.
  • Die Versorgung der Berliner mit dem Lebensnotwendigsten ist katastrophal.
  • Deshalb schaffen die Sowjets Eisenbahnzüge voller Nahrung (vor allem Getreide und Kartoffeln) aus dem Osten nach Berlin heran.
  Da wir in Grunewald zunächst nur ein großes leeres Zimmer vorfinden, holen wir uns mit unserer großen Karre von der RAD Betten – auch diese schönen Metallgitter- Betten für Kinder. Und wir konnten wieder wunderbar schlafen. Wenn nur nicht der entsetzliche Hunger wäre.

8. Mai 1945  —  Dienstag
  • Blauer Himmel – 16 Grad.
  • „Tag der Befreiung“, wie er später heißen wird.
  • Die deutsche Wehrmacht kapituliert.
  • In Berlin ist es nach dem wochenlangen Gefechtslärm ganz still geworden.
  • In der Nacht zum 9. Mai um 0.15 Uhr wird im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst von Generalfeldmarschall Keitel die bedingungslose Kapitulation Deutschlands endgültig unterzeichnet.
    Kapitulation-Unterzeichnung

  • Der vom Hitler-Deutschland angezettelte 2. Weltkrieg ist in Europa zu Ende.
  Das so angstmachende Pfeifen der vielen „Stalinorgeln“ (Katjuscha- Raketenwerfer) ist nun verstummt. Und es herrscht eine beeindruckende Stille in der großen Stadt – eine Stille, wie sie nie mehr erreicht worden ist.

Im Garten eines benachbarten Hauses, wo sich die Russen einquartiert hatten, findet abends bis tief in die Nacht eine große Siegesfeier mit Musik und Tanz statt. Es war für uns nicht ganz ungefährlich, denn vor Freude schießen sie trunken vom Wodka immer wieder wahllos in die Gegend.

9. Mai 1945  —  Mittwoch
  • Waffenruhe in Europa. Japan wird erst am 2.9.1945 kapitulieren, nach dem Abwurf von amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6.8. bzw. 9.8.1945.
  • Berlin (Brecht: „Der Schutthaufen bei Potsdam“) bietet ein trostloses Bild.
  • Von den rund 245.000 Gebäuden ist fast ein Fünftel zertrümmert oder schwer beschädigt.
  • Von den rund 1,5 Millionen Wohnungen sind etwa 600.000 zerstört und 100.000 stark beschädigt.
  • In Berlin müssen 80 Millionen Tonnen Trümmerschutt beseitigt werden.
  • Zwischen den Trümmern leben in Berlin noch etwa 2,3 Millionen Menschen (vor dem Krieg waren es 4,3 Millionen).
  Das ist ein ganz schwerer Tag – vor allem für meine Tante aus Charlottenburg und meine Mutter. Sie begruben meinen Onkel, mit dem ich vor Weihnachten noch so herrliches Marzipan- Konfekt gebacken hatte, auf dem Grunewald- Friedhof. Dazu holten sie sich zunächst eine große Plane vom RAD, denn Särge gab es keine. Am Sophie-Charlotte- Platz mußten sie ihn selbst ausgraben und dann mit dem großen Karren zum Grunewald- Friedhof an der Bornstedter Straße fahren, wo sie das Grab selbst ausgeschaufelt hatten. Meine Mutter schreibt in ihren Notizen: „Was mußten wir stark sein!“

Regierungsviertel nach der Endschlacht    
^   Das Regierungsviertel an der Wilhelmstraße liegt 1945 nach der mörderischen Schlacht um Berlin in Schutt und Asche. Und falls der Krieg in Deutschland nicht schon Anfang Mai zu Ende gegangen wäre, wären wohl die amerikanischen Atombomben auf Berlin gefallen...   (TV-Shot: 2005 – khd/extra)
Nazi-Bunker in Mitte
^   Lage der Nazi-Bunker im früheren Regierungsviertel. Zur Fußball-WM wurde eine Infotafel angebracht.   (Grafik: 2006 – tsp)
10. Mai 1945  —  Donnerstag
  • Nun ist Frieden — alle hoffen für immer.
  • Am sinnlosen Weltkrieg waren 61 Länder beteiligt.
  • 22 Miilionen Quadratkilometer wurden mit Kampfhandlungen überzogen.
  • Etwa 65 Millionen Menschen sind im 2. Weltkrieg auf allen Seiten getötet worden, 40 Millionen davon waren Zivilisten. Aber ganz genau weiß das keiner.
  • Mehr als 35 Millionen Menschen sind kriegsversehrt.
  • Gekostet hat der globale Wahnsinn außerdem über 1000 Milliarden Dollar, wie später einmal geschätzt werden wird.
  • Nie wieder Krieg“, heißt es deshalb allerorten.
  • 60 Jahre später wird 2005 im Zentrum Berlins – unweit des Orts des früheren „Führerbunkers“ – das Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Stelenfeld von Peter Eisenman) eingeweiht.
  Die ersehnten Amerikaner kamen doch noch nach Berlin. Erst im Juli 1945 rücken die Westalliierten in Berlin ein und übernehmen die Westsektoren. Berlin hat nun 4 Sektoren und 4 Stadtkommandanten. Ob das wohl gut geht? Wir wohnen im britischen Sektor.

Erst viel später erfahren wir Kriegskinder, daß die Nationalsozialisten über 6 Millionen Juden in Massenvernichtungslagern bestialisch gequält und ermordet haben (Holocaust). Ich erfuhr erstmalig von dem Juden- Morden der Nazis durch ein A5-Broschüre über das KZ Buchenwald, das ich mir selbst für 50 Pfennig am Zeitungskiosk * kaufte. Und das war wohl erst 1946 oder 1947.

11.–20. Mai 1945  —  Die Nachkriegszeit beginnt
  • Stadtkommandant Bersarin befiehlt die Einrichtung von Kartenstellen.
  • Neue Lebensmittelkarten werden ausgegeben.
  • Keine S- oder U-Bahn. Alle Wege müssen – trotz Hungers – per Fuß zurückgelegt werden.
  • Am 13. Mai fahren die ersten Omnibusse.
  • Am 13. Mai nimmt im Haus des Rundfunks der „Berliner Rundfunk“ den Sendebetrieb auf.
  • Radioapparate müssen nicht mehr abgegeben werden.
  • Am 14. Mai fährt die erste U-Bahn wieder.
  • Die Verdunkelungspflicht wird aufgehoben.
  • In einigen Kinos flimmern die ersten (russischen) Filme über die Leinwand.
  • Am 15. Mai erscheint die erste Zeitung – die „Tägliche Rundschau“ und einige Tage später die „Berliner Zeitung“.
  • Am 17. Mai beginnt der erste Nachkriegsmagistrat seine Arbeit.
  • Am 20. Mai findet im Großen Sendesaal an der Masurenallee eine erste Matinee des RBT-Orchesters statt.
  Es gibt jetzt Lebensmittelkarten in 5 Kategorien: Schwerstarbeiter, Wissenschaftler und Künstler – Arbeiter und Ingenieure – Angestellte – Nichtberufstätige – Kinder.

Das Wasser muß noch immer per Eimer vom nächsten Straßenbrunnen geholt werden. Erst am 20. Mai 1945 gibt es bei uns wieder fließendes Wasser aus dem Hahn. Es ist sehr stark gechlort, denn nun droht die große Typhus- und Ruhr-Gefahr.

Im Oktober ’45 begann dann für mich nach einem 3/4 Jahr ‚Ferien‘ wieder die Schule *. Auch hier holen uns die Folgen des Krieges ein. Wir Kinder müssen erst einmal auf dem Schulhof die vielen Glassplitter in Konservendosen sammeln.

Und wie es dann in Berlin weiterging, das kann im „Berlin-Kalender 1945–1949“
der Berlinischen Monatsschrift nachgelesen werden.

2. Weltkrieg  —  Lehren der Kriegskinder für‘s ganze Leben
  • Krieg ist niemals ein Mittel zur Bewältigung von Konflikten.
  • Folge niemals jedweden Ideologien.
  • Traue niemals (allwissenden) Parteien.
  • Lasse dich niemals von Parteien vereinnahmen.
  • Falle niemals auf demagogische ‚Führer‘ (Chefs) herein.
  • Denke immer selbst — lasse niemals denken.
 


Quellen und ergänzende Links:  Vieles stammt aus den Notizen meiner Mutter und meiner Erinnerung. Aufgrund der vielfältigen Informationen zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Zeitungen (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, B.Z. und auch Spiegel) konnte ich 2005 endlich Lücken und Fakten in der linken Spalte ergänzen. Die Grafik zum Frontverlauf wurde aus dem Tagesspiegel digital reproduziert. (Last Update: 1.2.2011)


Nach 1945 — Berlins Ruinen werden zum Abenteuerspielplatz

So bitter auch nach 1945 die Zerstörung Berlins war, die Kinder entdeckten die Ruinen- Landschaft als ihren Spielplatz. Was später in den 70er-Jahren Pädagogen erst mühsam den Behörden abtrotzen mußten, hatte der Krieg geschaffen – einen riesigen Abenteuerspielplatz mit Steinen, Eisenträgern und Holzbalken. Zwar war das Spielen in den Ruinen und den Trümmern nicht ganz ungefährlich. Denn es gab noch reichlich gefährliche Blindgänger allerorten. Und an eine pädagogische Betreuung war natürlich nicht zu denken. Aber der Nachholbedarf beim kreativen, freien Spiel war für die Bunker- und Kellerkinder besonders groß.

Hinzu kam, daß zunächst überall noch für Kinder interessantes Kriegsgerät wie Flaks, Scheinwerfer, Schützen- Panzer herumstand. Damit ließ sich herrlich spielen. Auch konnte man in ausgebrannten Straßenbahnen endlich mal an der Kurbel drehen. Aus Sicht der Kinder wurden diese Plätze viel zu schnell beseitigt. Aber es mußte ja in der Stadt aufgeräumt werden.

 
Bombenfund in Steglitz
Aus: Berliner Morgenpost + B.Z., 24.5.2005.

BERLIN. Eine 500 Kilogramm schwere russische Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg ist am Montag abend [23.8.2005] in Berlin- Steglitz mehrere Stunden nach dem Fund entschärft worden. Wie die Polizei mitteilte, war der Spreng- körper am Nachmittag bei Ausschachtarbeiten für ein Mehrfamilienhaus in der Kniephofstraße freigelegt worden. Erst am späten Abend konnte der Polizeitechnische Dienst die Bombe erfolgreich entschärfen. Anschließend wurde sie zum Spreng- platz im Grunewald gebracht.

Zuvor waren rund 500 Wohnungen im Umkreis der Fundstelle aus Sicherheitsgründen evakuiert worden. Die Anwohner, darunter auch viele ältere und kranke Menschen, wurden teilweise in einer benachbarten Schule, einem evangelischen Gemeindehaus sowie in BVG- Bussen vorüber- gehend untergebracht. Das Areal zwischen Thorwaldsen-, Kniephof- und und Bismarckstraße wurde für den Verkehr vollständig gesperrt. Insgesamt waren rund 70 Polizeibeamte und 12 Feuerwehrleute im Einsatz. Ursprünglich war die Polizei von einer 250-Kilo-Bombe ausgegangen.

Um 21 Uhr konnte endlich Entwarnung gegeben werden. Für Polizei-Feuerwerker Bernd Nieter (60) war das die 120. Großbombe seiner Karriere, die er erfolgreich unschädlich machte. Die Entschärfung dauerte so lange, weil die beiden Zünder labil und stark verformt waren. Noch in diesem Jahr geht Nieter in Pension.

Spielen in Ruinen

Die Ruinen blieben länger stehen. Und eine beliebte Frage der Kinder war damals, wie lange es wohl dauern würde, bis Berlin wieder aufgebaut ist. Die Schätzungen gingen von 20 bis 100 Jahren. Es blieb also Zeit, in den Ruinen zu spielen. Da wurden Buden aus Mauersteinen mit Fenstern gebaut, die sogar mit Lehm verputzt wurden. Denn Lehm fand man in den Ruinen immer dort, wo einst Kachelöfen gestanden hatten. Mißlich war nur, daß dieses Spiel die Kleidung so dreckig machte. Oft gab es deshalb zu Hause Ärger.

Natürlich wurde in den Ruinen auch Räuber und Gendarm und Verstecken gespielt. Besonders beliebt waren aber die großen Schnitzeljagden, die quer durch die Ruinen- Landschaft des ganzen Ortsteils gingen. Gemein war es, falsche Fährten in höhere Stockwerke der Ruinen zu legen.

Nicht nur in den Ruinen wurde gespielt, auch auf den Straßen. Ein Spiel, das heute wg. des Verkehrs unmöglich ist, hieß „Treibeball“. Dazu brauchte man eine lange Straße wie die Humboldtstraße, einen Tennis- oder Schlagball und 2 Mannschaften. Mit Ballweitwürfen trieben sich dann die Mannschaften längs der Straße zwischen Kurfürstendamm und Sportplatz an der Warmbrunner Straße. Verloren hatte die Mannschaft, die zuerst bis an eines der Straßenenden getrieben wurde.

Länderklau – Ein Spiel wie im richtigen Leben

Länderklau Aber das ultimative Nachkriegsspiel war „Länderklau“, das am besten auf Erdboden wg. der leichten Markierbarkeit gespielt wurde. Ein großes Rechteck wurde in 4 gleiche Teile („Länder“) geteilt und in der Mitte in einem kleinen Kreis ein Stock plaziert. Jeder der 4 Mitspieler wählte sich ein Land, das er repräsentieren wollte. Dann stellten sich die Mitspieler mit einem Fuß noch in ihrem Land so auf, daß man schnell weglaufen konnte. Ein vorher ausgeloster Angreifer rief dann „Ich habe Wut auf das verfluchte Land ...“ und lief dann zum Stock. Der Spieler des verfluchten Landes mußte weglaufen. Sobald der Angreifer den Stock in der Hand hielt, rief er „Stop“. Das „Land“ mußte stehen bleiben. Nun mußte der
Berlins Trümmerfrauen      
^   Zehntausende Berliner Trümmerfrauen räumten die riesigen Schuttberge ab. Viel Geld bekamen sie nicht (0,72 RM/Stunde), aber die ersehnte Lebensmittelkarte für Schwerarbeit.   (Repro: 2003 – khd)
Angreifer versuchen den angegriffenen Länderspieler von seinem Territorium aus mit dem Stock zu berühren. Gelang ihm das, konnte er sich soviel vom Land des Angegriffenen einverleiben, wie er von seinem Land aus mit dem Stock erreichen konnte. Der Angegriffene wurde nächster Angreifer. Das Spiel endete – wie im richtigen Leben, wenn ein Land alles erobert hatte. Oft gab es vor dem Spielen Streit darüber, wer denn nun Amerika (A) sein durfte.

Der Wiederaufbau beginnt

Irgendwann war es dann soweit, die Ruinen wurden abgerissen. Da Sprengstoff nicht zur Verfügung stand, wurde das „Einreißen“ mit Seilwinden vorgenommen. Es war für uns Kinder spannend zu beobachten, ob es klappte. Die Seilwinden wurden zunächst an kräftigen Bäumen mit kurzen Seilen fest verankert. Dann befestigten die Arbeiter das Zugseil an einer Ruinenwand. Per Handkurbel wurde nun an der Winde so lange gedreht, bis die Wand unter Gepolter und viel Staubentwicklung einstürzte. Gefährlich wurde es, wenn dabei das Zugseil riß und durch die Gegend peitschte.

Und lag dann die Ruine endlich als Schuttberg da, dann kamen Berlins Trümmerfrauen. Sie sortierten den Schutt, klopften mit Hämmern die Mörtelreste von den Mauersteinen und stapelten die Steine. Denn diese Ziegelsteine waren wertvolles Baumaterial für den Wiederaufbau der Stadt. Der Schutt, der übrig blieb, wurde mit Loren- Bahnen abtransportiert. Dazu wurden am Rande der Straßen kilometerlange Schmalspur- Schienenstränge mit Weichen und Drehscheiben verlegt. Im westlichen Teil führten diese Gleise meist zu einem Platz in der Nähe des S-Bahnhofs Priesterweg, wo der Trümmerschutt zu einem Berg aufgetürmt wurde. Man wird diesen Trümmerberg später den „Insulaner“ taufen. Im Grunewald entstand sogar ein noch größerer Berg – der „Teufelsberg“

Neue Spiele

Wir Kinder fragten uns, wo die denn plötzlich die vielen Loren herhatten. Egal, sie wurden zum neues Spielfeld. Nach Feierabend wurden die Kipp-Loren auf abschüssigen Grundstücken zum „Abfahren“ genutzt. Gebremst wurde mit kräftigen Knüppeln an den Rädern der Wagen. Nach einer Abfahrt mußte die Lore wieder mühsam bergauf geschoben werden. Es war dennoch ein Heidenspaß.

So um 1950 war dann in unserer Gegend Schluß mit den Abenteuern in einer Trümmer- Landschaft. Alle Ruinen waren abgerissen, der Schutt und die Steine abtransportiert. Die Reste der blaugekachelten »Pommerschen«, des »Lichtgeschäfts«, des »Café Wohlei« (sp?) und unsere so geliebte »Burgruine« in der Humboldtstraße waren verschwunden. Die Ruinen- Grundstücke lagen nun brach, harrend darauf, daß wieder Häuser darauf gebaut werden. Aber das dauerte noch einige Jahre. Und so ergriff die Natur Besitz von den Freiflächen. Es entstanden große „Wiesen“. Und auf Wiesen baut man Zelte auf. Also bauten wir uns einfache Zelte und spielten Indianer und „Tom Brack“ in der Prärie.

Übrigens, wo wir damals so herrlich spielten wurden nie mehr Häuser gebaut. Es wurde dort Mitte der 50er-Jahre ein riesiger Graben ausgebaggert – die Berliner Stadtautobahn entstand.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv. (Last Update: 16.7.2008)


1948/49 — Die Blockade West-Berlins

Schon bald nach dem (heißen) 2. Weltkrieg kühlten sich die Beziehungen zwischen Sowjets und den Westalliierten wg. unterschiedlicher Interessen ab. Es begann der Kalte Krieg zwischen Ost und West, der bis zur großen Wende durch den Zusammenbruch des Kommunismus um 1989/1990 andauerte.

Den Sowjets war es ein Dorn im Auge, daß – wie im Februar 1944 auf der Konferenz von Jalta zwischen Roosevelt, Churchill und Stalin vereinbart – Berlin von allen 4 Alliierten im Kontrollrat verwaltet wird, obwohl Berlin auf dem Territorium ihrer Besatzungszone lag. So kamen sie 1947/48 auf die Idee, die 3 Westsektoren schlichtweg – wie man das schon im Mittelalter machte – auszuhungern. Sie wollten das ganze Berlin.

      Rosinenbomber im Anflug auf Tempelhof
^   „Rosinenbomber“ (Transportmaschine) im Landeanflug auf Tempelhof. Berliner Kinder stehen auf einem Schuttberg am Flughafen und warten auf Schokolade, die manche amerikanische Piloten an kleinen Fallschirmen beim Landen abwerfen.   (Repro: 9.10.2004 – khd)
Anlaß für den Sowjet-Affront war dann die Einführung der D-Mark durch die Westmächte am 21. Juni 1945. In der Nacht zum 24. Juni 1948 verhängten die Sowjets eine Blockade der Land- und Wasserwege von und nach West-Berlin, die den Verkehr mit dem Westteil der Stadt weitgehend zum Erliegen brachte. Damit konnten auch keine Waren mehr zur Versorgung West-Berlins per Bahn, Schiff oder Lkw hereintransportiert werden. Als einziger unkontrollierter Weg blieben die Luftverbindungen über die 3 garantierten Luftkorridore nach Westen.

General Clay rettet Berlin

Der amerikanische General
Lucius D. Clay setzt sich bei der US-Regierung dafür ein, daß man die 2 Millionen West- Berliner nun nicht ihrem Schicksal überlassen könne und die Amerikaner aktiv etwas gegen den sowjetischen Affront unternehmen müssen, wollen sie nicht als total unglaubwürdig abgestempelt werden. Und so wurde die Idee der Versorgung West-Berlins via Luftbrücke („big lift“) geboren. Allerdings war noch niemals eine Millionenstadt über einen längeren Zeitraum nur durch die Luft versorgt worden.

Schon am 26. Juni 1945 nehmen die Westmächte die Versorgung West- Berlins über eine Luftbrücke auf. Bis zum Ende der Sowjet- Blockade werden rund 2,3 Millionen Tonnen lebenswichtiger Güter mit rund 280.000 Flügen nach Berlin transportiert. Alle 2 bis 3 Minuten landete zuletzt eine Maschine auf einem der 3 West-Berliner Flughäfen (Tempelhof, Gatow und Tegel). Der Schießplatz Tegel war in nur 3 Monaten zu einem Flughafen ausgebaut worden. Sogar die Havel wird zum Landen von britischen Sunderland- Wasserflugzeugen genutzt.

9. September 1948 – Ein Tag, den Berliner nie vergessen

Vor dem total ausgebombten Reichstag versammeln sich am 9. September 1948 fast 1/2 Million Berliner, um aller Welt zu zeigen, daß sie in Freiheit leben wollen. Nur wenige Tage zuvor wurde am 6. September das gewählte Stadtparlament von den Kommunisten mit Gewalt und unter Tumulten (was
RIAS Berlin live übertrug) aus dem im Ostsektor gelegenen Stadthaus verjagt. Damit hatte sich die Lage in Berlin dramatisch verschärft.

Der spätere Oberbürgermeister Ernst Reuter (SPD) sah die Gefahr, daß sich die Russen entgegen aller Absprachen die gesamte Vier-Sektoren- Stadt einverleiben und der Westen dem tatenlos zuschauen könnte. Er rief deshalb die Berliner auf, für ein Leben in Freiheit zu demonstrieren. In seiner berühmten Rede vor der Ruine des Reichstags appellierte er an die Völker der Welt:

          Ernst Reuter
^   Ernst Reuter (SPD) bei seiner berühmten Rede vor dem Reichstag am 9. September 1948.   (Repro: 2004 – khd)

Heute ist der Tag, an dem nicht Diplomaten und Generäle reden und verhandeln. Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt. Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt. (...)

Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!

Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: Gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.

Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan. (...)

Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht.

Dieser Kampf durch das Zusammenstehen der Berliner war eigentlich erst 41 Jahre später am 9. November 1989 gewonnen – als in Berlin die Mauer fiel. Aber dann kamen erst noch die Bedenkenträger aus der westdeutschen Provinz, die Berlin mit abenteuerlichen Begründungen nicht wieder zur Hauptstadt machen wollten. Und erst als auch diese hausgemachte Herausforderung vom Tisch war, war Berlins Kampf um Freiheit und Einheit wirklich gewonnen.

Berliner lassen sich nicht aushungern

Der Durchhaltewille der West-Berliner in ihrer Stadt, die 1948 noch immer in Schutt und Asche lag, war enorm. Sie müssen während der Blockade auf sehr vieles verzichten. Das fängt schon bei den Kartoffeln und der Versorgung mit Kohle, Strom und Gas an. Mit den damals recht kleinen Flugzeugen („Rosinenbomber“) transportierte man möglichst ‚konzentrierte‘ Nahrungsmittel. Also gab es beispielsweise nur Trockenkartoffeln, Trockengemüse, Trockenobst, Trockenmilch und Eipulver. Auch Frischfleisch gab es nicht, nur manchmal Fleischkonserven. Eine große Abwechselung im kargen Speiszettel brachte der Kartoffelbrei, der sich aus dem Pulver „POM“ zubereitet ließ.

Der Blockade-Winter 1948/49 war zudem ein sehr harter Winter, so daß die Berliner sich überall her Holz ‚organisierten‘ – auch die Holzbalken aus den Ruinen und Stubben von Straßenbäumen. Und als diese alle verfeuert waren, ging’s an die Bäume im Tiergarten. Dennoch erfroren viele Berliner in dem kalten Winter.

Die Gas- und Stromversorgung der Westsektoren von seiten der Kraft- und Gaswerke im Sowjetsektor wurde drastisch eingeschränkt, so daß lange Strom- und Gassperren notwendig wurden. Mit den Flugzeugen wurde zwar auch Kohle eingeflogen, aber diese reichte nicht für eine Rundum- Versorgung aus. Um die Versorgung West- Berlins zu verbessern, fing man damals an, das im Krieg zerstörte (und wohl von den Russen auch ausgeplünderte) Kraftwerk West (heute das Kraftwerk Reuter) zu reparieren. Dazu wurden in Westdeutschland Kraftwerksteile zerlegt, um sie einfliegen zu können. In Rekordzeit wurde in Tegel eine neuer, dritter Flughafen mit Start- und Landebahn aus dem Boden gestampft.

Nachrichten und Leberwurst

      RIAS-Logo
Während der Blockade sendete der
RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor – „Eine freie Stimme der freien Welt“) Nachrichten aus Lautsprecherwagen, die durch die Stadt fuhren, da die West-Berliner nur wenige Stunden Strom am Tag hatten und so meist kein Radio hören konnten. Transistor- Radios gab es noch nicht. Wir Kinder erwarteten damals oft die Ankunft des Lautsprecherwagens mit Jürgen Graf am S-Bahnhof Halensee, um später zu Hause von den neuesten Nachrichten zu berichten.

Die Blockadezeit war auch die Zeit von manchen Hamsterfahrten in die „Zone“, wie die sowjetisch besetzte Zone (SBZ) kurz genannt wurde. Denn bei märkischen Bauern im Umland konnten im Tausch gegen Hausrat, Bilder oder Teppiche begehrte Nahrungsmittel wie frische Kartoffeln, Gemüse und Speck erworben werden. Man durfte sich nur nicht auf der Rückfahrt nach West-Berlin von Ost-Kontrolleuren erwischen lassen. Auch wurde damals der Küchenzettel durch kuriose Rezepte wie beispielsweise Brotaufstrich aus Eicheln, Kuchen mit gesammelten Bucheckern, Puffer aus Kartoffelschalen, Kunstleberwurst aus Haferflocken mit viel Majoran ergänzt. Dennoch herrschte immer wieder Hunger, Hunger, . . .

Die Blockade ist zu Ende

Am 12. Mai 1949 beenden die Sowjets nach 321 Tagen ihren Versuch, die Westmächte aus Berlin herauszudrängen, da die West- Berliner zäh und die Luftbrücke so erfolgreich war. Die West- Berliner ließen sich nicht aushungern. Die Blockade West- Berlins ist zu Ende, die Luftbrücke wurde noch bis zum September 1949 fortgesetzt. Die Blockade hat aber bewirkt, daß aus einstigen Feinden Freunde wurden. Die meisten (West-) Berliner werden nie vergessen, daß sie den Amerikaner ihr Leben in Freiheit verdanken.

      Platz der Luftbrücke mit Denkmal
^   Platz der Luftbrücke vor der Haupteingang des Flughafens Berlin Tempelhof. Mit dem Denkmal wird der Opfer der Luftbrücke gedacht. Die drei himmelwärtsragenden Betonbögen symbolisieren die drei Luftkorridore zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet (nach Hamburg, Hannover und Nürnberg).   (Foto: 2006 – mopo)
Unter den West- Berlinern herrscht große Freude. Denn schon am ersten Tag ohne Blockade kommen Lkws aus West- Deutschland über die Autobahn von Helmstedt mit lange entbehrten Köstlichkeiten nach Berlin. Die Waren werden gleich vom Lkw verkauft. Sie werden den Händlern aus den Händen gerissen. Ich erinnere mich, daß meine Tante mit einer ganzen Kiste mit Bücklingen und einer Kiste Harzer Käse nach Hause kam – alles Dinge, die es in Berlin seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hatte. Auch konnten nun wieder richtige Kartoffeln und frisches Gemüse gekauft werden. Die Zeit der widerlich schmeckenden Trockenkartoffeln und riesigen Entbehrungen war zu Ende. Berlin konnte endlich wieder aufgebaut werden. Und wir Kinder schätzten damals, der Wiederaufbau der Stadt würde wohl „mindestens 50 Jahre dauern“.

Gedenken an die Blockade

Bei der Luftbrücke fanden 78 Menschen den Tod. Ihnen zu Ehren und zum Gedenken an die Luftbrücke wurde vor dem
Haupteingang des Zentralflughafens Tempelhof 1951 ein Denkmal errichtet (die „Hungerharke“). Übrigens, nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde Anfang der 1990er-Jahre auch der RIAS ‚abgewickelt‘. Ein Teil der Sende- Tradition lebt heute im Programm des DeutschlandRadios Kultur weiter.

Im Jahr 2008 jährte sich am 24. Juni zum 60. Mal der Beginn der Berliner Blockade. Die Zeitungen erinnerten sehr ausführlich an die Situation von 1948/49. Allerdings ignorierte Berlins rot-roter Senat diesen Gedenktag. Eine offizielle Feier zur Erinnerung an den Beginn der Entbehrungen und den Kampf um die Freiheit West-Berlins gab es nicht. Das solle erst am 12. Mai 2009 zur 60. Wiederkehr des Ende der Blockade erfolgen, heißt es.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv. (Last Update: 2.6.2010)


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