| I n h a l t : 2009 | [Translation-Service] |
W E R T H E I M - A R E A LHilton eröffnet Waldorf Astoria im Zoofenster
Berlin ist die erste deutsche Stadt, in der sich die Premium-Marke der Hotelgruppe ansiedelt.
Aus: Die Welt, Berlin, 24. Januar 2009, Seite xx (Berlin). [Original]BERLIN (BM). Es war eines der am besten gehüteten Geheimnisse: Ein Jahr lang liefen die Verhandlungen, Ende Dezember wurden die Verträge unterschrieben, gestern Mittag gaben sich die neuen Hausherren zu erkennen: Die Hilton-Hotel-Gruppe wird mit ihrer Luxusmarke Waldorf Astoria in das neu erbaute 118 Meter hohe Zoofenster an der Hardenbergstraße einziehen. Das Fünf-Sterne-Plus-Haus, dessen berühmtester Vertreter in New York steht, ist das erste Waldorf-Astoria-Hotel in Deutschland. Europaweit ist es sogar das erste neu erbaute Haus der Premium-Marke. Es wird mit 242 luxuriösen Zimmern und Suiten in dem 31-stöckigen Wolkenkratzer voraussichtlich 2011 eröffnen.
Die Nachricht von dem neuen Luxus-Etablissement in der City-West überraschte gleich doppelt: Vor mehr als 5 Jahren war die Hilton-Hotel-Gruppe schon einmal im Gespräch für den Betrieb des Zoofensters und hatte sich dann aber wieder zurückgezogen. "Der Markt und die Perspektive haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert", sagt Ulrich Widmer, Vice President Development der Hilton Hotels. Heute sei alles anders. Berlin habe sich in den vergangenen 5 bis 6 Jahren wahnsinnig entwickelt und präsentiere sich jetzt noch stärker als Weltstadt. Daher sei der Zeitpunkt genau richtig.
Etwa 180 Millionen Euro fließen in das Gesamtprojekt Zoofenster. In dem Wolkenkratzer gegenüber vom Bahnhof Zoo entstehen neben dem Hotel auch Lofts, Büros, ein Wellnessbereich und Geschäfte. Investor ist das Unternehmen Harvest aus Abu Dhabi, entwickelt wird das Projekt von Swan Operations mit gleichem Sitz. Der Entwurf stammt von dem Frankfurter Architekten Christoph Mäckler, der gestern auch noch einmal eine überarbeitete Variante vorstellte. Das Hochhaus sei jetzt "etwas schöner proportioniert", sagt Mäckler über das Gebäude, für das gerade die Fundamente zwischen Hardenberg- und Kantstraße gelegt werden. Der Neubau besteht aus Naturstein und Glas. Nur der obere Teil, der dem Hochhaus den Namen Zoofenster gibt, ist auf der einen Seite komplett verglast. Die Glas-Silhouette soll künftig auch nachts beleuchtet sein. In den unteren beiden Etagen sind Geschäfte, Restaurants und ein zweigeschossiger Ballsaal für 400 Personen vorgesehen. Der Hotelbetrieb erstreckt sich bis zur 15. Etage. Es schließen sich Büros bis zum 21. Stockwerk an. Zwischen der 22. und der 31. Etage befinden sich Appartements. Wie das Hotel im Detail ausgestattet sein wird, "ist noch nicht in Stein gemeißelt", sagt Hilton-Manager. Traditionell, luxuriös - daran bestehe kein Zweifel. Aber vermutlich werde man in Berlin auch moderne Anklänge mit einfließen lassen.
Mit der Bekanntgabe des neuen Betreibers bestehen jetzt berechtigte Hoffnungen, dass eine der ältesten Baustellen zum Abschluss gebracht wird. Seit mehr als 16 Jahren laufen die Planungen für das Grundstück, bereits 1999 hatte der ehemalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen den Grundstein gelegt. Klaus-Dieter Gröhler (CDU) ist erleichtert, dass die "furchtbare Wunde" nach jahrelangem Hin und Her endlich geschlossen wird. Dass jetzt sogar ein Waldorf Astoria die Lücke füllt, "adelt die City-West", sagte Gröhler. Er glaube daran, dass von dem Luxushotel eine Initialzündung für das gesamte Umfeld zwischen Kudamm und Gedächtniskirche ausgehe. Es sei nur eine Frage der Zeit, so Gröhler, bis wieder "richtige" Züge am Bahnhof Zoo halten werden. Nicht der Orient-Express, aber zumindest wieder ein ICE [Ed: wenn dann endlich Bahn-Chef Mehdorn gefeuert worden ist].
V E R L Ä N G E R U N G D E R U 5Am Leipziger Platz geht das Geld aus
Ein 250 Millionen Euro teures Projekt steht auf der Kippe: Im Frühjahr sollten die Bauarbeiten beginnen, doch Pläne auf dem ehemaligen Wertheim-Areal fehlt dem Investor das Geld. Jetzt sucht er Partner.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 31. März 2009, Seite xx (Berlin). [Original]BERLIN (Tsp). Wegen der Finanzkrise gerät Berlins prominentestes Bauprojekt ins Wanken. Auf dem 22.000 Quadratmeter großen ehemaligen Wertheim-Gelände in bester Mitte-Lage am Leipziger Platz wollte der Investor Orco ursprünglich in diesem Frühjahr damit beginnen, die Baulücke zu schließen. Geschäfte, Wohnungen, Hotel und Büros mit einer Passage und ein kleines Kaufhaus ein Projekt für 250 Millionen Euro. Jetzt trüben sich die Aussichten. Ob sich die Pläne verwirklichen lassen, ist unklar. Nur die Stoffkulissen mit den vorgesehenen Fassaden trösten über das Nichts dahinter hinweg.
Zwar hätte Orco für den Baukomplex nach Entwürfen des Architekten Jan Kleihues noch gar keinen Bauantrag stellen können, weil das amtliche Bebauungsplanverfahren vermutlich erst im Frühsommer abgeschlossen ist, doch es fehlt neben der Planungssicherheit auch das Geld zum Bauen. "Wir haben bisher nur in reinen Optimismus investiert", sagt Sabrina Eilers, Sprecherin des deutschen Orco-Tochterunternehmens. "Wir spüren die Auswirkungen der Finanzkrise, die Banken tun sich schwer mit dem Geldgeben." Deshalb suche die deutsche Orco nach Investoren, die sich an dem Bauvorhaben beteiligen können. "Das Projekt steht aber nicht zum Verkauf", sagt Sabrina Eilers. Mit den Schwierigkeiten der Mutter-Gesellschaft in Paris hat die Orco-Group Gläubigerschutz beantragt habe das Tochterunternehmen nichts zu tun. Auch seien die Aktien, vorübergehend vom Markt genommen, seit vergangenem Freitag [27.3.2009] wieder im Handel.
Mit möglichen Mit-Investoren beim Leipziger-Platz-Projekt gebe es Gespräche. Das Unternehmen hofft, dass eine Partnerschaft zustande kommt. Andernfalls sei das Projekt gefährdet. Schon im Januar hatte das Immobilienunternehmen Orco mitgeteilt, der Zeitplan lasse sich wegen des Bebauungsplanverfahrens nicht halten. 2008 hatte Orco sein Projekt mit Luxuswohnungen an der Fehrbelliner Straße in Mitte mangels Nachfrage gestoppt. Zu den Berliner Projekten gehört auch der geplante Umbau des Hauses Cumberland am Kurfürstendamm.
Das Unternehmen hatte das ehemalige Wertheim-Areal 2006 für 75 Millionen Euro erworben. Schon frühere Eigentümer kamen mit dem Areal nicht zurecht. Nach der Wende wähnte sich der Bund als Eigentümer und wollte das einstige Ost-Berliner Gelände über die bundeseigene Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) verkaufen. Die Pläne der Münchner Investoren Kottmair scheiterten wie derVersuch der TLG, das Gelände selbst für ein Büro- und Geschäftszentrum zu entwickeln. Dann erhoben die Erben der Kaufhausfamilie Wertheim Ansprüche. Der Bund trat 2003 zurück, Karstadt unterlag in einem Prozess gegen die Erben. Sie verkauften schließlich an Orco. [mehr]
S T R E I T U M S K L I N I K U M D E R F U BDas sind Berlins neue U-Bahnhöfe
Aus: Berliner Morgenpost, 30. Mai 2009, Seite xx (Berlin). [Original]BERLIN (BM). Karl Friedrich Schinkel (17811841) gilt nicht nur als Berlins wohl bedeutendster Architekt und Baumeister, Ruhm erlangte er auch mit einigen seiner Bühnenbilder. Eines der bekanntesten, die 1816 geschaffene Dekoration zur Aufführung von Mozarts Zauberflöte in der Lindenoper, hat ganz augenscheinlich den Schweizer Architekten Max Dudler bei seinem Entwurf für den künftigen U-Bahnhofs Museumsinsel inspiriert.
Die 20 Meter unterhalb des Schloßplatzes in Mitte liegende Station soll ganz nach Schinkelschem Vorbild ein blaues Kuppeldach erhalten. Am bis zu 10 Meter hohen Gewölbehimmel werden dann Tausende kleine LED-Lämpchen wie Sterne blinken, die den Bahnhof in ein ganz besonderes Licht tauchen.
Monatelang haben die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ein Geheimnis daraus gemacht, wie die Bahnhöfe an der geplanten Verlängerung für die U 5 einmal aussehen werden. Gestern stellten Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und BVG-Vorstandschef Andreas Sturmowski den Zeitplan für das millionenschwere Infrastrukturprojekt und erste Gestaltungsdetails vor.
Drei neue Stationen werden demnach an der 2,2 Kilometer langen Strecke geplant, die die heutige U-5-Endhaltestelle Alexanderplatz mit dem Bahnhof Brandenburger Tor (Endpunkt der "Stummellinie" U 55) verbinden soll: Der Bahnhof "Berliner Rathaus" gleich neben dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters, der Bahnhof "Museumsinsel" unterm Schloßplatz sowie der Bahnhof "Unter den Linden" unter der Kreuzung des Boulevards mit der Friedrichstraße.
Schon vor Jahren hatte die Senatsverwaltung namhafte Architekten mit der Gestaltung der Stationen beauftragt. Der Auftrag an sie: In Berlins Mitte sollten nicht nur schnöde Zweckbauten, sondern ganz besondere Gebäude entstehen. Doch nachdem der Senat Planung und Baudurchführung der U-5-Verlängerung an die BVG übergab, kam es zum Dissens. Die BVG lehnte die Bahnhofsentwürfe in der ursprünglichen Form ab. Die Gebäude waren ihr im Bau wie auch im späteren Unterhalt zu teuer. Und nicht gerade fahrgastfreundlich. "Es geht um Bahnhöfe für unsere Kunden, nicht um die Selbstverwirklichung von Architekten", sagt BVG-Chef Sturmowski stets. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer wünscht sich dagegen, dass die Bahnhöfe unter der Altstadt von Berlin ein ganz besonderes Flair haben. "An einem solch historischen Standort ist eine hohe bauliche wie architektonische Qualität gefordert", so die Senatorin.
Der nun vorgestellte Kompromiss soll beiden Forderungen entsprechen. Deutlich wurde: Ein einheitliche Gestaltungslinie, wie auf einigen Berliner U-Bahn-Linien praktiziert, wird es nicht geben. Jeder Bahnhof ist ein Unikat. So wird es im Bahnhof "Berliner Rathaus" großzügige, nicht überdachte Zugänge sowie gläserne Fahrstuhlschächte zu den Bahnsteigen geben. Die Station "Unter den Linden" bekommt eine riesige Lichtdecke.
Richtig losgehen mit dem Bauen soll es laut BVG-Chef Sturmowski im Herbst 2010. Bis dahin wird vor dem Roten Rathaus eine große Grube ausgehoben: Zum einen für den nur knapp unter der Oberfläche liegenden Bahnhofsneubau, zum anderen für den Einlass der Schildvortriebsmaschine, mit der der gut zwei Kilometer langer Tunnel bis zum Pariser Platz gebohrt werden soll. Auf bergmännische Weise müssen unter anderem die Spree, der Schloßplatz, der Spreekanal, der Linden-Boulevard und die U-Bahn-Trasse unter der Friedrichstraße unterquert werden.
Der Knotenpunkt der U 5 mit der Linie U 6 wird für die BVG nicht nur technisch das wohl schwierigste Bauwerk. Diese Baustelle hat auch die am stärksten spürbaren Auswirkungen auf den Verkehr in der Innenstadt. Laut BVG-Chef Sturmowski wird es unter anderem eine bis zu 15-monatige Unterbrechung der Linie U 6 zwischen Friedrichstraße und Stadtmitte geben. Die Sperrung beginnt nach dem jetzigen Bauplan der BVG im August 2011 und dauert mindestens bis Juni 2012. Busse sollen die Lücke im Zugverkehr überbrücken. Dies dürfte für die U-6-Nutzer erhebliche Fahrzeitverlängerungen zur Folge haben, denn die Busse müssen sich durch verstopfte Nebenstraßen quälen. Denn auch die Einmündung in die südlichen Friedrichstraße bleibt mindestens 15 Monate lang gesperrt. Auf der Straße Unter den Linden wird während dieser Zeit der Autoverkehr auf die nördliche Fahrbahn verlegt, soll aber in beide Richtungen weiter fließen. Spätestens 2017, so das erklärte Ziel der BVG, sollen die neue U-Bahn-Strecke sowie die 3 neuen Bahnhöfe fertig sein. Gerechnet wird dann mit bis zu 155.000 Fahrgästen am Tag.
Der Lückenschluss zwischen Alexanderplatz und Pariser Platz wird allerdings deutlich teurer als bisher kalkuliert. Nach aktuellen Berechnungen der BVG wird der Bau von Tunneln, Gleisen und Stationen voraussichtlich 433 Millionen Euro kosten. Beim Abschluss des Hauptstadtvertrages 1994 hatten der Bund und das Land Berlin mit 1,3 Milliarden Mark (665 Millionen Euro) für die U-5-Verlängerung gerechnet. Doch allein der kurz vor dem Abschluss stehende Bau der 1,8 Kilometer langen Teilstrecke vom Hauptbahnhof bis zum Pariser Platz mit ihren drei Stationen "Hauptbahnhof", "Bundestag" und "Brandenburger Tor" hat laut BVG schon 320 Millionen Euro verschlungen. Der Bund trägt laut Hauptstadtvertrag von den Gesamtkosten 150 Millionen Euro. Davon stehen für den Lückenschluss nur noch etwa 70 Millionen Euro zur Verfügung. Daraus ergibt sich ein Finanzierungsbedarf von 363 Millionen Euro, den das Land Berlin aus dem eigenen Haushalt aufbringen muss. Zwar kann der Senat dazu auch die sogenannten Regionalisierungsmittel nutzen, die der Bund jedes Jahr zweckgebunden für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur bereitstellt. Dieses Geld, so sagen die Kritiker der U-5-Verlängerung, wird Berlin für andere Vorhaben wie etwa die Sanierung vorhandener U-Bahn- und Straßenbahnstrecken fehlen.
Nicht von ungefähr dürfte daher die Forderung von Junge-Reyer an die BVG kommen, nach weiteren Einsparpotenzialen zu suchen. "Ich erwarte weitere Anstrengungen der BVG zur Kostensenkung", so die Verkehrssenatorin gestern. BVG-Chef Sturmowski sieht dafür wenig Spielraum. Er hofft aber darauf, dass die in den nächsten Wochen erfolgende Ausschreibung des Millionen-Auftrags für den Rohbau von Strecke und Bahnhöfe noch Kostensenkungen bringen werden. "Wie viel wissen wir erst Anfang 2010, wenn die Ergebnisse der Ausschreibung ausgewertet sind", so Sturmowski.
]Neue Debatte um Zukunft des UKBF
Lenzen für Teilprivatisierung / Finanzsenator Nußbaum offenbar nicht abgeneigt / Scharfe Kritik der Charité.
Aus: In Blogs gefunden, 26. Juli 2009, 13.32 Uhr MESZ (Berlin-Politik). Die Original-Information stammt aus einem Tagesspiegel-Artikel vom 26.7.2009, Seite xxx. [Original
[Ed: Die eigentlich Frage, die sich die handelnden und nicht-handelnden Figuren nicht zu stellen wagen, ist aber: Braucht Deutschland in Berlin 2 Voll-Universitäten? Die Antwort ist einfach: Ja! Und zwar staatlich finanziert, wobei auch Stiftungsmodelle (mit Sponsoren- Beteiligung) in Betracht kommen könnten].
BERLIN. Der Präsident der Freien Universität (FU) Berlin, Dieter Lenzen, hat mit seinem Vorschlag zu einer Teilprivatisierung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF) der Charité einen heftigen Streit ausgelöst. Während Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) nicht völlig abgeneigt zu sein scheint, reagierte die Charité mit scharfer Kritik und warf Lenzen Eigenmächtigkeit vor. Nach Darstellung des Ärztlichen Direktors, Ulrich Frei, würde das Haus damit in seiner Existenz gefährdet.
Lenzen schlägt einem Zeitungsbericht [Ed: im Tagesspiegel] zufolge vor, das UKBF in Steglitz mit einem privaten Investor und der FU zu betreiben und Standorte in Mitte aufzugeben. Die Zusammenarbeit mit der Charité sollte sich auf die Forschung und die Ausbildung von Studenten beschränken. "Man muss die Frage stellen, ob es vernünftig ist, das Virchow-Klinikum und den Standort in Mitte zu erhalten oder vielmehr die beiden Kliniken zusammenzufassen", sagte Lenzen. Das Universitätsklinikum Benjamin Franklin dagegen sei unverzichtbar [Ed: für die FUB].
Die Charité scheitere an ihrer Größe, sagte Lenzen. "Wenn darüber nachgedacht wird, ob die Charité alle Standorte braucht, könnte eine mögliche Variante darin bestehen, dass vor dem Hintergrund anhaltender staatlicher Kürzungen für das UKBF ein privater Investor gefunden und mit 49 Prozent an dem Haus beteiligt wird", fügte er hinzu. Für einen privaten Klinikkonzern hätte dies den Vorteil, dass er die Krankenversorgung übernehmen könnte. Im Gegenzug müsste er sich bereiterklären, in die Sanierung des Standorts zu investieren sowie universitäre Forschung und Lehre zu garantieren.
Nußbaum schließt einen Teilverkauf der Charité offenbar nicht aus. Der Senator sei "offen für innovative Ideen", sagte Nußbaums Sprecher Daniel Abbou. Es gebe allerdings "noch keinerlei Festlegung oder Richtungsorientierung". Abbou fügte hinzu: "Wir sind derzeit in der Phase der Informationsgewinnung." Nußbaum habe das UKBF am Dienstag [21.7.2009] besucht. Dabei habe Lenzen ihm sein Konzept vorgestellt. Keinesfalls sei es bei dem Besuch um eine Schließung des Klinikums gegangen, versicherte Abbou. Er fügte hinzu: "Niemand will das UKBF schließen." [Ed: niemand? aber die Charité-Oberen arbeiten doch seit 6 Jahren daran, z. B. mit dem geplanten Neubau eines Bettenhauses in Mitte...].
Nach Darstellung von Frei ist das UKBF ein "wichtiger Standort der Charité", der nicht der FU zugeordnet werden könne. Mit seinem Vorstoß habe Lenzen der Klinik "einen Bärendienst erwiesen". Er verkenne die "weit vorangeschrittene Integration und Abstimmung" aller Charité-Standorte. Eine solche Diskussion sei "absurd" und setze die "erfolgreiche Entwicklung aufs Spiel", sagte der Ärztliche Direktor. Zugleich warf er Lenzen schlechten Stil vor, weil er nicht zunächst mit dem Vorstand das Gespräch gesucht habe.
Was die Charité endlich brauche, seien "strukturelle Planungssicherheit und eine zuverlässige und solide finanzielle Perspektive", forderte Frei. Der Senat hatte den geplanten Neubau eines Bettenhauses der Charité kürzlich auf Eis gelegt. Statt der vom Klinikum geforderten 750 Millionen Euro für Investitionen wurden zunächst nur 330 Millionen in Aussicht gestellt. Alles weitere soll von einem wirtschaftlichen Konzept für Vivantes [Ed: Berliner Krankenhausgesellschaft] und die Charité abhängen.
Im Jahr 2002 hatte dem Klinikum in Steglitz das Aus gedroht. Nach massiven Protesten wurde stattdessen beschlossen, das UKBF und die Charité mit ihren beiden Standorten in Mitte und Wedding zu einer neuen Berliner Universitätsmedizin unter dem Namen Charité zu fusionieren. Sie ist seit 2003 eine eigene Holding. Zuvor gehörte das UKBF zur Freien Universität, die anderen Standorte zur Humboldt-Universität [Ed: wobei der FU-Standort Wedding (Virchow) schon vor 2000 der Humboldt-Universität zugeschlagen worden war]. [Chronik des UKBF] [UKBF-Links]
D A S K L I N I K U M D E R F U BKriminelle Energie
Mit Privatisierung und Veruntreuung von Steuergeldern haben die Berliner Erfahrung. Für ihren zugezogenen Finanzsenator sind das noch "innovative Ideen".
Aus: Junge Welt, Berlin, 27. Juli 2009, Seite 1 (Titel). [Original]BERLIN (jW). Berlins neuer Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) erwägt einen Teilverkauf der Berliner Charité. Der Senator sei "offen für innovative Ideen", erklärte sein Sprecher am Sonntag im Tagesspiegel [26.7.2009]. Er bezog sich damit auf einen Vorschlag des Präsidenten der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen. Der hatte am Wochenende in der Berliner Zeitung nahegelegt, das zur Charité gehörende Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) in Berlin-Steglitz teilweise zu privatisieren. "Eine mögliche Variante" könne darin bestehen, "daß vor dem Hintergrund anhaltender staatlicher Kürzungen für das UKBF ein privater Investor gefunden und mit 49 Prozent an dem Haus beteiligt wird". Nußbaums Sprecher zufolge hatte Lenzen dem Senator sein "Konzept" bereits am vergangenen Dienstag [21.7.2009] erläutert.
Mit der Beteiligung privater Gesundheitskonzerne hat die Charité einschlägige Erfahrungen. Das bislang größte dieser Pilotprojekte beschäftigt derzeit die Berliner Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte. Wie eine Justizsprecherin am Mittwoch [22.7.2009] vergangener Woche auf jW-Anfrage bestätigte, liegt der Behörde seit Mitte März eine Strafanzeige gegen den Geschäftsführer der Helios-Kliniken, Francesco de Meo vor. Darin wird dieser beschuldigt, im Sommer 2007 eine Auktionsfirma mit der Veräußerung von Geräten aus dem Eigentum der Charité beauftragt zu haben. "Die Prüfung der Vorwürfe in dem genannten Verfahren dauert an", so die Sprecherin. Ein Abschluß sei "derzeit nicht prognostizierbar".
Die jW vorliegende Anzeige umfaßt einschließlich beigefügten Beweismaterials etwa 80 Seiten. In den Anlagen findet sich u. a. die Ankündigung einer für den 24. August 2007 avisierten Industrie-Auktion diverser medizinischer Geräte auf dem Charité-Campus Berlin-Buch sowie ein Schreiben des damaligen Vorstandschefs der Charité, Detlev Ganten, an de Meo vom 18. Juli 2007. Darin heißt es: "Auf größtes Unverständnis stößt (...) im Vorstand der Charité (...), daß eine Firma mit der Versteigerung der Einrichtungsgegenstände beauftragt ist, (...) ohne daß ein Abgleich von Gegenständen, die der Charité (...) gehören, erfolgt ist." Offenbar weil er Gefahr im Verzug sah, forderte Ganten, daß "die Charité (...) Zugang zu allen Räumen erhält, um anhand unserer Inventarlisten das Eigentum der Charité (...) vor einer Versteigerung zu retten."
Das staatliche Uniklinikum und der private Krankenhauskonzern hatten 2001 einen Vertrag über Zusammenarbeit bei der klinischen Forschung auf dem Charité-Campus Buch geschlossen. Ursprünglich sollte er bis 2020 laufen, wurde aber im Herbst vergangenen Jahres nach Presseberichten über eine mutmaßliche Quersubventionierung des Helios-Konzerns durch die Charité in Millionenhöhe vorfristig aufgelöst. Ebenfalls im Herbst räumte Ganten sein Amt. Auch gegen den ehemaligen Charité-Chef liegt eine eine Strafanzeige vor: Ihm wird Untreue und Zweckentfremdung von Steuermitteln vorgeworfen.
Völlig ahnungslos gibt sich indessen der Berliner SPD-Linke-Senat. Wie ein Sprecher von Forschungssenator Emil Jürgen Zöllner (SPD) am Freitag [24.7.2009] auf jW-Anfrage erklärte, ist der Verwaltung der von Ganten 2007 geschilderte Sachverhalt "nicht bekannt". Auch von der Strafanzeige, die der Staatsanwaltschaft seit über 4 Monaten vorliegt, habe man "keine Information". Der Senator ist Vorsitzender des Charité-Aufsichtsrats. Wie die Geschäftsstelle des Kontrollgremiums auf jW-Anfrage erklärte, sei das Thema dort bislang "nicht erörtert worden". [UKBF-Links]
W E S T - B E R L I NChronik des UKBF
Aus: Berliner Morgenpost, 28. Juli 2009, Seite ?? (Berlin). Diese Zeitungs-Chronik wurde hier mit [...] redaktionell ergänzt und ab Stichwort FU-Vorstoß fortgeschrieben. [Original]
Gründung: 1948 wird im Westteil Berlins die Freie Universität (FU) gegründet. Die Medizin gehört zu den Gründungsfakultäten. Vorlesungen verteilen sich aber auf verstreut liegende städtische Krankenhäuser. Schließlich übernimmt die 1955 gegründete Benjamin-Franklin-Stiftung die Planung eines eigenständigen Universitätsklinikums Steglitz. Träger sind die USA, die Bundesrepublik Deutschland und die Stadt Berlin.
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Das UKBF in Steglitz, auch Klinikum Steglitz genannt. Es wurde mit amerikanischer Hilfe für die Freie Universität Berlin (FUB) gebaut. (Repro: 2003 khd)
Bauzeit: Als Architekten werden die Büros Curtis & Davis aus New Orleans und Franz Mocken aus Berlin beauftragt. Am 21. Oktober 1959 ist die Grundsteinlegung, am 9. Oktober 1968 die Eröffnung. Das Haus gilt als erstes Großklinikum der Bundesrepublik mit 160.000 Quadratmetern Fläche und 1350 Betten. Die USA zahlen rund 1/5 der Baukosten in Höhe von 304 Millionen Mark. [Schon bei der Eröffnung platzt das Klinikum Steglitz aus allen Nähten. Nicht alle klinischen Bereiche können darin untergebracht werden. Und so wird nach einigem Streit das Krankenhaus Westend in Charlottenburg 2. Standort für die klinische Medizin der FU]. Im Jahr 1993 wird das Haus in Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) umbenannt.
Neuordnung: 1995 führt das Gesetz über die Neuordnung der Hochschulmedizin das ehemalige FU-Klinikum Rudolf Virchow, [das inzwischen zusammen mit den Kliniken aus dem Standort Westend entwickelt worden war], mit der Charité unter dem Dach der Humboldt-Universität zusammen. Nur das UKBF [in Dahlem-Nähe] verbleibt an der FU.
[Außerdem werden die in Dahlem angesiedelten Institute des Fachbereichs Grundlagenmedizin (u. a. Anatomie, Biochemie, Physiologie) alle dem UKBF zugeordnet, um deren Forschungsergebnisse aufzuwerten. Dieser Fachbereich 1 der FU wird aufgelöst. Das ruft in den forschungsintensiven Grundlagenfächern (Vorklinik) erheblichen Unmut hervor, da diese im Klinikbetrieb regelmäßig ‚untergebuttert‘ werden. Auch deshalb waren diese mehr naturwissenschaftlich orientierten Fächer bei der großen Uni-Reform von 1969/70 in einem gesonderten Fachbereich (FB 1 der FUB) zusammengefaßt worden, wo sie sich prächtig entwickelten].
Uni-Status: SPD und Linke [da noch die PDS] sehen 2001 in ihrem Koalitionsvertrag vor, dem UKBF seinen universitären Status zu entziehen und es zu einem kommunalen Krankenhaus herabzustufen. Es kommt zu Demonstrationen, Protestbriefen und Klage-Androhungen. Mehr als 330.000 Berliner unterschreiben im Zuge einer Morgenpost-Aktion für den Erhalt der Uni-Klinik.
Fusion: Im Jahr 2003 verliert [unter einem schwachen FU-Präsidenten] das Universitätsklinikum Benjamin Franklin seine Eigenständigkeit: Es wird mit der Charité in Mitte fusioniert. Die neue Charité verteilt sich auf 4 Standorte: Den historischen Charité-Campus in Mitte (zu erkennen am Bettenhochhaus an der Luisenstraße), das UKBF in Steglitz, das Virchow-Klinikum in Wedding und Forschungsstätten in Buch.
Vorstoß: Im Frühjahr 2005 regt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit [SPD] an, die Arbeit der beiden Landesbetriebe Charité und Vivantes [Berliner Krankenhausgesellschaft] zu koordinieren und ein Konzept unabhängig von den Standorten zu entwickeln. Die Angst vor der Abwicklung ist wieder da, [denn der Wowereit-Vorstoß bedeutet de facto die Schließung des UKBF als Uni-Klinik].
Vorklinik: Im Sommer 2006 flammt die Debatte wieder auf. Der Senat will die Vorklinik, also die theoretische Ausbildung von Medizin-Studenten, am UKBF schließen [und komplett in Mitte neu aufbauen, um angeblich 40 Mio. Euro pro Jahr einsparen und die Grundstücke in Dahlem verkaufen zu können]. Die FDP fordert [treu neo-liberal], den Klinikbetrieb zu privatisieren. [Obwohl dieses Senats-Ansinnen deutlich in die Richtung Aufgabe des UKBFs weist, wird in der Öffentlichkeit ein entschiedenes Aufbegehren vermißt, was bereits am erfolgten massiven Personalabbau in den vorklinischen Fächern liegen mag].
Schließung: Zuletzt entfacht im März 2009 der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) "angesichts der Kostensteigerungen" an der Charité erneut die Debatte über eine Aufgabe des UKBF. Denn allein die Sanierung des Bettenhauses am Standort Mitte soll statt 130 nun 260 Millionen Euro kosten. Doch auch das UKBF hat [reichlich] Modernisierung nötig, [denn Berlins Senat hat es schlichtweg über die Jahre baulich verloddern lassen].
Arbeitgeber: Die Charité-Standorte verfügen über mehr als 3000 Betten. Die Charité, die im kommenden Jahr 300 Jahre alt wird, gilt damit als Europas größtes Universitätsklinikum.
FU-Vorstoß: Im Sommer 2009 startet FU-Präsident Lenzen angesichts des an der FU aufgestautem enormen Unmuts über die Entwicklung des Molochs Universitätsmedizin Berlin einen Vorstoß, das UKBF wieder an die FU zurückzuholen, um so exzellenter Forschung in einer überschaubaren Größe Platz zu geben. Dazu gehört auch, daß die vorklinischen Fächer in Dahlem verbleiben müssen.Mehr zum Thema Charité / UKBF:
[19.01.2002: UKBF: Allmähliche Abwicklung] (BERLINER ZEITUNG)
[12.02.2002: Wozu braucht Berlin zwei Unikliniken?] (SPIEGEL ONLINE)
[15.07.2006: Sarrazin stellt sich Zorn der Professoren] (BERLINER MORGENPOST). Diskussion über Zukunft der Charité und Schließung der Dahlemer Vorklinik.
[03.09.2007: Charité: Neue Spaltung?] (JUNGE WELT). Am Berliner Uniklinikum wird über die Einrichtung einer internen Leiharbeitsagentur nachgedacht.
[05.08.2008: Folgen der Privatisierung] (JUNGE WELT). IG BAU bekräftigt Vorwürfe an Charité Facility Management. Prekäre Arbeitsbedingungen bei Krankenhausreinigung führen zwangsläufig zu Defiziten im Gesundheitsschutz.
[16.08.2008: »Ich bin doch nicht blöd«] (JUNGE WELT). Beschäftigte bei teilprivatisierter Charité-Tochter wehren sich gegen prekäre Arbeitsbedingungen.
[26.07.2009: Neue Debatte um Zukunft des UKBF] (In Blogs gefunden)
[28.07.2009: Chronik des UKBF] (BERLINER MORGENPOST)
[04.08.2009: Wie viele Unikliniken braucht Berlin?] (DEUTSCHLAND-RADIO KULTUR)
[05.08.2009: Maulkorb für Charité-Professoren] (DER TAGESSPIEGEL)
[06.08.2009: So kann Berlin nicht Weltspitze sein] (DER TAGESSPIEGEL)
[08.08.2009: Uniklinik Charité in Berlin könnte durch Privatkapital saniert werden] (TOP-NEWS)
[13.08.2009: Die FU soll nicht an den Katzentisch] (DER TAGESSPIEGEL). Winfried Benz, Wegbereiter für die Fusion der Berliner Uni-Medizin: Das Konzept kann funktionieren. Ohne die Charité sähe die FU im Ranking schlechter aus. Ein Artikel des FU-Kenners Uwe Schlicht.
A B Z U G D E R A L L I I E R T E NDas dritte Deutschland
West-Berlin war ein merkwürdiges politisches Gebilde: Die Stadt weiß noch immer nicht, wie sie mit dem Erbe umgehen soll.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 30. August 2009, Seite xx (Essay) von WILFRIED ROTT. [Original]P eople of the world look at Berlin! Barack Obama wiederholte als Präsidentschaftskandidat am 24. Juli 2008 nur wenige hundert Meter vom Reichstag entfernt die legendären Worte von Ernst Reuter und richtete damit die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit auf die Anfänge West-Berlins und seinen Kampf um die Freiheit. Ein Ereignis und ein Mann wurden durch den zukünftigen US-Präsidenten aus ihrer Schattenexistenz geholt. Die Büsten von Ernst Reuter, einst in manchem Bezirksrathaus feierlich aufgestellt nunmehr unbeachtet abgestellt unter Treppenaufgängen oder neben Toiletteneingängen.
West-Berlin mit seiner einmaligen Geschichte droht einem Vergessen anheimzufallen, das einer "Vernichtung von Geschichte" (Adorno) gleichkommt, doch wird im Fall von West-Berlin keineswegs "für sich schon Nichtiges", sondern Besonderes vernichtet, an das zu erinnern im neuen vereinigten Berlin kein Platz zu sein scheint. Der Ostteil der Stadt negiert die Geschichte der anderen Stadthälfte und betont demonstrativ, dass dies nicht "seine" Geschichte sei. Im Westteil ist es nicht sonderlich opportun, sich zum "alten" West-Berlin zu bekennen oder dafür zu interessieren, will man nicht einer ranzigen Nostalgie verdächtigt werden.
Dabei war West-Berlin [Ed: amtliche Bezeichnung war Berlin (West)] eines der merkwürdigsten politischen Gebilde des 20. Jahrhunderts, das mit all seinen Eigenheiten oft die Grenzen des Bizarren streifte. Es galt als Land der Bundesrepublik Deutschland und wurde doch nicht von ihr regiert. Es war ein Land mit Gesetzen, die ohne Mitwirkung ihrer Bevölkerung zustande kamen, denn die Bürger West-Berlins durften nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen und konnten sich an kein Verfassungsgericht wenden. Alle Macht in der Stadt ging von den alliierten Stadtkommandanten der Amerikaner, Briten und Franzosen aus, unter deren Regiment ein Regierende Bürgermeister als Stadtoberhaupt mit beschränkter Vollmacht agierte. Auf den Personalausweisen der West- Berliner prangte kein Bundesadler und ihre männlichen Inhaber mussten keinen Wehrdienst leisten. Wie auf einer Insel der Merkwürdigkeiten lebten die Menschen in West-Berlin und das Festland erreichten sie nur nach langer, von DDR-Schikanen bedrohter Transitfahrt.
Dieses West-Berlin war ein "drittes Deutschland", weder Bundesrepublik noch DDR. Dass es nun dem Vergessen anheimzufallen droht, liegt unter anderem an dessen Ende. Fast stillschweigend verabschiedete sich West-Berlin nach dem Mauerfall aus der Geschichte. Schlagartig war die halbe Stadt kein Thema mehr, nachdem es plötzlich um die ganze ging. Der Aufbau Ost hatte Vorrang vor dem Ausbau West. Viel wurde über die Bewahrung der Ost-Identität diskutiert, die Abwicklung von Einrichtungen aus der DDR-Zeit beklagt. Teilweise rasche Änderungen im West-Berliner Gefüge wurden dagegen fast übersehen. Wer sie beklagte, handelte sich den Ruf des Ewiggestrigen ein. Als sich die Gewichte immer stärker nach Ost-Berlin verlagerten, erst das Schiller-Theater geschlossen, dann die Deutsche Oper vernachlässigt und schließlich Nofretete nach Berlin-Mitte transferiert wurde, fiel auf, was die Schriftstellerin Katja Lange-Müller auf die deftige Formel brachte: "Den West-Berlinern wurde die Stadt unterm Arsch weggezogen."
Das Ende ereilte West-Berlin in einer unglücklichen Phase der Desorientiertheit und Schwäche. Mit der rot-grünen Koalition scheiterte auch das von der SPD angepeilte Zukunftsmodell, das auf mehr Kooperation mit der DDR angelegt war und von der Vorstellung geleitet wurde, West-Berlin könnte wirtschaftlich stärker mit seinem natürlichen Umfeld rundum kooperieren. Die DDR gab sich stark genug, solche Perspektiven zu ignorieren und war schon längst zu schwach, um in eine aussichtsreiche Kooperation eintreten zu können. Nicht die langfristigen Möglichkeiten zählten, sondern nur das schnelle Geld, das sich aus West-Berlin etwa mit seinen Müllnöten herauspressen ließ.
Aber auch das auf eine stärkere Bindung an Westdeutschland zielende Halbinselkonzept hatte kaum Aussicht auf Erfolg, weil sich Bonn immer weniger geneigt zeigte, West-Berliner Wünschen nachzukommen. Mit einem neuen Plenarsaal des Bundeshauses in Bonn wurde überdeutlich, dass sich die Bundesrepublik als Weststaat etabliert hatte und die Insel West-Berlin ein im Grunde störender Annex war, der immer wieder daran erinnerte, dass es keine lupenreine deutsche Zweistaatlichkeit geben kann, solange das merkwürdige Dritte gegeben ist. Solidaritätsbekundungen mit West-Berlin wurden im gleichen Maße wie die bundesdeutschen Finanztöpfe leerer. Subventionen für West-Berlin wurden als Einsparmöglichkeiten erkannt. 20 Jahre nach dem Mauerfall meinte ein langjähriger Referent im Finanzministerium: "Niemand hat je gern für Berlin gezahlt." Es sei ein "Schweinegeld" für die Stadt ausgegeben worden, von der die Haushälter am Rhein dachten, es wäre billiger, sie in der Lüneburger Heide neu aufzubauen und den "ganzen alten Krempel" der DDR zu geben. Der diese Ansicht kolportierte und teilte war Thilo Sarrazin, von 2002 bis 2009 Finanzsenator im vereinigten Berlin.
Das für West-Berlin von Anbeginn bestehende Problem, nicht aus eigener Kraft lebensfähig zu sein, begleitete es bis zu seinem Ende. Der Standortnachteil konnte durch das Vier-Mächte-Abkommen gemildert, aber nicht grundsätzlich beseitigt werden. Regierende Bürgermeister konnten bei westdeutschen Konzernvorständen antichambrieren, aber doch die nach Blockade und Mauerbau abgewanderten Unternehmen nicht mehr zurückholen. Die zum Ausgleich für diese Defizite nach West-Berlin geflossenen Subventionen förderten geradezu naturgesetzlich deren Missbrauch, nicht nur, wenn auch vor allem, in der Bauwirtschaft. Auch im kulturellen Bereich wurde aus dem Vollen geschöpft und damit eine Heerschar von Kulturschaffenden alimentiert. Bei Ausstellungsgroßprojekten wurde konzeptionell großzügig gedacht, doch gehörte der Rotstift nicht zu den bevorzugten Arbeitsinstrumenten der Planer. Immer war auf glanzvolle Außenwirkung zu achten, sollte nicht die makabre Attraktion der Mauer das primäre Angebot für Touristen sein.
Hinter der glanzvollen Fassade begann West-Berlin in seinen letzten Jahren merkliche Ermüdungserscheinungen im kulturellen Bereich zu zeigen. Die legendäre Schaubühne wollte nach dem Abgang von Peter Stein nicht mehr recht Tritt fassen. Die staatlichen Bühnen mit dem Schiller-Theater, größter Schauspielbetrieb der Bundesrepublik, verlor an Profil und Strahlkraft. In der Deutschen Oper zeigte die Ära von Götz Friedrich erste Anzeichen der Stagnation. Ein Menetekel schien es zu sein, als den Berliner Philharmonikern das Dach auf den Kopf fiel. Deckenteile des legendären Scharoun-Baus stürzten ins Parkett. Der Schaden ließ sich beheben und wirkte doch wie ein Zeichen, dass so manches brüchig geworden war in dem merkwürdigen Gebilde West-Berlin. Auch die Antwort auf die Sinnfrage der Stadt verlor für viele an Schlüssigkeit. Wer noch gesamtdeutsch dachte, wusste, dass West-Berlin sozusagen der Fuß in der Tür zur deutschen Einheit war. Aber eine neue Generation wuchs nach, die nur noch in den Grenzen der Bundesrepublik dachte und mit dem in West-Berlin manifestierten Freiheits- und Einheitswillen nicht mehr viel anfangen konnte.
Die "schleichende Gefahr der Auszehrung" (Egon Bahr) machte sich bemerkbar und die Zeichen des Leerlaufs und einer lauernden Sinnlosigkeit lassen die Frage auftauchen, wie es mit West-Berlin weitergegangen wäre, wenn es nicht durch den Mauerfall aus seiner problematischen Existenz erlöst worden wäre. Wer sich nicht in die gehobene Stammtischdebatte in Form einer fakultativen Geschichtsbetrachtung verlieren will, wird sich hier zurückhalten. Fruchtbarer und realistischer ist ein Blick auf das, was aus West-Berlin seit 1990 geworden ist. Es zeigt sich eine Mischung von oft beharrlichem Bewahren und als Verlust empfundener Veränderung. Alarmistische Betrachtungen übersehen, dass viel von dem, was West- Berlin nach 1990 verloren hat, im Grunde eine Normalisierung bedeutet. Museen wandern von den Ausweichstandorten in Dahlem oder Charlottenburg wieder an die angestammten Plätze auf der Museumsinsel. Regierender Bürgermeister und Abgeordnetenhaus müssen nicht mehr im Rathaus Schöneberg als Untermieter residieren. Der Bahnhof Zoo ist wieder, was er eigentlich immer war: eine Station der Stadtbahn und nicht Fernbahnhof. Territorial und personell gesehen, ist der Westteil der Stadt keineswegs belanglos geworden. Der neue Hauptbahnhof, das Kanzleramt und der zur Touristenattraktion gewordene Reichstag liegen auf dem Gebiet des ehemaligen West-Berlin. Die gesamtberliner Stadtregierung wird auch nach 20 Jahren noch immer vorwiegend von westlichen Politikern bestimmt. Selbst die Partei "Die Linke", die immer als Stimme des Ostens auftritt, stellt als Bürgermeister und Wirtschaftssenator einen Politiker, der in West-Berlin sozialisiert wurde.
Problematisch und aufschlussreich ist das Fehlen einer stringenten Planung dafür, was eigentlich mit dem seiner alten Funktionen beraubten Westteil der Stadt geschehen kann. Die Sinnfrage, die ewig über West-Berlin schwebte, drängt sich in veränderter Form wieder auf und wird schnell als querulatorisches Nörgeln abgetan. Zufällig und eher lieblos wird mit dem umgegangen, was einst West-Berlin war. Von einem aus dem DDR-Kulturapparat stammenden ehemaligen Berliner Kultursenator muss sich die Stadt sagen lassen, dass es enttäuschend sei, wie das West-Berliner Erbe ignoriert wird und wie die Stadt die eigene Traditionslosigkeit immer weiter fortführt. Eine Ex-Bundestagsvizepräsidentin diagnostiziert im Blick auf die Ignoranz gegenüber dem einstigen West-Berlin eine "eigenartige Krankheit in dieser Stadt", deren Ursache sie in einer "katastrophalen Schwächung des Selbstbewusstseins und der fehlenden Ahnung, was sich zu verteidigen lohnt" ausmacht.
Das vereinigte Berlin pflegt ein ambivalentes, spannungsreiches Verhältnis zum Erbe West-Berlin. Ignoranz und Nostalgie prallen aufeinander. Schon hat ein Drittel der Bevölkerung die Teilung der Stadt nicht mehr erlebt, noch aber ist für den Westteil so viel Erinnerung lebendig, dass 100.000 Menschen zum 60. Jahrestag der Luftbrücke zum Flughafen Tempelhof strömen. Noch scheint West-Berlin nur ein Thema Alteingesessener zu sein, die den plüschigen Cafés am Kurfürstendamm nachtrauern, aber schon melden sich Nachgeborene, die wissen wollen, wie eine zur Bundesrepublik gehörige Stadt inmitten der DDR existierte. "Wie konnten die Westberliner in dieser Exklave bloß leben?", fragt ein Jugendlicher in einem Internet- Forum. "Haben sich die Westberliner nicht einsam gefühlt, so isoliert von der restlichen BRD und nur umgeben von der grauen sozialistischen DDR?" Vor allem aber: "Wie ist man über das Staatsgebiet der DDR nach Westberlin gekommen Durch Tunnel?"
Schon ist den Jungen unvorstellbar, was den Älteren noch Erlebtes ist. Aber Geschichte vergeht nicht mit denen, die Teil von ihr waren, schon gar nicht im Fall von West-Berlin, diesem sonderbaren Gebilde, über das sich viel Gutes und einiges Schlechtes sagen lässt. West-Berlin war eine unmögliche Stadt, in der das Bestehende spätestens mit dem Mauerbau das Vorstellbare übertroffen hat. Der urbane Torso gemahnte nicht nur an die ganze Stadt, sondern auch an das ganze Deutschland, das in dem Moment Wirklichkeit zu werden begann, wo mit dem Öffnung der Mauer West-Berlins schon fast vergessener Traum in Erfüllung ging, nicht bloß Schaufenster und Leuchtturm, sondern Tor zur Freiheit zu sein.
B E B A U U N G S P L Ä N E F Ü R A L T S T A D B E R E I C HDoppelter Abschied von Berlin
Vor 15 Jahren verließen die einstigen Besatzungsmächte Berlin. Gefeiert wurde der Abzug allerdings in 2 Etappen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 30. August 2009, Seite xx (Berlin) von BRIGITTE GRUNERT. [Original]BERLIN (Tsp). Von einem historischen Ereignis war die Rede, von Freundschaft, Frieden und Partnerschaft auf immer, von Wehmut und Dankbarkeit, als vor 15 Jahren die letzten Soldaten der einstigen Besatzungsmächte Berlin verließen, die Russen auch Ostdeutschland, beinahe 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Am 31. August 1994 wurden die Russen feierlich verabschiedet, am 8. September die Amerikaner, Briten und Franzosen.
Zwei große Tage gab es, aber eben zwei. Die Russen hatten sich eine gemeinsame Feier gewünscht, das passte nicht in die Regie des Bundeskanzlers, nun fühlten sich die Hinterbliebenen der zerfallenen Sowjetmacht gedemütigt. Von diesen Misstönen ist am 31. August allerdings nur am Rande zu hören. Helmut Kohl empfängt seinen "Freund Boris", den russischen Präsidenten Boris Jelzin, mit militärischen Ehren am Gendarmenmarkt, der russische General Matwej Burlakow meldet: "Der zwischenstaatliche Vertrag über die Bedingungen des befristeten Aufenthalts der Westgruppe der Truppen und die Modalitäten des Abzuges ist erfüllt." Es folgt ein Festakt im Schauspielhaus, ein Mittagessen bei Bundespräsident Roman Herzog im Schloss Bellevue und ein deutsch-russisches militärisches Zeremoniell am Ehrenmal in Treptow. Acht Tage nach dem Abschied der Russen ein vergleichbares Programm, der Dank gilt nun den Westmächten.
Die West-Berliner und ihre Schutzmächte, das war ein ganz besonderes Verhältnis. Seit den Tagen der Luftbrücke waren sie ja wirklich Freunde. Volksnahe Feste wurden gefeiert, enge Freundschaften geschlossen. In den achtziger Jahren sang sogar ein britischer Stadtkommandant im Philharmonischen Chor, in Zivil natürlich, ohne jede Publicity. Die Alliierten gehörten einfach zum Berliner Leben. Gerührt sagte man sich Lebewohl, vielen ging die Trennung zu Herzen.
Anders verhielt es sich mit den sowjetischen Soldaten. Abgeschottet lebten sie in ihren armseligen Kasernen oder in komfortableren Offiziersquartieren, ein Staat im Staate. Die deutsch-sowjetische Freundschaft wurde gepriesen, man sang "Druschba Freundschaft", private Kontakte waren unerwünscht. Doch auch die Russen zogen wehmütig heimwärts, und sie erregten Mitleid, denn sie reisten einer ungewissen Zukunft entgegen.
Rund 12.000 Soldaten der Westalliierten waren in Berlin stationiert. Die Russen hingegen hatten in knapp vier Jahren 546.200 Personen aus Deutschland nach Hause zu bringen, davon 338.200 Soldaten, die übrigen Zivilangestellte und Familienangehörige, ferner 123.629 Waffen und Geräte sowie mehr als 2 Millionen Tonnen Material. Der Bund zahlte Moskau 14,5 Milliarden D-Mark für Transporte, Wohnungsbau, Umschulung von Soldaten und Kreditzinsen.
Zur Abschiedsfeier für die Westmächte kommen der französische Präsident Mitterrand, der britische Premierminister Major und der amerikanische Außenminister Christopher: Empfang mit militärischen Ehren am Schloss Charlottenburg, Festakt im Schauspielhaus, diesmal Kranzniederlegungen am Luftbrückendenkmal in Tempelhof für die 70 Opfer der Luftbrücke während der sowjetischen Blockade 1948/49, und nach dem Abendessen beim Bundespräsidenten der Große Zapfenstreich der Bundeswehr am Brandenburger Tor; zum ersten Mal wird er in Berlin zelebriert.
Viele Abschiedsfeiern waren dem großen Finale seit dem Frühjahr vorausgegangen, die meisten im Westteil Berlins für die Westalliierten. Auch der Festakt im Abgeordnetenhaus galt nur ihnen, aber das Parlament gab zuvor ein Bürgerfest für alle 4. Es gab Abschiedskonzerte in der Philharmonie und in der Waldbühne, zuletzt auch ein russisches Galakonzert im Friedrichstadtpalast.
Mit der Neuordnung dessen, was die Truppen der 4 Mächte hinterließen, hatte der Bund eine Weile zu tun. Allein die Russen räumten 240.000 Hektar auf deutschem Boden, eine Fläche so groß wie das Saarland, darunter 47 Militärflughäfen. In West-Berlin waren 5.800 Wohnungen zu vergeben, in Karlshorst etwa 1.000 russische, meist in beklagenswertem Zustand. Hinzu kamen überall zahlreiche zivile Objekte wie Schulen, Kitas, Sportstätten. Im Laufe des Jahres 1994 stellten die Militärsender der Amerikaner, Briten und Franzosen ihre Tätigkeit ein, die militärischen Teile der Flughäfen Tempelhof und Tegel wurden geräumt, der britische Flughafen Gatow wurde geschlossen. Und auch das gehörte zum Schlussstrich und Neuanfang: 5.800 deutsche Zivilangestellte bei den Westalliierten erhielten die Kündigung.
Am 18. Juni hielten die Westalliierten die letzte ihrer traditionellen Paraden auf der Straße des 17. Juni, nunmehr als "Gaststreitkräfte", denn Besatzungsmächte waren sie ja schon seit fast 4 Jahren nicht mehr; am 3. Oktober 1990, dem Tag der Einheit, war der Viermächtestatus erloschen und Berlin gehörte voll und ganz zur Bundesrepublik. So nahmen der Standortkommandant der Bundeswehr und der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen die Parade ab.
Eine Woche später hielten die Russen ihre Abschiedsparade, aber in der Regie der eigenen Generalität. Diepgen hielt eine freundliche Ansprache. Wieder fühlten sie sich, weit ab vom Stadtzentrum, an den Rand gedrängt. Seit 1945 hatte es keine sowjetische Parade mehr gegeben, doch zum Abschied musste sie sein.
Was bleibt, ist die Erinnerung an ganz unterschiedliche Lebenswelten mit den 4 Siegermächten. In 2 Berliner Museen werden sie beleuchtet. Das eine ist das Alliierten-Museum im einstigen amerikanischen Kino Outpost in der Clayallee, das andere das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, Zwieseler Straße, dort, wo General Keitel [in der Nacht zum 9. Mai] 1945 vor den sowjetischen "Befreiern", wie sie sich nannten, die bedingungslose deutsche Kapitulation unterzeichnet hatte.
M A U E R F A L L V O N 1 9 8 9Die Kirche legt sich quer
Die Bebauungspläne für Berlins zentralen Altstadtbereich sind seit letzter Woche ausgestellt Dokumente der Mut- und Lustlosigkeit. Eine Bewertung von Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 23. September 2009, Seite xx (Berlin). Der Autor ist Architekturkritiker und Stadtplaner und war in den 90er Jahren am Planwerk Innenstadt Berlin beteiligt. [Original]E s hat gut 10 Jahre gedauert, um vom Beschluss des Planwerks Innenstadt durch den Berliner Senat und das Abgeordnetenhaus zu einem Bebauungsplan für die zentralen Altstadtbereiche von Alt-Berlin und Altkölln zu kommen. Jetzt ist es so weit: Im überdachten Lichthof der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung am Köllnischen Park sind noch bis 14. Oktober die Pläne für Petriplatz/Breite Straße und den Molkenmarkt mitsamt Erläuterungen zu besichtigen.
Eigentlich ein Grund zur Freude, ein Signal, dass es jetzt losgeht. Die Eröffnung vergangene Woche glich allerdings eher einer Beerdigung. Das war sie genau genommen auch. 10 Jahre Verwaltungsarbeit waren zu beerdigen: immer neue Gutachterverfahren, Abstimmungsrunden, Koalitionsklausuren und Kompromisse mit immer demselben Ergebnis, dass entweder die Linke als Koalitionspartner sich querlegte, oder die vereinigte Berliner Verkehrspartei, von der IHK über ADAC und FDP bis zu den Senatsverkehrsplanern, Krach schlug. Das hält auf die Dauer keiner aus, und so wunderte es nicht, dass weder Verantwortliche noch Bearbeiter erschienen waren und der zuständige Abteilungsleiter allein ein Ergebnis vorstellte, zu dessen Lob er nur eines zu sagen wusste: Dass es so womöglich endlich politisch akzeptiert werde.
Die vorauseilende Verkündung
Am 9. November 1989 mobilisierte eine von den Medien verbreitete Fiktion die Massen und wurde dadurch zur Realität zum Mauerfall.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 8. November 2010, Seite xx (Berlin) von HANS-HERMANN HERTLE. Der Autor ist Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Autor des Standardwerks "Chronik des Mauerfalls" (Ch. Links Verlag, Berlin), das gerade in der 11. Auflage erschienen ist. [Original]B escherte ein historischer Irrtum den Deutschen den Fall der Mauer und in dessen Konsequenz die deutsche Einheit? Wurde der berühmte "Zettel" Günter Schabowski erst während seiner Pressekonferenz zugeschoben? Steckten der KGB oder andere Geheimdienste dahinter? War die Pressekonferenz inszeniert?
Politische Jahrhundertereignisse sind seit jeher ein bevorzugtes Objekt der Mythenbildung. Und so verwundert es wenig, dass auch in diesem Jahr zahlreiche Legenden um den Fall der Mauer gewoben werden. Doch die Akten sind offen, viele Beteiligte befragt und die Hintergründe der Entscheidungen und Ereignisse bis ins Detail ausgeleuchtet.
Der Fall der Mauer war weder von der SED-Führung beabsichtigt noch wurde er von Günter Schabowski bekannt gegeben: Daran kann kein Zweifel bestehen. Politik, Militär und Geheimdienste in Ost und West konnten dementsprechend keine Vorinformationen besitzen; sie alle wurden davon völlig überrascht.
Der Sturm auf die Grenzübergänge setzte nicht wie häufig fälschlich angenommen wird als unmittelbare Reaktion auf die Bekanntgabe einer neuen Reiseregelung durch SED-Politbüromitglied Schabowski um 18.57 Uhr auf einer live im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz ein, sondern erst massiv mit deutlichem zeitlichen Abstand als Folge der sich anschließenden Berichterstattung vor allem der West-Medien.
Nicht beabsichtigt war mit der von Schabowski verkündeten Reiseverordnung, die Mauer einzureißen. Beabsichtigt war vielmehr, beginnend mit dem 10. November 1989, ständige Ausreisen, wie sie bereits seit dem 10./11. September 1989 über die ungarisch-österreichische und seit dem 4. November 1989 über die tschechoslowakisch-westdeutsche Grenze möglich waren, nun auch über die deutsch-deutsche Grenze zu genehmigen, aber erst nach einem entsprechenden Antrag. Besuchsreisen sollten ebenfalls auf Antrag bis zu 30 Tagen pro Jahr genehmigt werden, jedoch an die Erteilung eines Visums und den Besitz eines Reisepasses gekoppelt werden.
Einen Reisepass aber besaßen nur etwa 4 Millionen Bürger; alle anderen, so das Kalkül, mussten zunächst einen Pass beantragen und sich dann noch einmal mindestens 4 Wochen gedulden. Dadurch sollte einerseits die Reisebewegung zeitlich gestreckt und andererseits der zu erwartende Ansturm auf die Dienststellen der Volkspolizei und nicht auf die Grenze gelenkt werden. Auf diese Effekte waren Formulierung wie Terminierung der öffentlichen Bekanntgabe des Beschlusses abgestellt, die am Morgen des 10. November über die DDR-Medien erfolgen sollte. Über Nacht sollten die zuständigen Dienststellen des MfS und der Volkspolizei sowie die Grenztruppen mit der neuen Regelung vertraut gemacht werden.
Mit dieser Reiseverordnung wollte die SED-Führung Druck ablassen: Hunderttausende Menschen forderten auf Demonstrationen überall in der DDR freie Wahlen, die Zulassung von Oppositionsgruppen und immer wieder und vor allem: Reisefreiheit. Und die CSSR-Regierung verlangte von SED-Chef Krenz ultimativ, die Völkerwanderung von DDR-Bürgern durch ihr Land zu stoppen und ihre Ausreise in die Bundesrepublik direkt über die deutsch-deutsche Grenze abzuwickeln.
Schabowskis vorzeitige und konfuse Bekanntgabe, deren Interpretation durch die West-Medien und der dadurch einsetzende Mobilisierungsprozess machten all diese Absichten der SED-Führung zunichte. Zu einem spontanen, sofortigen Ansturm auf die Berliner Grenzübergänge führten Schabowskis Mitteilungen indes nicht. Vielmehr interpretierten die West-Medien, zunächst die Presse-Agenturen, und auf deren Meldungen beruhend Hörfunk und Fernsehen, den bürokratischen Verordnungstext als bedingungslose und sofortige Grenzöffnung. So meldete AP bereits um 19.05 Uhr: "DDR öffnet Grenze". Kurz vor Beginn der ARD-"Tagesschau", um 19.41 Uhr, übertrumpfte dpa die AP-Meldung, stellte die Ankündigung Schabowskis als bereits vollzogene Tatsache dar, und verkündete "Sensationelles": "Die DDR- Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen." Die "Tagesschau" um 20 Uhr platzierte die Reiseregelung als Top-Meldung. "DDR öffnet Grenze", lautete die eingeblendete Schrift, zu der Nachrichtensprecher Joe Brauner die Kernsätze des Verordnungstextes verlas.
Dennoch: Um 20.15 Uhr, 75 Minuten nach der Pressekonferenz Schabowskis und unmittelbar nach dem Ende der "Tagesschau", hatten sich gerade einmal 80 Ost-Berliner an den Grenzübergängen Sonnenallee (8 bis 10), Invalidenstraße (20) und Bornholmer Straße (50) zur "Ausreise" eingefunden, wie der Lagebericht der Ostberliner Volkspolizei festhielt. Ohne jegliche Information und ohne Befehle ihrer militärischen Führung die Fernsehberichterstattung hatte den Dienstweg überholt sahen sich die Grenzposten auf Ost-Berliner Seite zunächst vor allem in der Bornholmer Straße einer zwar wachsenden, aber immer noch überschaubaren Menschenansammlung gegenüber, die zwischen 21 und 21.30 Uhr auf 500 bis 1000 Personen geschätzt wurde. Ganz wenige wollten ausreisen, fast alle die vermeintliche Reisefreiheit testen. Gegen 21.30 Uhr kam es in der Bornholmer Straße zur sogenannten Ventillösung: Um den Druck abzubauen, wurde die Ausreiseabfertigung aufgenommen. Die Personalausweise der DDR-Bürger wurden mit einem Passkontrollstempel neben dem Lichtbild ungültig gestempelt; ohne es zu wissen, waren die ersten Ost-Berliner, die jubelnd über die Bornholmer Brücke nach West-Berlin liefen, ausgebürgert worden.
Mit einem Ansturm auf alle Berliner Grenzübergänge rechnete man im Ministerium für Staatssicherheit, das für diese Entscheidung zuständig war, offenbar nicht: Außer in der Bornholmer Straße und am Übergang Heinrich-Heine- Straße, an dem laut Volkspolizei-Bericht gegen 21.30 Uhr 120 Personen auf der Ostseite zusammengekommen waren, waren um diese Zeit "an den übrigen GÜST (Grenzübergangsstellen) nur vereinzelt Personen festzustellen". Stasi-Generalmajor Heinz Fiedler beruhigte sich und seine Genossen an den Übergängen mit den Worten: "Wie ich meine Berliner kenne, gehen die um 23 Uhr ins Bett." Doch von dieser Gewohnheit sollten an diesem Abend zu viele Ost-Berliner Abstand nehmen.
Höhepunkt der Fernseh-Berichterstattung waren die ARD-"Tagesthemen", die an diesem Abend leicht verspätet um 22.42 Uhr begannen. Ein Einspielfilm zeigte die nahezu menschenleere Westseite des Brandenburger Tores. Chefmoderator Hanns Joachim Friedrichs verkündete dazu: "Das Brandenburger Tor heute Abend. Als Symbol für die Teilung Berlins hat es ausgedient. Ebenso die Mauer, die seit 28 Jahren Ost und West trennt. Die DDR hat dem Druck der Bevölkerung nachgegeben. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei."
Dann kam Friedrichs ins Bild und sagte: "Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen."
Doch Friedrichs Ansage eilte den Ereignissen voraus: Entgegen der von ihm behaupteten Tatsache zeigte ein gegen 22 Uhr fertiggestellter Einspielfilm der Berliner Redaktion, dass zumindest an den gefilmten Grenzübergängen in der Heinrich-Heine-Straße und am Checkpoint Charlie absolute Ruhe herrschte.
Dann wurde nach Berlin geschaltet. "Tagesthemen"-Reporter Robin Lautenbach meldete sich live vom Grenzübergang Invalidenstraße, dessen Tor ebenfalls unübersehbar geschlossen war. Doch drei West-Berliner Augenzeugen, die zuvor am Grenzübergang Bornholmer Straße gewesen waren und die Lautenbach dann interviewte, halfen ihm und Friedrichs aus der Patsche.
In Unkenntnis der Ausbürgerungsabsichten der DDR-Seite berichtete ein Augenzeuge: "Ich habe erlebt, dass um 21.25 Uhr das erste Pärchen tränenaufgelöst auf uns zugelaufen kam und die Berliner weiße Linie erreicht hat. Sie sind mir beide um den Hals gefallen und wir haben alle gemeinsam geweint." Robin Lautenbach deklarierte umgehend den geschlossenen Übergang Invalidenstraße zum Ausnahmefall: "Hier in der Invalidenstraße auf der anderen Seite haben die Grenzpolizisten offenbar diese Weisung noch nicht bekommen oder sie haben sie nicht verstanden. ... Aber wie gesagt, an sehr vielen anderen Grenzübergängen, nicht nur in der Bornholmer Straße wir haben es auch gehört von der Sonnenallee und vom Ausländergrenzübergang Checkpoint Charlie ist es offenbar bereits möglich, mit dieser neuen Regelung völlig komplikationslos nach West-Berlin zu kommen."
"Reiseverkehr frei?" "Tore in der Mauer weit offen?" "Völlig komplikationslos nach West-Berlin?" Nach diesen Berichten gab es für Tausende, ja Zehntausende Ost- und West-Berliner sowie Bewohner des Umlandes kein Halten mehr. Erst jetzt begann jener Ansturm auf die Grenzübergänge, der Passkontrolleure und Grenzsoldaten zwang, das Stempeln einzustellen, die Durchlässe freizugeben und den Rückzug anzutreten. Später in der Nacht wurde die Mauer am Brandenburger Tor zunächst vom Westen aus bestiegen und besetzt, dann das Wahrzeichen der geteilten Stadt und der Pariser Platz von Ost und West erobert das symbolträchtigste Ereignis der Nacht, das aus der Öffnung der Grenzübergänge den Fall der Mauer werden ließ.
Jene Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer, die den historischen Moment nicht verpassen und eigentlich nur mal "gucken" und dabei sein wollten und deshalb an die Grenzübergänge und das Brandenburger Tor eilten, führten im Grunde das Ereignis erst herbei, das sonst gar nicht stattgefunden hätte. Eine von den Medien verbreitete Fiktion mobilisierte die Massen und wurde dadurch zur Realität.
Der Fall der Berliner Mauer ist das erste welthistorische Ereignis, das als Folge der vorauseilenden Verkündung durch Presse-Agenturen, Fernsehen und Hörfunk eintrat.
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