Berlin News & Stories – Teil 4 khd
Stand:  11.4.2010   (41. Ed.)  –  File: Heimat/B/Bln/BN/Bln_News_04.html



Diese Seite ist eine Ergänzung zu den Berlin-Reports, in denen über interessante Berliner Ereignisse berichtet wird. Dazu werden hier einige ausgewählte und besonders nützliche Artikel und andere Texte gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert. Manches ist auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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Kurfürstendamm-Theater: Der Ernst des Boulevards

Wowereit schreibt wegen der Schließung an den Chef der Deutschen Bank. Die Eigentümerin bleibt aber dabei – die Bühnen müssen weg.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 10. Januar 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (Tsp). Um „Ernst – und seine tiefere Bedeutung“ geht es im neuesten Stück der Komödie. Morgen lädt Intendant Martin Woelffer zur Kamera- und Fotoprobe. Er wird dabei lächeln, aber nicht von Herzen fröhlich sein. Es wird ernst mit seinen Boulevardbühnen am Kurfürstendamm. Das bedeutet: Ende Dezember fällt, wie es aussieht, der letzte Vorhang.

Appelle zur Rettung gibt es reichlich. Die Bühnen gehörten zum kulturellen Grundbestand Berlins, schreibt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gestern an den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Ihr gehört das Grundstück. Die Kündigung sollte zurückgenommen werden. Proteste kommen vom Bezirk, vom Patenkreis der Schauspieler, Kulturpolitikern, Regisseuren. Der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, ruft zur Solidarität mit den Ku’damm-Bühnen auf.

„Mir liegen die Theater am Herzen“, sagt Woelffer. „Und ich merke – auch der ganzen Stadt“. Das hat inzwischen auch die DB Real Estate mitbekommen. Sie ist Tochter der Bank, Eigentümerin des Karrees und damit auch des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm. Sie steckt in der Rolle des Buhmanns, weil sie den Vertrag mit Woelffer für Ende 2006 gekündigt hat, die Bühnen für ein Shopping-Center abreißen will. Tim Oliver Ambrosius, ihr Sprecher, hat die undankbare Aufgabe, den Mietern und einer recht aufgebrachten Stadt erklären zu müssen, warum so traditionsreiche Bühnen weichen müssen.

Seine Begründung klingt so, als könne sein Unternehmen nicht anders, bei aller „Gesprächsoffenheit“. Als Fondsgesellschaft müsse sie den Anlegern attraktive, wirtschaftliche Ergebnisse vorweisen, sagt er. Wie bisher könne es mit dem Karree nicht weitergehen, Leerstand 30 Prozent. Es müsse bauliche Veränderungen geben. „Knackpunkt sind die zwei Theater“. Die Kündigung sei vorsorglich ausgesprochen, um eine Option für die Planung zu haben.

In den nächsten Tagen und Wochen wolle sich die Gesellschaft mit Planern, Architekten und den Theaterleuten zusammensetzen und diskutieren, wie ein Theater in veränderter Form möglich sei. Wenn der Komplex umgestaltet werde, sei im zweiten Obergeschoss Platz für nur noch eine Bühne – etwa dort, wo RTL 104.6 sendet, es Museumsräume und Leerflächen des einstigen Makromarktes gibt. Das Gesamtkonzept verspreche Attraktivität und Wirtschaftlichkeit, die Leute sollten in das Karree strömen, nicht vorbeigehen. Daran, dass die Bühnen bei der Umgestaltung weg müssten, bestehe kein Zweifel.

Umgestaltung? Martin Woelffer hat da seine Zweifel. Er ist sogar ziemlich sicher, dass es auf einen Abriss großer Teile des Karrees hinausläuft, vielleicht gar nur das Hochhaus stehen bleibt. Eine neue Bühne bedeute, sich von den beiden alten und so vertrauten Namen zu verabschieden. Aber daran will Woelffer noch gar nicht denken. Wichtiger ist ihm, die beiden Bühnen am alten Platz zu lassen. Wie lange dauert es, bis ein neues Theater fertig ist? Was passiert während der Bauzeit? Wie hoch ist die künftige Miete? Vor allem: Was wird aus dem Personal? Für 2007 wurden bereits Verträge über Aufführungen geschlossen. Rund 240.000 Zuschauer kamen letztes Jahr. „Es läuft doch so gut“, sagt Woelffer.

Bald läuft vielleichts nichts mehr. Namen wie Max Reinhardt, Erich Piscator, Curt Goetz sind mit den Theatern verbunden, Boulevardgrößen wie Harald Juhnke, Rudolf Platte, Günter Pfitzmann, Wolfgang Spier und Anita Kupsch. Die Bühnen entstanden in den zwanziger Jahren nach Plänen von Oskar Kaufmann. Theater-Urahn Hans Wölffer übernahm in den dreißiger Jahren die Häuser, die Jahre später auf Drängen der Nazis „verstaatlicht“ wurden. Schwere Schäden erhielten die Bühnen im Bombenhagel, nach dem Absturz eines Flugzeugs 1943 brannten sie aus. In der Nachkriegszeit fristete das notdürftig aufgebaute Theater am Kurfürstendamm ein Kinoleben, von 1949 bis 62 war es aber schon feste Spielstätte der Freien Volksbühne.

Hans Wölffer, der in den fünfziger Jahren zunächst die Komödie übernahm, wurde 10 Jahre später auch Intendant des Nachbartheaters. Waren die Bühnen zunächst nur über einen Vorplatz (mit Autohandel) zu erreichen, wurden sie 1973 vom Ku’damm-Karree umbaut. Die Entwürfe dafür stammten von der skandalumwitterten Architektin Sigrid Kressmann- Zschach, die sich auch den Steglitzer Kreisel ausdachte. Die nicht subventionierten Theater überstanden Finanzkrisen, wurden mehrmals umgebaut, Denkmalschutz blieb versagt.

Vor 3 Jahren erwarb die Bank das Karree. Nun droht der Theaterabriss. Das neueste Stück, das am Sonntag Premiere hat, geht auf Oscar Wilde zurück. Was darin zunächst so sicher scheint, entpuppt sich als Täuschung.



F Ö D E R A L I S M U S R E F O R M

Nervenkrieg um Hauptstadt-Klausel

Berlin soll erstmals als Hauptstadt im Grundgesetz festgeschrieben werden. Eine Begleitklausel, die im Gegenzug Bonns privilegierten Status als "Bundesstadt" bekräftigt, empört Politiker aller Parteien.

Aus:
Spiegel Online – 12. Januar 2006, 18.21 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

BERLIN. Wolfgang Thierse konnte seine Aufregung am Montagabend kaum verbergen. Vor den Kameras des RBB äußerte sich der Bundestags-Vizepräsident "entsetzt" über den jüngsten Angriff der Berlin-Gegner auf die Hauptstadt.

Was den streitbaren SPD-Politiker, der seit DDR-Zeiten am Kollwitz-Platz im quirligen Prenzlauer Berg lebt, aufbrachte, ist ein Passus im Papier der Föderalismuskommission. Dort war, nach monatelangem Streit, festgehalten worden, durch eine Änderung des Grundgesetzes erstmals Berlin als Hauptstadt festzuschreiben. In einem Anhang zu den Änderungen in der Verfassung findet sich allerdings eine Passage, die bekennende Hauptstadt-Politiker wie Thierse alarmierte.

Dort heißt es: "Das Berlin-Bonn-Gesetz, die bis 2010 laufende Kulturförderung des Bundes für die Bundesstadt Bonn sowie der vom Bund getragenen bzw. geförderten Kultureinrichtungen bleiben unberührt."

Die schwarz-rote Bundesregierung, so wurden schnell Befürchtungen laut, wolle dadurch den Parlamentsbeschluss von 1991 verewigen, nach dem Deutschland von zwei Städten aus regiert wird: Berlin und Bonn. Hatte etwa die mächtige, parteiübergreifende Lobby aus Nordrhein-Westfalen trickreich der Stadt am Rhein geholfen? Kann der Anhang, wie bei einer Grundgesetzänderung vorgeschrieben, nur durch eine Zweidrittelmehrheit im Parlament geändert werden? Mitnichten, wie Experten glauben.

Keine Auswirkungen?

"Der Begleittext hat nicht die Kraft der Verfassung und ist nur dazu da, mögliche Fehlvorstellungen zu korrigieren", sagt der Verfassungsrechtler Peter Badura im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Von einer Verewigung der Hauptstadtteilung könne daher keine Rede sein. Das Bonn-Berlin-Gesetz – nach dem 6 Bundesministerien in Bonn verbleiben und nur ihre Kopfstellen in Berlin angesiedelt sind – könne weiterhin durch den Bundestag mit einfacher Mehrheit geändert werden.

Rechtlich gesehen hat der Wortlaut, auf den sich Politiker von SPD und Union bei den Verhandlungen zur Föderalismusreform 2004 geeinigt hatten, also keine Bindekraft. Die Aufregung zeigt aber eines: Wenn es um Berlin geht, liegen die Nerven schnell blank. In der Hauptstadt wird seit langem befürchtet, dass der vielbeschworene "Rutschbahneffekt" – der Wechsel der restlichen Ministerien, Botschaften und Lobby-Vertretungen aus Bonn nach Berlin – am Ende ausbleiben könnte. Größtes Hindernis: das 1994 im Bundestag verabschiedete Bonn-Berlin-Gesetz.

Dass Berlin den Komplettumzug gut gebrauchen könnte, steht außer Frage. Der einst geteilten Stadt geht es ökonomisch schlecht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 17 Prozent – keine Änderung in Sicht. Bonn hingegen prosperiert – trotz des Verlustes eines Großteils der Regierungsfuntktionen.

Denn nicht nur die Uno hat ihre Lager am Rhein aufgeschlagen, die Stadt hat mit der Deutschen Telekom und der Post AG auch zwei Konzernzentralen. In Berlin dagegen kam nach 1990 nur die Deutsche Bahn AG mit ihrem Hauptquartier – und drohte jüngst sogar, nach Hamburg überzusiedeln. Erst am heutigen Donnerstag stellte das Verkehrsministerium klar: Die Bahn bleibt in Berlin.

Angst vor weiterer Teilung

Zu den finanziellen Sorgen in Berlin kommt noch die symbolische Bedeutung, die das Gezerre um Berliner oder Bonner Ministerien hat: "Deutschland ist endgültig und glücklich vereinigt und nun wollen einige die Hauptstadt auf ewig teilen", sagt Wolfgang Thierse zu SPIEGEL ONLINE.

Fakt ist: in Bonn arbeiten noch immer rund 10.000 Bundesbeamte, in Berlin hingegen nur etwa 8500. Die Republik leistet sich eine absurde Teilung, Spitzenbeamte müssen mitunter mehrmals pro Woche zwischen beiden Städten hin- und herfliegen. Dabei gab es in den letzten Jahren immer wieder Versuche, das Bonn-Berlin-Gesetz und damit die Festschreibung der Ministerienaufteilung zu ändern – aber die starke nordrhein-westfälische Lobby wusste das zu verhindern. "Hier in Bonn klammern sich die Leute an die Berlin-Bonn-Bekräftigung wie an einen Strohhalm", räumt der Vorsitzende des Bonner Bürger Bunds (BBB), Johannes Gröner, ein. Für die Bonn-Anhänger ist der Status quo billiger: Während die Pendelei der Bundesbeamten nur 10 Millionen Euro im Jahr kosten würde, belaufe sich ein kompletter Umzug aller Ministerien an die Spree auf 5 Milliarden Euro.

Änderungen des Berlin-Bonn-Gesetzes scheiterten

2004 hatte die damalige Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig eine Initiative zur Änderung des Berlin-Bonn-Gesetzes gestartet. "Ich wollte damit erreichen, dass die Ministerien selbst entscheiden können, wie sie ihre Arbeitsteilung organisieren und wie viele Beschäftigte in Bonn oder Berlin arbeiten", so die Grüne aus Berlin. Doch ihr Antrag wurde durch den damaligen SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzenden Franz Müntefering gestoppt. Auch Rot-Grün wagte sich nicht an das heiße Eisen heran.

Eichstädt-Bohlig hält die festgeschriebene Aufteilung zwischen Berlin und Bonn für "unzumutbar". Auch sie sieht, wie der SPD-Politiker Thierse, in dem Begleittext zur Berlin-Vereinbarung der Föderalismuskommission ein großes Problem: "Er hat zwar vor allem politisch-moralische Bedeutung. Wenn aber zwei Drittel des Bundestags der Verfassungsänderung zustimmen und damit auch dem Begleittext, wird es für die nächsten Jahre kaum noch eine Legitimation dafür geben, das Berlin-Bonn-Gesetz anzugehen", befürchtet Eichstädt-Bohlig.

Der Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach, selbst Rheinländer, kann sich hingegen die ganze Aufregung kaum erklären. Die Formulierung sei eigentlich selbstverständlich. "Aber einige denken offenbar, die Berlin-Bonn-Gesetze sollten Verfassungsrang bekommen", so Bosbach. Er kenne allerdings niemanden, der das wolle, bekräftigt der CDU-Bundestagsabgeordnete.

Wowereit ruft zur Mäßigung auf

Die Wogen zu glätten versucht auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Schließlich lenkt die Aufregung um die Klausel im Anhang davon ab, dass Berlin künftig im Grundgesetz als Hauptstadt verankert ist. Nicht zuletzt dafür hatte der SPD-Politiker vehement gestritten. Wowereit konnte sich am Ende auch darüber freuen, dass der Bund im Grundgesetz anerkennt, die "Repräsentation des Gesamtstaates in der Hauptstadt ist Aufgabe des Bundes". Im Klartext: Der Bund gesteht per Verfassungsrang endlich ein, was er ohnehin tut – finanziell Berlin bei seinen Verpflichtungen unter die Arme zu greifen.

Wowereit, der um die weitverbreitete Berlin-Abneigung in der Republik weiß, ruft beim Thema beständig zur Zurückhaltung auf. Am heutigen Donnerstag erklärte er denn auch im Berliner Abgeordnetenhaus: "Ich warne aber vor überzogenen Erwartungen, dass hier in Berlin die Kassen durch die Hauptstadt-Klausel im Grundgesetz klingeln werden." Auch die Aufregung über die Zusatzklausel im Anhang, die in den letzten Tagen so viel Wirbel verursacht hatte, wollte er nicht teilen. "Dass das Berlin-Bonn-Gesetz unberührt bleibt, heißt nicht, dass daran nichts geändert werden kann", erläuterte er den aufgeschreckten Berliner Abgeordneten.

Wolfgang Thierse wird es wohl mit Freude gehört haben.



Kudamm-Mix in Gefahr

Erst Kinosterben, nun Theater-Schließung? Ruf als Amüsiermeile bedroht.

Aus:
Berliner Morgenpost, 13. Januar 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (BM). Das in Deutschland einmalige großstädtische Flair hat der Kurfürstendamm vor allem seiner Mischung aus Kultur, Unterhaltung, Shopping und Gastronomie zu verdanken. Anders als die großen Bummel-Boulevards in anderen Städten werden hier abends nicht die Bürgersteige hochgeklappt. Doch die glamouröse Mischung ist nicht erst seit der Kündigung der Kudamm-Bühnen durch die Kudamm-Karree-Eigentümerin DB Real Estate bedroht [DB = Deutsche Bank]. Das Kinosterben am Kudamm und in seinen Nebenstraßen hat den Boulevard bereits viel Glanz gekostet. Eine Chronik:

1998: Am Kurfürstendamm 12 schließen Gloria und Gloriette. Im denkmalgeschützten Interieur verkauft Benetton Strickpullis, Mäntel und Hosen. Auch in der Lupe 2 am Olivaer Platz und im Grafffiti (Pariser Straße 44) werden die letzten Filme gezeigt.

1999: Das Kuli im Kudamm-Karree schließt.

2000: Die Filmbühne Wien (Kurfürstendamm 26) muß schließen und steht immer noch leer. 1913 wurde es als "Union-Palast" eröffnet. Auch das Filmkunst-Studio (Schlüterstraße 17) schließt.

2001: Es erwischt das Marmorhaus (Kurfürstendamm 226). Dort verkauft nun das spanische Modehaus Zara. Auch das Olympia am Zoo, die zwei Kinos im Kudamm-Eck und die Lupe 1 am Kurfürstendamm 202 machen dicht.

2002: Im Astor an der Ecke Kudamm und Fasanenstraße fällt der letzte Vorhang: Heute ist dort der Flagshipstore von Tommy Hilfiger. Das Europa-Studio im Europa-Center wird ebenfalls geschlossen.

2003: Das Hollywood am Kurfürstendamm 65 stellt den Betrieb ein. Inzwischen sind dort ein Restaurant und Boutiquen.

2004: Der Royal-Palast im Europa-Center wird geschlossen. Der Gebäudetrakt soll abgerissen werden, neue Einzelhandelsflächen sind geplant. Auf der markanten Film-Tafel wird für Bananen Werbung gemacht. Früher drängten sich auf den 900 Plätzen zur Berlinale die Filmschaffenden. Auch das "Klick" an der Windscheidstraße 19 gibt auf.

Das Kinosterben am Kurfürstendamm erklärt sich nur zum Teil aus den Boom der gigantischen Multiplex-Kinos, die seit den 90er Jahren im Ostteil der Stadt wie Pilze aus dem Boden schossen und den alteingesessenen Filmtheatern das Wasser abgruben. Wesentlichen Anteil hat auch der Stellenwert von Kudamm und Tauentzien als Einzelhandelsstandort. In zentralen Lagen des Boulevards erzielen Hauseigentümer derzeit Preise zwischen 80 und 160 Euro pro Quadratmeter Handelsfläche. Modefilialen sind daher vielen Eigentümern derzeit die liebsten Mieter.

"Der Verlust der traditionsreichen Filmtheater macht schmerzlich klar, welche Lücken sie im städtischen Leben hinterlassen haben", sagt Georg Vierthaler, Vorsitzender des Berliner Bühnenvereins. Diese könnten von keinem Konsumtempel geschlossen werden, prophezeit er. Und protestiert gegen den Abriß der Kudamm-Bühnen: "Sie bringen abends Leben an den Boulevard.



Architektenwettbewerb für das "Humboldt-Forum" mit Schloßfassade

Aus:
Berliner Morgenpost, 20. Januar 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (BM). Die schönste Ermutigung zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses stammt von Erich Honecker. Der damalige Generalsekretär der SED hatte sich 1988 in einem kleinen Kreis von Politbüro- Mitgliedern für die Rekonstruktion des Barockbauwerks ausgesprochen. Wie der einstige Vizechef der Abteilung Agitation im ZK, Eberhard Fensch, in seinen Memoiren schreibt, war Honecker gerade von Staatsbesuchen in Paris und Madrid zurückgekehrt. Dort hatte man ihn mit großem Zeremoniell in ehemals feudalen Palästen empfangen. Das wird dem Saarländer nach seiner Rückkehr noch so lebendig in Erinnerung gewesen sein, daß ihm plötzlich die ganze ästhetische Dürftigkeit der Mitte Berlins bewußt geworden sein muß. Hätte Walter Ulbricht das Schloß nicht abreißen lassen, soll Honecker bedauernd festgestellt haben, dann könnte die DDR in der einstigen Hohenzollernresidenz genauso glanzvoll repräsentieren.

Vielleicht geht Honeckers Wunsch ja demnächst in Erfüllung. Die Weichen für den Wiederaufbau des Stadtschlosses sind jedenfalls gestellt. Nachdem der Deutsche Bundestag schon mehrfach sein klares Votum vom Sommer 2002 für ein "Humboldt-Forum" hinter den rekonstruierten barocken Fassaden bestätigt hatte, gab er am Donnerstag endgültig grünes Licht für den Abriß des Palastes der Republik – Anträge von Grünen und Linkspartei zugunsten eines Aufschubs wurden mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Koloß aus DDR-Zeiten soll innerhalb eines Jahres Stück für Stück demontiert werden. Im Frühjahr 2007 dürfte an gleicher Stelle die geplante Rasenfläche angelegt sein und eine Info-Box stehen.

Daß dennoch nicht sofort mit dem Wiederaufbau des Schlosses begonnen werden kann, liegt nicht nur an dem fehlenden Aufbaubeschluß des Bundestages, sondern auch an dem komplizierten Planungsverfahren. Denn bisher stehen zwar die Institutionen fest, die den öffentlichen Teil des "Humboldt-Forums" bespielen sollen: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren außereuropäischen Schätzen aus Dahlem, die wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität und die Landesbibliothek Berlin. Aber bei der kommerziellen Teilnutzung des Neubaus, die für eine realistische Gesamtfinanzierung unumgänglich ist, gibt es noch keine Klarheit. Nach der jüngsten Machbarkeitsstudie kommt dafür am ehesten ein Hotel auf der Spreeseite in Frage, wo einst die unregelmäßige Schloßfront aus Mittelalter und Renaissance stand, die nicht wiederhergestellt werden soll.

Hinzu kommt die Abstimmung mit Bauvorhaben, die mit dem Schloß in enger Verbindung stehen. Die künftige Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 vom Alexanderplatz zum Hauptbahnhof etwa würde auf einem Abschnitt unter dem Schloß verlaufen, was Einfluß auf die Gestaltung der Untergeschosse hat.

Alle künftigen Nutzer werden nun die gewünschten Raumgrößen und -folgen benennen, die dann auf sinnfällige Weise hinter den Barockfassaden angeordnet werden müssen. Dazu bereitet das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) im Auftrag des Bundesbauministeriums derzeit einen Realisierungswettbewerb vor. Für die Architekten, die in ihrer großen Mehrheit immer gegen den Wiederaufbau waren, bleibt also trotz der Festlegung auf ein historisches Äußeres noch genügend Arbeit. Wenn deren Vorschläge vorliegen, lassen sich auch die bisher auf 500 bis 600 Millionen Euro geschätzten Baukosten präzisieren, die der Bund als Bauherr auf 30 Jahre strecken möchte – und der Bundestag hätte ein detailliertes Projekt, das er dann formal beschließen kann.

Schon seit einiger Zeit sammelt der "Förderverein Berliner Schloß" des Hamburger Kaufmanns Wilhelm von Boddien Spenden, um die Mehrkosten für die Rekonstruktion der barocken Fassaden privat zu finanzieren. Sie werden auf 80 Millionen Euro geschätzt (etwa die Hälfe der für die Dresdner Frauenkirche benötigten Summe). In einem Katalog von Einzelteilen sind ganze Fassadenabschnitte bereits an Einzelpersonen und Sponsoren "verkauft". Die Anfertigung der benötigten Skulpturen, Gesimse, Kapitelle, Adler und Zahnfriese braucht einige Jahre Vorlauf. Denn sie müßten bei Baubeginn bereits vorliegen, damit sie mit wachsendem Baufortschritt in die Fassaden eingefügt werden können. Nachdem die jüngsten Versuche von Schloßgegnern, dem Förderverein unsaubere Praktiken nachzuweisen, fehlgeschlagen sind, kann der Verein seine Kräfte wieder auf die Akquisition von Spenden konzentrieren.

Für Wilhelm von Boddien ist dabei die Ablehnung der Anträge zugunsten des Palastes der Republik gestern im Bundestag nur ein Zwischenschritt, er erwartet ein erneutes Bekenntnis von Bundestag und Bundesregierung zum geplanten "Humboldt-Forum". Nur dann, so die Argumentation, seien auch diejenigen Bürger zu aktivieren, die noch auf den formalen Wiederaufbaubeschluß warten wollen.



Abgeordnetenhaus beschäftigt sich mit steigendem Grundwasser

Aus:
Berliner Morgenpost, 20. Februar 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (BM). Der Grundwasserspiegel in Berlin steigt ständig – so stark, daß sich immer mehr Hausbesitzer über nasse Keller beschweren. Weil die Hauptstädter seit der Wende permanent weniger Trinkwasser verbrauchen, steht das Grundwasser vielerorts wieder dicht unter der Erdoberfläche. "An manchen Stellen fehlt nur noch ein halber Meter, damit die alte Sumpflandschaft wieder hergestellt ist", sagt Dietrich Jahn, Referatsleiter Wasserwirtschaft bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz. Wurden vor der Wende in der gesamten Stadt noch 378 Millionen Kubikmeter Frischwasser gefördert, so waren es 2005 nur noch 206 Millionen. Gründe sind der sparsame Umgang der Ost-Berliner mit dem teuer gewordenen Naß und der Zusammenbruch der Hauptstadtindustrie. Der Pro-Kopf-Verbrauch sank seit 1992 von 138 auf 117 Liter am Tag, der gewerbliche Absatz gleichzeitig von 40 auf 26 Millionen Kubikmeter.

Doch Hausbesitzer, denen die Keller vollaufen, können in der Hauptstadt nicht auf staatliche Hilfen rechnen. Angesichts leerer Kassen pocht das Land auf die Berliner Bauordnung, die Hausbesitzer verpflichtet, für die Abdichtung ihrer Gebäude zu sorgen.

Beispiel Siemensstadt: Das 1914 in Betrieb genommene Wasserwerk Jungfernheide wurde 2001 abgeschaltet. Um den Grundwasserpegel zu halten, wurde jedoch weiter Grundwasser in die Spree gepumpt – zuletzt gut 7 Millionen Kubikmeter. Seit Januar ist damit Schluß. Spandauer Bezirkspolitiker fürchten, daß der ganze Stadtteil mit vielen denkmalgeschützten Gebäuden aus dem frühen 19. Jahrhundert "absaufen" könnte. Charlottenburg macht sich Sorgen um die Vegetation in seinem Schloßpark. Daß Siemens vorerst 4 Millionen Kubikmeter Grundwasser auf eigene Rechnung fördern läßt, um seine Produktionsstätten vor Wasserschäden zu schützen, halten sie für keine Dauerlösung.

Beispiel Friedrichshain-Kreuzberg: In den Sanierungsarbeiten Boxhagener und Warschauer Straße ist in die Keller von weit mehr als 100 Gründerzeithäusern Grundwasser eingedrungen. Ein Gutachten empfiehlt, ein dezentrales Entwässerungssystem. Doch an den Millionenkosten will sich der Senat nicht beteiligen. Doch Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) sagt: "In die Sanierungsgebiete sind erhebliche öffentliche Mittel geflossen. Diesen Sanierungserfolg darf man nicht gefährden, indem man den Grundwasserschutz offen läßt."

Dem Berliner Abgeordnetenhaus ist das Gerangel nicht mehr geheuer. Es hat die Verwaltung beauftragt, die Berliner Grundwasser-Steuerungsverordnung auf ihre Siedlungsverträglichkeit zu überprüfen. Wie zuvor für die Siemensstadt werden Wissenschaftler nun für das gesamte Stadtgebiet errechnen, welche Pegelstände in den kommenden Jahren zu erwarten sind.



Der Phantomschmerz lässt nicht nach

West-Berlin? Ost-Berlin? Die Nostalgie wächst, je länger beide Stadthälften politisch miteinander verbunden sind.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 22. Februar 2006, Seite xx (Berlin) von BERND MATTHIES. [Original]

BERLIN (Tsp). West-Berlin wird geistig-moralisch umso größer, je länger es abgeschafft ist. Jedenfalls in den Augen jener, die drin geboren wurden oder zumindest lange genug irgendwo zwischen Zehlendorf und Frohnau gelebt haben, um den stetig anschwellenden Phantomschmerz auskosten zu können.

Alle anderen sind vor allem verblüfft über die Intensität der Diskussion, die sich an Antje Vollmers menetekelndem „Zeit“-Aufsatz und der drohenden Schließung der Ku’damm-Theater neu entzündet hat. Präziser: Sie verstehen sie einfach nicht. Denn der landläufige, nach der Hauptstadtwerdung zugezogene NeuBerliner hat größte Schwierigkeiten, die alten Grenzen überhaupt noch zu erkennen, und Jugendliche, Schüler, Studenten kümmern sich erst recht nicht drum: Für sie ist die Diskussion ungefähr so wichtig, als wolle jemand mit ihnen den möglichen Verfall von Ost-Hamburg oder Nordwest-Leipzig diskutieren.

Das wäre der Normalfall, aber Berlin war nie normal. Und insofern scheint es sogar konsequent, dass sich West-Berlin erst jetzt, 16 Jahre nach dem Mauerfall, in vielen Köpfen zu jener harmonischen Zivilisations-Oase zusammenfügt, die es früher nie war (für Ost-Berlin gilt natürlich Ähnliches). Die Ku’damm-Theater sind bedroht und die Schaubühne steckt in der Krise? Soso. Verblüffend, dass beide Entwicklungen in einem Atemzug genannt werden. Denn viele von jenen bedeutenden Kulturkritikern, die heute unsere Boulevard-Rampensäue wie Wolfgang Völz oder Edith Hancke als authentische und schützenswerte West-Berliner Lebensform hätscheln, wären früher lieber tot umgefallen, als deren Wirkungsstätten, die „Komödie“ oder das Hansa-Theater, zu besuchen; im Osten, beim Berliner Ensemble oder der „Distel“ hingegen waren sie schon zu DDR-Zeiten gern zu Gast.

West-Berlin war immer beides: Die Stadt von Wolfgang Spier und Peter Stein, von Rudi Dutschke und Axel Springer, von Ton Steine Scherben und Herbert von Karajan, von Interbau und Sozialpalast. Unerträglicher Spießermief und weltläufige Avantgarde waren in seinen Grenzen ebenso heimisch wie demokratischer Bürgersinn und dogmatische Sturheit, unabhängig von politischen Lagern. Seit der Vereinigung hat sich viel bewegt über diese alten Gräben hinweg, aber statt darüber froh zu sein, sehen die alten Eliten auf beiden Seiten nur Verluste. Doch kann nicht auch ein eingefleischter West-Berliner, der mit Kakao und Käsesahne im Kranzler aufgewachsen ist, das Aufblühen der Friedrichstraße als Gewinn empfinden? Oder einer, der einst immer nur Blauhemd tragen musste, gern in der aufblühenden Schloßstraße in Steglitz einen edlen Anzug kaufen?

Es wird viel geklittert dieser Tage, mutwillig idealisiert. Möchte wirklich irgendjemand das ganze West-Berlin zurück? Die selbstzufriedene Subventions- Weltstadt mit ihren Bürokratenarmeen und muffigen Maueridyllen? „West-Berlin geht nicht jetzt unter“, schreibt Ulf Poschardt in einem Beitrag für die „Welt“, „sondern es ging unter in jener Zeit, als Politiker wie Eberhard Diepgen, die nun laut schreien, das Sagen hatten.“ Das mag polemisch zugespitzt sein, aber es trifft einen wichtigen Punkt. Denn noch immer wird das Schicksal der Stadt von Politikern bestimmt, die sich vor allem als Ost- oder West-Berliner verstehen und ihre Aufgabe eher darin sehen, möglichst viel Teilendes zu erhalten, als etwas gemeinsames Neues zu schaffen. Und die in diesem Kampf um Erhaltung vor allem den Beleg dafür suchen, dass das, was sie damals gemacht haben, doch nicht alles ganz falsch war. Haben die Berliner ihre Stadt nie richtig geliebt, wie Richard von Weizsäcker jetzt auf der Suche nach Begründungen mutmaßt? Oder haben sie doch, aber immer nur die eigene Stadthälfte?

So kommt es, dass viele von uns immer noch Strichlisten führen und Grausamkeiten, wenn es sie denn unbedingt geben muss, so ebenmäßig verteilt sehen wollen wie Sendezeit im Wahlkampf. Fällt der Palast der Republik, mehren sich die Rufe nach einem Abriss des ICC; räumen Investoren das Hotel Unter den Linden, suchen Nostalgiker flugs nach einem Äquivalent im Westen. Kreisel? Deutschlandhalle? Selbst ein rein zufälliges, von den Betreibern und niemandem sonst verschuldetes Ereignis wie die Pleite der „Paris-Bar“ wird im Lichte dieser Abwägungen zum Politikum – man wundert sich, dass noch niemand ausgleichshalber die Zwangsschließung des „Borchardt“ gefordert hat. Autonome, sachbezogene Entscheidungen werden von Proporzerwägungen verdrängt, und noch immer kann jeder Nostalgiker auf Beifall in seinem Soziotop rechnen, wenn er stolz berichtet, er sei noch nie über den Gendarmenmarkt hinausgekommen, nach Osten oder Westen, je nachdem.

Es wäre schön, wenn statt von Ost- und West-Berlin allmählich mehr von Ganz-Berlin die Rede wäre. Keine Sorge: Die nächste Generation kriegt das hin. Es dauert nur noch eine Weile.



Staatsbibliothek voller Asbest: Sanierung dauert 7 Jahre

Bauarbeiten im Scharoun-Bau an der Potsdamer Straße bei laufendem Betrieb. Mitarbeiter müssen in Container ziehen, Bücher werden teilweise ausgelagert.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 5. März 2006, Seite xx (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original]

BERLIN (Tsp). In der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße steckt Asbest. Erste Gerüste am Gebäude und Baucontainer auf den Parkplätzen sind nach Auskunft von Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf nur die Vorboten eines „gewaltigen Bauvorhabens“. Asbesthaltig sind die Klimaanlage, Brandschutzkanäle, Feuerschutzklappen, diverse Fensterabdichtungen. Nach ersten Vorbereitungen soll die groß angelegte Asbestbeseitigung im zweiten Halbjahr beginnen und bis 2012 dauern – bei laufendem Betrieb. Für die Sanierung hat das zuständige Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 63 Millionen Euro veranschlagt. Weder für Mitarbeiter noch für Besucher bestünden Gesundheitsrisiken, heißt es in der Staatsbibliothek. „Niemand muss hier Angst haben“, versichert die Generaldirektorin.

Denn erst vor wenigen Tagen ergaben jüngste Messungen, dass bei 13 Raumluftkontrollmessungen nur 3 Messpunkte auffallend waren (etwa im Bereich Lesesaal/Pflanzbecken) und eine geringe Asbestbelastung aufwiesen. Dabei handelt es sich um 100 Fasern pro Kubikmeter Luft, der maximal zulässige Wert liegt bei 1000 Fasern. Ein Gesamtbericht soll Mitte März fertig sein. Das krebserregende Asbest ist, wie es heißt, durch Schutzanstriche gebunden.

Kaum einer der rund 3000 Besucher täglich weiß bisher, was die von Tag zu Tag wachsende Zahl von Bau- und Bürocontainern oder was die Gerüste am Magazinturm bedeuten. Der Parkplatz wird bald keine Autos mehr aufnehmen können. Die „Stabi“ hielt sich bislang mit Äußerungen über ihr Asbest- Problem zurück. Am Reichpietschufer steht unauffällig ein Bauschild, das über die anstehenden Arbeiten informiert. Im Haus gab es bisher 2 Mitarbeiterversammlungen, in denen das Personal auf die Umstellungen vorbereitet wurde. An die große Glocke hängte man das Problem nicht.

Dabei „wird das gesamte Haus einmal umziehen“, sagt Barbara Schneider- Kempf. Abschnittsweise müssen die Mitarbeiter für jeweils 6 bis 8 Wochen vors Haus in Bürocontainer ziehen, Bücher werden in andere Magazine gebracht oder ausgelagert. Bibliothekare müssen Unterdruckkammern und Mitarbeitern einer Entsorgungsfirma in Schutzanzügen Platz machen. Die Transportwege durchs Haus müssen festgelegt werden – eine logistische Herausforderung. Der Lesesaal wird teilweise gesperrt, wohl aber erst 2007. Ein genauer Zeitplan liegt nach Auskunft der Baubeauftragten des Hauses, Daniela Lülfing, noch nicht vor. Auch in ihrem Büro kleben – ebenso wie im Steglitzer Kreisel – seit längerem auf Pfeilern und Rohren Asbest-Warnungen. In den Magazinen sind etliche vertikale Lüftungskanäle nicht nur mit Warnzeichen, sondern auch mit Rammschutz versehen, damit nicht durch Transportwagen Schäden entstehen und Asbest frei wird.

In der Staatsbibliothek wird halbjährlich die Luft untersucht. Vor 5 Jahren seien 2 Fundstellen „sofort gereinigt“ worden, heißt es. Vor 2 Jahren wiesen die Grünen im Abgeordnetenhaus auf krebserregende Mineralfasern in der Stabi-Luft hin, die Mängel wurden nach Auskunft des Hauses sofort beseitigt. Vor 2 Jahren waren die Haushaltsmittel für die komplette Asbestsanierung gesichert. Seither wurde an einem Konzept dafür gearbeitet. Im November begannen die ersten Vorbereitungen.

Das Konzept sieht vor, dass ausgehend vom Dach des Magazinturms, wo die Luft angesaugt wird, die Klimaanlage stückweise nach unten erneuert wird. Um die Luftversorgung sicherzustellen – viele Fenster lassen sich nicht öffnen –, werden etappenweise provisorische Klimaanlagen installiert, die Luft ins Haus blasen. Dazu muss die Fassade stellenweise aufgebrochen werden – deshalb derzeit die Gerüsttürme am Magazinbau. Die asbesthaltigen Teile werden später unter höchsten Sicherheitsauflagen verpackt und aus dem Haus gebracht.

„Der ganze Bau wird nie total eingerüstet sein, die Asbestbeseitigung ist kleinteilig“, sagt die Generaldirektorin. Das gesamte Haus mit seinen 5,5 Millionen Büchern zu schließen, sei angesichts der Besucherzahlen und der Bedeutung des Hauses auch für Studenten nicht ratsam.

Der lange Sanierungszeitraum ist für die Stabi ein Manko. „Aber wir haben ja 2 Häuser“, tröstet sich die Generaldirektorin. Nur: Im Gebäude Unter den Linden wird ebenfalls saniert und neu gebaut, bis 2011. Die Staatsbibliothek, seit einem Jahr unter Denkmalschutz, war 1978 eröffnet worden. Sie entstand nach Entwürfen des 1972 verstorbenen Architekten Hans Scharoun.



Türöffner gesucht

Absurder Streit um eine Abkürzung zu einem Einkaufszentrum in Tempelhof.

Aus:
Berliner Morgenpost, 9. März 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (BM). Absurdistan liegt am Mariendorfer Damm. Es gibt eine Tür dorthin. Sie ist 1,46 Meter breit und verschlossen. Und nun beginnt eine Geschichte über Behörden in Berlin und verärgerte Bürger.

Die Tür gehört zu einem Zaun. Dieser umgibt ein Einkaufszentrum neben der Trabrennbahn am Mariendorfer Damm. Nun war es so, daß die Anwohner aus dem benachbarten Titlisweg – dort wohnen etwa 500 Tempelhofer – das Tor mit einem Imbusschlüssel öffneten und so die Tür zu einer enormen Abkürzung aufstießen. Denn nun sparten sich die Anwohner einen 600 Meter langen Fußmarsch am Zaun entlang und über das Gelände des Einkaufszentrums. So konnten sie mit wenigen Schritten über einen Parkplatz ihren Lebensmittelladen erreichen. Doch die Tempelhofer Türöffner hatten nicht mit dem Bezirksamt gerechnet. Die Bauaufsicht verschloß die Tür wieder. Denn der Bebauungsplan sieht vor, daß das Einkaufszentrum nur vom Mariendorfer Damm aus zu erreichen ist. Das gilt auch für Fußgänger. Denn dort, "wo ein Fußgänger durchgeht, passen auch ein Fahrrad und ein Motorrad durch", schrieb eine Sachbearbeiterin an einen Anwohner. Und das darf wegen des Bebauungsplans nicht sein, denn Anwohner könnten sich durch den Lärm belästigt fühlen.

Die Bauaufsicht des Bezirksamtes handelte, und verschloß die Tür ausgerechnet mit einem Fahrradschloß. Der FDP-Abgeordnete Holger Krestel schaltete sich ein, verteilte Flugblätter und organisierte den Protest der Ausgesperrten. Ohne Erfolg. Schließlich machte sich auch Bezirksbürgermeister Ekkehard Band auf den Weg nach Absurdistan. Er schaute sich die Tür an und schrieb einen Brief an Stadträtin Elisabeth Ziemer. Die Begründung sei "schlichtweg nicht nachvollziehbar und bürgerunfreundlich". Band forderte die Stadträtin auf: Mach auf das Tor! — Gestern war die Tür noch verschlossen.



Tagungszentrum auf FU-Campus

Star-Architektenbüro Murphy/Jahn plant Hotelbau und Kongreßpavillon.

Aus:
Berliner Morgenpost, 15. März 2006, Seite xx (Bezirke). [Original]

DAHLEM (BM). Das geplante Tagungszentrum auf dem FU-Campus in Dahlem nimmt Konturen an. Bereits im Frühjahr soll Baubeginn für ein Hotel und einen Kongreßpavillon im Karree Lansstraße, Takustraße und Hechtgraben sein [Ed: auf dem einst ein Verwaltungsgebäude für die FU geplant war]. "Die Bauzeit ist auf 16 Monate veranschlagt, so daß die Fertigstellung in der zweiten Jahreshälfte 2007 möglich ist", erklärte Manfred Steinbach vom Projektentwickler "Kommunalprojekt public private partnership" in Potsdam dieser Zeitung.

Der Planungsentwurf stammt von der Berlin-Dependance des Chicagoer Star-Architektenbüros Murphy/Jahn. Helmut Jahn zeichnete in Berlin bereits für das Sony-Center und das Neue Kranzler-Eck am Kurfürstendamm verantwortlich. Der Entwurf für Dahlem sieht ein viergeschossiges Hotelgebäude in Form eines rechten Winkels vor, der sich zum Ortszentrum Dahlem-Dorf an der nahen Königin-Luise-Straße hin öffnet. Ihm diagonal gegenübergestellt ist ein dreistöckiger Kongreßpavillon mit mehreren Tagungsräumen und einem großen Sitzungssaal. Dazwischen soll eine große grüne Piazza mit Pflanzbeeten, Bäumen und Wegen, begrünten Rankgerüsten und Sitzgelegenheiten entstehen.

Der Hotelbau, in unmittelbarer Nachbarschaft der Museen für Ostasiatische und Indische Kunst gelegen, bietet in den 3 Obergeschossen 193 Zimmer in 4 verschiedenen Kategorien. Ein Restaurant ergänzt die großzügige Lobby und soll den öffentlichen Charakter des Erdgeschosses betonen. Im Untergeschoß sollen 150 Autos in einer Tiefgarage Platz finden, zudem ein Fitneß- und Saunabereich, die Hotelwäscherei sowie Teile der Küche.

Der Betreiber des Hotels steht noch nicht fest. "Die Verhandlungen dürften aber bis zum erhofften Baustart Mitte/Ende Mai beendet sein", sagt Manfred Steinbach. Die Investitionssumme beziffert er mit 30 Millionen Euro inklusive der Grundstückskosten.

Das Hotel ist ein Mosaikstein zu dem von FU-Präsident Dieter Lenzen geprägten Ziel des "deutschen Oxford" mit zentralem Campus. Ein weiterer Baustein soll ein Institutsgebäude samt Bibliothek für die "kleinen Fächer" der Geistes- und Kulturwissenschaften an der Fabeckstraße werden. Den Architekten-Wettbewerb dafür hatte im Sommer 2005 das Büro Florian Nägler (München) gewonnen.



Ein Glasturm für die Friedrichstraße

Nach jahrelanger Verzögerung soll nun am Bahnhof ein knapp 50 Meter hohes Bürogebäude entstehen.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 21. März 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

      Neubau Spreedreieck
^   Geplanter Neubau am Spreedreieck. Links ist der Bhf. Friedrichstraße.   (Foto: 2006 – tsp)
BERLIN (Tsp). Die Würfel sind gefallen. Der Berliner Architekt Mark Braun wird das Spreedreieck genannte Grundstück am Bahnhof Friedrichstraße bebauen. Geplant ist ein Bau, der nach außen zweigeteilt wirkt, im Inneren aber verbunden ist. Vorgesehen sind 10 beziehungsweise 12 Geschosse, die sich der Hamburger Investor Harm Müller-Spreer knapp 100 Millionen Euro kosten lässt. Für den transparenten Büropalast mit der geschwungenen Fassade aus Glas hat er auch schon einen Mieter. Die Wirtschaftsprüfergesellschaft Ernst & Young zieht mit ihren 400 Berliner Mitarbeitern ein. Baubeginn soll noch in diesem Jahr sein. Das knapp 50 Meter hohe Haus will Müller-Spreer im Herbst 2008 fertig stellen.

Ein ehrgeiziger Plan, umso mehr, da der Bauantrag noch nicht gestellt ist. Doch Müller-Spreer ist optimistisch: „Ich habe die SAP-Zentrale am Hackeschen Markt in 14 Monaten fertig gestellt – das werden wir hier auch schaffen.“ Architekt dieses Hauses war ebenfalls Mark Braun. Die beiden kennen sich also bestens. Braun, ehemals Projektleiter im Büro von Sir Norman Foster für den Umbau des Reichstags, hatte für die Bebauung des Spreedreiecks mehrere Entwürfe geliefert. „Ich wollte einen dynamischen Bau schaffen“, sagt Braun. Der eigenwillige Grundriss des Gebäudes ist der eingeschränkten Bebaubarkeit des Grundstücks geschuldet.

Der denkmalgeschützte Tränenpalast bleibt erhalten und steht auch in Zukunft für eine kulturelle Nutzung zur Verfügung [Ed: für den bisherigen Betreiber kam aber schon im Juli 2006 das Aus]. Zwischen Tränenpalast, dem Neubau und dem Bahnhof Friedrichstraße ist ein etwa dreieckiger Bahnhofsvorplatz geplant, außerdem eine zweigeschossige Tiefgarage mit rund 400 Stellplätzen.

Mit dem Umzug an die Friedrichstraße gibt Ernst & Young seine bisherigen Standorte an der Französischen Straße 48 und im Quartier 206 auf. Die Büros am Spreedreieck bieten den Wirtschaftsprüfern viel Platz für eine eventuelle Expansion. „Wir werden dort deutlich mehr als 400 Mitarbeiter unterbringen können“, sagte ein Sprecher. An einen Umzug der Deutschlandzentrale von Stuttgart nach Berlin sei aber nicht gedacht. Über die Dauer des Mietvertrages, den Ernst & Young und MüllerSpreer geschlossen haben, wollen beide Seiten nichts sagen. Branchenüblich sind Laufzeiten zwischen 10 und 20 Jahren.

Mit der Bebauung des Spreedreiecks schließt sich nördlich des Bahnhofs Friedrichstraße eine empfindliche Lücke. Für dieses Areal entwarf Mies van der Rohe in den zwanziger Jahren einen kühnen Wolkenkratzer, der nie gebaut wurde. Jetzt entsteht ein attraktives Viertel. Auf der anderen Straßenseite ist die Sanierung des Admiralspalasts in vollem Gange. Die Eröffnung verzögert sich – wegen des strengen Winters lag die Baustelle brach.



„Es blutet mir das Herz“

Der frühere Daimler-Vorstandschef Edzard Reuter über die Verkaufspläne des Konzerns.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 23. März 2006, Seite ?? (Berlin). Das Gespräch führte SABINE BEIKLER. [Original]

Der Tagesspiegel: Ohne Sie hätte es die Daimler-City nicht gegeben. Als damaliger Vorstandschef von Daimler-Benz nahmen Sie den Konzern in die Pflicht und investierten am Potsdamer Platz 2 Milliarden Euro. Wie reagieren Sie, wenn Sie hören, dass der Konzern erwägt, dort Grundstücke zu verkaufen?

Edzard Reuter: Natürlich blutet mir das Herz. Seit 2 Jahren habe ich von den Verkaufsgerüchten gehört. Aber ich habe auch Respekt vor den betriebswirtschaftlichen Überlegungen von Daimler-Chrysler. Was mich tröstet, ist die Tatsache, dass der Potsdamer Platz inzwischen seine Rolle, seine Aufgabe in Berlin ausfüllt. Und zwar unabhängig davon, wem das Grundstück letztlich gehört.

Der Tagesspiegel: Wird sich der Potsdamer Platz durch einen Immobilienverkauf ändern?

Edzard Reuter: Nein. Der Potsdamer Platz hat sich längst etabliert und ist ein rundum lebensfähiges Gebilde geworden.

Der Tagesspiegel: Wie wichtig ist der Potsdamer Platz für Berlin?

Edzard Reuter: Er ist die Mitte Berlins. Einiges muss aber noch getan werden: Der Leipziger Platz ist noch nicht vollendet [Ed: denn ein Warenhaus vom Wertheim-Typ fehlt dort noch]. Der Potsdamer Platz bleibt ein Symbol für die Lebenskraft der deutschen Hauptstadt.

Der Tagesspiegel: Als Sie 1989 die Idee hatten, am Potsdamer Platz zu bauen, war der Fall der Mauer noch nicht abzusehen. Welche Visionen hatten Sie damals?

Edzard Reuter: In der Mitte Berlins, die vor 16 Jahren eine Brache war, sollte neues Leben entstehen. Vor der Wiedervereinigung sollte es ein Symbol für die Aufbruchstimmung und ein Symbol für die damals beiden deutschen Staaten sein. Nach der Wiedervereinigung sollte der Potsdamer Platz dazu beitragen, dass Berlin als deutsche Hauptstadt mit einer neuen Mitte wieder diese Rolle übernehmen kann. Und das ist ja danach auch passiert.

Der Tagesspiegel: Während der Grundsteinlegung der Debis-Zentrale 1994 stiefelten Sie zwischen Akrobaten und Feuerschluckern in die 9 Meter tiefe Grube und versprachen ein „echtes, humanes, urbanes Stadtquartier". Ist es das geworden?

Edzard Reuter: Der Potsdamer Platz ist ein urbanes Quartier, in dem sich die Menschen wohl fühlen, nicht nur Touristen, sondern auch die Berliner. Das macht die Mischung aus Wohnen, Einkaufsleben und Entertainment – nicht zuletzt dank der Planung von Renzo Piano und anderen Architekten. Ich gehe selbst oft und gerne dahin.

Der Tagesspiegel: Mit dem Potsdamer Platz verbinden sich Aufbruchgefühle. Ist diese Chance jetzt durch die Verkaufspläne von Daimler-Chrysler vertan?

Edzard Reuter: Das Quartier Potsdamer Platz gedeiht. Zur Motivation des Konzerns äußere ich mich nicht, weil ich das nicht beurteilen kann.

Der Tagesspiegel: Grüne und PDS wollten Ihnen 1998 nicht die Ehrenbürgerwürde des Landes Berlins verleihen, weil Sie mit dem Kauf des landeseigenen Grundstücks nur unternehmerische Interessen verfolgt hätten. Hat sich die Befürchtung von damals jetzt bewahrheitet?

Edzard Reuter: Ich wollte ein Investitionsobjekt auf die Beine stellen, welches das Vertrauen in die Zukunft der Stadt und letztlich auch des gesamten Landes zum Ausdruck bringen sollte. Als Unternehmer und Vorstandschef musste ich auch im Sinne der Aktionäre verantwortlich handeln. Natürlich war das kein Investitionsprojekt, das in den Sand gesetzt werden sollte. Es sollte sich auch wirtschaftlich rentieren. Aber: Solche Projekte hätte man auch woanders aufbauen können. Wir haben uns damals aber für Berlin entschieden, weil das eine Signalwirkung haben sollte.

Der Tagesspiegel: Noch am Tag ihres beruflichen Ausscheidens haben Sie an die „andere Verantwortung“ von Konzernen appelliert. Es gehe nicht nur um Profit, sondern um Verantwortung für das Gemeinwesen. Agieren Konzerne heute anders?

Edzard Reuter: Konzerninteressen ändern sich im Zuge der Globalisierung. Eine Verkaufsentscheidung steht mit früheren Überlegungen in keinem Zusammenhang mehr. [Berlin-Report zum Potsdamer Platz]



Bezirke? Körting würde sie gern abschaffen

Debatte über Vorschläge der Enquetekommission.

Aus:
Berliner Zeitung, 4. April 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN. Ungewöhnliches Treffen im Abgeordnetenhaus: Weil die Sachverständigen der Enquetekommission "Eine Zukunft für Berlin" unzufrieden waren mit der Art und Weise, wie der Senat auf ihre Vorschläge zur Sanierung des Landeshaushalts und zur Entwicklung Berlins reagiert hatte, baten sie um einen Termin mit dem Senat. Gestern war es soweit: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und 4 Senatoren nahmen sich 3 Stunden Zeit, um mit den Experten zu diskutieren.

Der Senat habe zu bürokratisch und mit dem Hinweis, man mache doch schon ganz viel, auf die Ideen reagiert. Zum Beispiel hinsichtlich der Verwaltungsreform. "Das war enttäuschend, man kann nicht sagen, es ist alles gut", sagte der Verwaltungsexperte Hartmut Bäumer. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) widersprach nicht, sondern warf umgekehrt der Kommission vor, zu zögerlich gewesen zu sein. "Sie waren auch nicht mutig genug, die Bezirke abzuschaffen", sagte Körting.

Die 12 Bezirke seien keine Kommunen oder Gemeinden. Normalerweise kümmerten sich die Kommunen um den Verkehr, Müll, Abwasser und die Wasserversorgung. "Das ist bei uns alles zentralisiert, das machen BSR, BVG und die Wasserbetriebe", sagte Körting. Die Bezirke seien nur Außenstellen der Stadtverwaltung. Und sie würden sich eher profilieren, indem sie Bauvorhaben verhinderten als eines zu genehmigen, so der Senator. Wenn die Kommission mutig gewesen wäre, könnten die Bezirke zu "Ortsbeiräten zu bestimmten Bereichen" umgewandelt werden. "Aber dazu wird auch keine Partei den Mut finden", sagte Körting. Man müsse deshalb "das Nebeneinander" von Senats- und Bezirksverwaltungen besser organisieren, den Bezirksämtern eine einheitliche Struktur geben und "ein paar Stadträte" streichen, sagte Körting. "Die Zeit dafür ist reif."

Uneinig waren sich Experten und Senat beim Thema Länderfusion. Der ehemalige Kultursenator und frühere Chef der Marketing-Organisation "Partner für Berlin", Volker Hassemer (CDU), forderte, dass der Senat mehr für die Fusion mit Brandenburg tun müsse. Es müsse klar sein, dass Potsdam die Hauptstadt des vereinigten Landes werde und der Name des neuen Bundeslandes dann "Brandenburg" laute. Der Regierende Bürgermeister widersprach beim Ländernamen heftig: "So ein Unsinn." Den Namen Berlin dürfe man aus Marketing-Gründen nicht aufgeben. Schon heute würden die Brandenburger international unter dem Titel "Berlin-Brandenburg" für sich werben. Für ihn sei aber klar, dass Potsdam Hauptstadt des Landes sein müsse.



B A H N H O F   F R I E D R I C H S T R A S S E

Lange Wege beim Umsteigen für den Bau einer Tiefgarage

Am Bahnhof Friedrichstraße wird der Gang zwischen S- und U-Bahn gesperrt. Somit gibt es vorübergehend keinen zweiten Rettungsweg für die Fahrgäste.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 11. April 2006, Seite xx (Berlin) von KLAUS KURPJUWEIT. [Original]

BERLIN (Tsp). Eigentlich will der Senat den Autoverkehr im Zentrum eindämmen und den öffentlichen Nahverkehr fördern. Wenn ein Investor allerdings bauen will, drückt die Verwaltung auch schon Mal ein Auge zu und macht das Gegenteil. Die Folge: Am Bahnhof Friedrichstraße müssen Fahrgäste beim Umsteigen zwischen der U-Bahn und der im Tunnel fahrenden S-Bahn monatelang lange Umwege in Kauf nehmen, und nach Abschluss der Arbeiten gibt es rund 200 Stellflächen mehr für Autos.

Der in den 30 Jahren gebaute Verbindungsgang zwischen der U- und der S-Bahn muss gesperrt werden, um eine Tiefgarage auf dem so genannten Spreedreieck bauen zu können, dort, wo auch der Tränenpalast steht. Ursprüngliche Pläne, den Tunnel abzureißen und nicht wieder aufzubauen, sind vom Tisch. Wie lang die unvermeidlichen Sperrungen dauern werden, sei noch nicht klar, sagte die Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung, Manuela Damianakis. Der Verbindungsgang werde nach dem Abriss neu gebaut – mit zusätzlichen Läden.

Bedenken gegen diese Pläne haben die BVG und das Eisenbahn-Bundesamt, das für die S-Bahn zuständig ist. Wenn der Tunnel unpassierbar sei, ginge der zweite Rettungsweg des U-Bahnhofs verloren. Deshalb müsse man prüfen, ob die übrigen Zugänge ausreichend seien, um den Fahrgastbetrieb sicher abwickeln zu können. Die Treppenanlagen, die dann als Übergang zwischen S- und U-Bahn genutzt werden könnten, seien schon jetzt stark frequentiert.

Seit einem Brand im U-Bahnhof Deutsche Oper im Sommer 2000, bei dem der einzige Ausgang durch das Feuer blockiert war, baut die BVG in Stationen mit nur einem Ausgang zweite Ausgänge ein. In diesem Jahr werden die Arbeiten an den Bahnhöfen Theodor-Heuss-Platz, Sophie-Charlotte-Platz und Deutsche Oper abgeschlossen. Statt dieses Millionen-Programm demnächst abschließen zu können, besitzt die BVG an der Friedrichstraße nun, wenn auch nur vorübergehend, eine weitere Station mit nur einem Ausgang über zwei enge Treppen.

Gebremst hat die Verwaltung aber die Pläne für das Ausmaß der Tiefgarage. Der Bauherr wollte ursprünglich 400 Stellplätze schaffen. Jetzt sollen es nach Angaben von Damianakis 200 „oder weniger“ werden.

Der Senat war dem Bauherrn schon beim Kauf des Grundstücks weit entgegengekommen. Wegen Pannen beim Verkauf einer Teilfläche machte der Investor eine Entschädigungen in zweistelliger Millionenhöhe geltend. Danach schenkte ihm das [Ed: total verarmte] Land weitere Grundstücke.



Berlin ist willig, aber Brandenburg sträubt sich

Vor 10 Jahren scheitert die Länderfusion. Ein neuer Versuch ist nicht in Sicht.

Aus:
Berliner Morgenpost, 5. Mai 2006, Seite xx (Brandenburg). [Original]

BERLIN (BM). Zehn Jahre nach der gescheiterten Volksabstimmung über die Fusion von Berlin und Brandenburg ist kein neuer Zeitpunkt für einen zweiten Anlauf in Sicht. Daran ließ Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) auch nach seiner Rückkehr aus dem Krankheitsurlaub keinen Zweifel; bei seinem ersten Auftritt machte er vor einigen Tagen deutlich, daß er für die Vereinigung der beiden Länder "derzeit keine Chance" sieht. Die Zustimmung der Märker könne nur mit weiteren Fortschritten bei der Zusammenarbeit erreicht werden. Gestern, vor dem zehnten Jahrestag der Volksbefragung, klang Platzeck versöhnlicher: Nirgends in Deutschland klappe die Zusammenarbeit zwischen zwei Bundesländern heute besser als hier, lobte er, und die Fusion müsse Ziel bleiben – aber eben langfristig.

Mit seiner Absage an einen erneuten Fahrplan für die Länderehe dürfte Platzeck seine SPD hinter sich haben – auch wenn selbst unter Sozialdemokraten immer wieder Stimmen laut werden, die Fusion erneut auf die Tagesordnung zu setzen. So wirbt Landtagspräsident Gunter Fritsch zum Jubiläum des gescheiterten Projekts für eine neue Volksabstimmung 2009. Seiner Ansicht nach hat Platzeck die Fusionspläne "zu weit heruntergefahren", als er im Landtagswahlkampf 2004 den mit Berlin verabredeten Fusionszeitplan kippte. "Die Fusion ist eine Riesenchance", ist Fritsch überzeugt.

Auch die Brandenburger Union, die den Druck der Wirtschaft spürt, hofft auf ein Umsteuern Platzecks. Ginge es nach Regierungsvize Jörg Schönbohm (CDU), sollte nach dem in Kürze erwarteten Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Klage Berlins auf Finanzhilfen des Bundes umgehend ein neuer Fahrplan vereinbart werden. Auch Schönbohm nennt 2009 für die Volksabstimmung den "idealen Zeitpunkt", da dann Bundes- und Landtagswahlen stattfinden. Zwei Jahre später könnte die Fusion vollzogen werden. Die Linkspartei, die als PDS 1996 gegen die Pläne Front machte, will sich nicht festlegen. Zunächst gehöre der Finanzstatus Berlins geklärt.

Berlin hält ungeachtet des Rückziehers Brandenburgs an der baldigen Fusion fest. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) läßt keine Gelegenheit aus, dafür zu werben. Der Potsdamer Staatsrechtler Eckart Klein kritisiert die Haltung Platzecks und anderer führender Sozialdemokraten, die abwarten, bis sich die Stimmung geändert hat: "Das ist eine faule Ausrede. Ich halte es für absolut verantwortungslos, so zu handeln."



S Y M P O S I E N

Der Dompteur der Baulöwen

Senatsbaudirektor Stimmann geht in Ruhestand. Kein anderer Beamter prägte das neue Berlin wie er. Sein größtes Werk ist der Potsdamer Platz. Der Tagesspiegel würdigt seine Arbeit mit einem Symposium.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 6. Juni 2006, Seite xx (Berlin). [Original]


TAGESSPIEGEL-SYMPOSIEN
Aus: Der Tagesspiegel, 6.6.2006.


POTSDAMER PLATZ

Am Donnerstag, 8. Juni, diskutieren Eberhard Diepgen, einst Regierender Bürgermeister, der Bauherr Hans-Jürgen Ahlbrecht (Daimler-Chrysler) und der Architekt Hans Kollhoff. An diesem wie an den anderen beiden Abenden des Symposiums moderiert der Architekturkritiker Gerwin Zohlen. Beginn jeweils um 19 Uhr im Lichtburgforum der Gartenstadt Atlantic, Behmstraße 13, U/S-Gesundbrunnen. Eintritt frei, Anmeldung: 499 88 151. [mehr]

FRIEDRICHSTRASSE

Am Donnerstag, 15. Juni, diskutieren Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD), Stadträtin Dorothee Dubrau (Grüne) und die Dussmann-Geschäftsführerin Martina Tittel.

PARISER PLATZ

Am Donnerstag, 22. Juni, diskutieren die CDU-Bundestags- abgeordnete Monika Grütters, Ex-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU) und der Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm. [mehr]
BERLIN (Tsp). Der Senatsbaudirektor und Staatssekretär für Stadtentwicklung Hans Stimmann zieht sich im Herbst nach 15 Jahren zurück. Damit endet eine der aufregendsten Phasen der Berliner Stadtbaugeschichte. Denn der Mauerfall und die Wiedervereinigung der beiden Halbstädte erforderten ein gewaltiges Bauvolumen. Mit einem dreiteiligen Symposium will der Tagesspiegel eine Bilanz ziehen. Anhand dreier markanter Orte soll über Chancen, Gelingen, aber auch versagte Wünsche und Grenzen des Städtebaus diskutiert werden. Teil 1: Der Potsdamer und Leipziger Platz.

Als sich Daimler-Chrysler mit Edzard Reuter an der Spitze schon vor der Wende entschloss, in der mauerbedingten Wüstenei am ehemaligen Potsdamer Platz mit der Debis-Zentrale ein Fanal zu errichten und die Entwicklung der am Rand des Todesstreifens dahindämmernden Stadtbrache voranzutreiben, hatten die Konzernoberen noch ganz eigene Vorstellungen. Als es dann ans Projektieren ging, konnte man sogar das Zusammenwachsen mit Berlin-Mitte einplanen.

Aber da betrat Hans Stimmann im Mai 1991 die politische Bühne. Die Ausschreibung für den Wettbewerb durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung war zwar bereits formuliert, doch der neue Senatsbaudirektor brachte die Planungshoheit rasch und entschieden an sich, zunächst durch die gezielte Auswahl von 16 Architektenteams, die im Juni zu dem beschränkten Wettbewerb eingeladen wurden. Stimmanns städtebauliche Grundüberzeugung gebot ihm entschiedene Einflussnahme auf das bedeutendste Bauvorhaben der wiedervereinigten Stadt. Nicht immer mit der vorbehaltlosen Rückendeckung seines eher politisch agierenden Senators Wolfgang Nagel bezog er eine kompromisslose Position, die oft genug im Widerspruch zu jener der Investoren stand. Die haben zu bauen, was die Senatsverwaltung vorgibt, so sein Credo.

Gleich in der ersten Jurysitzung machte er keinen Hehl daraus, dass den milliardenschweren Investoren in diesem Verfahren nur ein Beobachterstatus zugestanden sei. Eloquent und hartnäckig, fachlich beschlagen und allzeit gut vorbereitet, majorisierte er wie in seiner Amtszeit auch dieses erste Preisgericht. Das Ergebnis, der Entwurf von Hilmer und Sattler, entsprach Stimmanns Vorstellungen von der „Europäischen Stadt“, die er rasch zur Doktrin verfestigt hatte. Es geht dabei um die Rückbesinnung auf den Städtebau des 19. Jahrhunderts, um das „Gedächtnis der Stadt“, um die Wiedergewinnung der Straßen- und Platzräume durch Blockrandbebauung, um durchgängige, moderate Bauhöhen und um ein urbanes Stadtleben in diesen öffentlichen Straßen.

Den Investoren Debis, Sony, ABB und Hertie behagten die Pläne keineswegs. Zu konservativ, zu uninspiriert und unflexibel, so ihr Urteil. „Sie haben hier keine Stimme“, musste sich jedoch der Daimler-Benz-Vorstandsvorsitzende Werner Breitschwerdt vom Senatsbaudirektor abkanzeln lassen. Das ganze Vorhaben drohte zu scheitern (nicht zum einzigen Mal). Nun war der Zeitpunkt gekommen, einen geheim gehaltenen Gegenvorschlag von Richard Rogers zu präsentieren, den die Investoren in Auftrag gegeben hatten. Der Druck zeigte Wirkung, neue Gespräche fanden statt und führten zu einer Aufweichung der Planvorgaben von Hilmer und Sattler.

Zunächst schrieb Sony seinen Bauwettbewerb aus und kürte Helmut Jahn aus Chicago als Sieger. Mit Jahns Stahl- und Glas-Architektur, der auftrumpfenden Baugestalt und dem privaten öffentlichen Raum unter dem Zeltdach konnte sich Stimmann nicht anfreunden. Er war dagegen, dass das Sony-Areal von nur einem Architekten gestaltet wird. Gleichwohl waren hier Kräfte am Werk, die sich gegen ihn durchzusetzen vermochten. Renzo Piano gewann den Architekturwettbewerb des Debis-Areals, diesmal eher in Stimmanns Sinn.

Doch kurz darauf entspann sich ein weiterer Disput. Debis und die ECE als Betreiber des geplanten Einkaufszentrums wollten eine geschlossene Passage entwickeln, Stimmann hingegen bestand auf offenen Straßen. Damals malten altlinke Stadttheoretiker den Großinvestoren das Schreckbild vom privatisierten öffentlichen Raum aus, in dem Privatsheriffs rigoros für Ordnung sorgen und für „normales Stadtleben“ mit weniger kaufkräftigem Publikum oder gar Straßenmusikanten kein Platz ist.

Nachdem sich Debis und ECE soweit durchsetzen konnten, dass doch ein überdachtes Einkaufszentrum, die „Potsdamer Platz Arkaden“, gebaut wurde, ging es Stimmann nun darum, diesem den Charakter einer überdachten Straße zu verleihen. Nicht das Interieur eines Kaufhauses, sondern eine Flanierstraße war sein Ziel. Damit konnte er sich durchsetzen, sehr zum Vorteil des Quartiers, wie heute alle Beteiligten einräumen.

Inzwischen sind die Kritiker leise geworden. Niemand spricht mehr von einem unorganischen, synthetischen Stück Stadt. 70.000 Besucher täglich stimmen mit den Füßen ab und bezeugen, dass das Quartier zu einem Aktivposten der Stadt und international zu einem Vorzeigeprojekt geworden ist. Senatsbaudirektor Stimmann hat seinen Anteil an diesem Erfolg und der gehört zu den erfreulicheren Resultaten seiner Amtszeit. [mehr] [Berlin-Report zum Potsdamer Platz]



Ruppig, stur – und sehr erfolgreich

Senatsbaudirektor Hans Stimmann setzte am Potsdamer Platz seine Ideen durch – zum Vorteil Berlins.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 10. Juni 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (Tsp). Ohne Senatsbaudirektor Hans Stimmann sähe der Potsdamer Platz und damit die Berliner Mitte heute anders aus. Darüber waren sich rückblickend drei der führenden Planer und Entscheider einig: Der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, Bauherr Hans-Jürgen Ahlbrecht von Daimler-Chrysler und der Architekt Hans Kollhoff. Im voll besetzten Saal des Weddinger Lichtburg-Forums in der Gartenstadt Atlantic zogen die 3 auf Einladung des Tagesspiegels eine Bilanz über ein Bauvorhaben, das nach Ansicht des Architekturkritikers Gerwin Zohlen weltweit einmalig ist.

Als Anfang der 90er Jahre die ersten Pläne für die Bebauung des Potsdamer Platzes geschmiedet wurden, reichten die Vorstellungen von gigantischen Hochhauskonzepten bis zu transparenten Glaspalästen. Die Investoren – Daimler, Sony, ABB, Hertie – wollten gewaltige 8 Milliarden Euro investieren. Stadtplaner beschäftigten sich mit der Frage, wie das brachliegende Areal ästhetisch und funktional gestaltet werden solle. Das Konzept der „europäischen Stadt“ stand gegen Ideen der internationalen Geldgeber, die Hochhäuser und ein überdachtes und fensterloses Einkaufszentrum wollten.

Hans Kollhoff, der am Platz direkt gegenüber dem Sony-Glasturm ein Hochhaus mit einer Backsteinfassade baute, sprach von einem „Paradigmenwechsel“ und „entfesselter Dynamik“, die dieser leere Platz mitten in Berlin auslöste. Milliardensummen und fantastische Wachstumsprognosen – das neue Berlin schien tragfähig für jeden Traum. Die Träume der Geldgeber aber rieben sich an der Berliner Verwaltung. Mehr als einmal habe Daimler ein Ende seines Engagements erwogen, bekannte Ahlbrecht. Man hatte es zu tun mit Beamten, die in West-Berliner Zeiten niemals mit Großprojekten zu tun hatten, bestenfalls dann und wann den „Bau einer Gartenlaube“ genehmigten und mit den anspruchsvollen Plänen für den Potsdamer Platz überfordert gewesen seien.

Teile des Areals seien schlicht schwarz gebaut worden, weil der Bau schneller voranschritt als die Ausstellung der notwendigen Papiere, sagte Ahlbrecht. Und mit Senatsbaudirektor Hans Stimmann gab es jahrelang hitzige Diskussionen, etwa über die Gestaltung der Potsdamer Platz Arkaden, die Stimmann offen, ohne Dach und mit typischen Berliner Alleebäumen wünschte, die sich die Investoren aber eher als geschlossene Shopping-Mall vorstellten. „Posemuckel“ nannten das die Investoren, die in anderen Ländern viel freier agieren konnten, sich aber letztlich doch Stimmanns Idee der „europäischen Stadt“ beugten.

Auch der Senat war mit Stimmann nicht immer glücklich, bekannte Diepgen. Es habe viele Beschwerden gegeben, nicht nur über seine rigide Ablehnung von Hochhausbebauung, seine kompromisslose Verteidigung der „Berliner Traufhöhe“ von 22 Metern, am Potsdamer Platz ausnahmsweise 35 Metern, sondern auch über seinen rauen Ton und – diese Erfahrung teilten die Diskutanten – seine bisweilen schlechten Manieren. Aus der heutigen Perspektive bewerten die damaligen Entscheider den Einfluss des unbeugsamen Stimmann allerdings anders. „Seine Rigidität war notwendig“, resümierte Diepgen, weil er es geschafft habe, die Bauherren des Potsdamer Platzes zu einer freundlichen und menschlichen Architektur zu bewegen.

Bauherr Ahlbrecht bekennt, Stimmann habe bei aller Sturheit eine klare Vorstellung besessen, wie die einstige Brache zwischen Kulturforum und Alex aussehen sollte – anders als seine Senatoren, die ihre Entscheidungen häufig an tagesaktuellen Umfrageergebnissen ausgerichtet hätten und nicht an städtebaulichen Perspektiven. Der Potsdamer Platz sei gelungen, war sich das Podium einig, wenngleich noch nicht alles fertig sei. Ein Fußweg in die Staatsbibliothek sei vorbereitet, erinnerte Ahlbrecht, nur gebe es bis heute keinen Anschluss in den Scharoun-Bau an der Potsdamer Straße. Hier fehle noch ein Stück, um Kommerz und Kultur zu verbinden. [mehr] [Berlin-Report zum Potsdamer Platz]



Erst hinter der Fassade wird’s schön

Mit Hans Stimmanns Gestaltung des Pariser Platzes sind Architekturexperten nicht zufrieden.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 25. Juni 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (Tsp). „Ich habe mit dem Pariser Platz meinen Frieden gemacht“, gestand der Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm. 1991 hatte er in einem Gutachten eine ganz andere Vision entwickelt. Damit das Brandenburger Tor besser als Wahrzeichen Berlins wirken kann, wollte er es als Solitär herausstellen, die Westseite des Platzes offen lassen und für die Längsseiten nicht mehr als 10 Meter Traufhöhe zulassen. Die Idee einer derartigen Monumentalisierung des Tors wurde seinerzeit von Volker Hassemers Senatsverwaltung für Stadtentwicklung torpediert. Josef Paul Kleihues konnte [Ed: überraschend schnell] seine klassizistischen Etüden Haus Sommer und Haus Liebermann neben dem Tor bauen. Am restlichen Platz wurde den Investoren die übliche Bauhöhe zugestanden.

Das melancholische Fazit Dieter Hoffmann-Axthelms zog sich wie ein roter Faden durch das Expertengespräch, zu dem der Tagesspiegel ins Lichtburgforum der Gartenstadt Atlantic in Wedding eingeladen hatte. Es war die letzte von drei Veranstaltungen zur Bilanz der Arbeit von Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Es diskutierten CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters, Ex-Senator Volker Hassemer, Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm und Architekturkritiker Gerwin Zohlen. Was den Pariser Platz angeht, waren sie sich einig: Ein großer Wurf ist es nicht geworden, was manche die „gute Stube“, andere den „Salon“ der Hauptstadt nennen.

Ist Hans Stimmann schuld, der für ganz Mitte Baulinie, Trauf- und Firsthöhe festlegte sowie den Stein als Fassadenmaterial, den prozentualen Anteil an Fensteröffnungen und die Fensterformate vorgeschrieben hat? Frank Gehrys DZ Bank sei der Beweis, dass man mit Stimmanns Festlegung auch großartige Architektur machen kann. Auch darüber ist man sich nicht nur auf diesem Podium einig. Allerdings findet die Architektur „im Saale statt“, das gilt nicht nur für Gehry, sondern auch für Meinhard von Gerkans Dresdner Bank mit ihrer beeindruckenden Rotunde, für Christian de Portzamparcs Französische Botschaft sowie für Behnischs Akademie der Künste mit ihren dramatischen Treppenkaskaden. Hassemer drückte es so aus: „Wenn man die Schwelle überschritten hat und hinter die Fassade gelangt, wird’s schön“.

Er wunderte sich darüber, was Stimmann alles entschieden haben soll. Aber es reichte offenbar dafür, dass man in Architektenkreisen verbittert war. Zwar weist der Senatsbaudirektor immer wieder darauf hin, dass es lediglich für den Pariser Platz eine Gestaltungssatzung gegeben habe, doch für das übrige Berlin-Mitte war er die „wandelnde Gestaltungssatzung“. Wie ehemals Wilhelm II., der sich wichtige Baupläne vorlegen ließ und mit Kommentaren zu versehen pflegte, bestellte auch Stimmann die Architekten ein und las ihnen die Leviten. Unbotmäßigkeit empfahl sich nicht, denn auf Verzögerungen bei der Baugenehmigung reagieren Investoren empfindlich. Berlin sei deshalb „dank Stimmann an vielen Stellen unter der Latte durchgelaufen“, sagte Hassemer. Die internationalen Stararchitekten hätten vor allem mit der Knebelung in der Materialfrage ihre Probleme gehabt.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin der Stiftung Brandenburger Tor, Monika Grütters, betonte, dass sie damals gemeinsam mit Hassemer als Einzige in der CDU einer Ausnahmegenehmigung von der Satzung für den Akademieneubau zugestimmt habe. Umso mehr stimme sie traurig, dass ausgerechnet Günter Behnisch und Werner Durth mit ihrer Fassade versagt haben.

Grütters wünscht sich einen „Kaffeehausplatz“ und beklagt die Nutzung des Platzes. Die ständigen „Events“ mit den Buden, Plakatwänden und Installationen von der RTL-Sprungschanze bis zum WM-Riesenfußball führten dazu, dass die Touristen Mühe hätten, vom Berliner Wahrzeichen Fotos zu machen. Zwar ist der Platz, wie Moderator Gerwin Zohlen beklagt, durch „Stiefmütterchenrabatten“ als nostalgisches Ambiente der Kaiserzeit kostümiert worden, doch Volker Hassemer sieht darin den Vorteil, dass man ihn sonst noch mehr mit „Eventkultur“ vollstellen würde. [mehr]



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