Living in a City  —  Reports aus Berlin     – Zum Report 3 khd
Stand:  28.1.2011   (45. Ed.)  –  File: Bln/Ex/Sender_Freies_Berlin.html


SFB BERLIN Diese Hommage-Seite ist auch eine Ergänzung zu einem Berlin-Report.

Berlins Nachkriegszeit war auch geprägt vom Aufbau des Rundfunks. Und dazu gehörte neben dem RIAS, der bereits seit Anfang 1946 auf Sendung war, der Sender Freies Berlin (SFB). Dieser ging am 1. Juni 1954 aus der britischen Gründung „NWDR-Berlin“ hervor. Der SFB sollte als West- Berliner Radio- und ab 1955 auch als Fernseh- Station fast 50 Jahre bestehen, bis er am 1. Mai 2003 durch Fusion mit dem Anfang 1992 aus dem DDR- Rundfunk entstandenen ORB (Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg) im „Rundfunk Berlin- Brandenburg“ (RBB) aufging. Vorher war der SFB ab 1992 die Landesrundfunkanstalt für ganz Berlin geworden.

I n h a l t :


SFB – Erinnerungen an den Sender Freies Berlin


   
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Der Berliner Ableger des Nord-West-Deutschen-Rundfunks (NWDR) sendete mit britischer Lizenz seit dem 15. August 1946 auf Mittelwelle aus dem ehemaligen „Reichsärztehaus“ am Heidelberger Platz 3 in Berlin- Schmargendorf. Und hier begann man auch um 1948 mit
ersten Fernsehtests. Anfang der 1950er-Jahre wünschten sich Berlins Politiker einen ‚eigenen‘
      Der Sender Freies Berlin (SFB) an der Masurenallee
^   Der Sender Freies Berlin (SFB) an der Masurenallee in Berlin- Charlottenburg. Der SFB residierte im Haus des Rundfunks von 1931. Das Fernsehzentrum (Hochhaus) am Theodor-Heuss-Platz entstand erst Ende der 60er-Jahre. Es wurde am 19.3.1970 eröffnet.   (Repro: 2003 – khd)
öffentlich- rechtlichen Rundfunksender. Und so beschloß am 12. November 1953 das Berliner Abgeordnetenhaus das Gesetz über die Errichtung eines Berliner Senders, der nach den bundesrepublikanischen Vorbildern ebenfalls die Verfassung einer gemeinnützigen Anstalt des öffentlichen Rechts erhielt. Das ist der eigentliche Geburtstag des SFB. Gründungs- Intendant wurde die Reporter- Legende aus den Anfängen des Rundfunks – Alfred Braun.

Der SFB startet

Der neue Sender Freies Berlin (SFB) übernahm dann am 1. Juni 1954 das Funkhaus des NWDR-Berlin am Heidelberger Platz und startete mit der Sendetätigkeit. Der SFB war als Nachfolger des NWDR- Berlin ebenfalls unzureichend in dem Gebäude am Heidelberger Platz untergebracht, was in einem Aufsatz „
Strawinsky im Rundfunk der BRD“ genüßlich beschrieben wird (ab Seite 8). Aber die SFB- Macher mußten sich gedulden, bis die Sowjets am 5. Juli 1956 nach viel ‚kaltem Krieg‘ das originäre Berliner Funkhaus – das Haus des Rundfunks – an der Masurenallee 8–14 in Berlin- Charlottenburg endlich geräumt hatten und dort alles wieder für einen modernen Sendebetrieb hergerichtet worden war.

Erst im Frühjahr 1958 kann dann der SFB vom Heidelberger Platz an den Funkturm umziehen. Und in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 1958 erfolgte dann die eigentliche Umschaltung des Sendebetriebs. Der SFB ist im Haus des Rundfunks angekommen, wenn auch dort noch längst nicht alles fertig war. So kann der berühmte Große Sendesaal mit seiner ausgezeichneten Akustik – das Studio 1 – erst im September 1959 eingeweiht werden.

Von den Fernsehanfängen

Unterdessen war das Deutschland-Haus am Reichskanzler Platz (heute der Theodor- Heuss- Platz) als Fernsehstudio ausgebaut worden. Seit 1955 sendete der SFB von hier seine Fernseh- Beiträge für das ARD- Gemeinschaftsprogramm. Anläßlich einer Besichtigung der Studio-Technik konnte der Autor dieser Zeilen um 1958 auch die Proben eines Fernsehspiels beobachten. Damals wurden solche Fernsehspiele – wie Theater – live durchgespielt und sofort gesendet, denn die magnetische Aufzeichnungstechnik (MAZ) war noch nicht so weit. Der Aufwand an Proben und Material sowie der Stress bei solchen Live- Sendungen war natürlich enorm. Der SFB-Vorläufer NWDR-Berlin hatte bereits im Oktober 1951 auf der Berliner Industrie- Ausstellung erstmals
Fernsehspiele live gezeigt.

Nächtliche Kultsendungen

Seit September 1954 gehörte der SFB zur
ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands. Im Rahmen der ARD-Arbeitsteilung übernahm jeder Sender in einer Nacht die bundesweite Radio- Versorgung mit leichter Musik. Besonders beliebt waren in den 50er- und 60er-Jahren die Sendungen „Nachtexpreß aus Frankfurt“ des Hessischen Rundfunks (mit dem unvergessenen Helmut Hansen, der das Alexandra- Lied „Der Baum“ so mochte) und die ultimative Nachtversorgung „Musik bis zum frühen Morgen“ des SFB aus Berlin. Mit der pfiffigen Doppelmoderation durch Nikola Greiff und Rudolf- Günter Wagner wurde sie schnell zur Kultsendung – zumindest bei Studenten, die noch nachts über ihren Übungen brüteten. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihre Späße, die sie immer wieder mit dem „Alten Försterhaus“ – einer Super-Schnulze – trieben.

Radio-Highlights des SFB

Fragt man ältere Berliner, was ihnen beim Begriff „SFB“ einfällt, dann hört man neben den Verballhornungen („Sender Franz Barsig“, „Sei findig Berliner“ usw.) immer wieder: „Rund um die Berolina“ und „
s-f-beat“. Das waren viele Jahre die Highlights des SFB- Hörfunks. Das flotte und informative Magazin „Rund um die Berolina“ kam auf SFB 1 alle Wochentage am späten Vormittag und wurde quasi zum Markenzeichen des Senders. Dabei hat der SFB dieses attraktive Sende- Format gar nicht selbst erfunden. Es wurde bereits beim NWDR- Berlin von Heinz Riek um 1946/47 entwickelt. Und eigentlich könnte „Rund um die Berolina“ auch noch heute über den Äther gehen. Aber die RBB- Radiomacher haben sich das anders überlegt.

  Die Intendanten des SFB
Nr. Zeitraum Name Anm.
1. 1954–1957 Alfred Braun  
2. 1957–1960 Walter Geerdes  
3. 1961–1968 Walter Steigner  
4. 1968–1978 Franz Albert Barsig  
5. 1978–1983 Wolfgang Haus  
6. 1983–1986 Lothar Loewe  
7. 1986–1989 Günther Herrmann  
8. 1989–1997 Dr. Günther von Lojewski  
9. 1998–2003 Horst Schättle  

Über die Radiowellen des SFB liefen natürlich auch viele gute Hörspiele, Krimis sowie E- und U-Musik- Sendungen (beim SFB wurde zwischen E und U immer sehr genau unterschieden, obwohl es sachlich dafür keinen rationalen Grund gab bzw. gibt — Einige Kompositionen von den Beatles sind beispielsweise musikalisch anspruchsvoller als solche von Johann Sebastian Bach). Merkwürdig ist nur, daß die Erinnerung an die Programm- Titel – anders als beim Erstgeborenen RIAS – doch sehr stark verblaßt ist. So gab es in den frühen Jahren (noch vom Heidelberger Platz) immer am Freitagabend eine sehr populäre Live- Sendung mit Promi- Talk, Interviews und Musik. Aber wie hieß diese Sendung? Auch das Internet half hier nicht weiter.

Stereophonie-Pionier

Bei der Entwicklung der Rundfunk-Stereophonie war der SFB weltweiter Pionier. Unvergessen sind seine ersten
Stereo-Versuchssendungen an Weihnachten 1958 und Himmelfahrt 1959 sowie der offizielle Stereo-Start am 30. August 1963 anläßlich der 23. Funkausstellung – nun im genormten Pilot- Tonverfahren. Später kam dann noch die Verfeinerung dieser Tonerlebnisse durch die kopfbezogene Stereophonie hinzu, wobei die Aufnahmen mit 2 hochwertigen Kondensator- Mikrofonen gemacht wurden, die in künstlichen Ohren eines Kunstkopfes angebracht waren. In dieser Technik, die beim Abhören mit einem Kopfhörer ein Orten der einzelnen Schallquellen ringsum im Raum ermöglicht, wurden viele Hörspiele gesendet. Und besonders eindrucksvoll war das Feature „Hühner“ von Peter Leonhard Braun (1967).

Das InfoRadio

Es war eine sehr gute Idee, daß sich SFB und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB) bereits 1995 zusammentaten und das reine Nachrichten-Radio „InfoRadio Berlin- Brandenburg“ einrichteten. Bereits in 10 Jahren schrieben sie mit diesem Informations- Radio Rundfunkgeschichte. Es werden nur Nachrichten, Interviews, Diskussionen, Reportagen und kurze Features gesendet – keine Musik. Und noch etwas Werbung. Was die Qualität der Sendungen angeht, war der SFB mal wieder Pionier. Denn es hatte vorher schon privatwirtschaftliche Ansätze eines Nachrichten- Radios gegeben, das aber vor allem an miserabler Qualität scheiterte. Mit der
Rückkehr der Regierung nach Berlin ist seit 1999 die Bedeutung des InfoRadios erheblich gestiegen. Er wird in anderen Medien immer häufiger mit Erst- Meldungen zitiert.

Gutes Live-Fernsehen

   
  S F B
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Das SFB-Fernsehen ist vor allem durch die aufwendigen und perfekten Live- Übertragungen von Großereignissen in Erinnerung. Das fing schon Ende der 50er-Jahre an, als der SFB live aus dem Untergrund direkt von der U-Bahnhof- Baustelle der neuen
Linie G (heute die U 9) am Bahnhof Zoo sendete. Und es setzte sich fort bei der Live- Übertragung des gesamten Besuchs des US-Präsidenten John F. Kennedy in West- Berlin am 26. Juni 1963. Als 1989 die Mauer fiel, war der SFB überall mit seinen Fernsehkameras live dabei. Aber auch die IFA, Berlins 750-Jahr-Feier (1987), die Love- Parade und der Berlin Marathon wurden vom SFB immer prima ins Bild gesetzt. Besser kann man das nicht machen. Besser kann man allerdings das regionale Nachrichten- Magazin – die „Berliner Abendschau“ – machen. Zwar ist die bereits seit 1958 ausgestrahlte Sendung informativ, aber immer noch viel zu betulich. Vielleicht wagt ja die neue RBB-Intendantin Dagmar Reim einen mutigen Blick zum NDR...



E R I N N E R U N G   A N   F A S T   5 0   J A H R E   S F B
Beliebte Sendungen des Sender Freies Berlin
Alles zum guten Erinnern.
Mit * versehene TV-Sendungen hat der RBB nicht weitergeführt.
Nr. Titel Radio
TV
Erläuterung Anm.
1. Alex* TV Talk vom SFB.  
2. Anrufbeantworter* TV Anruf-Sendung zu aktuellen Fragen.  
3. Arena* TV Kulturmagazin.  
4. Berliner Abendschau TV Das regionale Nachrichten-Magazin
seit 1958 im Fernsehen.
 
5. Berliner Platz* TV TV-Diskussion aktueller Themen.  
6. Berlin life TV Live-Sendungen aus der Stadt
meist mit Ulli Zelle.
 
7. Das Pausenzeichen Radio Die ursprüngliche Version von 1954, wobei
der Freiheitsglocken-Klang Pate stand.
 
8. Das Pausenzeichen Radio Eine aktuellere Version.  
9. Der Spreekieker Radio Radiopionier Alfred Braun erzählt
(„Funkturm Berlin...“).
 
10. Echo am Morgen Radio Zeitfunk-Magazine im Hörfunk.  
11. Echo am Mittag Radio  
12. Echo am Abend Radio  
13. Hey Music Radio Die aktuellen Charts der
Pop-Music seit 1957 auf SFB 2.
5
14. InfoRadio Berlin-Brandenburg Radio Das Nachrichten-Radio,
das seit 1995 Maßstäbe gesetzt hat.
3
15. Kontraste TV Das Polit-Magazin aus Berlin
im ARD-Fernsehen (1. Programm).
 
16. Leute TV Die Talkshow vom SFB
aus dem Café Kranzler.
 
17. Mal ehrlich* TV Interviews mit Tiefgang. 1
18. Musik bis zum frühen Morgen Radio Die wöchentliche Kultsendung mit
Nikola Greiff und Rudolf-Günter Wagner.
 
19. Quivive TV Das Gesundheitsmagazin.  
20. Rund um die Berolina Radio Das flotte Hörfunk-Magazin am Vormittag.  
21. Scheibenwischer TV Das Fernseh-Kabarett mit
Dieter Hildebrandt.
 
22. Schulfunk Radio Oder kam der noch vom NWDR? 2
23. s-f-beat Radio 1967–1989 die ultimative Kultsendung
für die Jugend mit viel Popmusik.
 
24. Sportpalast TV Das TV-Sportmagazin.  
25. Stereophonie-Sendungen Radio Der SFB war weltweit der Pionier bei der
Entwickung der Rundfunk-Stereophonie.
 
26. Ticket* TV Kultursendung
von und mit Wilfried Rott.
 
27. Wochenmarkt* TV Informatives für die Verbraucher.  
28. ??? Radio Promi-Talk, Musik und Interviews
am Freitag Abend.
4
  1) Zu verdanken war das den Moderatoren Anne Will und xxx.
  2) An jedem Wochentag wurden in einem Block 4 Sendungen zu unterschiedlichen Themen gesendet.
  3) Ein vorher von Zeitungs-Verlegern in Berlin gestartetes privates Info-Radio scheiterte kläglich.
  4) Vermutlich wurde diese Sendung bereits beim NWDR-Berlin am Heidelberger Platz gestartet.
  5) Am 8. November 2010 feierte der RBB mit Jürgen Jürgens die 2000. Sendung.



E R I N N E R U N G   A N S   A R D - N A C H T P R O G R A M M

Radiomoderatorin gibt auch mit 76 Jahren keine Ruhe


Erinnerung an Nikola Greiff.

Aus:
Die Welt, Berlin, 3. März 2003, Seite ?? (Berliner Leben). [Original]

BERLIN (MM). Sie ist mutig, klug, unabhängig, eine selbstbewusste Frau. Und zuweilen ist sie auch ein wenig zu vorlaut. "Dafür habe ich auch immer teuer bezahlt", sagt Nikola Greiff. Noch als 76-Jährige kann sich die einstige Star-Radioansagerin über ihre Partei, die CDU, maßlos erregen. Dem CDU-Landesausschuss und -Landesparteitag gehört sie weiter an. Wenn sie sich zu Wort meldet, wird es spannend. Von 1975 bis 1981 saß sie im Abgeordnetenhaus. Danach wurde sie nicht mehr aufgestellt. Warum? "Ich bin nicht folgsam genug."

Ihre Karriere beim Rundfunk hatte schon kurz nach Kriegsende begonnen. Als 20-jährige Schauspielschul-Absolventin wurde sie in das Hörspielensemble des von den Briten gegründeten Radio Hamburg aufgenommen.

Dort entdeckte sie rasch, dass sie mit ihrer Stimme neben großen Schauspielern wie Gustav Knuth [Ed: der mit dem berühmten Heringssalat] und Karl-Heinz Schroth zu bestehen vermochte.

Ihr Mundwerk ist das wichtigste Kapital von Nikola Greiff geblieben. 16 Jahre lang – von 1952 bis 1968 – dauerte ihre große Zeit. Da wurde sie zusammen mit Rudolf-Günter Wagner durch die Moderation des ARD-Radio- Nachtprogramms weltweit bekannt. Denn die "Musik bis zum frühen Morgen", die einmal wöchentlich vom SFB kam, konnte über Kurzwelle auch in Übersee empfangen werden.

Nikola Greiff wurde sozusagen zur weiblichen Stimme West-Berlins. "Viele Hörer machten mir Liebeserklärungen und Heiratsanträge", erzählt sie in ihrem Haus unweit des Olympiastadions.

Für das Fernsehen fand sie sich nicht fotogen genug. "Ich blieb beim Radio, denn ich bin mit dem Mikrofon befreundet, finde spontan das richtige Wort. Das ist nicht erlernbar, sondern Begabung."

1968 verließ Nikola Greiff dennoch den SFB. Nach ihrem Ausflug in die Politik war ihre Stimme dann aber wieder im Radio zu hören: auf Rias und NDR, später auch wieder im SFB. In den Hafen der Ehe fand sie erst spät. 1992 heiratete sie ihren Jugendfreund H. F. G. Starke, den sie 1954 als Chefredakteur des NWDR kennen gelernt hatte. Er starb jedoch schon sechs Jahre später.



Beim SFB gehen die Lichter aus

Am Mittwoch fusionieren Sender Freies Berlin (SFB) und Ostdeutscher Rundfunk (ORB) zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB).

Aus:
Berliner Morgenpost, 29. April 2003, Seite xx (Kultur). [Original]

BERLIN (BM). Am Anfang war Pathos. Am Ende regiert die Sachlichkeit. Otto Suhr, Präsident des Abgeordnetenhauses, formulierte 1950 den Willen des westlichen Teils der geteilten Stadt, Rundfunk auch für die Landsleute im Osten zu veranstalten: "Die Freiheitsglocke liefert das Pausenzeichen, die Berliner den Text und die Musik." Drei Jahre später war die Anstalt mit dem programmatischsten Namen in der ARD, der Sender Freies Berlin, gegründet. Und gestern [28.4.2003] versammelte sich der Rundfunkrat des SFB zum letzten Mal – Tagesordnung abgehakt.

Nicht ganz 50 Jahre hat der SFB erlebt. Seit dem Fall der Mauer galt er als überlebt. Zunächst bemühte sich der Wende-Intendant Günther von Lojewski um die Gründung von NORA, einer Nordostdeutschen Rundfunkanstalt für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg- Vorpommern – oder, ersatzweise, Sachsen- Anhalt. Aber Schwerin entschied sich für den NDR, Magdeburg fand seine Heimat im neu gegründeten MDR. Und Manfred Stolpe, Ministerpräsident in Potsdam, wollte einen eigenen Landessender, um eine brandenburgische Identität zu entwickeln.

Sie küssten und sie schlugen sich – Sender Freies Berlin und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg verhandelten, denunzierten, intrigierten, kooperierten, separierten über ein Jahrzehnt. Die Hörfunkwellen sind, mit manchen Schrammen, einigermaßen geordnet, am Mittwoch [30.4.2003] werden die TV-Regionalprogramme B1 und ORB3 letztmalig ausgestrahlt. Am 30. April pünktlich um Mitternacht soll auf dem Fernsehzentrum in der Masurenallee die Leuchtschrift "SFB" erlöschen, im gleichen Moment tritt der Rundfunk Berlin- Brandenburg (RBB) die gemeinsame Rechtsnachfolge an.

"Besser spät, als zu spät", bilanziert Horst Schättle, scheidender Intendant des scheidenden SFB. In seinem Haus ist die Unruhe groß. Der SFB, gewachsen in einer Zeit des öffentlich-rechtlichen Oligopols, in der es keine private Konkurrenz gab, gilt mit fast 1.150 Mitarbeitern als überdimensioniert. Der ORB, ausgestattet mit der Gnade der späten Geburt, hat etwa 600 besetzte Planstellen und wird als schlanker, moderner Sender wahrgenommen. Die Zahlen relativieren sich ein wenig, wenn etwa die Zahl freier Mitarbeiter eingerechnet wird. Aber wahr ist, dass es jetzt Doppelstrukturen gibt, nicht nur in den Programmen – an 2 Standorten wird zweimal verwaltet, zweimal mit der Presse gesprochen, zweimal Juristisches ausgefochten. Die neue RBB-Intendantin Dagmar Reim, erste Frau auf diesem Chefposten in der gesamten ARD, hat angemerkt, betriebsbedingte Kündigungen seien nicht ausgeschlossen. Das war unvermeidlich, aber es verbessert die Fusionsatmosphäre nicht, die vom Misstrauen der Mitarbeiter im einstigen "Frontstadt- Sender" und in der "Provinz- Anstalt" mit Traditionen aus der DDR geprägt ist.

  SFB Sendefrequenzen
Im Raum Berlin — Stand: 27.12.1995
Progr. Name UKW MW
SFB 1 Stadtradio 88acht 88,8 MHz 810 kHz
SFB 2 B 2 (Radio Eins) 96,3 MHz  
SFB 3 ??? (Radio Kultur) 92,4 MHz  
SFB 4 Radio MultiKulti 106,8 MHz 567 kHz
SFB 5 InfoRadio 93,1 MHz  
Der SFB betrieb eigene Sende-Anlagen am Scholzplatz (UKW + TV) sowie in der Stallupöner Allee (MW-Sender).
Als 1993 der Rias (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in DeutschlandRadio und Deutschlandfunk aufging, waren Ansätze wehmütiger Nostalgie vor allem im Westen der Stadt zu registrieren. Wenn am Mittwochabend der Sendeschluss eine 50-jährige Rundfunkgeschichte beendet, scheint dies weitgehend ohne Beileidsbekundungen abzugehen. "Der SFB wird nicht geliebt, höchstens einzelne seiner Sendungen", sagt Florian Barckhausen, SFB-Volontär des Jahres 1969 und heute Chef der populären Hörfunkwelle Berlin 88 8. Der Rias, 1946 gegründet, habe sich "als Erstgeborener in den Seelen der Menschen etabliert". Das ist dem SFB nie gelungen.

Der Sender in Charlottenburg, bestehend aus dem legendären "Haus des Rundfunks", einem Poelzig-Bau, und dem später hinzugefügten modernistischen Fernsehzentrum, wurde eher als Behörde wahrgenommen – Parteiengezänk und Postengeschacher inklusive. Das junge, linke Publikum mochte die Respektlosigkeiten mancher SFB-Redakteure, etwa bei der Berichterstattung über die Hausbesetzungen der 70-er und 80-er Jahre, in der Wahrnehmung des bürgerlichen West-Berlin mendelte das Kürzel dadurch zum "Sender für Besetzer".

Die Leistungen des SFB geraten so leicht in Vergessenheit: Etwa die Bedeutung, die der Sender für die Menschen in der DDR hatte. Der kluge Journalismus, der vom einstigen "Kontraste"-Chef Jürgen Engert zur Marke entwickelt wurde. Die Etablierung des Fernsehkabaretts in Form des "Scheibenwischers" mit Dieter Hildebrandt. Die Entdeckung von Harald Schmidt, Anne Will, Johannes B. Kerner. Und im Hörfunk ein anspruchsvolles Kulturprogramm, oder, in den letzten Jahren, das renommierte "Radio 1".

Wenn zwei Arme heiraten, entsteht kein Krösus: Der RBB wird auf rund 7 Prozent der Gebührenerträge kommen und in dieser Größenordnung auch Zulieferungen zum Gemeinschaftsprogramm, dem Ersten, leisten. Die mächtigen Sender, der WDR vor allem und Südwest, Bayerischer, Mitteldeutscher oder Norddeutscher Rundfunk werden weiter den Ton angeben. Doch die Verzwergung in der Hauptstadtregion ist zu Ende.

Der neue Sender "steht und fällt mit seinem Programm", sagt Horst Schättle, "und wenn das ordentlich ist, wird sich bald niemand nach dem SFB zurücksehnen". Trauer klingt anders.



B E I M   N W D R - B E R L I N

„Ansonsten waren wir Gaukler ...“

Heinz Riek über die Anfänge des Nachkriegsfernsehens in Berlin im Gespräch mit Peter von Rüden.

Auszüge aus:
Nordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte – Heft-Nr. 1, August 2003, Seite 4–19 (ISSN 1612-5304). Heinz Riek war Journalist und wurde im Juni 1946 Chefreporter beim NWDR-Berlin. Ab 1948 war er neben seiner Position als Leiter des Zeitfunks maßgeblich am Aufbau des Fernsehens beteiligt. Er wurde dann 1954 der 1. Fernseh- Sendeleiter beim neu gegründeten SFB. [Original]

Peter von Rüden: Herr Riek, es gab bereits bald nach dem Krieg Überlegungen in Berlin, wieder mit einem Fernsehprogramm anzufangen, im Jahre 1948. Ist das richtig?

Heinz Riek: Ja, das ist richtig.

Wie fing das Fernsehen in Berlin an? Wer dachte 1948 – also mit allem Respekt –, wer dachte in dieser Zeit an Fernsehen?

Zu einer Konzeption gehören immer Menschen. Ich kann jetzt nur für den Zeitfunk sprechen: Wir haben in unserer Redaktion, aus dem Zeitfunk heraus das Fernsehen entwickelt. Es gibt ja mehrere Wege zum Fernsehen: Man kann vom Theater, also von der Kunst kommen, und man kann vom Journalismus kommen. Wir haben das Fernsehen vom Journalistischen her entwickelt.

Beim NWDR in Berlin kam die Bewegung aus dem Zeitfunk?

Ja, wir saßen in unserem Dachstübchen am Heidelberger Platz, wo sich die Redaktionsräume des Zeitfunks befanden. Wir waren sechs, sieben Mitarbeiter, die sich dort trafen und besprachen, was für den Tag anliegt. Wir hatten ein paar Sendungen zu machen, täglich „Rund um die Berolina“ zum Beispiel, dann die Gesamtberichterstattung für das Programm aus Hamburg, wenn etwas Besonderes war. Bei irgendeinem Thema sagte damals jemand: Mensch, das müsste man eigentlich im Fernsehen machen. Das war so um 1948 herum.

(...)

Jetzt kommt die Industrieausstellung 1950 in Berlin. Die BBC, der britische Rundfunk, will auf dieser Ausstellung ein aktuelles Fernsehprogramm zeigen, für Bildschirme, die nur auf dieser Industrieausstellung stehen. Daran haben Sie sich beteiligt. Sie haben das als Chance gesehen?

Wir haben natürlich überall die Arme ausgestreckt, die kleinen Finger, wenn es reichte. Und hier waren die Verbindungen zu den Alliierten sehr dienlich. In Berlin hatte der englische Presseoffizier uns sehr geholfen, weil er über die Kontakte zur BBC verfügte, und die kamen natürlich zu Vorbesprechungen hierher. Wir kannten uns also. George Turner sagte da, die machen das und vielleicht können sie euch helfen, denn für die Briten durfte es auch nichts kosten. Also Turner sagte der BBC, hier sind Menschen, die können ein Berlin-Programm, ein Informationsprogramm machen. So haben wir 1950 auf der Industrieausstellung das erste Mal mit den Kollegen der BBC mit mehreren Kameras, zwei Vorstellungen pro Tag gemacht. Im Amerika-Haus, das war damals ein Filmtheater, haben wir das gemacht, und über Kabel – vielleicht auch über die Antenne des Funkturms – ging das auf die Industrieausstellung. Das war ein weiterer Schritt für uns.

Ich will noch anfügen, dass auf dieser Industrieausstellung die Amerikaner das erste Mal mit dem Farbfernsehen kamen. Nicht wie heute, sondern mit rotierenden Scheiben für die Farbwiedergabe. Das war der zweite Attraktionspunkt. Also zunächst einmal war es die BBC mit dem Fernsehprogramm und zweitens waren es die Amerikaner mit ihren rotierenden Scheiben.

Also das war für die Besucher dieser Industrieausstellung wirklich ein Anziehungspunkt?

Ja, sicherlich.

Was haben Sie denn an Programmen, an Informationsprogrammen, angeboten über diese Kameras?

Wir haben in Berlin nach unserer Kenntnis gehandelt, Fernsehen muss bewegtes Bild haben, es muss irgendwas geschehen. Deshalb haben wir zum Beispiel den Zoo traktiert, der dann auch mit seinen Tieren, also den Affen und allen möglichen Tieren, zu uns ins Studio kam.

Wunderbar.

      xxx
^   Es ist etwas unklar wann und wo dieses Fotos des frühen Fernsehmachens des NWDR-Berlin entstand. Vermutlich wurde es um 1951/52 im kleinen Studio der Post in der Ringbahnstraße in Tempelhof aufgenommen, wo der NWDR-Berlin ab Herbst 1951 sein Versuchsprogramm produzierte.   (Repro: 2004 – khd)
Nur mit dem Elefanten konnte der Zoo nicht kommen, den gab’s nur vor dem Kriege. Jetzt kam dafür der Elefant vom Zirkus Busch. Aber hier waren’s dann wie gesagt Affen und so weiter.

Na ja, Tiere im Fernsehstudio, das gab’s ja im Dritten Reich auch schon, das ist populäre ...

Ja, man sagt, Tiere und Kinder kommen gut.

Aber das Programm war doch auch schon politisch und informativ? Ein Zeitfunk- Programm?

Ja, sicher. In dieser Zeit, ich kann es nur wiederholen, war eigentlich alles Politik. Also bis auf Unterhaltung, Kabarett war natürlich auch politisch. Alles, was geschah, musste vor die Kamera.

Die Gesprächspartner mussten vor die Kamera?

Die Gesprächspartner wurden dementsprechend ausgesucht. Sie kamen auch, sie versprachen sich natürlich eine gewisse Öffentlichkeit, die sie ja dann auch hatten, weil man darüber berichtete. Alles war Neuland. Wir sind ein zweites Mal groß rausgekommen, als wir das Programm machen mussten auf der Industrieausstellung 1951.

Da gab es schon eine eigene NWDR-Bühne. Hat sich da der NWDR zum ersten Mal präsentiert?

Ja. Die Vorbereitungen trafen wir. Der NWDR kam mit seinem Übertragungswagen, den er schon hatte, was ganz wichtig war, denn dieser Übertragungswagen mit seinen damaligen Möglichkeiten war ein komplettes Studio, also auch für die Bühne und alles, was da vor sich ging. Und der Hanns Farenburg kam mit dem Fernsehspiel rüber, Erwin Fuchs kam mit der Unterhaltung, wir trugen zur Unterhaltung ebenfalls bei, weil wir natürlich die Berliner Kabaretts hatten und die Orchester hier besser kannten, die dann zu uns kamen. Schließlich sogar ein Interview mit Gottfried Benn. Ein weit gespanntes Programm also. Das Publikum stand fasziniert davor. Also das war ein entscheidender Durchbruch. Wir haben den ganzen Tag praktisch Fernsehen gemacht. Wir begannen mit der Ausstellungseröffnung, von 11 Uhr bis Mittag, dann eine Mittagspause, schließlich danach weiter bis 18 Uhr. Es lief dort ein Programm, in dem wir den aktuellen Teil beizutragen hatten [Ed: im Original ist der genaue Ablauf des Fernsehprogramms vom 6. bis 9. Oktober 1951 auf der Berliner Industrie-Ausstellung dokumentiert].

Das war aber nur für die Bildschirme, die auf dieser Industrieausstellung standen?

Für diese Bildschirme, die auf der Fernsehstraße waren; es waren, glaube ich, 20 oder 30 Bildschirme in einer Straße, die wie eine kleine Pariser Allee angelegt war mit Ampeln davor und so.

Sie haben den Namen Farenburg gerade genannt. Er war schon Oberspielleiter beim Fernsehen im Dritten Reich, und Sie haben jetzt 1951 auch Fernsehspiele aufgeführt?

Ja.

Es gab noch keine Möglichkeit, diese Fernsehspiele aufzuzeichnen, es musste also live vor den Kameras gespielt werden?

Das stimmt. Es gab keine Aufzeichnungsmöglichkeiten. Ich glaube, wir haben diesen Tag eröffnet mit dem „Vorspiel auf dem Theater“, also aus Goethes „Faust“. Und es gab die Aufführung von „Es war der Wind“, einem einstündigen Fernsehspiel, dann Boulevardstücke und Problemstücke, alles, was Hamburg mitbrachte.

Hamburg brachte alles, also auch die Schauspielerinnen und Schauspieler mit?

Es kamen alle, alle mit. Das war ein aufwendiges Unterfangen und ich glaube, der Dr. Pleister hat es gar nicht einfach gehabt damals, das alles vom Finanziellen her zu regeln. Denn die mussten hier untergebracht werden, hatten Hotelkosten und und und. In der Mangelsituation ist das ja sehr beschwerlich.

Wir sind jetzt im Jahr 1951. Bisher gab es für das Fernsehen in Berlin beim Nordwestdeutschen Rundfunk keinen eigenen Etat. Wann wurde das zum ersten Mal eingeführt und wie muss ich mir das vorstellen?

Oh je, es gab einen kümmerlichen Etat. Hier war es ein Glück, dass es noch keinen Haushaltsplan des NWDR für die Technik gab. So konnten die technischen Kosten, die natürlich höher waren als ein bescheidenes Programm, sozusagen im Gentlemen’s Agreement zwischen Professor Nestel und Udo Blässer in Berlin abgewickelt werden, also etwa die Lampen und Ähnliches. Ich bin manchmal klagenden Herzens zu meinem technischen Direktor gegangen und habe gebeten: Können Sie uns da und da nicht helfen?

Aber man wusste, wofür diese Lampen angeschafft wurden, oder gab’s auch mal die Frage: Herr Riek, wieso brauchen Sie so viele Lampen für eine Hörfunksendung?

Ja, aber das hatte ich nicht zu verantworten, welche Ausreden da in Frage kamen. So ist es geschehen. Und ich selbst habe mit Mühe für Honorarleistungen, für die Mitarbeiter, für Fahrgelder und so insgesamt 7.000 Mark den Monat bekommen.

Ja, nun waren damals 7.000 Mark viel mehr als es heute der Fall ist.

Nicht nur das, davon abgesehen. Es gab Spannungen im NWDR, ob Geld auch dafür nach Berlin gehen soll. (...)



Die Stimme der Stadt

Seit 75 Jahren existiert das Berliner Haus des Rundfunks – es ist das älteste seiner Art. Über alle Zeitläufte hinweg erfüllt es bis heute seinen Zweck. Sechs Etappen der Radiogeschichte.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 21. Januar 2006, Seite xx (Kultur). [Original]

1931 — Das Haus

Siegfried Kracauer war sich in seinem Urteil nicht ganz sicher. Fand er das Haus nun pathetisch oder doch schlicht, feierlich oder eher bedrohlich? Das war 1931 und Kracauer, Architekt und Feuilletonist, schrieb an einer Kritik für das neue Haus des Rundfunks an der Berliner Masurenallee.

Das Urteil ist heute noch nachzuempfinden. Die schwarze Lasur der Ziegel, das strenge Muster der Fassade geben dem Haus etwas Respekteinflößendes. Ein Eindruck, der sich drinnen noch verstärkt. Über alle vier Etagen erstreckt sich der Lichthof, schwarz in der Vertikalen, gelb die gemauerten Geländer. Das ist schlicht und zugleich imposant.

Kracauer schrieb, dass es dem Radio seiner Zeit an einer Idee fehlte, was es denn eigentlich sein wolle. So müsse es halt mit seinem Haus beeindrucken. Richtig vorstellen konnte man sich da wohl noch nicht, dass der Rundfunk tatsächlich Massen bewegen würde. Der Beweis wurde erst ein paar Jahre später erbracht. Nicht von Goebbels, sondern von Orson Welles, der mit dem Hörspiel „Krieg der Welten“ in den USA eine Panik auslöste. Weil die Hörer die Fiktion für real hielten und tatsächlich mit einem Angriff der Marsmenschen rechneten.

Als der Architekt Hans Poelzig dieses Haus entwarf, war es als erstes seiner Art nur für einen einzigen Zweck gedacht – und als einziges in der Welt erfüllt es diesen Zweck von der Eröffnung am 22. Januar 1931 bis heute über 75 Jahre fast ununterbrochen. Wie ein Schiffsbug ragt der Bau in die Tiefe des Grundstücks. Die Funktion folgte auf grandiose Weise der Form. An alles war gedacht, an Kabelschächte, an variable Wände, an Studios und Sendesäle – von Büroräumen abgeschirmt, so dass ihre akustische Raffinesse immer noch ihresgleichen sucht.

      SFB im Haus des Rundfunks      
^   Der Sender Freies Berlin (SFB) sendet seit 1958 aus dem vom Architekten Hans Poelzig entworfenen und am 22. Januar 1931 eröffneten „Haus des Rundfunks“ mit dem großen Sendesaal (Mitte) an der Masurenallee in Charlottenburg. In dem im 2. Weltkrieg nur wenig zerstörten Haus wurde seit 1931 Rundfunkgeschichte geschrieben.   (Foto: um 2000 – mopo)

Das Haus wirkt heute in seiner Art ein wenig einsam an seinem Platz, fast wie ein Fremdkörper, zwischen Fernsehhaus, ICC und den Messehallen mit ihrer pseudoklassizistischen Fassade, die Richard Ermisch 1935 gegenüber errichtete. Vorgesehen war etwas anderes: ein Masterplan, der Messegelände und Haus des Rundfunks als Einheit ansah. Doch dieser Plan wurde nie verwirklicht.

Die Nazis mochten Poelzig nicht. Und sie mochten sein Haus nicht. Was keine Überraschung ist, denn wenn, wie es heißt, die innere Farbgebung tatsächlich authentisch ist, das Schwarz der Ziegel, das Rot des Treppenhauses und das Gelb der gemauerten Geländer, dann war dieses Schwarz-Rot-Gelb auch die Farbe der Weimarer Republik. Dieses Haus, sagte einmal ein Zeitgenosse, ist nicht nur ein Denkmal für die Rundfunkgeschichte, es ist auch ein Denkmal für die letzte große Epoche vor Hitler.

1935 — Fernsehen

Am 22. März 1935 wollte es Eugen Hadamovsky den Briten so richtig zeigen. Und nebenbei würde er einen weiteren verhassten Gegner in die Schranken weisen: die Deutsche Post.

Der Mann war ein Nazi der allerersten Stunde. Noch am Abend der Machtübernahme war er im Haus des Rundfunks aufgetaucht, damit der Fackelzug am Brandenburger Tor mit dem gewünschten Bombast übertragen würde. Ein halbes Jahr später trug Hadamovsky den Titel Reichssendeleiter, fast die komplette alte Leitungsebene war im Konzentrationslager Oranienburg interniert, und die „Berliner Funkstunde“ hieß „Reichssender Berlin“.

Zwei Jahre später, am 22. März 1935, wollte Hadamovsky an der Masurenallee sein Meisterstück abliefern: Im zweiten Stock würde das weltweit erste Fernsehen ein regelmäßiges Programm aufnehmen. Noch vor der britischen BBC. Und vor den Konkurrenten von der Post.

Der Streit ums Fernsehen gehört zu den Kuriositäten des Naziregimes. Die Reichspost experimentierte bereits seit 1929 mit der neuen Technik. Nach so viel Vorarbeit war die Behörde nicht bereit, das Feld dem Propagandaministerium zu überlassen. Man sicherte sich die Unterstützung des Goebbels-Konkurrenten Göring. Der setzte durch, dass das Fernsehen ausgerechnet dem Luftfahrtministerium unterstellt wurde. Und schon am 1. November 1934 engagierte die Post für ihren Versuchsbetrieb mit der 22-jährigen Ursula Patzschke die erste Ansagerin des deutschen Fernsehens. Aus technischen Gründen wurden der bedauernswerten Frau die Lippen schwarz gefärbt, Rot konnten die Fotozellen nicht darstellen, über die Augen kam Olivgrün, auf die Haare Goldstaub. Die Kleidung hatte schmutzig grau zu sein, bei starken Farbkontrasten streikte die Kamera.

Hadamovskys Festakt dagegen begann desaströs, nach wenigen Sekunden fielen sämtliche Geräte aus. Nach den Ansprachen gab es dann doch noch ein Programm, mit Führerrede und Marschmusik. In der Folgezeit wurde montags, mittwochs und samstags von 20 Uhr 30 bis 22 Uhr gesendet. Aber im ganzen Reich gab es nur 50 Empfänger, davon zehn in Privatbesitz. Der Rest stand in öffentlichen Fernsehstuben, jeweils 30 Interessenten konnten sich dort vor den 18 mal 22 Zentimeter großen Bildschirmen versammeln.

Immerhin die Übertragung der Olympischen Spiele 1936 war für das Fernsehen ein respektabler Erfolg. Aber die Nazis schätzten die neue Technik nicht. Zu kompliziert, zu teuer, vielleicht erkannten sie auch die Gefahr für den Rundfunk. Denn als im November 1935 der Film „Das Auge der Welt“ für die neue Technik warb, beklagte die Radioindustrie einen Umsatzrückgang von 20 bis 30 Prozent.

1939 — Wunschkonzert

Der große Sendesaal in der Mitte des Hauses hat keine unmittelbare Verbindung zur Außenwelt, kein Fenster und keinen direkten Eingang. Er hat sogar sein eigenes Fundament, damit ungewünschte Schallwellen nicht eindringen können. Im Grunde ist der große Sendesaal so etwas wie ein Studio, damals wie heute eines der größten seiner Art. 1000 Leute passen rein, fast 200 finden auf der Bühne Platz.

Im diesem Saal startete Nazideutschland 1939 sein beliebtestes Programm: das Wunschkonzert der Wehrmacht. Schwer einzuschätzen, wie populär die Sendung wirklich war. Aber der gleichnamige UFA-Spielfilm lockte 23 Millionen Zuschauer in die Kinos. 75 Mal moderierte Heinz Goedecke die Sendung, die so etwas wie die Großmutter aller Unterhaltungsshows ist. Eine schwer propagandalastige Großmutter allerdings, deren von Goebbels erklärter Auftrag es war, „die Volksgemeinschaft“ zu stärken. Und wenn Ilse Werner lustige Melodien pfiff oder Zarah Leander sang, dann hörte notgedrungen halb Europa zu, von Nordnorwegen bis Nordafrika.

Das einfache Konzept lautete: Hier werden Hörerwünsche erfüllt – gegen eine Spende. Gefragt waren Sachspenden oder Bargeld, gesammelt wurde für Hinterbliebene, Lazarette oder auch mal für eine U-Boot- Besatzung. Das Programm changierte zwischen Varieté und Operette, Schlager und abenteuerlichen Frontgeschichten. Zwischendurch wurden Familienmeldungen verlesen, vor allem Geburtsanzeigen. Und auch der Tod war Thema: Schon in einer der ersten Sendungen wurde der letzte musikalische Gruß des gefallenen Sohnes an die Mutter übertragen. Lieber aber hatte man es lustig oder sogar ein wenig frivol. So plätscherte die Schauspielerin Irene von Meyendorff mit der Hand in einer Wasserschüssel, weil sich Soldaten des Afrikakorps angeblich das Badegeräusch einer schönen Frau gewünscht hatten.

Auch Sport kam vor – bis am 6. Mai 1940 ein Fußballspiel gegen Italien 2 : 3 verloren ging. Goebbels verfügte, dass nie wieder „Sportreportagen im Rahmen des Wunschkonzerts gebracht werden“.

1945 — Kalter Krieg

Markus Wolf landete am 25. Mai 1945 in Berlin-Tempelhof. Der Mann, der später die DDR-Spionage leitete, gehörte der so genannten „Zweiten Gruppe Ulbricht“ an. Als Kind war er mit seinen Eltern vor den Nazis nach Moskau geflohen, nun kehrte er mit 22 Jahren zurück und Ulbricht hatte einen Job für ihn: „Du machst Rundfunk, mit Hans Mahle“, dem ersten Berliner Nachkriegsintendanten. So kam Wolf in die Masurenallee, als „einer von sieben Antifaschisten“, wie er selber sagt, die jetzt mit rund 600 Mitarbeitern Radio machen sollten, „die schon unter Goebbels gearbeitet hatten“. Wolf erinnert sich, dass die ihren Dienst gewissenhaft weiter versahen, wenn man irgendetwas schreiben wollte, musste man Papier beantragen.

Dass überhaupt weiter gearbeitet werden konnte, lag auch an Major Popow, Kommandeur jenes Trupps der Roten Armee, der das kaum beschädigte Haus des Rundfunks am 2. Mai 1945 besetzte, morgens um 9 Uhr 50, ziemlich genau neun Stunden, nachdem der erst 19-jährige Ansager Richard Baier den großdeutschen Rundfunk mit den Worten „Der Führer ist tot, es lebe das Reich“ endgültig abmoderiert hatte. Popow kannte sich aus, er hatte selbst bis 1933 in diesem Haus als Praktikant gearbeitet.

Am Morgen des 13. Mai 1945 meldete sich der Sender wieder und am Mittag machte der 17-jährige Jürgen Graf, später der Starreporter des Rias, des „Rundfunks im amerikanischen Sektor“, seine erste Ansage: „Sie hören Rita Serrano mit Roter Mohn.“ Rita Serrano übrigens hatte auch schon zu den Stars des „Wunschkonzerts der Wehrmacht“ gehört, zunächst war also vom kommunistischen Einfluss beim neuen Sender „Berliner Rundfunk“ nicht viel zu spüren.

Die Sowjets blieben in der Masurenallee, mitten im inzwischen britischen Sektor, auch als ihnen der französische Stadtkommandant 1948 den Sendemast in Tegel sprengte, und selbst dann, als die Briten das Areal 1952 mit Stacheldraht einzäunten. Der Draht rief Karl-Eduard von Schnitzler auf den Plan, Chefkommentator des ostdeutschen Rundfunks: „Man möchte das Haus stumm machen“, rief er erregt ins Mikrofon, ein Sender, der „den Widerstandskampf unserer Brüder und Schwestern in Westdeutschland und Westberlin widerspiegelt und beflügelt.“ Erst 1956 räumten die Sowjets das Feld, ein weiteres Jahr dauerte es, bis der Sender Freies Berlin in dem bis auf die Hülle ausgeschlachteten Haus auf Sendung gehen konnte.

1967 — Der Beat

Am 6. März 1967 ging für den SFB ein neues Programm auf Sendung. Und die Moderatoren begrüßten ihre Hörer jeden Tag um 18 Uhr 05 mit Ansagen wie „Hey, hey, hier ist SF-Beat“. Das war ziemlich locker damals. Wozu man wissen muss, dass es im deutschen Radio bis dahin so gut wie keine Sendungen für junge Leute gab – außer vielleicht DT 64 in Ost-Berlin und Radio Luxemburg, aber die waren nicht wirklich Avantgarde.

Hauptsächlich ging es um Musik, um Platten, die die Moderatoren selbst besorgt hatten, in Holland, in London, manche hatten sogar Quellen in den USA. Platten also, die nicht mehr aus dem Hörfunkarchiv kamen, wo sie nach gründlicher Prüfung eingelagert worden waren. Es ging um eine Stunde täglich, schwer vorstellbar heute, wo Rundfunkstationen die einmal erfasste Zielgruppe unter Dauerberieselung stellen.

Wolfgang Kraeße zählte zu den ersten Moderatoren von SF-Beat. Beim Zahnarzt habe man sich mal Lachgas besorgt, erinnert sich Kraeße. Dann sprachen die Moderatoren wie Micky Maus, das war sozusagen die Antwort des Hörfunks auf die damals so modernen psychedelischen Bilder mit ihren verschwommenen Konturen und den bunten Farben. Rundfunk, sagt Kraeße, hatte damals etwas Steriles, jetzt wollte man ihn ganz einfach schneller machen.

Es war die Zeit der außerparlamentarischen Opposition. Man führte endlose Debatten, ob man zu Demonstrationen aufrufen dürfe – und tat es mehr oder weniger versteckt: Heute treffen wir uns dann und dann da und da zum gemeinsamen Spazieren. So etwas provozierte, plötzlich wurde der SFB als Rotfunk bezeichnet.

Helmut Lehnert moderierte ab 1978 bei SF-Beat. Die Sendung war immer noch Avantgarde und Lehnert schaffte es sogar, den ehrwürdigen großen Sendesaal, den gleichen Saal, in dem Ilse Werner für die Wehrmacht gepfiffen hatte, 1984 für ein Beatkonzert zu öffnen. Später kamen dann Paul Weller, Elvis Costello und David Byrne in die Masurenallee.

Lehnert fiel auch die Aufgabe zu, die letzte Sendung zu organisieren, am 30. April 1989 aus dem Tempodrom. Ein Fiasko, weil Rio Reiser plötzlich nicht mehr singen wollte, Campino von den Toten Hosen ihn darauf als blöde Schwuchtel titulierte und die Sendung aus dem Ruder zu laufen drohte. Am nächsten Tag ging „Radio 4 U“ auf Sendung. Das Jugendradio hatte eine eigene Welle bekommen.

2006 — Das Wort

Wenn man zu Wolfgang Bauernfeind will, muss man erst mal durch sein Vorzimmer. Praktisch jede Lücke an der Wand ist dort mit irgendeinem Preis verhängt, dem Prix Europa, dem Prix Italia, zwei müssen aus Japan oder China sein, der Schrift nach zu urteilen. Alles Reportagepreise, die Galerie reicht bis in die 60er Jahre zurück. Bauernfeind ist Feature-Chef beim Kulturradio vom Rundfunk Berlin- Brandenburg, kurz RBB. Alles was heute im Haus des Rundfunks gemacht wird, Info-Radio, Radio Berlin 88,8, Kulturradio und Radio Multikulti, kommt seit der Fusion von ORB und SFB vor 2 Jahren vom RBB.

Irgendwo zwischen all diesen Preisen muss auch der Name Peter Leonhard Braun auftauchen. Braun war der Autor eines legendären Radiofeatures mit dem knappen Titel „Hühner“, das am 5. April 1967 ausgestrahlt wurde. „Hühner“ beginnt ganz harmlos, mit dem Krähen eines Hahns. Dann steigert sich das Geräusch zum vieltausendfachen Gackern der gepeinigten Kreatur. Braun nahm den Hörer mit in eine Legebatterie. „Hühner“ kam in Stereo, eine Technik, in der der SFB damals weltweit vorne war. Kaum drei Jahre vorher hatte man das erste Hörspiel in dieser Technik ausgestrahlt, nun kam das Feature. Bilder im Kopf wollte man erzeugen, dem Fernsehen Paroli bieten, das längst dabei war, dem Rundfunk den Rang abzulaufen. Der Versuch war gut, aber die Fernsehbilder vor den Augen des Zuschauers erwiesen sich am Ende doch als stärker.

Bauernfeind macht seinen Job seit 1978. „Der Wortanteil ist seit zehn Jahren unverändert“, sagt er. Er meint damit, dass er nicht weiter sinkt. Wer Radio nur noch als Hintergrundrauschen, als Dudelfunk mit den besten Hits vergangener Jahrzehnte wahrnimmt, mag das kaum glauben. Aber Bauernfeind setzt sogar noch eins drauf. „Das Feature kommt zurück“, sagt er, „in neuen Fünf-Minuten-Formen, glauben Sie mir, das Formatradio hat seinen Höhepunkt überschritten. Radio kann nicht mehr nur Moderation und Musik sein, die Programme müssen wieder unterscheidbarer werden.“

Wenn man Bauernfeinds Büro im Erdgeschoss des Westflügels verlässt, kommt man am Paternoster vorbei. Ein Fahrstuhl, vorne offen, der nie stillsteht. Wer ihn benutzen will, muss aufspringen. Paternoster werden heute gar nicht mehr gebaut. Dass es so etwas noch gibt.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv sowie die bereits oben genannten Quellen.


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