Das ICC wird zu Berlins Alptraumschiff
Soll man das ICC sanieren? Umbauen? Abreißen? Oder gar verrotten lassen? Es gibt
viele Ideen und keinen Plan. Jetzt nimmt die Politik mal wieder einen neuen Anlauf.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin,
12. Februar 2012, 00.00 Uhr MEZ (Berlin).
[Original]
BERLIN (Tsp). Auch die Idee, das ICC als Kongresszentrum zu entwidmen und zu einer
gigantischen Messehalle umzubauen, wurde wieder verworfen. Dies setzte voraus, dass der Bau
entkernt und mit variablen Innenwänden versehen wird. Angesichts der vielen tragenden Bauteile
aus Stahl und Beton sei dies "statisch kaum machbar", sagt die ICC-Architektin Ursula
Schüler-Witte, die sich für die Sanierung einsetzt. Die Baubehörde des Senats
widerspricht dem nicht. Und auch mit dieser aufwendigen und risikoreichen Variante ließe sich
kein öffentliches Geld einsparen.
Einen Kaufinteressenten für das 1979 eröffnete und
noch immer sehr gut ausgelastete ICC gibt es nicht, das ist seit Jahren ausgelotet. Der Senat
könnte das 320 Meter lange "Raumschiff" verrotten lassen, das wäre wohl eine preiswerte
Sache. Niemand hat sich bislang getraut, dies ernsthaft zu erwägen.
Also bleibt nur die Sanierung. Stellvertretend für die Berliner Steuerzahler findet es
Architektin Schüler-Witte "unverständlich, dass sich die Ermittlung der Sanierungskosten
für das ICC über Jahre erstrecken und im Halbjahresabstand immer wieder neue und
höhere Kosten genannt werden, die offenbar alle keine nachvollziehbaren Grundlagen
haben".
Bis heute sind 1,3 Millionen Euro nur für Gutachten ausgegeben worden. Wirtschaftssenatorin
Sybille von Obernitz (parteilos, für CDU) arbeitet zur Zeit an einer zusammenfassenden
Expertise und schließt nicht aus, dass weitere Gutachten folgen werden.
Aber mit welchem Ziel? Wie man hört, erwartet Stadtentwicklungssenator Michael Müller
(SPD) von der Kollegin von Obernitz und der Messegesellschaft ein neues Konzept für das ICC,
das seine Verwaltung dann in verbindliche Kostenrechnungen und Baupläne umwandeln kann. Eine
Sprecherin der Wirtschaftsverwaltung sagte dazu nur, dass sich die Gespräche noch "in einem
Stadium der Meinungsbildung" befänden. Die Messe wiederum fühlt sich von Müllers
Erwartungen nicht angesprochen. "Wir haben unsere Hausaufgaben längst gemacht", sagte
Messesprecher Michael Hofer. Schon in der vergangenen Wahlperiode habe das Unternehmen einen
detaillierten Bedarfsplan für die künftige Nutzung des Kongressgebäudes vorgelegt.
Alles weitere sei Angelegenheit des Eigentümers und nicht des Pächters.
Die Regierungsfraktionen von SPD und CDU zucken vorerst nur ratlos mit den Schultern und sichern
sich gegenseitig zu, dass der Koalitionvertrag in Sachen ICC gilt. In einer Woche treffen sich dem
Vernehmen nach die Vorsitzenden des Wirtschafts- und des Hauptausschusses im Abgeordnetenhaus mit
den fachlich zuständigen Senatoren Müller und von Obernitz. Ende Februar beginnen im
Parlament die Haushaltsberatungen für 2012/13, die bis zur Sommerpause abgeschlossen sein
sollen. Spätestens dann muss ein bezahlbares Sanierungskonzept vorliegen, wenn die Bauarbeiten
wie geplant 2014 beginnen sollen.
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[24.12.2011:
Die ICC-Luxusvariante kostet 328 Millionen Euro] (DER TAGESSPIEGEL)
[00.00.2011:
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