Kampf der Giftzwerge
Deos, Spielzeuge und Textilfarben enthalten Zehntausende von Chemikalien, über
deren Gefährlichkeit kaum etwas bekannt ist. Kann die neue EU-Chemikalienverordnung Abhilfe
schaffen?
Aus: Spiegel Online
14. November 2005, 12.05 Uhr MEZ (Umwelt).
[Original]
Die Tester ließen die Neuwagen drei Stunden lang in der
prallen Sonne stehen. Anschließend registrierten ihre Messgeräte Dutzende
flüchtiger organischer Verbindungen in den Autos darunter Formaldehyd und
Benzol.
Die Reizstoffe gasten aus Lacken und Farben, aus Kunststoffen und Sitzbezügen. An der
Innenseite der Frontscheiben schlugen sie sich gar als Giftfilm nieder. Experten nennen den
Vorgang "fogging".
Die Umweltorganisation Global 2000 ließ kürzlich die Raumluft sechs fabrikneuer
Limousinen analysieren. Insgesamt 98 Chemikalien, "darunter auch ausgesprochen
unerwünschte Stoffe", fanden sich in den Wagen, so die Umweltschützer. Die
Versuchsbedingungen seien praxisfern gewesen, wehrten sich dagegen die Autohersteller. Wahr
ist: Wirklich einig sind sich selbst Experten nur bei den wenigsten der gefundenen
Substanzen.
Rund 100.000 Stoffe verwendet die europäische Chemieindustrie und formt daraus
segensreiche Konsumgüter wie Gummienten, Dämmstoffe, Dispersionsfarben oder
Nachtcremes. Das Erstaunliche jedoch: Die meisten der Alltagschemikalien sind, obschon seit
Jahrzehnten in Gebrauch, noch nie oder nicht ausreichend auf ihre Gefährlichkeit getestet
worden.
In der Europäischen Union ist der Missstand spätestens seit 1981 bekannt, als eine
Liste der sogenannten Altstoffe zusammengestellt wurde. Fast 25 Jahre später will in
dieser Woche das EU-Parlament einen Vorschlag zur Neuordnung des europäischen
Chemikalienrechts verhandeln. "REACH" ("Registration, Evaluation and Authorisation of
Chemicals") lautet das Kürzel des Projekts, das die Industrie verpflichten soll, Daten zur
Unbedenklichkeit von Chemikalien mit einer Jahresproduktion von mehr als einer Tonne
vorzulegen.
Ein 1200 Seiten starkes Verwaltungsmonster ist den Brüsseler Bürokraten aus der Feder
geflossen. Die Erstversion legten der damalige Industriekommissar Erkki Liikanen und seine
Umweltkollegin Margot Wallström bereits vor zwei Jahren vor. Seither tobt ein erbitterter
Lobbyistenstreit um das Paragrafenwerk. Während die Chemieindustrie den Verlust Tausender
Arbeitsplätze und den Untergang des eigenen Mittelstands prophezeit, warnen
Umweltverbände vor Spermienschwund, Krebsgefahr und Muttermilchverseuchung.
In Berlin und Brüssel ließ der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
zipfelmützige "Giftzwerge" aufmarschieren. Die designierte Kanzlerin Angela Merkel (CDU)
dagegen wirbt für einen industriefreundlichen Kurs. Vorige Woche setzte sie sich damit
auch in der Koalitionsrunde durch. Der derzeitige Reach-Vorschlag müsse "mit dem Ziel
verändert werden, die Chemikaliensicherheit zu verbessern, ohne dabei die Herstellung von
Chemikalien zu verteuern oder ihre Anwendung zu behindern", heißt es nun im
Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD. Tatsächlich ist Reach in seiner bisherigen Form
kaum praktikabel. Die Grundidee des Mammutwerks jedoch gilt als Meilenstein der
Chemikaliengesetzgebung.
Bislang ist es Aufgabe der EU-Länder, den Herstellern die Umweltschädlichkeit ihrer
Produkte nachzuweisen. Künftig jedoch sollen stattdessen die Produzenten Daten für
die Harmlosigkeit der Substanzen vorlegen. Die Beweislastumkehr gilt als wegweisend, um
gefährliche Chemikalien auszusondern. Einsparungen im Gesundheitsbereich von über 50
Milliarden Euro in den nächsten 30 Jahren erwartet die EU-Kommission. Doch der Preis
für die Wirtschaft ist hoch: Über fünf Milliarden Euro könnte das
Gesetzeswerk am Ende kosten.
30.000 Stoffe wären dem Kontrollsystem unterworfen und müssten künftig an eine
neue Europäische Chemikalienagentur in Helsinki gemeldet werden. Reach verlangt, die
Substanzen abgestuft nach Jahresproduktion verschiedenen Tests zu unterziehen. Je mehr von
einem Stoff produziert wird, desto gründlicher soll er getestet werden. Das klingt
einleuchtend doch schon hier beginnt der Streit: Die Industrie hält die Abstufung
nach Produktionsmenge für Unfug und will die Testanforderungen für zwei Drittel der
Stoffe drastisch zusammenstreichen. Umweltverbände laufen gegen die "Verwässerung"
Sturm.
Tatsache ist: Europa hat das Problem der Altchemikalien bislang sträflich
vernachlässigt. Der Verbraucher schmiert sich Chemikalien unter die Achseln und
wäscht seine Unterhosen mit Substanzen, deren Langzeitwirkungen oft unbekannt sind.
So enthalten beispielsweise zahlreiche Kosmetika den Konservierungsstoff Imidurea, der im
Verdacht steht, erbgutschädigend zu wirken. Farbstoffe etwa in T-Shirts oder Jeans
müssen nach geltendem Recht nicht auf hautsensibilisierende Wirkung getestet werden,
obwohl einige von ihnen Allergien auslösen sollen. Für Duftstoffe wie Lyral oder
Amberonne, die tonnenweise in Reinigern und Parfums verwendet werden, liegen bis heute keine
Daten zu möglichen fortpflanzungs- oder entwicklungsschädigenden Wirkungen vor.
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