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L E B E N S M I T T E L - K O N T R O L L ETierische Geschäfte
Profitgeier in Pharmaindustrie, Landwirtschaft und Handel haben das in der Bundesrepublik erzeugte Fleisch zu Aas verkommen lassen. Die so oft besungene freie Marktwirtschaft ist offenbar die Freiheit für wachstumsanbetende Manager, skrupelfreie Bauern und Tierärzte sowie für bedenkenlose Krämer, mit Mensch (Verbraucher) und Tier (Schlachtvieh) umzuspringen, wie es den Bilanzen bekommt. Eingepfercht, mit Medikamenten und anderen Fremdstoffen vollgepumpt, häufig von Krankheiten befallen, dämmern Tiere ihrem Ende als blasses, weiches, wäßriges Stück Fleisch auf den Tellern bundesdeutscher Esser entgegen.
Hinweis auf: Natur 2/1987, Februar 1987, Seite 1825 (Titel) von WOLF-MICHAEL EIMLER und NINA KLEINSCHMIDT, Autoren des Buches Tierische Geschäfte (Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München, Februar 1987, 19,80 DM).
Der Staat steht Schmiere
Das deutsche Lebensmittelrecht gilt als unbestechlich. Doch den Machenschaften von kriminellen Betrügern ist das Gesetzeswerk natürlich nicht gewachsen. Die Reinheitsgebote stehen nur auf dem Papier. Wenn es um die Gesundheit der Käufer und Verbraucher geht, haben die staatlichen Kontrolleure allzu oft Tomaten auf den Augen und Bohnen in den Ohren.
Auszug aus: Natur 9/1989, September 1989, Seite 5056 (Titel) von UDO POLLMER, Lebensmittel-Chemiker. Dokumentiert sind hier nur die Forderungen an eine verbraucherorientierte Lebensmittelüberwachung.
Experten fordern: Schützt uns besser!
- Eine bürgernahe, wirksame Lebensmittel- und Umweltpolizei schaffen.
Die Lebensmittelbranche kann nur effektiv überwacht werden, wenn dafür eine bundesweite Behörde zuständig ist, die sehr flexibel eingreifen kann. Ein Vorbild könnte der baden-württembergische Wirtschaftskontrolldienst sein. Die Behörde muß mit polizeilichen Befugnissen ausgestattet sein; ihre Mitarbeiter benötigen eine solide Ausbildung auf dem Gebiet des Lebensmittel- und Umweltrechts. Die Dienststellen sollten so bürgernah wie möglich angesiedelt sein.
- Schwerpunkt-Untersuchungsämter einrichten.
Industriell hergestellte Lebensmittel werden immer häufiger von bestens ausgebildeten Fachleuten manipuliert. Das Ergebnis sind sogenannte analysenfeste Lebensmittel, die so konstruiert wurden, daß die Überwachungsbehörden sie mit ihren geringen analytischen Möglichkeiten nicht knacken können. Zentrale Untersuchungsämter, personell gut ausgestattet und mit modernstem Gerät ausgerüstet könnten hier Abhilfe schaffen. Die Lebensmittelüberwachung ist nur dann effektiv, wenn sie nicht mehr wie bisher den Skandalen hinterherläuft.
- Lebensmittelproben gezielt ziehen.
Heute sind die Überwachungsämter voll damit ausgelastet, Proben nach einem festen, bürokratischen Plan zu ziehen und zu analysieren. Sie sind deshalb nicht in der Lage, auf einen akuten Verdacht hin schnell zu reagieren. Beispiel: Bayerischen Chemikern war lange vor dem Diäthylglykol- Skandal aufgefallen, daß mit manchen Weinen etwas nicht stimmte. Es fehlte ihnen nur leider die Zeit, den unbekannten Stoff genau zu identifizieren.Professor Lutz Bertling, Leiter der Wuppertaler Lebensmittelüberwachung, setzt auf überraschende Probennahme: Er sieht darin einen wesentlichen Grund, auf den ich unsere hohe Beanstandungsquote von etwa 30 % der Proben zurückführe.
- Politik, Wirtschaft und die Lebensmittelüberwachung strikt trennen.
Die heutige Praxis der Lebensmittelüberwachung krankt an der Verfilzung von Politik, Unternehmen und Behörden. Es geht nicht an, daß Untersuchungsämter zwar Verstöße feststellen dürfen, dann aber nicht befugt sind, Verfahren gegen die Missetäter einzuleiten. In Rheinland- Pfalz versickerten im verantwortlichen Ministerium Akten, die einen Weinskandal aufdecken sollten.Völlig unerträglich ist die gelegentliche Verquickung von Kontrolleuren und Produzenten beziehungsweise Anbietern. Professor Hermann Hummel- Liljegren aus Berlin nennt als Beispiel jenen Leiter eines Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamtes, der vormittags ein großes Unternehmen zu kontrollieren hatte und die Firma nach Dienstschluß auf Honorarbasis beriet.
- Den Justizbereich reformieren.
Das heutige Lebensmittelrecht ist außerordentlich kompliziert und verworren, da die Gesetze und Verordnungen unter dem Einfluß zahlreicher Interessengruppen zustandegekommen sind. Selbst Experten können es kaum noch überschauen. Das gleiche gilt für das EG-Lebensmittelrecht. Der ehemalige Bundesrichter und Lebensmittelrechts- Experte Professor Walter Zipfel beschreibt die Misere: Das Lebensmittelrecht ist kein Ausbildungsgegenstand für Juristen. Der einzelne Richter oder Staatsanwalt muß sich die Rechtsmaterie am Einzelfall (...) erst erarbeiten. Ähnlich wie die Verkehrsrichter müßten Richter auch für das Lebensmittelrecht speziell ausgebildet werden. Schwerpunkt- Staatsanwaltschaften sind einzurichten.
- Den gesetzlichen Schutz vor Gesundheitsgefahren verbessern.
In der Bundesrepublik ist zwar verboten, Lebensmittel zu verkaufen, deren Verzehr geeignet ist, die Gesundheit zu schädigen. Eine papierene Vorschrift. Denn der Gesetzgeber drückt sich um eine klare Umschreibung dessen, was er mit Gesundheit schädigen meint. Hier muß jedesmal der Verbraucher beweisen, daß ein Lebensmittel schuld an einer gesundheitlichen Beeinträchtigung ist. Die Verursacher werden kaum einmal zur Rechenschaft gezogen.
- Für schädliche Stoffe verbindliche Grenzwerte erlassen.
Für viele wichtige, gesundheitsschädliche Rückstände in Lebensmitteln existiert immer noch keine verbindliche Höchstmenge (zum Beispiel für die meisten Schwermetalle, Lösungs- und Arzneimittel [Ed: aber auch für das Gift Dioxin]). So kann unter anderem Fleisch, das mit Medikamenten belastet ist, in vielen Fällen von der Lebensmittelüberwachung nicht beanstandet werden. Der ahnungslose Verbraucher ißt solches Fleisch. Der Arzneimittelexperte Dr. Michael Petz klagt: Zwar müssen Hersteller von Arzneimitteln dem Bundesgesundheitsamt (BGA) Analysemethoden nennen, mit denen die Medikamenten- Wirkstoffe nachgewiesen werden können. Doch diese Methoden werden nur selten an die Überwachungsbehörden weitergegeben.
- Täuschung und Betrug wirkungsvoll bestrafen.
Betrügereien mit Lebensmitteln lohnen sich. Die Erfahrung lehrt: Ein Unternehmen mit einer cleveren Rechtsabteilung braucht kaum zu befürchten, bei Verstößen angemessen bestraft zu werden. Kommt es einmal zu einer Verurteilung, so entspricht das Strafmaß oft nicht der Schwere des Vergehens. Eine Firma, die durch den Verkauf minderwertiger Waren hohe Gewinne einfährt, läßt sich durch Bußen von einigen 100 oder 1000 Mark kaum schrecken.
- Die Behörden zur Information der Öffentlichkeit verpflichten.
Die heutige Organisation der Lebensmittelüberwachung macht es möglich, daß Verstöße gegen die Vorschriften vertuscht werden. Die gängige Praxis, Untersuchungsergebnisse geheimzuhalten, verträgt sich nicht mit einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Die Aussicht, von informierten Verbrauchern boykottiert zu werden, schreckt mehr ab als jede Strafandrohung. Deshalb sind die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung ohne Ausnahme offenzulegen.
- Eine demokratische Vertretung für die Verbraucher schaffen.
Zensur und Mittelkürzungen sind ein probates Mittel, um rührige Verbraucherzentralen zur Räson zu bringen. Die Verbraucherzentralen müssen finanziell unabhängig von den staatlichen Geldgebern ihren Auftrag erfüllen können. Die Verbraucherzentralen sind nach demokratischen Prinzipien als echte Verbrauchervertretungen zu gestalten, in denen nicht nur Verbandsfunktionäre, sondern die Verbraucher selbst Mitglied werden können.
EU-Kommission rügt schlampige Fleischkontrollen in Deutschland
Aus: Spiegel-Pressemeldung 27. Juni 1998 zum Kurzartikel "Schlampige Prüfer" im SPIEGEL 27/1998, 29. Juni 1998, Seite 18 (Panorama).HAMBURG. Kontrollen von Hormonen und anderen Mastdopingmitteln im Fleisch sind in Deutschland "schwerfällig", "unzulänglich" und "mangelhaft". Zu diesem Ergebnis kommen nach Informationen des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL Inspektoren der EU-Kommission nach einer Dienstreise durch deutsche Schlachthöfe, Mastställe und Labors. In einem hessischen Schlachthof etwa trafen die EU-Kontrolleure auf gravierende Hygienemängel. Proben von Muskeln und Nieren, die auf Antibiotika untersucht werden sollten, lagerten im Kühlschrank des Pausenraumes der Tierärzte; dort hatten die Beschäftigten auch ihre Getränke untergebracht. Weil das Kühlsystem in diesem Schlachthof total veraltet war, so der Bericht, tropfte ständig verschmutztes Wasser auf die Tierkörper.
Als "wenig effizient" stuften die Inspekteure Tests in deutschen Labors ein. Dort vergammelten Fleischproben teilweise offen in den Kühlschränken. Es fehle an Personal und geeigneten Räumen. Auch bei den amtlichen Untersuchungen in den Ställen schlampten einige Bundesländer: Bei der Prüfung der gefährlichen Stilbene synthetische und erbgutschädigende Hormone blieben Bayern und Niedersachsen weit hinter der vorgesehenen Probenzahl zurück. Ob Tiere illegal gespritzt waren, konnte auf diese Weise nicht vollständig festgestellt werden. Personalmangel auf den Ämtern verhindere regelmäßige Kontrollen von Tierarztpraxen, schreiben die EU- Inspekteure. Deutsche Behörden sähen sich nicht in der Lage, die "Betrügereien" von sogenannten Autobahntierärzten zu unterbinden, die "mit dem alleinigen Ziel durch das Land reisen, so viele Arzneimittel wie möglich zu verkaufen".
Gefährliche Maispollen vom Winde verweht
Genetisch veränderter Mais kann US-Forschern zufolge Schmetterlingen schaden. Die Pollen des sogenannten Bt-Mais töteten im Laborversuch Schmetterlingsraupen.
Aus: Spiegel Online 20. Mai 1999, 13.16 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]ITHACA. Der auch in Deutschland angebaute Bt-Mais ist gentechnisch so verändert worden, daß er in seinem Blatt- und Stengelgewebe das Gift des Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) produziert, das die Pflanze vor Insektenfraß, insbesondere vor dem Maiszünsler, schützt. Bis jetzt galt diese manipulierte Pflanze als relativ ungefährlich gegenüber Insekten, die nicht als Mais-Schädlinge bezeichnet werden. Doch das Gift wird oft auch in die Pollenkörner eingelagert. Da Mais eine windbestäubte Pflanze ist, gelangt viel verdrifteter Pollen auf die Blätter weit entfernter Pflanzen, die in der Nähe der Maisfelder wachsen und einer Vielzahl anderer Insekten als Nahrung dienen.
John Losey und Mitarbeiter von der Cornell University, Ithaca, im US-Bundesstaat New York untersuchten in Laborversuchen die Wirkung der Giftpollen-Verwehung auf Raupen des Monarchfalters (Danaus plexippus). Diese Schmetterlingsart ernährt sich fast ausschließlich von einer Pflanzenart, die in Nordamerika und Südkanada meist in der Nähe von Maisfeldern vorkommt. In der neuesten Ausgabe des britischen Fachmagazins "Nature" berichteten sie, daß mit Pollen von Bt-Mais bestäubte Blätter dieser Art bei den Raupen Kümmerwuchs verursachten oder sie sogar abtöteten.
Dennoch warnt John Losey vor übereilten Reaktionen: "Inwieweit der Bt-Mais für freilebende Monarchen und andere Schmetterlinge eine Gefahr darstellt, muß noch untersucht werden." Außerdem sei zu bedenken, daß beim Anbau dieser Maissorte weniger schädliche Insektizide eingesetzt werden. "Die Vor- und Nachteile müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden."
Der Mensch wird zum Endlager
Experten: Belgischer Dioxin-Skandal um verseuchte Nahrungsmittel wurde durch die Verfütterung von Sondermüll ausgelöst
Aus: Saarbrücker Zeitung, 12./13. Juni 1999, Seite xx (???) von GERHARD FRANZ.SAARBRÜCKEN. Am Mittwoch brachte der französische Staatssekretär für Gesundheit, Bernard Kouchner, die Diskussion um dioxinverseuchte Hühner und Masttiere auf den Punkt. Im Gespräch mit der französischen Tageszeitung "Le Monde" verglich er den belgischen Skandal mit der britischen BSE- Affäre: "Man füttert keine Pflanzenfresser mit Fleisch, noch weniger wird man vernünftigerweise Hühner mit Motoröl ernähren. Das versteht doch jedes Kind."
Bloß, britische und belgische Futtermittel-Produzenten haben das nicht verstanden. Denn vor einigen Jahren wurde dem Futter der Kühe auf den britischen Inseln Mehl aus gemahlenen Lämmer-Kadavern beigemengt von Tieren, die an der berüchtigten Traber-Krankheit gelitten hatten. Das war der Ausgangspunkt für die "bovine spongiforme Enzephalopathie" (BSE), den Rinderwahnsinn, der danach auf den Kontinent übergriff und von der EU-Kommission in Brüssel denkbar schlecht gemanagt wurde. Und nun die dioxinverseuchten Eier und Hühner.
Anfangs hieß es, das Dioxin sei durch verschmutzte Tankwagen, in denen tierische Fette transportiert wurden, in das Futter gelangt. Doch diese Version ist nach Ansicht der Experten wenig glaubwürdig. So sagte Dr. Arnold Ludes, Kreisveterinär in Neunkirchen: "Der Sondermüll wird dem Futter ganz bewußt und mit krimineller Energie beigemengt. Auf so hohe Werte von PCB (polychlorierter Biphenyle) und Dioxinen kommt man nicht durch verschmutzte Fahrzeuge. Von dem betroffenen Betrieb werden in der Woche immerhin 560 Tonnen Futter produziert." Und wenn Hühner in ihrem Körper die PCB-Mengen so anreichern, daß am Ende 40 Milligramm dieser hochchlorierten Giftstoffe pro Kilogramm Körpergewicht vorhanden sind, dann müssen diese Tiere schon sehr lange mit stark verseuchtem Futter ernährt worden sein.
Folglich scheint die Annahme, daß Futtermittel-Produzenten absichtlich dioxin-verseuchten Sondermüll beigemischt haben, sehr plausibel. Jedoch dürfte es sich nicht um dioxinhaltige Asche aus Verbrennungsanlagen gehandelt haben, wie schon vermutet worden war. Das Vorhandensein großer Mengen von PCB deutet vielmehr darauf hin, daß es sich um Altöl handelt, dem Hydraulik-Öl oder Kühlflüssigkeiten zugemischt wurden, gefährlicher Sondermüll also, der in speziellen Verbrennungsanlagen vernichtet werden müßte. Dort aber würde viel Geld kosten.
Verwunderlich ist allerdings die Unverfrorenheit einiger bisher nicht bekannter Verantwortlicher, die sich die gewinnbringende Verwertung des Altöls ausgedacht haben. Sie müssen davon ausgegangen sein, daß ihr Verbrechen nicht entdeckt wird. Das bedeutet, daß ihre Futtermittel nicht regelmäßig kontrolliert wurden, sonst hätten sie den Coup nicht gewagt.
Und an dieser Stelle beginnt die politische Diskussion. So machte die saarländische Europa-Abgeordnete Hiltrud Breyer (Grüne) "schwere Lücken in der Nahrungsmittelkontrolle der EU" aus. Ein besonders schwerwiegendes Problem sei die zunehmende Verarbeitung von Sondermüll in der Ernährungsindustrie. Breyer: "Die Kosten für dessen Entsorgung sind oft zu hoch. Daher werden diese Stoffe einfach beigemischt statt ordnungsgemäß beseitigt, um Kosten zu sparen. So werden die Menschen zu Endlagern."
Mehr Kontrollen wünscht sich auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Altmaier. Strengere Verordnungen zur Überwachung der Lebensmittelproduktion forderte er am Freitag im Bundestag. Der französische Staatssekretär für Gesundheitsfragen, Bernard Kouchner, verlangte die komplette Einstellung der Tiermehl- Produktion und ein abgestimmtes Vorgehen auf europäischer Ebene: "Es fehlt bisher in der EU eine harmonisierte Politik der Kontrolle, der wissenschaftlichen Überwachung, der Vorbeugung, der Risiko-Abschätzung sowie des Experten-Austauschs." Und die Informationen würden auch nicht in dem gewünschten Umfang den einzelnen Ländern zugänglich gemacht. Auch dieser Punkt gibt Anlaß für Fragen: Ende März hatte die belgische Regierung Klarheit über den Dioxin-Skandal, Anfang Mai wurden die französische und die niederländische Regierung in Kenntnis gesetzt. Am 27. Mai wurde die EU-Kommission unterrichtet, aber nur halbwegs. Denn die Brüsseler Verwaltung entnahm wesentliche Passagen des Regierungsdossiers der belgischen Presse.
Doch auch dann, wenn der Informationsaustausch europaweit reibungslos klappen würde, wäre immer noch fraglich, ob die Panscherei und Mixerei unterbleiben würde. Dieser Tage hat die französische Zeitung "Le Canard Enchaîné" einen Bericht veröffentlicht, wonach zwei Firmen mehrere tausend Tonnen Klärschlämme in tierischen Futtermitteln verarbeitet haben. Dies wurde bislang offiziell weder dementiert noch bestätigt. [Kommentar]
Lebensmittelsicherheit als europäische Aufgabe
Aus: Yahoo-Finanzen, 29. Dezember 1999, 9.30 Uhr (Politik). [Original]BRÜSSEL 28.12.1999 (vwd/mru/dmt/mig). Das europäische Lebensmitteljahr 1999 lässt sich bequem in zwei Abschnitte teilen: Im ersten Teil des Jahres war es die Furcht vor Hühnern und Dioxin; ab August dann lieferten sich London und Paris Gefechte über die Genießbarkeit von britischem Rindfleisch. Wer dachte, nach der BSE-Krise der vergangenen Jahre würden sich die Wogen in Sachen Lebensmittelsicherheit glätten, der sah sich schnell eines Besseren belehrt. Die Qualität von Lebensmitteln ist und bleibt ein Topthema in Europa mit Haken und Ösen für eine mehr und mehr im Verbraucherschutz engagierte Kommission.
Schon bei der Verfütterung von dioxinhaltigem Fett offenbarte sich für die Kommission indes der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Obwohl nur ein belgischer Zulieferer für Futtermittel dioxinversetztes Fett lieferte, mussten Brathähnchen und Eier in ganz Europa aus den Regalen genommen werden. Wenn die Lebensmittelindustrie europäisch so verflochten ist, so der Schluss eines unbedarften Beobachters, dann muss die Qualität auch von zentraler Stelle gesichert werden. Wer hier allerdings an die Europäische Kommission dachte, merkte schnell, dass er auf einen Papiertiger gesetzt hatte.
Die Brüsseler Behörde konnte zwar schnell die belgische Regierung und deren laxe Kontrollen als Verantwortliche für den Dioxinskandal benennen, musste aber gleichzeitig eingestehen, dass sie selbst nicht in der Lage ist, die europäischen Bürger vor solchen Gefahren zu schützen. Immer wieder mussten die Eurokraten beteuern, dass für die Kontrollen vor Ort weiter die EU-Staaten verantwortlich sind und dass deshalb Brüssel kaum strenger sein kann, als die nationalen Kontrolleure. Dem frisch gebackenen Verbraucherschutzkommissar David Byrne gelang es dennoch, aus dem Skandal politisches Kapital zu schlagen. Er nutze die Gunst der Stunde und setzte schärfere Bestimmungen für die Zusammensetzung von Futtermitteln durch.
Ein politisches Drama nach allen Regeln der Kunst spielte sich dann in der zweiten Jahreshälfte ab, als Frankreich sich weigerte, sein Importverbot für britisches Rindfleisch aufzuheben, obwohl die Kommission das Beef im August wieder als unbedenklich eingestuft hatte. Es reichte nicht, dass die europäischen Tierzüchter gegen ein mittlerweile recht hartnäckiges Unbehagen der Verbraucher ihren Produkten gegenüber kämpfen mussten. Die Frage nach der Herkunft des Steaks auf dem Teller bot zudem Stoffe für rein nationale Auseinandersetzungen.
So lieferten sich die britische und französische Presse Schlachten mit der Kommission zwischen den Fronten. Auch wenn die Brüsseler gegenüber Paris gutmütig aber hartnäckig die Durchsetzung europäischen Rechts betrieben, brachte Paris dennoch das Brüsseler Entscheidungssystem ein wenig ins Wanken. Während die Kommission für die Aufhebung des Embargos eine solide wissenschaftliche Basis reklamierte, schlüpften die Franzosen in die Rolle des Querulanten und begründeten ihre harte Haltung mit eigenen, anderen Ergebnissen.
Die wissenschaftliche Minderheitenmeinung, auf die die EU ihr Importverbot für US-Hormonfleisch gründet, wurde im Falle BSE nun lästig. Das Vorsorgeprinzip, das die Europäer auf internationaler Ebene einklagen, führte Paris plötzlich gegen Brüsseler Entscheidungen ins Felde. Die nächste Stufe in dem Streit wurde schließlich zum Jahresende erreicht: Brüssel dürfte Frankreich und Deutschland, das sich bislang im Windschatten der Franzosen bewegte und für die Aufhebung des Importembargos kein Datum nannte, vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen. Bei einer Verurteilung [Ed: die angesichts der jetzt bekanntgewordenen neuen Fakten und des immer wahrscheinlicheren Fleisch-Betrugs in Großbritannien wenig wahrscheinlich ist] drohen den beiden größten EU-Staaten empfindliche Geldstrafen.
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und sein oberster Verbraucherschützer Byrne sinnen vor diesem Hintergrund denn auch auf Abhilfe. Künftig sollen die Wissenschaftler mehr miteinander diskutieren, statt den Politikern durch widersprüchliche Ergebnisse das Leben schwer zu machen. Prodi forderte schon kurz nach seinem Amtsantritt Mitte September eine europäische Lebensmittelagentur, in der die Wissenschaftler weiter diskutieren sollen, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als Ergebnis wird eine autoritative Expertise angestrebt, die von der Politik nur noch umgesetzt werden muss.
Ob sich indes bei Fragen der Lebensmittelsicherheit im nächsten Jahr alles in Harmonie auflöst, ist keineswegs klar. Die Europa-Abgeordneten haben schon deutlich gemacht, dass sie auch weiterhin die öffentliche Debatte über die Genießbarkeit unserer Nahrung wünschen.
Giftiges Gemüse aus Spanien
Aus: Spiegel-Pressemeldung 26. Februar 2000, 11.11 Uhr zum Artikel "xxx" im SPIEGEL 9/2000, 28. Februar 2000, Seite xxxxxx (xxx).HAMBURG. Seit Jahren finden sich Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf spanischem Obst und Gemüse, vor allem bei Paprika. "Erdbeeren sind auch immer problematisch", sagt ein Händler. Nach Informationen des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL bringen seit einigen Wochen deutsche Importeure spanische Paprika auf den Markt, die "hochgradig belastet ist", wie der Bundesverband Deutscher Fruchthandelsunternehmen (BVF) aus internen Laboruntersuchungen von Großhändlern weiß.
Bei einigen Chemikalien wie etwa dem Anti-Milbenmittel Methiocarb wurden die zulässigen Höchstmengen überschritten. Die Kontamination mit Fungiziden und Pestiziden, vor allem mit Fenpropathrin, Procymidon und Imazalil, habe "ein Ausmaß angenommen, das für uns nicht mehr tragbar ist", faxte der BVF an die Spanische Handelskammer in Frankfurt.
Die meisten Importeure sorgen sich nicht so sehr um die Gesundheit der Verbraucher, sondern ums Geschäft. Die Öffentlichkeit dürfe keineswegs informiert werden, mahnt der Verband in seinem Fax an die Spanier: "Die Angelegenheit erfordert auch das nötige Maß an diplomatischem Vorgehen, denn wenn erst einmal eine große Pressekampagne läuft, ist das Geschäft mit Paprika, nicht nur aus Spanien, tot."
Gentechnik: Doppelt tolerante "Gen-Rüben"
Unbeabsichtigte Resistenz durch Pollenübertragung
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 11. Oktober 2000, Seite 32 (Forschen). [Original]BERLIN. Eine unbeabsichtigte Resistenz gegen das Unkrautvernichtungsmittel "RoundupReady" der Firma Monsanto hatten Zuckerrüben, die aus gentechnisch verändertem Saatgut stammen, bei einem Freilandversuch in Deutschland und mehreren anderen europäischen Ländern auf insgesamt 40 Versuchsflächen. Das Saatgut der Firma KWS Saat-AG, das an die Firma Aventis zu Forschungszwecken weitergegeben wurde, wurde gezielt eigentlich nur mit einem Gen bestückt, das die Rüben gegen das Herbizid "Liberty" resistent machen soll.
Wie der Pressesprecher Gert Hahne sagte, sind zwar Zeitpunkt und Ort der Übertragung bekannt, doch weiß man nichts über den Weg, den die Pollen dafür nahmen und von welchen Pflanzen sie stammen. "Vielleicht sind sie in den Haaren eines Forschers mitgekommen." Die gentechnisch veränderten Pflanzen werden von der Einbecker Saatgutfirma in Gewächshäusern gezüchtet. Die KWS hatte die Doppeltoleranz, die erst im Zuge der vorgeschriebenen Beseitigung der Versuchspflanzen bei Versuchsende festgestellt wurde, von sich aus bekanntgegeben.
Das Versuchssaatgut war nicht für den Handel bestimmt, sondern sollte wissenschaftliche Erkenntnisse über gentechnisch veränderte Pflanzen liefern. Rein biologisch sei zudem keine Weiterverbreitung der doppelten Herbizidtoleranz möglich, da die zweijährigen Pflanzen sich nicht in der fortpflanzungsfähigen Blütephase befanden.
Nutzung im Doppelpack
Wie schon sein Name es nahelegt, wirkt das seit 1974 auf dem Markt befindliche Herbizid "RoundupReady" universell und ohne Ansehen der einzelnen Pflanze, deren grüne Bestandteile es angreift. Breitband- Herbizide dieser Art sind einfach einzusetzen und gelten als relativ umweltfreundlich. Doch erst die genetische Veränderung von Nutzpflanzen macht ihren Einsatz möglich: Während die Nutzpflanze dann dank der Übertragung eines Toleranzgens weiter wachsen kann, werden unerwünschte Wildpflanzen ("Unkraut"), die der Sojabohne, dem Mais oder der Zuckerrübe Nährstoffe und Platz rauben könnten, unterdrückt.Für die Genehmigung von Freilandversuchen ist das in Berlin ansässige Robert-Koch-Institut (RKI) zuständig, die Überwachung der Versuche ist jedoch Ländersache. Kritiker fürchten, die gentechnischen Veränderungen könnten sich durch die Freilandversuche auch auf Wildpflanzen übertragen.
Das allerdings könnte, wie Ulrich Ehlers vom Zentrum Gentechnologie des RKI zu bedenken gibt, eher zum Problem für die Hersteller der Unkrautvernichtungsmittel werden, deren Produkte dadurch ihre universelle Wirksamkeit einbüßen würden. Für Ehlers ist der jetzige Fall zudem grundsätzlich anders zu bewerten als die Verunreinigung von Saatgut im Frühjahr dieses Jahres, bei der es um Raps ging, der landwirtschaftlich angebaut wurde.
Im Gesetz zur Regelung der Gentechnik (Gentechnik-Gesetz) aus dem Jahr 1993 werden keine Grenzwerte für Verunreinigungen mit anderem Erbgut genannt. Bisher orientieren sich die Firmen an der Grenze von einem Prozent, die die europäische Novel-food-Verordnung vorgibt. "Eine Fremdeinstäubung kann niemals hundertprozentig ausgeschlossen werden" betont Hahne, dessen Firma von der Politik klare Grenzwerte für zulässige Verunreinigungen einfordert. Der Anteil der Pflanzen, die beide Toleranzgene tragen, habe nur bei einem halben Prozent gelegen.
]Teuere GenTech-Panne
Der Chemiekonzern Aventis möchte seinen Gentech-Mais Starlink auch für den menschlichen Verzehr zugelassen haben. Doch die Experten der US-Umweltbehörde haben noch Zweifel, ob der genmanipulierte Mais auch tatsächlich unbedenklich is.
Aus: Die Tageszeitung (taz), Berlin, 22. Dezember 2000, Seite 17 (xxx). [Original
WASHINGTON. Für die mit weltweiten Akzeptanzproblemen kämpfende Grüne-Biotech-Industrie war es ein erheblicher Rückschlag, der sicherlich noch einige Nachwirkungen haben wird. Seit Monaten bereits sorgt Starlink, der gentechnisch veränderte Mais des deutsch-französischen Chemiemultis Aventis, in den USA für Schlagzeilen. Erst waren es nur die mexikanischen Taco-Chips, in denen der lediglich als Viehfutter zugelassene Gentech-Mais gefunden wurde. Doch erst nachdem der Hersteller Kraft Food in einer aufwendigen Rückrufaktion 2,5 Millionen Packungen mit den betroffenen Maismehlchips aus den Verkaufsregalen wieder entfernen ließ, wurde das tatsächliche Ausmaß der Kontamination bekannt.
Nach Angaben der zuständigen US-Lebensmittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) mussten letztendlich insgesamt 297 verschiedene Maisprodukte wieder eingesammelt werden. Fast die gesamte Lebensmittelbranche, die Maismehl verarbeitet, war betroffen.
Mit dem Starlink-Skandal sehen die Kritiker der Grünen Gentechnologie ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Nicht nur das US-amerikanische Zulassungssystem habe versagt, der Fall zeige auch, dass die Freisetzung und Verarbeitung von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen nicht zu kontrollieren sei.
Aufgedeckt wurde die Kontamination der Maisprodukte nämlich nicht durch die zuständigen Behörden. "Genetically Engineered Food Alert" (Gefa), eine Koalition verschiedener genkritischer Organisationen, hatte durch eigene, in Auftrag gegebene Untersuchungen die unerlaubte Verarbeitung des Maismehls entdeckt. Erst öffentlichen Proteste veranlassten die FDA, weitergehende Tests durchzuführen und die Rückholaktion anzuordnen.
Auch Aventis musste inzwischen eingestehen, das mit ihrem Starlink-Mais etwas schiefgelaufen ist. Das Unternehmen willigte im November in eine Vereinbarung mit dem US-Landwirtschaftministerium ein, die gesamte noch übrig gebliebene Starlink-Ernte von diesem Jahr aufzukaufen.
Für Aventis kann die Geschichte noch teuer werden. Mehrere Firmen haben bereits angekündigt, Schadensersatz einzuklagen. Geschätzt wird, dass Aventis bis zu 300 Millionen Dollar zu zahlen hat. Aventis geht von einer geringeren Summe aus. Lediglich eine Rücklage in Höhe von 100 Millionen Dollar hat der Konzern vorsorglich bereitgestellt.
Noch nicht geklärt ist, wer letztendlich schadensersatzpflichtig ist. Denn Aventis hat zwar den Gentech-Mais entwickelt, vertreibt aber selbst kein Saatgut. Dieses Geschäft wird von Saatgutfirmen betrieben, die bei Aventis eine Lizenz erworben haben. In einer Mitteilung weist Aventis dann auch schon mal vorsorglich darauf hin, dass die Veranwortlichkeiten der verschiedenen Akteure nicht geklärt seien. Mit Sicherheit wird es auch um die Frage gehen, wer versäumt hat den Farmern verbindlich mitzuteilen, dass Starlink nur als Futtermais verwendet und nicht zu Lebensmittel verarbeitet werden darf.
Für die bereits 1998 erteilte Zulassung als Futterpflanze hat Aventis mittlerweile eine vorläufige Aussetzung beantragt. Ganz verzichten auf die Vermarktung von Starlink will Aventis jedoch nicht. Ende Oktober reichte das Unternehmen erneut einen Genehmigungsantrag für Starlink ein. Der Gentech-Mais soll sowohl als Futterpflanze als auch zur Lebensmittelverarbeitung zugelassen werden.
Starlink sei gesundheitlich unbedenklich, versichert Aventis. Doch das wissenschaftliche Beratergremium der für die Zulassung zuständigen Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA) ist davon nicht ganz so überzeugt. Zwar gebe es keine Beweise dafür, dass Starlink zur Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit führe, aber die letzten Zweifel seien auch noch nicht ausgeräumt, heißt es in einem Report des Expertengremiums von Anfang Dezember. Die Bedenken konzentrieren sich vor allem auf ein zusätzlich in das Pflanzengenom eingebrachtes Gen namens Cry 9 C. Dieses Gen ist für die Bildung eines Proteins verantwortlich, das den Pflanzen einen Selbstschutz gegen Insektenfraß verleiht.
Ursprünglich stammt das Gen aus der Bakterienart Bacillus thuringiensis (Bt), die dafür bekannt ist, dass sie Substanzen bildet, die für Insektenlarven tödlich sind. Bisher ist nicht erwiesen, dass diese Toxine auch bei Säugetieren wirksam sind. Aventis hat jedoch die Wildform des Bt-Gen nachträglich so verändert, dass die Wirksamkeit des Proteins auf Insektenlarven drastisch erhöht ist. Und über die Wirkung diese Substanz auf den menschlichen Körper gibt es bisher so gut wie keine Daten. Von den Experten wird daher noch ein erheblicher Forschungsbedarf eingeklagt.
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