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E H E C - A U S B R U C HKeim der Angst
Es kann lebensbedrohlich sein. Das Darmbakterium EHEC breitet sich in Norddeutschland rasant aus. Wie ernst ist die Lage?
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 24. Mai 2011, Seite 2 (Fragen des Tages). [Original]
BERLIN (Tsp). Die ersten Fälle tauchten in der vergangenen Woche in Hamburg auf [Ed: hm, erste Fälle sind wohl den Behörden schon am 10. Mai gemeldet worden]. Die Betroffenen klagten über wässrigen oder blutigen Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Inzwischen werden 40 Menschen in der Hansestadt mit diesen Symptomen im Krankenhaus behandelt. Die Diagnose: Infektion mit dem gefährlichen Darmkeim EHEC. Aber auch aus anderen Teilen der Republik wird eine ständig und rasch steigende Zahl von Krankheitsfällen gemeldet. Mittlerweile gibt es auch in Berlin die ersten Verdachtsfälle.
Welcher Erreger ist die Ursache für die Erkrankung?
Normalerweise sind Escherichia coli Bakterien, kurz E. coli, harmlose Zeitgenossen. Sie gehören zu den zahlreichen Arten von Mikroorganismen, die im menschlichen Darm leben. Einige E.coli-Stämme aber, enterohämorrhagische E.coli (EHEC), tragen in ihrem Erbgut ein Gen namens stx. Dieses Gen dient den Keimen als Bauanleitung für ein gefährliches Gift, das Shiga-Toxin.
Gelangen EHEC-Keime in den Darm, so setzen sie sich dort fest, vermehren sich und produzieren das Gift. Das dringt in die Zellen der Darmwand ein und tötet sie [Ed: die Zellen der Darmwand]. Dadurch kommt es zu dem blutigen Durchfall, der für EHEC-Infektionen typisch ist und dem Erreger den Namen gibt (enterohämorrhagisch bedeutet Darmblutungen erzeugend).
Wie gefährlich ist der Erreger?
In den meisten Fällen verlaufen EHEC-Infektionen milde. Dem Immunsystem eines gesunden Menschen gelingt es in der Regel, den Keim zu besiegen. Etwa jeder 10. Patient entwickelt aber eine gefährliche Komplikation, das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Dabei wird das Gift der EHEC-Keime in die Nierengefäße getragen und zerstört dort die Innenwand. Die Folge: Die Nieren können versagen.
Das Blut der Patienten muss dann mittels Dialyse von Giftstoffen gereinigt werden, bis der Köper die Infektion besiegt hat. Wir können nur die verlorene Flüssigkeit ersetzen und vor allem die Dialyse zur Verfügung stellen, sagt Thomas Schneider, Leiter der Infektiologie am Charité-Campus Benjamin Franklin. Mehr könnten die Ärzte nicht tun. Es geht darum, eine kritische Phase zu überwinden.
Medikamente, die das Gift gezielt bekämpfen, gibt es nicht. Und auf Antibiotika sollte unbedingt verzichtet werden. Eine Studie im New England Journal of Medicine hatte eine Gruppe von EHEC-Patienten, die Antibiotika bekamen, mit einer Gruppe verglichen, die keine Medikamente erhielten. Das Ergebnis: Menschen, die Antibiotika bekamen, hatten ein erhöhtes Risiko schwerer Komplikationen. Das liegt vermutlich daran, dass Antibiotika die Bakterien zerstören, die mit diesen Giftstoffen vollgestopft sind. So wird in kurzer Zeit eine große Menge des Giftes freigesetzt, und das ist besonders gefährlich, erklärt Schneider die Wirkungsweise.
Leidet ein Patient an HUS, kann das tödlich enden. Zum Glück tritt diese Komplikation aber nur selten auf, sagt Schneider. So gab es im Jahr 2009 in Deutschland 836 EHEC-Infektionen, 66 dieser Patienten entwickelten HUS, 2 starben.
Woher kommen die Erreger?
EHEC-Bakterien kommen hauptsächlich im Darm von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen und Ziegen, aber auch Rehen und Hirschen vor. Die Tiere erkranken selbst nicht, scheiden die Keime aber im Kot aus. Kleinste Spuren reichen, um Menschen anzustecken. Schon 10 bis 50 Bakterien können einen Menschen infizieren, sagt Peters.
Grundsätzlich gibt es für den Menschen drei Möglichkeiten, sich anzustecken: Durch direkten Kontakt mit den Tieren, durch Kontakt mit anderen Menschen, die sich angesteckt haben, oder durch mit Fäkalien verunreinigte Lebensmittel. Das Auftreten so vieler Fälle an verschiedenen Orten in Deutschland lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Dass in diesem Fall Lebensmittel die Quelle der Bakterien sind.
Welches Lebensmittel es sein könnte, das ist aber derzeit noch unklar. In Frage kommen zahlreiche Gruppen: Beim Schlachten oder Melken können die Keime in Fleisch und Milch gelangen, so dass zum Beispiel Rohmilchkäse oder nicht ausreichend erhitztes Fleisch als Quellen in Frage kommen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) gibt es bisher aber keine Hinweise darauf, dass rohes Fleisch oder Rohmilch die Ursache des aktuellen Ausbruchs darstellen. Wenn jetzt viele Menschen in einer Stadt erkrankt wären, dann wäre es wahrscheinlicher, dass zum Beispiel eine bestimmte Kuh die Ursache ist, sagt Georg Peters, Mikrobiologe am Universitätsklinikum Münster. Danach sehe es aber nicht aus.
Möglich wäre es auch, dass Obst oder Gemüse, die beim Düngen verunreinigt wurden, die Quelle der Bakterien sind. In anderen Fällen sind EHEC-Ausbrüche zum Beispiel durch Spinat oder nicht erhitzten Apfelsaft ausgelöst worden. In einem der größten EHECAusbrüche aller Zeiten in der japanischen Stadt Sakai waren tausende Menschen betroffen, die sich durch Rettichsprossen angesteckt hatten. Was auch immer die Quelle ist: Es treten immer noch neue Fälle auf. Aktuell kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist, heißt es deshalb beim RKI.
Was ist so ungewöhnlich an dem Ausbruch?
Zum einen die Häufigkeit: In Deutschland gibt es jedes Jahr etwa 1000 Fälle von EHEC-Infektionen. So viele Fälle in so kurzer Zeit, hat es aber noch nicht gegeben, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI. Ungewöhnlich ist auch, dass Erwachsene häufiger betroffen zu sein scheinen. Normalerweise erkranken vor allem Kinder im Vorschulalter. Das typische Szenario: Kinder besuchen einen Bauernhof, trinken dort Rohmilch und erkranken danach. Von den 65 HUS- Fällen, die im vergangenen Jahr auftraten, waren nur in 6 Fällen Menschen betroffen, die älter als 18 Jahre waren. Noch ist völlig unklar, warum das Muster beim aktuellen Ausbruch ganz anders aussieht. Mikrobiologe Georg Peters rät auf jeden Fall: Wer Unterbauchschmerzen hat und Durchfall, möglicherweise sogar blutigen, der sollte sofort in eine Klinik.
E H E C - A U S B R U C HBauern vermuten Quelle des EHEC-Erregers im Ausland
[Ed: Das Robert-Koch-Institut hatte am 25.5.2011 vor dem Verzehr von rohen Tomaten, Blattsalaten und Salatgurken gewarnt, die aus Norddeutschland kommen].
Aus: Focus Online 26. Mai 2011, 10.59 Uhr MESZ (Newsticker). [Original]
BERLIN (dpa). Der Deutsche Bauernverband vermutet, dass die Quelle des aggressiven EHEC-Darmkeims im Ausland liegt. Es sei logisch nicht zu erklären, wie ein solcher Erreger auf Gemüse aus Norddeutschland gelangen sollte, sagte ein Verbandssprecher.
Kein vernünftiger Bauer werde Gülle auf sein Gemüse gießen. Außerdem seien Tomaten, Salat oder Gurken im Freiland in Norddeutschland noch gar nicht reif. Das Robert-Koch-Institut hat vor dem Verzehr dieser Gemüsesorten gewarnt. Händler befürchten nun massive Einnahmeausfälle.
Steckbrief des neuen EHEC-Erregers
Aus: Internet, 27. Mai 2011, 0.30 Uhr MESZ (News-Zusammenstellung).
MÜNSTER (ag). Seit Tagen war ein Forscher-Team um Professor Helge Karch von der Uni-Klinik Münster (UKM) auf der Spur des Erregers, der jetzt die EHEC-Epidemie in Deutschland ausgelöst hatte. Gestern konnten die Mikrobiologen erste Ergebnisse vorlegen, nachdem sie den EHEC-Typ eindeutig identifiziert hatten: E.coli O104:H4 (HUSEC 41).
Dieser Typ ist zwar seit einigen Jahren bekannt. Doch bislang ist kein einziger dokumentierter Ausbruch von ihm bekannt weder in Deutschland noch weltweit. Den Namen HUSEC erhalten EHEC-Bakterien, die die schwere Komplikation, das hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) auslösen können (Nierenversagen).
HUSEC 41 ist ein Coli-Bakterium mit dem Oberflächenantigen O104 und dem Geißelantigen (Flagellinantigen) H4 der Serotyp nennt sich kurz O104:H4. Dieser Typ ist bislang kaum als typischer HUS-Erreger aufgetreten. In der EHEC-Sammlung, die das UKM gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut (RKI) aufgebaut hat, taucht er nur zweimal auf. Immerhin umfasst die Datenbank rund 600 Proben.
Daß es sich um den selten O104 handeln könnte, wurde bereits vermutet. Erste Analysen des RKI-Referenzlabors für Zoonosen in Wernigerode hatten ihn in 5 Stuhlproben nachgewiesen. Der Münsteraner EHEC-Experte Karch untermauert diese Funde nun. Er und sein Team hatten Proben von Patienten aus 4 Städten untersucht.
Schnelltest wird entwickelt
Nun soll in Münster ein hochspezifische Schnelltest für diesen speziellen Typ entwickelt werden. Neue Verdachtsfälle sollen dann schneller bestätigt werden können. Der Test soll bereits in wenigen Tagen zur Verfügung stehen [Ed-31.5.2011: nach Medienberichten funktioniert der entwickelte Schnelltest und ist einsatzbereit. Damit ist dieser EHEC-Erreger in nur wenigen Stunden nachweisbar].
Der jetzige Fund weist einige ganz besondere Merkmale auf. So fehlt ihm ein für EHEC typische Gen, das eae. Es kodiert üblicherweise ein wichtiges Adhäsin, das Protein Intimin. Damit gelingt es den Keimen, sich leichter im Darmepithel anzuheften. Es besitzt dafür aber das für die Eisenaufnahme und Anheftung wichtige iha-Gen. Dieses Gen sorgt ebenfalls für die Haftbarkeit des Erregers. Außerdem produziert der jetzt gefundene Typ das Shiga-Toxin stx2. Das Gift ist maßgeblich für die hämolytische Wirkung.
Außerdem zeigt der jetzige Erreger Resistenzen gegen Antibiotika, er bildet Extended-spectrum-b-Lactamasen (ESBL). Daher sind nur Carbapeneme wirksam. Bei EHEC sind Antibiotika allerdings kontraindiziert. Das Problem ist das Shiga-Toxin. Werden viele Bakterien gleichzeitig antibiotisch zerstört, wird gleichzeitig eine erhöhte Menge des Toxins freigesetzt mit dramatischen Folgen für den Krankheitsverlauf.
Die Wissenschaftler arbeiten nun an der vollständigen Sequenzierung des Bakterien-Genoms. Denn der jetzige Erreger könnte sich im Vergleich zu früheren HUSEC-41-Proben verändert haben. Und vielleicht gelingt es dadurch auch, ein Medikament zur Bekämpfung von EHEC zu entwickeln.
Vielleicht gibt es eine HUS-Therapie
Unterdessen gibt es für die Behandlung der EHEC-Komplikation HUS (Nierenversagen) vielleicht eine Therapie. Unlängst war Medizinern aus Heidelberg, Paris und Montreal bei 3 Kindern im Alter von 3 Jahren eine spektakuläre Heilung dieses Hämolytisch-Urämischen Syndroms (HUS) gelungen, worüber im New England Journal of Medicine berichtet wird.
Dabei wurde der biotechnisch erzeugte Antikörper Eculizumab eingesetzt, der bereits seit 2007 zur Behandlung einer ähnlichen Krankheit zugelassen ist. Dieser blockiert das Komplementsystem. Denn es wurde angenommen, daß beim HUS das an der Immunabwehr und Blutbildung beteiligte Komplementsystem total fehlreguliert ist. Die Frage ist nur, ob diese Therapie auch bei Erwachsenen funktioniert. Das wurde bislang klinisch noch nicht erprobt.
[02.06.2011: Chinesen entschlüsseln EHEC-Erreger] (SPIEGEL-ONLINE)
[03.06.2011: Wie China dem EHEC-Erreger auf die Spur kam] (SPIEGEL-ONLINE)
E H E C - A U S B R U C HDie Seuchendetektive
EHEC O104:H4 vesetzt Ärzte in Schrecken: Derart aggressive Darmbakterien haben sie noch nie gesehen. Fieberhaft suchen Epidemiologen nach der Herkunft der tödlichen Keime.
Hinweis auf: Der Spiegel 22/2011, 30. Mai 2011, Seite 102106 (Wissenschaft). [Original suchen]
E H E C - A U S B R U C HFäkalwasser auf Früchten
Einige spanische Bauern haben schon früher Abwässer auf ihre Felder geleitet. Dabei können Erreger wie EHEC übertragen worden sein. Mittlerweile sind 14 Menschen gestorben. [Ed: Das ist wohl überhaupt der 1. Zeitungsartikel, der sich diesem Thema widmet, und dabei ist doch völlig klar, daß der EHEC aus Ausscheidungen von Tieren oder Menschen stammen muß. Die Frage ist nur, wie, warum und wo das geschah].
Aus: taz, Berlin, 30. Mai 2011, xx.xx Uhr MESZ (Konsum). [Original]
BERLIN (taz). Der gefährliche Darmkeim EHEC könnte beim Bewässern mit Abwasser auf spanische Gurken übertragen worden sein. "Es ist verboten technisch aber möglich", erklärte Professor Lothar Wieler vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen an der Freien Universität Berlin am Montag [30.5.2011] der taz.
Spanische Bauern hatten in der Vergangenheit eingeräumt, in Dürreperioden zumindest teilweise Abwässer zu verwenden [Ed: und in Andalusien herrscht fast immer Wassermangel]. Die Hamburger Behörden haben auf Gurken aus Spanien Bakterien von EHEC gefunden, mit dessen Ausbruch inzwischen 14 Todesfälle in Verbindung gebracht werden.
Die spanische Zeitung El País berichtete im Juli 2005, dass 500 Eigentümer von insgesamt 4 Millionen Quadratmeter [400 Hektar] Land in der südöstlichen Region Murcia "Fäkalwasser aus ihren Wohnhäusern benutzen". Da das Wasser in den Stauseen zu wenig sei, "sehen wir uns gezwungen, es mit dem Fäkalwasser unserer Wohnungen zu mischen", zitierte das Blatt einen Bauern.
Die damalige Umweltministerin Cristina Narbona bestätigte, dass manche Landwirte versucht seien, auf Abwässer zurückzugreifen. El País schrieb schon damals, dass diese Praxis zu Beschwerden im EU-Ausland geführt habe. Die Bauern würden jedoch argumentieren, dass Abwässer erlaubt seien, wenn sie die Früchte nicht berührten.
"Es gibt immer Leute, die das Gesetz brechen"
Doch diese Rechtsauffassung dürfte falls sie denn jemals stimmte veraltet sein. Juan Carlos Rodríguez Arranz, der für das agrarwissenschaftliche Institut der zentralspanischen Universität Valladolid (Inea) einen Biohof leitet, sagte: "In ganz Spanien ist es verboten, mit Abwasser zu bewässern." Aber natürlich "gibt es immer Leute, die das Gesetz verletzen."
Einer der beiden spanischen Lieferanten der EHEC-Gurken gehört nach eigener Darstellung nicht zu dieser Gruppe. "Wir ziehen alle 10 bis 15 Tage Proben von unserem Wasser, und alles war in Ordnung", erklärte Enrique Vargas, Geschäftsführer von Hortofrutícola Costa de Almería, einem konventionellen Großbetrieb mit mehr als 500 Mitarbeitern.
Der zweite Lieferant, die Biohandelsfirma Frunet, ließ offen, woher sein Produzent das Wasser nimmt. "Das weiß ich nicht", sagte Sprecher Richard Soepenberg. Er habe keine Telefonnummer des Erzeugers in der Region Almería.
Besonders Vargas weist darauf hin, dass sein Unternehmen in viele Länder exportiere. "Wir essen die Gurken auch selbst. Und niemand ist erkrankt." Aus diesem Grund könne der Bakterienherd nicht auf seinem Betrieb liegen.
Selbst wenn die Gurken in Spanien verseucht worden sein sollten, würde das nicht alle Erkrankungen erklären. Denn nicht alle Infizierten haben auch dieses Gemüse gegessen. Mecklenburg-Vorpommern hat auf Gurken "unterschiedlicher Herkunft" die für EHEC typischen Gifte gefunden. Derzeit wird im Labor untersucht, ob auch die Bakterien selbst auf dem Gemüse sind.
E H E C - A U S B R U C HUrsachen für die Ausbreitung der Infektion
Kein Rind mehr ohne EHEC.
Aus: DeutschlandRadio Kultur, Berlin, 31. Mai 2011, 11.36 Uhr MESZ (Wissenschaft). [Original] [MP3-Audio]
BERLIN (d-radio). EHEC-Erreger wurden erstmals in den 70er-Jahren in einem Rind entdeckt und beschrieben. Seither breitet sich das Bakterium vor allem unter Nutztieren aus. Denen schadet er nie und bisher auch nicht dem Menschen. Das ist bei der neuen Variante aber anders.
Derzeit steht fest, dass die Behörden bei EHEC noch keine Entwarnung geben können. Denn ungeklärt ist weiterhin, woher die damit verbundenen Krankheiten kommen. Und es müsse auch weiterhin mit Todesfällen gerechnet werden. Die Infektionsquelle ist somit immer noch aktiv und die Suche danach der Hauptschwerpunkt der Arbeit. Beim gestrigen Spitzentreffen von Regierung und Behörden fiel deshalb auch die zutreffende Formulierung von der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen.
Immerhin erwarten sich die Beteiligten in dieser Woche Klarheit darüber, ob die Warnung vor dem Verzehr von rohem Gemüse richtig war. Reinhard Burger, der Chef des Robert-Koch-Instituts in Berlin:
"Diese Erkrankung hat in etwa eine Inkubationszeit von einer Woche. Nach der Durchfallerkrankung kann es etwa eine Woche dauern, bis sich die schwere Verlaufsform HUS zeigt. Insofern können wir das erst im Laufe dieser Woche sehen, ob die Zahlen zurückgehen oder nicht."Fest steht inzwischen, dass das Vorkommen von EHEC in den Mägen von Wiederkäuern wohl deutlich weiter verbreitet ist, als bislang angenommen. Andreas Hensel, der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung.
"Wir haben immer schon gewusst, dass diese Escherichia Coli zur Normalflora von Wiederkäuern, insbesondere von Rindern, gehören. Wir sind aber erst durch den Siegeszug der Molekularbiologie heute in der Lage, diese krankmachen Faktoren den entsprechenden Bakterien zuzuschreiben. Man kann eigentlich sagen, dass auch heute praktisch in jedem Wiederkäuer-Darmsystem diese Bakterien ganz normal zu Hause sind."Geschuldet sei diese Erkenntnis somit auch dem wissenschaftlichen Fortschritt, so der Präsident des Bundesinstituts. Allerdings sind sich hier die Experten auch nicht einig. Reinhard Burger, der Präsident des Robert-Koch-Instituts schränkt die Aussage seines Kollegen etwas ein, er geht von einer EHEC-Verbreitung bei rund einem Drittel der Rinder aus.
Doch bleibe eben die Frage noch offen, wie Teile des Erregers so gefährlich für den Menschen werden konnten. Einig sind sich die Experten hingegen, dass wohl nicht die Art der Tierhaltung für das Auftreten des Bakteriums entscheidend ist. Dass der Erreger antibiotika-resistent sein soll, ist bislang auch nicht per se erwiesen. Wichtig sei aber, dass Antibiotika generell maßvoll eingesetzt werden sollten. Das betreffe die Behandlung in der Massentierhaltung ebenso wie die des Menschen. Andreas Hensel vom Bundesinstitut für Risikobewertung.
"Also dort, wo Sie einmal Antibiotika eingesetzt haben, und das gilt für die Massentierhaltung genauso wie für den Menschen, bleiben diese Antibiotika-Resistenzen in den entsprechenden Bakterienpopulationen relativ lange erhalten. Insgesamt muss allerdings angemerkt werden, dass sich die Situation beim Mensch und beim Tier grundsätzlich anders darstellen. Wir haben also ganz andere Probleme mit Antibiotika in der Normalmedizin als in der Tierhaltung. Die wichtige Frage ist aber, wie minimieren wir den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung so, dass es eben kaum oder keine Auswirkung auf den Menschen hat."Generell ist also noch vieles unklar derzeit bei der Zuordnung des Erregers. Die Behörden warnen weiterhin vor dem Verzehr von Rohgemüse. Dass mitunter das Bakterium nicht nur auf dem Gemüse, sondern bei Beschädigung der Gemüsehülle auch im Innern auftreten könnte, zeigen Erfahrungen aus den USA. Andreas Hensel.
"Wir wissen aus verschiedenen Ausbruchs-Untersuchungen, dass beispielsweise in den USA durch das Waschen von Gemüse erst eine Möglichkeit geschaffen wurde, dass solche Organismen eindringen konnten. Das kann man nicht pauschalisieren, aber da ist die Behandlung, die Prozessierung von Gemüse eine der Ursachen, dass man da vermehrt solche Erreger finden konnte."Viele Fragen sind somit auch weiterhin offen. Die Behörden hoffen aber, dass es innerhalb dieser Woche mehr und mehr Antworten rund um EHEC geben wird.
E H E C - A U S B R U C HDie Entwicklung der EHEC-Epidemie in Deutschland
BERLIN 1.6.2011 (khd-blog). Seit Anfang Mai 2011 grassiert in Deutschland eine besonders gefährliche EHEC-Seuche, die durch das bislang unbekannte Bakterium E.coli O104:H4 (HUSEC 041) ausgelöst wird. Dieses ruft besonders schwere Erkrankungen mit häufiger Ausbildung der HUS-Komplikation hervor. Hier soll die Entwicklung dieser Epidemie grafisch dargestellt und fortgeschrieben werden.
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EHEC-Epidemie in Deutschland 2011. Diese neue Seuche brach Ende April 2011 in Nord-Deutschland aus. Wir wissen inzwischen, daß sich der besonders gefährliche EHEC-Erreger über Gemüse-Sprossen ausbreitete. Zunächst waren Salatgurken, Tomaten und Blattsalate in Verdacht geraten. Der Erreger ist das neue Bakterium E.coli O104:H4 (HUSEC 041). Es ist der heftigste EHEC- Ausbruch, den die Welt je erlebte. [Entwicklung der EHEC-Epidemie 2011]
In der Darstellung wurden zunächst auch in Medien präsentierte ‚Meßwerte‘ verwendet, die nur ungenau angegeben waren mit um ... oder mehr als .... Sie sollen aber beim Vorliegen genauerer Angaben von RKI bzw. WHO korrigiert werden, was inzwischen weitgehend erfolgt ist. Da es immer wieder zu Meldeverzügen gekommen ist, kann diese Grafik nur näherungsweise den wahren zeitlichen Ablauf des Infektionsgeschehens wiedergeben. Der erste EHEC-Todesfall trat am 23. Mai auf. Die Opferzahlen (Tote) enthalten auch die Fälle, der im Ausland verstorbenen EHEC-Patienten, die sich in Deutschland infizierten. (Grafik: siehe Inset khd)
Einige Erkenntnisse
BERLIN Ab 16.6.2011 (khd-blog). Die erste EHEC/HUS-Meldung soll das in Deutschland für Seuchen zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) erst am 19. Mai erreicht haben, da hierzulande das Meldewesen für Seuchen anachronistisch organisiert ist. Der erste Fall wurde bereits am 1. Mai beobachtet. Seit dem 10. Juni hat sich die tägliche Zunahme von beim RKI gemeldeten Neu-Infektionen verlangsamt. Die Zahlen nahmen aber bis Ende Juni weiter zu, was das RKI auch mit den Meldeverzögerungen erklärt.
Bis zum 26. Juli sind in Deutschland nach Angabe des RKI 50 Menschen im Zusammenhang mit dem aggressiven EHEC-Bakterium E.coli O104:H4 gestorben. Nach Angabe der WHO sind außerdem im Ausland (Schweden und USA) 2 weitere Menschen gestorben. Die meisten EHEC-Neuerkrankungen gab es nach RKI-Angaben am 22. und 23. Mai mit jeweils 161 neuen Fällen. Die meisten neuen HUS-Fälle gab es am 21. Mai mit 63 Neuerkrankungen. Da die letzte EHEC-Erkrankung am 4. Juli auftrat, gilt diese EHEC-Epidemie Ende Juli 2011 als überwunden. Sie dauerte also fast 3 Monate.
[Bericht zum Verlauf der EHEC-Epidemie]
E H E C - A U S B R U C HEHEC Zurück auf Los
Hilflose Behörden, widersprüchliche Warnungen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 1. Juni 2011, Seite 8 (Meinung) von ALEXANDER S. KEKULÉ. Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. [Original]
W enn man den Selbstdarstellungen der Gesundheitsbehörden folgt, müsste der EHEC-Ausbruch eine Erfolgsgeschichte der Seuchenbekämpfung sein. Das Gegenteil ist der Fall.
Nach der Einlieferung der ersten EHEC-Patienten am vorvergangenen Mittwoch [18.5.2011] alarmierte die Uniklinik Hamburg-Eppendorf umgehend das Robert-Koch-Institut (RKI). Bereits eine Woche später hatte das RKI die wahrscheinliche Infektionsquelle identifiziert und warnte die Bevölkerung vor Tomaten, Gurken und Salaten. Schließlich verkündete die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks am vergangenen Donnerstag [26.5.2011] den angeblichen Durchbruch: Der Killerkeim wurde auf spanischen Gurken gefunden. Obendrein gibt es, seit gestern, einen Schnelltest für den verantwortlichen EHEC-Typ namens HUSEC-41 (O104:H4).
Wo ist also das Problem? Warum sind die Konsumenten verunsichert, die Gemüsehändler sauer und die Spanier empört?
Das liegt zunächst einmal an den Hinweisen der Behörden, die von Anfang an schwer nachvollziehbar und widersprüchlich waren. Das RKI warnte vor dem Verzehr roher Tomaten, Salatgurken und Blattsalate, und zwar insbesondere in Norddeutschland. Da es zu diesem Zeitpunkt bereits Fälle in Hessen gab, war dies selbst für Fachleute kaum verständlich. Im Norden gab es viele Erkrankungen ohne erkennbaren Zusammenhang, im Süden traten dagegen weniger Fälle auf, die häufiger auf eine gemeinsame Infektionsquelle zurückzuführen waren.
Dies deutet auf ein Lebensmittel als EHEC-Quelle hin, das im Norden produziert oder verteilt und über zentrale Verkehrswege (etwa als Fertigsalat) nach Süden geliefert wird. Der Generalverdacht gegen Gemüse von weitab liegenden Feldern, etwa aus Bayern oder Baden-Württemberg, ist deshalb unbegründet. Ebenso unverdächtig sind ausschließlich regional vertriebene Produkte, etwa von Kleinbauern oder kleinen Biobetrieben, weil von dort keine bundesweite Ausbreitung des Keimes möglich wäre. Entsprechende Ware kann also, sofern man dem Gemüsehändler vertrauen kann, bedenkenlos auch roh gegessen werden.
Am Problem vorbei geht auch das Ceterum censeo der Gesundheitswächter vom häufigen Händewaschen. Der Einsatz von Wasser und Seife ist sinnvoll und wichtig, wenn im Haushalt eine Person mit Durchfall erkrankt ist, weil die meisten Durchfallerreger (nicht nur EHEC) hoch infektiös sind. Dass sich viele Deutsche selbst nach dem großen Geschäft nicht die Hände waschen, ist natürlich schlimm, vielleicht sogar ekelig doch mit dem aktuellen EHEC-Ausbruch hat das nichts zu tun. Auch das Händewaschen nach der Verarbeitung von rohem Fleisch in der Küche, das vom Bundesamt für Risikobewertung (BfR) empfohlen wird, kann nur eine Keimverschleppung in der Küche verhindern. Wenn der Erreger bereits im gekauften Gemüse steckt, ist Händewaschen vor dem Verzehr vollkommen sinnlos.
Die größte Peinlichkeit unterlief schließlich der Hamburger Gesundheitssenatorin, als sie großspurig 3 spanische Salatgurken als angebliche Quelle des Seuchengeschehens präsentierte, weil darauf EHEC-Bakterien nachgewiesen wurden. Zeitgleich erklärte das Hamburger Hygieneinstitut, der Labornachweis habe nur 36 Stunden gedauert so schnell konnte jedoch der genaue Typ des EHEC-Bakteriums gar nicht ermittelt werden (der molekularbiologische Schnelltest steht erst seit gestern zur Verfügung).
EHEC sind die zweithäufigste Ursache von Durchfallerkrankungen in Deutschland, etwa die Hälfte der Rinder tragen die Keime im Darm. Der Nachweis eines beliebigen EHEC-Bakteriums bedeutet deshalb nichts für die Suche nach der Ursache des aktuellen Ausbruches, für den der ungewöhnliche Typ HUSEC-41 (O104:H4) verantwortlich ist. Doch auf Anfragen, ob der EHEC-Typ auf den spanischen Gurken mit dem Ausbruchstyp übereinstimmt, hielt sich die Hamburger Behörde bedeckt bis am Dienstagmittag [31.5.2011] die Bombe platzte: Die Behörde hatte einen Allerwelts-EHEC gefunden, der mit dem Ausbruch nichts zu tun hat.
Bei der Bekämpfung eines der schwersten Ausbrüche gilt jetzt: Alles zurück auf Los. Man darf gespannt sein, ob die Gesundheitsbehörden auch diesen Reinfall wieder als Erfolg verkaufen werden. [Leser-Kommentare]
E H E C - A U S B R U C HOutbreak in Deutscchland
Epidemiologen, Mikrobiologen, Lebensmittel-Kontrolleure ein ganzes Heer von Experten jagt das gefährliche EHEC-Bakterium. Doch der Darmkeim ist nicht zu fassen. Das Problem: Gleich zu Beginn wurde wertvolle Zeit vergeudet [Ed: weil sich Deutschland (sprich einfältige Politiker) seit Mitte der 1990er-Jahre ein total ineffizientes zersplittertes System der Gesundheits- und Lebensmittel-Aufsicht einrichtete, auf dessen fatale Folgen bereits 2001 im Tagessspiegel hingewiesen wurde].
Hinweis auf: Der Spiegel 23/2011, 6. Juni 2011, Seite 126139 (Titel-Story). [Original suchen]
E H E C - K R I S E N M A N A G E M E N TEHEC und die Detektive
Nach Sprossen hat möglicherweise einfach niemand gefragt.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 8. Juni 2011, Seite 6 (Meinung) von ALEXANDER S. KEKULÉ. Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. [Original]
U m die aktuelle Version der offiziellen Empfehlungen zum Thema EHEC zu bekommen, muss man schon detektivische Fähigkeiten haben. Das Robert Koch-Institut (RKI), dem die Befugnis für Verbraucherwarnungen entzogen wurde, verweist inzwischen auf die Webseite des Bundesamts für Risikobewertung (BfR). Dort wird zwar von der aktuellen Sprossen-Theorie des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums berichtet, das BfR bleibt jedoch weiterhin bei seiner stereotypen Dauerwarnung vor Tomaten, Salatgurken und Blattsalaten.
Doch die Leute vom RKI haben ferngesehen und berichten auf ihrer Webseite süffisant, das BfR habe am 6. Juni im ZDF-HeuteJournal eine mündliche Verzehrsempfehlung zu Sprossen geäußert, ohne deren Inhalt wiederzugeben. Den findet man, allerdings unter dem 5. Juni, in der Online-Mediathek des ZDF: In der Sendung sagte BfR-Präsident Andreas Hensel in einem Nebensatz: Wir schließen uns aber der Warnung des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums an (...) Damit ist es wohl mehr oder minder amtlich: Der lebensgefährliche Erreger könnte auch in Sprossen stecken.
Die Sprossen-Hypothese der Niedersachsen ist auf den ersten Blick schlüssig. Im Norden gibt es viele Fälle, die scheinbar nicht zusammenhängen. Dazu würde eine Verteilung über einen Großmarkt oder andere lokale Vertriebswege passen. Die in Süddeutschland und im Ausland registrierten EHEC-Infektionen treten eher gehäuft auf, mit vermuteten oder belegten gemeinsamen Infektionsquellen. Das deutet auf ein Produkt, das von zentralen Lieferanten nach Süden gebracht wird. Der Verdacht fiel deshalb sofort auf Fertigsalate oder Salatzutaten, wie Dressings oder Sprossen. Weil Sprossen als Auslöser von EHEC-Epidemien bekannt und berüchtigt sind, wird vom rohen Verzehr für Immungeschwächte und andere Risikopersonen schon lange abgeraten.
Es hätte also von Anfang an nahe gelegen, präventiv auch vor Sprossen und anderen Salatzutaten aus Norddeutschland zu warnen. Doch die zwei bisher ausgewerteten Studien des RKI, bei denen zusammen 71 EHEC-Patienten und dazu passende Kontrollpersonen interviewt wurden, ergaben keinen Hinweis auf Sprossen, obwohl man danach intensiv fragte, wie RKI-Präsident Reinhard Burger betont. Zusätzlich wurden angeblich auch die über 2.300 anderen EHEC-Patienten von den Landesbehörden gründlich interviewt. Demnach haben die EHEC- Infizierten nicht häufiger Sprossen gegessen als gesunde Vergleichspersonen. Keimträger könnte also auch ein Lebensmittel sein, das dieselben Vertriebswege wie die niedersächsischen Sprossen hat.
Oder die Behörden haben Fehler gemacht. Falls man, zum Beispiel, abgesehen von den beiden RKI-Studien nicht gründlich nach Sprossen gefragt hat, wäre das ein tödliches Versäumnis. Es ist deshalb erstaunlich, dass die Gesundheitsministerien der Länder, die für die EHEC-Meldungen und Befragungen zuständig sind, sich bisher nicht geäußert haben: Verspeisten die 2.325 registrierten EHEC-Patienten nun großenteils Sprossen, ja oder nein?
In dem Tohuwabohu der Behörden ist eine andere Warnung vollkommen untergegangen: Neben dem verdächtigten Gemüse kommt nämlich auch der Mensch als Infektionsquelle infrage. Nicht nur die an Durchfall Erkrankten, sondern auch eine unbekannte Dunkelziffer von symptomfreien EHEC-Infizierten scheiden den Erreger mit dem Stuhl aus. Die Schwierigkeiten bei der Eingrenzung des verunreinigten Lebensmittels könnten auch daran liegen, dass einige Erkrankte gar nicht über die Nahrung, sondern durch Schmierinfektionen angesteckt wurden. Dieser Infektionsweg spielt bei Erwachsenen erfahrungsgemäß nur eine untergeordnete Rolle. Trotzdem kann Händewaschen vor dem Essen in Zeiten der EHEC-Epidemie nicht schaden.
Es ist allerhöchste Zeit, die Jagd nach dem lebensgefährlichen Erreger bundesweit in eine Hand zu geben, statt die Eitelkeiten von Ministern und Behörden länger zu dulden. Das Robert Koch-Institut, das zu Unrecht in die Kritik geraten ist, besitzt als einzige deutsche Einrichtung die dafür erforderliche Fachkompetenz.
E H E C - A U S B R U C HDenn sie wissen nicht, was sie tun
Die Ehec-Krise in den vergangenen Wochen hat gezeigt, dass Politik und Wissenschaft Vermittlungsprobleme haben. Verbraucherschutzministerin Aigner und Gesundheitsminister Bahr haben die Lage falsch eingeschätzt.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 12. Juni (Pfingsten) 2011, Seite 4 (Politik). [Original]
BERLIN (Tsp). Zum fünfjährigen Jubiläum des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) im November 2007 sagte Präsident Andreas Hensel in seiner Begrüßungsrede einen Satz, der gut passt zur aktuellen Ehec-Krise: Die Regierung muss schauen: Wie sind Risikomanagementsysteme aufgebaut, sind sie transparent, wirken sie? Die Wissenschaft muss sich fragen: Sind wir in solch ein System integriert, werden wir genügend gefragt?
Damit hat Hensel, ohne es zu wollen, mit seiner Beschreibung ein Dilemma offengelegt: Die strikte Trennung von wissenschaftlicher Erkenntnis und politischem Risikomanagement führt offenbar zuallererst einmal zur Verlangsamung. So jedenfalls kann man den Umgang mit dem Ehec-Ausbruch in Deutschland deuten, der seit Mitte Mai bisher mindestens 30 Menschen das Leben gekostet hat.
Dabei macht die Aufsplittung der Zuständigkeiten nach Kompetenzen Sinn. Es gibt hoch kompetente wissenschaftliche Institute wie das Robert-Koch-Institut [RKI], das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit [BVL] und das Bundesinstitut für Risikobewertung [BfR]. Und dann gibt es die politische Ebene in Bund und Ländern, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Handlungsanweisungen an die Bevölkerung umsetzen muss. Die berühmt gewordene Verzehrwarnung für Gurken, Tomaten und Salate ist eine solche Anweisung. Nur die Politik allein, ob im Bund oder in den Ländern, kann eine solche Entscheidung treffen und wieder zurücknehmen.
Die Grundidee der Politik selbst war es, beispielsweise beim BfR die Wissenschaft vom Risikomanagement der Politik zu trennen. Mit dem ganzen Selbstbewusstsein des Wissenschaftlers sagte Andreas Hensel deshalb dem Tagesspiegel: Wir sind die unabhängige Stimme der Wissenschaft. Das ist unser Auftrag. Was wir sagen, ist wissensbasiert, also haben wir eine Referenzfunktion, man kann sich an uns orientieren. Wir sind aber nicht die Oberschiedsrichter politischer Öffentlichkeitsarbeit. Das ist nicht unsere Aufgabe.
In der Praxis war die Politik aber anscheinend nicht in der Lage, am Anfang des Ehec-Ausbruchs diese unabhängige Stimme der Wissenschaft zu verstehen. Das beste Beispiel dafür lieferte ausgerechnet Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) selbst. Am 25. Mai wird sie von der Passauer Neuen Presse mit dem Satz zitiert: Auf Gemüse muss niemand verzichten. Die ersten Studien des RKI hatten aber zu dem Zeitpunkt bereits ergeben, dass die am Ehec-Erreger O104 erkrankten Patienten in ungewöhnlich hoher Zahl angaben, dass sie Gemüse Gurken, Tomaten, Salat gegessen hatten [Ed: tja, das RKI gehört nicht zu Aigners Beritt...].
An dieser Stelle hilft das von Hensel verkörperte Selbstbewusstsein des Forschers nicht weiter, denn wer ist jetzt verantwortlich dafür, dass die Informationen verstanden werden und an den höchsten politischen Stellen landen: Muss sich die Politik diese Information holen oder muss die Wissenschaft sie bereitstellen? Die verantwortlichen Stellen sowohl im Gesundheitsministerium als auch im Verbraucherschutzministerium weisen hinter vorgehaltener Hand immer darauf hin, dass man sehr wohl und sehr gerne den Hut der Verantwortlichkeit aufsetzt. Aber, wird angefügt, dann müssten auch die entsprechenden Informationen geliefert werden. Das ist eine deutliche Kritik an den untergeordneten Instituten und an den Wissenschaftlern, dabei könnte es auch sein, dass die Politik, also Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) selbst, die Sache anfangs falsch eingeschätzt haben.
Spätestens am 23. Mai hätte Aigner wissen können, dass das Robert-Koch-Institut einen hohen Prozentsatz von Erkrankten befragt hatte, die Gemüse verspeist hatten. Das Argument, dieses Robert-Koch-Institut sei ja nicht dem Verbraucherministerium untergeordnet, sondern dem Gesundheitsministerium und deshalb sei diese Information erst so spät bei Aigner angelangt, also anscheinend erst nach dem 25. Mai, ist ein wirklich armseliges Argument: Kompetenzzuschnitte dürfen in einer ernsten Krise kein Hinderungsgrund sein für den Informationsaustausch.
Im Gegenteil: Mit dem Hinweis der Politik auf diese Kompetenzzugehörigkeiten, auch Gesundheitsminister Bahr hat dies mehrfach getan, um zu sagen, warum er dies oder das nicht wissen konnte, unterstreicht sie nur ihr eigenes Versagen. Die sogenannte Task Force des Verbraucherministeriums wurde am Freitag, den 3. Juni, eingerichtet 12 Tage nach den ersten Befragungsergebnissen des RKI und 8 Tage nach der Veröffentlichung eines Bulletins des RKI, in dem ganz klar von einem der weltweit größten Ehec-Ausbrüche die Rede ist.
E H E C - A U S B R U C H 2 0 1 1Alarm im Darm
Die Bienenbütteler Biokeime /
Aus: DeutschlandRadio Kultur, Berlin, 19. Juni 2011, 11.54 Uhr MESZ (Wissenschaft) von UDO POLLMER. [Original] [MP3-Audio]
[MERKE: Wer Rohkost ißt, der lebt gefährlich schon immer].
S o irritierend wie der EHEC-Keim in der Nahrung war, so irritierend waren auch die Reaktionen der sogenannten Verantwortlichen. Jetzt gilt es den Scherbenhaufen zusammenzufegen und vor allem weiteren Schaden zu vermeiden.
Das Befremdlichste am EHEC-Skandal war wohl die Tatsache, dass er sogar angekündigt worden war. Ja. Genau einen Tag, bevor der erste EHEC-Fall auftrat, hatte die zuständige Bundesbehörde vor der noch unsichtbaren Katastrophe gewarnt. Das Dokument trägt den Titel "Hohe Keimbelastung in Sprossen und küchenfertigen Salatmischungen". Dabei wird auf die EHEC-Gefahr hingewiesen speziell durch Sprossen, die im Biosektor erzeugt werden. Datiert ist das Papier des Bundesinstitutes für Risikobewertung auf den 9. Mai.
Der Behörde ging es bei ihrer Warnung aber nicht nur um EHEC, sondern um die ganze Palette an Krankmachern in Salat und Konsorten: Listerien, Salmonellen, Bacillus cereus, Staphylococcen, Hepatitis-A, Noroviren und Schimmelpilze. Regelmäßig sind Noroviren für Todesfälle verantwortlich. Vor wenigen Wochen haben sie in Hannover 2 Krankenhäuser lahmgelegt. Dort infizierten sich über die Küche fast 100 Patienten, Schwestern und Ärzte. Ursache von Ausbrüchen ist häufig Obst.
Grundsätzlich können alle Lebensmittel Krankheiten übertragen namentliche frische und rohe. Deshalb kann es auch keine "Entwarnung" geben. Niemand weiß, wo die EHEC-Keime überall hin verbreitet worden sind. Der Biokeim aus der Bienenbütteler Gärtnerei treibt schon seit 10 Jahren sein Unwesen in Deutschland. Erstmals wurde er im Jahr 2001 bei einem schwer erkrankten Kind in Münster diagnostiziert. Der Erregerstamm kommt nicht aus der Tierhaltung, sondern wird von Mensch zu Mensch übertragen [Ed: hm, so ganz scheint das noch nicht geklärt zu sein]. Oder durch Lebensmittel, die Infizierte zubereitet haben. Da nur ein Teil der Betroffenen sichtbar erkrankt, ist die Infektionskette kaum rückverfolgbar.
Nun jammern die Medien über das Informationschaos beim EHEC-Ausbruch. Dafür sind sie selbst verantwortlich. Die dringende Warnung der obersten Fachbehörde haben sie verschwiegen, dadurch konnte sich der Infekt zum größten bakteriellen Ausbruch nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln. Sprossen sind ja so wahnsinnig gesund. Die Redaktionen lieben Experten, die ihnen nach dem Mund reden, die mühsam aufgebaute Vorurteile nicht gefährden. Politik und Medien brauchen sich gegenseitig so wie der Hund sein Herrchen. So etabliert sich eine gesundheitspolitische Gurkentruppe.
Da Keime sich schnell an veränderte Umweltbedingungen anpassen und auch gerne mit anderen Bakterien Erbgut tauschen, besteht immer das Risiko einer seuchenartigen Ausbreitung namentlich in einem dicht besiedelten Land. Im Falle eines solchen Erregers bleibt keine Zeit für parteipolitische Komödien, Ernährungsideologien oder ärztliche Standespolitik. Dann muss die Bevölkerung die nötigen Hygienemaßnahmen kennen, um eine Katastrophe zu verhindern.
Deshalb: Waschen Sie Ihre Wäsche, also Unter- und Bettwäsche wenn möglich nicht unter 60 Grad [Ed: hm, es gab mal Waschmaschinen, die konnten 100 Grad!]. Wer Keime bei Körpertemperatur zwischen 30 und 40 Grad in seiner Waschmaschine bebrütet und dann noch beim Spülen ein Wassersparprogramm nutzt, der stattet seine Familie als Bazillenschleuder aus. Wer beim Waschen die Umwelt schonen will, kann das auf ganz bequemen Wege: Die T-Shirts oder was auch immer nicht schon nach einem halben Tag wieder wechseln.
Bei Tisch beherzigen Sie bitte den alten Kinderreim: "Nach dem Klo und vor dem Essen Händewaschen nicht vergessen." Es gibt keine Maßnahme, die so effektiv Krankheiten verhindert wie diese. In Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und Altersheimen stellen Rohkostplatten auch ohne akute Seuchengefahr ein vermeidbares Risiko dar nicht zuletzt weil Blattgemüse die Krankheitskeime über die Wurzeln aufnehmen. Rohe Eier werden ja aus hygienischen Gründen dort auch nicht mehr verwendet. Wir Menschen verdanken unsere Evolution und unsere Zivilisation der Nutzung des Feuers und der Hygiene mit Rohkost allein würden wir noch heute von Ast zu Ast hopsen. Mahlzeit!
Literatur dazu:
- BfR: Hohe Keimbelastung in Sprossen und küchenfertigen Salatmischungen. Aktualisierte Stellungnahme Nr. 017/2011 des BfR vom 09. Mai 2011.
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- Struelens MJ et al: Enteroaggregative, Shiga toxin-producing Escherichia coli O104:H4 outbreak: New microbiological findings boost coordinated investigations by European public health laboratories. Euro-Surveillance, 2011; 16: (24).
- Smith DeWaal C, Bhuiya F: Outbreaks by the numbers: Fruits and Vegetables 1990-2005. Center for Science in the Public Interest; Washington, DC, 2009. http://www.cspinet.org/foodsafety/IAFPPoster.pdf
- Solomon EB et al: Transmission of Escherichia coli O157:H7 from contaminated manure and irrigation water to lettuce plant tissue and its subsequent internalization. Applied and Environmental Microbiology 2002; 68: 397-400.
- Islam M et al: Fate of Salmonella enterica serovar Typhimurium on carrots and radishes grown in fields treated with contaminated manure composts or irrigation water. Applied and Environmental Microbiology 2004; 70: 2497-2502.
- Schikora A et al: The dark side of the salad: Salmonella typhimurium overcomes the innate immune response of Arabidopsis thaliana and shows an endopathogenic lifestyle. PLoS ONE 2008; 3: e2279.
- Islam M et al: Persistence of enterohemorrhagic Escherichia coli O157:H7 in soil and on leaf lettuce and parsley grown in fields treated with contaminated manure composts or irrigation water. Journal of Food Protection 2004; 67: 1365-1370.
- MacKenzie D: Bean sprouts to blame for 'decade-old' E. coli. New Scientist 10 June 2011. http://www.newscientist.com/article/dn20562-bean-sprouts-to-blame-for-decadeold-e-coli.html
- Beuchat LR: Food Safety Issues: Surface decontamination of fruits and vegetables eaten raw: A review. Food Safety Unit, WHO 1998. http://www.who.int/foodsafety/publications/fs_management/en/surface_decon.pdf
Das EHEC-Gespenst
Der Ausbruch ist zu Ende doch niemand weiß, warum.
Aus: Der Tagesspiegel + Potsdamer Neueste Nachrichten, 14. September 2011, Seite 6 (Meinung) von ALEXANDER S. KEKULÉ. Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. [Original]
A m vergangenen Freitag [9.9.2011] legte das Robert-Koch-Institut (RKI) einen Abschlussbericht zum Ehec-Ausbruch vor. Demnach gab es von Mitte Mai bis Mitte Juni 3.842 Erkrankungen mit dem neuartigen Erreger Ehec O104:H4; 55 Menschen starben; in 855 Fällen entwickelte sich das gefürchtete hämolytisch-urämische Syndrom in dieser Hinsicht war es der schwerste Ehec-Ausbruch, der weltweit jemals registriert wurde.
Die nun veröffentlichten Zahlen belegen leider auch, dass die Behörden zu spät reagiert haben, um den Verlauf des Ausbruches noch zu beeinflussen. Als das RKI am 22. Mai zum ersten Mal die Öffentlichkeit informierte, war die Epidemie bereits auf ihrem Höhepunkt angekommen danach nahm die Zahl der Neuinfektionen von selbst wieder ab. Als man am 10. Juni endlich vor Sprossen warnte, war der Ausbruch bereits so gut wie vorüber warum der Erreger verschwand und woher er gekommen ist, weiß bis heute niemand. Fest steht, dass die weitaus meisten Infektionen durch Sprossen eines einzigen Herstellers im niedersächsischen Bienenbüttel verursacht wurden. Darüber hinaus steckten sich mehrere Menschen bei erkrankten Haushaltsmitgliedern an, auch Laborinfektionen kamen vor.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung gab bereits Ende Juni bekannt, dass der Ehec-Keim mit großer Wahrscheinlichkeit von Bockshornkleesamen aus Ägypten stammt, dies habe man von der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA erfahren. Eine Task Force Ehec, die wiederum vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit koordiniert wird, ist seitdem auf der Suche nach der Quelle des Erregers bisher ohne Erfolg.
Den Hinweis auf den Bockshornklee hatte die EFSA aus Frankreich bekommen. Nach einem Fest in einer Kindertagesstätte bei Bordeaux waren 15 Menschen an dem ungewöhnlichen Erreger Ehec O104:H4 erkrankt, der bis dahin nur in Deutschland beobachtet worden war. Die Veranstalter hatten Bockshornklee serviert, den sie aus im Gartencenter gekauften Samen selbst gezogen hatten. Von dort führte die Spur über Deutschland nach Ägypten.
Wenn die Recherchen der EFSA stimmen, nahm das Unglück bereits am 24. November 2009 seinen Lauf, als in der Hafenstadt Damiette im Nildelta ein Container mit 15 Tonnen Bockshornkleesamen auf ein Frachtschiff verladen wurde. Über Antwerpen und Rotterdam erreichten die Samen einen deutschen Importeur. Von dort gelangten sie über einen britischen Betrieb nach Frankreich und über einen deutschen Zwischenhändler in den niedersächsischen Sprossenhof. Die Europäische Kommission hat deshalb ein Einfuhrverbot für Samen aus Ägypten erlassen, das zunächst bis Ende Oktober gilt.
Die Ägypten-Connection ist auf den ersten Blick plausibel, weil Ehec O104:H4 bestimmte Eigenschaften aufweist, die in Afrika häufig vorkommen. Allerdings wurden nur 3 Säcke (75 Kilogramm) Bockshornkleesamen nach Bienenbüttel geliefert, der Rest der 15 Tonnen ging an Händler in Deutschland, Großbritannien, Österreich und Spanien. Alleine in Frankreich wurden zehntausende Tüten mit jeweils 5 bis 125 Samen landesweit verkauft. Warum nur von einem Betrieb in Bienenbüttel und einem Kinderfest in Bordeaux Ausbrüche ausgingen, kann niemand erklären.
Merkwürdig ist auch, dass der Erreger in den Samen nie nachgewiesen wurde, obwohl die Behörden beim Importeur und bei diversen Zwischenhändlern noch Reste der verdächtigten Charge fanden.
Möglicherweise waren in den 600 Säcken nur einzelne Samenkörner mit Ehec O104:H4 verunreinigt. Möglicherweise haben diese Bakterien besondere Eigenschaften, die einen Nachweis in den Samen erschweren. Möglicherweise gab es aber auch noch ein weiteres Bindeglied zwischen Bienenbüttel und Bordeaux, das man nicht rechtzeitig gefunden hat. Jetzt scheint die Infektionsquelle jedenfalls versiegt zu sein. In dieser Lage ist leider nicht auszuschließen, dass der mysteriöse Erreger noch einmal zuschlägt.
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