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L E B E N S M I T T E L - V E R P A C K U N G E NUngenießbare Delikatessen
Gans, Pute und Lachs gehören zu den Rennern beim Weihnachtsmenü. Doch Vorsicht: Wer sich nicht den Magen verderben will, sollte auf die Qualität und das Haltbarkeitsdatum achten. Bei Stichproben im Saarland waren bakterielle Verunreinigung entdeckt worden.
Aus: Saarländischer Rundfunk, Saarbrücken, 12. Dezember 2005, 21.05 Uhr MEZ (Nachrichten). [Original]SAARBRÜCKEN. Das saarländische Gesundheitsministerium hat in einer Sonderaktion Geflügel und Lachs auf bakterielle Belastungen getestet. Dabei wurden insgesamt 136 Proben genommen. Das Ergebnis war nach Angaben des Ministeriums "durchwachsen".
A G R A R W E N D E R Ü C K W Ä R T SWeichmacher könnte Hirngewebe schädigen
Ein Weichmacher in Lebensmittel-Verpackungen steht seit Jahren im Verdacht, die Gesundheit zu gefährden. Jetzt stellt sich heraus, dass schon winzige Mengen der Substanz namens Bisphenol A die Hirnentwicklung bei Kindern und Ungeborenen stören könnten. Behörden sind alarmiert.
Aus: Spiegel Online 13. Dezember 2005, 16.21 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]CINCINNATI/BERLIN. Experten verdächtigen den chemischen Weichmacher Bisphenol A (BPA) schon lange, der Gesundheit von Verbrauchern nicht eben zuträglich zu sein. Ergebnisse einer jetzt im Fachblatt "Endocrinology" veröffentlichten Studie rücken die Substanz jetzt weiter ins Zwielicht und könnten massive Auswirkungen auf den europäischen Verbraucherschutz haben.
Ein Forscherteam um Scott Belcher von der University of Cincinnati konnte erstmals im Tierversuch zeigen, dass BPA gerade in kleinsten Dosierungen die Hirnentwicklung beeinflusst. Offensichtlich blockiert die über die Nahrung aufgenommene Chemikalie die Aktivität des körpereigenen Hormons Östrogen, das für die Entwicklung bestimmter Hirnregionen unerlässlich ist.
Belchers Team hatte Ratten über einen Zeitraum von lediglich 6 Minuten eine hoch verdünnte BPA-Lösung in den Teil des Gehirns gespritzt, der bisher als unempfindlich gegenüber BPA galt: den so genannten zerebralen Kortex. Das Ergebnis der anschließenden Untersuchung der Rattenhirne könnte sich als "kleine Sensation in der BPA-Diskussion erweisen, falls es auch anderen Forschergruppen gelingt, die Ergebnisse zu reproduzieren", kommentiert Jürgen Kundke, Sprecher des Berliner Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).
Die Substanz entfaltete in Belchers Tierversuchen wenige Minuten nach Verabreichung eine verheerende Wirkung: Sie stoppte den Signalweg des weiblichen Sexualhormons Östrogen und damit die natürliche Entwicklung der Gehirnzellen unabhängig vom Geschlecht der Tiere. Das Problem: BPA scheint insbesondere in jenen winzigen Mengen extrem zu wirken, denen der Mensch im Alltag ausgesetzt ist. Je niedriger die Konzentration der Substanz, desto höher war in Belchers Versuchen die schädigende Wirkung auf das Hirngewebe.
Jährlich werden Millionen Tonnen produziert
Brisant ist die Studie vor allem deshalb, weil Bisphenol A aus dem Leben der Verbraucher kaum mehr wegzudenken ist. Seit den fünfziger Jahren setzt die chemische Industrie die Substanz bei der Herstellung von Plastikverpackungen aller Art ein. "Bisphenol A ist eine Grundchemikalie, die in Mengen von etwa 1 Million Tonnen pro Jahr produziert wird", erklärt Thomas Simat, Professor am Institut für Lebensmittelchemie der TU Dresden. "Sie ist toxikologisch sehr gut untersucht."Allerdings hatte bis jetzt niemand erforscht, wie BPA in kleinsten Dosierungen wirkt. Belcher zufolge setzt die Gefährdung des Menschen bereits vor der Geburt ein, weil BPA die Embryonalentwicklung des Gehirns stört. Um das herauszufinden, hatten die Pharmakologen das Fötenwachstum der Ratten verfolgt und die Tiere nach Ablauf bestimmter Fristen seziert.
Weil junge Ratten als besonders gutes Tiermodell gelten, konnte Belcher daraus Rückschlüsse auf die Entwicklung des menschlichen Fötus ziehen und die Zeit vom Beginn des letzten Schwangerschaftsdrittels bis zu den ersten Lebensjahren des Kindes nachvollziehen. "Es besteht Grund zur Sorge", erklärte Belcher SPIEGEL ONLINE. Der Professor für Pharmakologie und Zell-Biophysik hält es für "sehr wahrscheinlich", dass es die bei den Ratten beobachtete Wirkung auch beim Menschen gibt. "Es gibt zwar wichtige Unterschiede zwischen Menschen und Nagetieren", so Belcher, "aber BPA hatte bisher bei jeder Art von Tieren seien es Säugetiere, Fische oder Amphibien ähnlich schädliche Effekte."
PlasticsEurope, der Verband der Kunststofferzeuger in Deutschland, sieht das freilich anders. In einer internen Bewertung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es über Belchers Arbeit: "Aus der Studie liegen keine Hinweise vor, dass die Beobachtungen beim Menschen zu nachteiligen Folgen führen". Insbesondere die Methodik von Belchers Versuchen wird angegriffen. So seien direkte Injektionen ins Hirn nicht mit oraler Aufnahme zu vergleichen, außerdem sei die Anzahl der Versuchsratten viel zu gering.
Doch der neurotoxische Effekt, den BPA auf das hormonelle System ausübt, dürfte weitaus größer sein als bislang angenommen. Um welche Größenordnungen es sich handelt, verdeutlich ein Vergleich. Die von Belcher ausgemachte toxische Dosis entspricht in etwa der Menge eines Fünftel Würfelzuckers, der in einem Stausee mit 2,7 Milliarden Litern Wasser aufgelöst ist. Chemisch ausgedrückt sind das etwa 0,23 Teile pro Trillion (ppt) oder 0,23 Nanogramm Bisphenol A pro Kilogramm Trägermaterial.
Alte Substanz, neues Risikoprofil
Das wie ein künstliches Hormon wirkende BPA steht seit Jahren im Verdacht, die Gesundheit des Menschen zu gefährden. So erschienen bis heute über hundert Fachpublikationen, die sich mit den Auswirkungen von BPA befassen. Für Aufmerksamkeit sorgte zuletzt ein im Fachblatt "Cancer" veröffentlichter Bericht darüber, wie BPA in Tierversuchen Prostatakrebs auslöste. Dieses Potential haben auch andere Untersuchungen bestätigt.Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte sich schon 2003 mit derartigen Fällen befasst und den Stand der Dinge unmissverständlich bewertet. Es gebe "Anlass zur Besorgnis", da die Untersuchungen "auf ein mögliches erbgut- und fortpflanzungsgefährdendes Potential von BPA hindeuten", heißt es in einer am 17. April 2003 veröffentlichten Stellungnahme des BfR.
Überraschend sei, dass die Schädigung des Erbguts schon bei einer "außerordentlich niedrigen Dosierung" von 0,02 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht gefunden worden sei.
Über Geschirr, Besteck und Einwegflaschen aus Kunststoff sowie die Innenbeschichtung von Dosen gelangt Bisphenol A in den menschlichen Körper.
Nach Angaben des BfR nimmt ein erwachsener Mensch pro Tag etwa 0,48 Mikrogramm BPA pro Kilogramm Körpergewicht auf. Bei Kindern beträgt die Menge sogar 1,6 Mikrogramm. Das ist mehr als 695 Mal so viel wie jene Menge, die Belchers Team jetzt im Tierversuch als hirnschädigend ausmachte.
Seehofer hat Öko satt
CSU-Verbraucherminister will Bio-Landbau nicht länger bevorzugen / Abkehr von Künasts grüner Politik / Bauernverband jubelt / [Ed: und die SPD?]
Aus: Berliner Zeitung, 16. Dezember 2005, Seite xx (Politik). [Original]BERLIN. Der neue Ernährungsminister Horst Seehofer (CSU) bricht mit der Politik seiner grünen Amtsvorgängerin Renate Künast und will die Verbraucher- und Landwirtschaftspolitik neu ausrichten. Seehofer sagte der Berliner Zeitung: "Guter Verbraucherschutz geht nur mit der Agrarwirtschaft und nicht gegen sie." Seine Vorgängerin habe bisweilen den Eindruck vermittelt, es gebe einen Gegensatz zwischen Landwirtschaft und Verbraucherschutz.
Seehofer kündigte ferner an, die bevorzugte Behandlung des Biolandbaus zu beenden. "Für mich sind konventionelle Bauern genauso wichtig wie Öko-Bauern."
Auch den Anbau von genveränderten Pflanzen will Seehofer anders als Künast vorantreiben. "Wir wollen die Gentechnik befördern." Gentechnisch veränderte Pflanzen würden weltweit immer stärker angewendet. "Das muss auch in Deutschland möglich sein", sagte der bayerische Politiker. Bislang werde den Bauern der Anbau nahezu unmöglich gemacht. Deswegen werde er das von Rot-Grün beschlossene Gentechnik-Gesetz ändern. Der Schutz von Mensch und Umwelt bleibe aber gewährleistet.
Die Landwirte lobten die neue Politik. "Wir fühlen uns von Horst Seehofer wieder ernster genommen", sagte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Helmut Born, dieser Zeitung. Zwar hätten die Grünen beim Verbraucherschutz auch viel Positives bewirkt. Die Bevorzugung der ökologischen Landwirtschaft sei aber ein Fehler gewesen. "Es ist positiv, dass die neue Bundesregierung diesen Fehler nun korrigiert", sagte Born. Richtig sei auch, dass Seehofer bei der Gentechnik nicht nur über die Risiken spreche sondern auch die Chancen sehe. "Man darf diese Technologie nicht einfach abwürgen", sagte Born.
Genveränderter Mais zugelassen
Scharfe Kritik kam dagegen von den Grünen. "Bei Herrn Seehofer ist der Verbraucherschutz leider nur drittrangig", sagte der stellvertretende Fraktionschef der Grünen, Reinhard Loske. Die Wende hin zu einer ökologischeren Politik dürfe nicht rückgängig gemacht werden. Beispielsweise sei es fatal, dass Seehofer quasi als erste Amtshandlung drei genveränderte Pflanzen zulasse, so Loske. "Das ist eine Verbeugung vor der Gentechnik-Industrie". Die Risiken der Gentechnik seien völlig ungeklärt. Am Mittwoch [14.12.2005] hatte das Bundessortenamt in Hannover erstmals in Deutschland 3 genveränderte Sorten Mais der Firmen Monsanto und Pioneer zum Anbau in der Landwirtschaft zugelassen. Die Behörde ist Seehofer unterstellt. [mehr]
Förderung von Biokraftstoffen
Eine klare Position bezog Seehofer zu der in der Koalition umstrittenen Förderung von Biokraftstoffen. "Wir müssen aufpassen, dass Biokraftstoffe interessant bleiben", sagte er. Ganz ohne das Zutun des Staates seien diese noch nicht wettbewerbsfähig. Während die Finanzpolitiker von Union und SPD etwa Biodiesel mit Mineralölsteuer belegen wollen, lehnen die Agrarpolitiker dies ab. In der Koalitionsvereinbarung hatten sich Union und SPD darauf verständigt, die geltende Mineralölsteuerbefreiung durch einen Beimischzwang zu ersetzen.Seehofer sagte, über die zukünftige Förderung sei er im Gespräch mit Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Auf die Frage, ob er eine volle Besteuerung von Biodiesel verhindern wolle, antwortete Seehofer: "Das werden wir in der Koalition noch im Detail bereden. Manchmal erreicht man in der Sache mehr, wenn man nicht zum falschen Zeitpunkt darüber redet." [mehr]
L A N D W I R T S C H A F TSeehofer: Konventionelle Bauern genauso wichtig wie Ökobauern
Verbraucherminister Seehofer will Gentechnik fördern und Biolandprodukte nicht länger den konventionellen Agrarerzeugnissen vorziehen.
Aus: Berliner Morgenpost, 16. Dezember 2005, 18.05 Uhr MEZ (Aktuell). [Original]BERLIN (morgenpost.de). Zwischen den Koalitionspartnern Union und SPD bahnen sich erhebliche Auseinandersetzungen über die künftige Verbraucher- und Agrarpolitik an. Die SPD wies die Ankündigungen von CSU-Ernährungsminister Horst Seehofer zurück, die Gentechnik zu "befördern" und eine Bevorzugung von Biolandprodukten vor konventionellen Agrarerzeugnissen zu beenden. SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber warnte die Union in einem dpa-Gespräch vor einseitigen Änderungen am Koalitionsvertrag. "Für uns ist ein Gesetzentwurf (zur Gentechnik) nur verhandelbar, wenn er auf der Grundlage des Koalitionsvertrages [Zeilen 28543063] steht." Auch die Grünen kritisierten Seehofer wegen erneuter Kritik an Amtsvorgängerin Renate Künast (Grüne).
Beim Verbraucher-Informationsgesetz (VIG) steht ebenfalls heftiger Streit über den Umfang der Bürgerrechte bevor. Ein Vorentwurf Seehofers "zur Verbesserung der Verbraucherinformation" bezieht sich nach Angaben aus Regierungskreisen unter dem Eindruck des seit Monaten tobenden Fleischskandals fast ausschließlich auf Lebens- und Futtermittel. Danach sollen von den Ländern benannte Behörden Auskünfte über Produktinhalte und Gesundheitsrisiken geben. Der Informationsanspruch kann jedoch teilweise unter Hinweis auf Betriebsgeheimnisse versagt werden.
Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn kritisierte, Seehofer verstehe unter Verbraucherschutz offenbar "den Schutz der Wirtschaft vor dem Verbraucher". Bei der Gentechnik entpuppe sich Seehofer "als Vertreter der alten Bauernlobby und internationalen Saatgutkonzerne in der Bundesregierung".
Seehofer hatte in der Berliner Zeitung seiner Amtsvorgängerin vorgehalten, sie habe den Eindruck eines Gegensatzes zwischen Landwirtschaft und Verbraucherschutz erweckt. "Guter Verbraucherschutz geht nur mit der Agrarwirtschaft und nicht gegen sie", erklärte er. Zugleich kündigte er an, die von Künast bevorzugte Behandlung des Biolandbaus zu beenden. "Für mich sind konventionelle Bauern genauso wichtig wie Öko-Bauern." Auch wolle er die grüne "Gentechnik befördern". Veränderte Pflanzen würden weltweit immer stärker angewendet. "Das muß auch in Deutschland möglich sein."
Die SPD sieht darin den Versuch, die Gentechnik auch ungesichert anzuwenden. Es gebe überhaupt keinen Grund, hier etwas aufzuweichen, sagte Kelber. "Das ‚Befördern‘ der Gentechnik ist nicht auf der Grundlage des Koalitionsvertrages [Zeilen 28543063]." Noch immer wollten 90 % der Bevölkerung keine gentechnisch veränderten Lebensmittel haben. Die Verbraucher verlangten nach klaren Kennzeichnungen und "Regeln, daß es keine Vermischung ihrer Lebensmittel mit gentechnisch erzeugten Pflanzen gibt". Dies sei sicher zu stellen.
Im Koalitionsvertrag heißt es: "Die Regelungen sollen so ausgestaltet werden, daß sie Forschung und Anwendung in Deutschland befördern. Dazu ist es unverzichtbar, gesetzliche Definitionen (insbesondere Freisetzung, in Verkehr bringen) zu präzisieren."
Kelber warnte davor, die Schwellenwerte für gentechnische Verunreinigungen zu lockern. Dem Koalitionsvertrag entspreche es jedoch, nach Lösungen für die Haftungsfragen zu suchen. Hier komme statt der gesamtschuldnerischen Haftung mehrerer Landwirte für gentechnische Verunreinigungen nach dem bisherigen Gesetz eher ein Haftungsfonds in Frage. Der aber sei weder von den Steuerzahlern noch von den Nicht-Gentechnik-Produzenten zu finanzieren, sondern von denen, die gentechnisches Saatgut erzeugen und einsetzen.
Die SPD bestritt auch, daß die Biobauern unter dem Strich bevorzugt würden. "Wir stehen zur Agrarpolitik, die wir in den letzten sieben Jahren betrieben haben", erklärte Kelber. Beim Verbraucher-Informationsgesetz verlangen nicht nur die Grünen, sondern auch die SPD, die Auskunftspflichten zum Ermessen von Risiken nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch andere Produkte anzuwenden. Auch die Unternehmen müßten auskunftspflichtig sein. Übereinstimmung mit Seehofer sieht die SPD bei der Förderung von Biokraftstoffen. [mehr]
Wildwuchs im Hinterhof
Amerikanische Saatgutfirmen [Ed: wie Pioneer (DuPont) und Monsanto] missbrauchen Rumänien als Versuchslabor und Umschlagplatz für ihre Gen- und Hybridprodukte. Von dort aus soll die ganze EU erobert werden.
Hinweis auf: Der Spiegel 52/2005, 24. Dezember 2005, Seite 8486 (Wirtschaft). [Original suchen]
V O R D E R G R Ü N E N W O C H E 2 0 0 6Bahn frei für Gen-Food
Union will auch bei uns grüne Gentechnik zulassen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 8. Januar 2006, Seite ?? (Wirtschaft). [Original]BERLIN (ce/hej). Die meisten Verbraucher sind skeptisch: Rund 70 % der Konsumenten lehnen gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. Nestlé blieb deshalb vor einigen Jahren in Deutschland auf seinem Gentec-Schokoriegel [Ed: Butterfinger] sitzen, der in den USA ein Verkaufsschlager war.
Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) will nun die Skepsis der Deutschen dämpfen und grüne Gentechnik stärker fördern als seine Amtsvorgängerin Renate Künast (Grüne). Wenn diese Technik weltweit immer stärker angewendet werde, müsse dies auch in Deutschland möglich sein, meint Seehofer [Ed: aber angesichts der ganz aktuellen Erkenntnisse australischer Forscher ist Seehofers Lobby-gesteuertes Vorgehen unsinnig und verantwortungslos]. "Bislang haben die strikten Haftungsregeln den Landwirten den Anbau fast unmöglich gemacht", sagt er.
Für den Koalitionspartner SPD klingen diese Töne wie eine Drohung. Die Sozialdemokraten hätten am liebsten an den strengen Regeln festgehalten, die noch von der rot-grünen Vorgängerregierung Anfang letzten Jahres verabschiedet wurden. Doch bei den Koalitionsverhandlungen musste die SPD Zugeständnisse machen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich für einen offensiveren Einsatz der Technologie stark gemacht. Die Formulierungen im Koalitionsvertrag [Ed: Zeilen 30463063] sind allerdings vage: Dort heißt es, die Novelle des Gentechnikgesetzes solle so ausgestaltet werden, "dass sie Forschung und Anwendung in Deutschland befördert".
Strittig ist vor allem, wer in Zukunft bei Schäden haften soll, wenn normale Pollen mit gentechnisch veränderten vermischt werden. SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber wehrt sich gegen umfassende Änderungen am Gentechnikgesetz: "Wer genveränderte Pflanzen anbauen will, muss auch das Risiko übernehmen."
Seehofer strebt einen Fonds an, aus dem Schäden bezahlt werden sollen. Wie der ausgestaltet wird, ist noch unklar. "Es darf kein einziger Cent aus Steuergeldern in den Haftungsfonds fließen. Die Finanzierung darf auch nicht von den Bauern oder Saatgutherstellern stammen, die nicht mit gentechnisch veränderten Pflanzen arbeiten", fordert Kelber. Grünen- Fraktionsvize Reinhard Loske fordert, das Gentechnikgesetz nicht aufzuweichen. In der grünen Gentechnik müsse es strenge Haftungsregeln geben. "Wer genveränderte Organismen anbauen will, muss auch das Risiko tragen", sagt Loske.
Der Grünen-Politiker mahnt außerdem, bei der Zulassung von Genprodukten vorsichtig zu sein. Im Dezember ließ das dem Verbraucherministerium unterstellte Bundessortenamt erstmals drei gentechnisch veränderte Maissorten für den deutschen Markt zu, die als besonders schädlingsresistent gelten. Künast hatte sich widersetzt, weil sie Angst vor unerwünschten Auskreuzungen hatte. Verbraucherschützer teilen diese Sorge. "Das Verursacherprinzip darf nicht aufgeweicht werden", fordert Food-Watch-Chef Thilo Bode, "man darf eine neue riskante Technologie nicht auf Kosten bestehender Technologien einführen."
V O R D E R G R Ü N E N W O C H E 2 0 0 6Es ist angerichtet Wie gut sind deutsche Lebensmittel?
Nach dem Gammelfleischskandal muss der neue Agrar- und Verbraucherminister Seehofer Farbe bekennen und Kritik einstecken.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 8. Janaur 2006, Seite xx (Wirtschaft). [Original]BERLIN (Tsp). Kälbchen streicheln, Häppchen essen Landwirtschaftsminister haben auf der Grünen Woche traditionell viel zu tun. Für den neuen Agrar- und Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) geht es jedoch um mehr: Nach den jüngsten Skandalen um Gammelfleisch muss der CSU-Politiker besorgten Verbrauchern das Vertrauen in deutsche Lebensmittel zurückgeben. Und auch die Ökobauern muss Seehofer besänftigen. Die hatte der Minister verprellt, indem er sich klar für die konventionelle Landwirtschaft und für den Einsatz grüner Gentechnik ausgesprochen hatte. Keine Frage: Wenn am Freitag [13.1.2006] die Grüne Woche offiziell beginnt und Berlin für 10 Tage zum Mekka der Landwirtschaft wird, wird der Minister im Mittelpunkt stehen.
Seehofers Zehn-Punkte-Plan
Aus: Der Tagesspiegel, 8.1.2006. ERSTE HILFE
Als im November Lebensmittelkontrolleure in großen Mengen verdorbenes Fleisch entdeckt hatten, beschloss der neue Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Horst Seehofer, ein Zehn-Punkte- Sofort-Programm als Konsequenz aus dem Fleischskandal.
Danach möchte Seehofer den Informationsfluss zwischen den Behörden sowie zwischen den EU-Ländern verbessern. Diesem Zweck soll ein neues EDV-System dienen. Zudem will sich der Minister auf europäischer Ebene dafür einsetzen, dass die Meldepflichten auf Lebensmittelfirmen ausgedehnt werden, denen verdorbene Ware angeboten wird. Auch will der Minister die Rückverfolgbarkeit der Waren verbessern und Sanktionen besser durchsetzen. Um die Strafverfolgung zu verbessern, sollen Schwerpunkt- Ermittlungsbehörden in den Ländern gebildet werden. Zudem appelliert Seehofer an die Länder, ihre Lebensmittelkontrollen zu verbessern und das Personal aufzustocken.
WEITERE PLÄNE
Neben dem Zehn-Punkte-Plan setzt Seehofer noch auf weitere Projekte. So soll noch im Januar der Entwurf für ein Verbraucherinformationsgesetz vorgestellt werden, das dann die Fraktionen in den Bundestag einbringen wollen. Darin ist geplant, dass Bundes-, Landes- und kommunale Behörden Verbrauchern Auskunft über Gefahren, Risiken, Herkunft und Beschaffenheit von Lebens- und Futtermitteln geben müssen. Zudem will der Minister gegen Niedrigstpreise vorgehen und verbieten, dass Lebensmittel unter Einkaufspreis verkauft werden.
Auch schärfere Sanktionen sind geplant. Zudem sollen Schlachtabfälle, die nicht zum menschlichen Verzehr bestimmt sind, besser gekennzeichnet werden, damit sie nicht zu Lebensmitteln umdeklariert werden können. Zudem will der Agrarminister seine Kollegen davon überzeugen, ein nationales Schnellwarnsystem zwischen Bund und Ländern einzuführen, in dem über Verstöße gegen das Lebensmittel- und Futterrecht schnell informiert wird.Eines räumen selbst Kritiker ein: Im Kampf gegen verdorbenes Fleisch und umetikettierte Wurst hat der Neue im Amt schnell reagiert. Seehofer erstellte einen Zehn-Punkte-Plan (siehe Kasten) und kündigte eine Neufassung des Verbraucherinformationsgesetzes an. Doch beides geht nicht weit genug, sagen Verbraucherschützer. Und auch der Koalitionspartner SPD übt Kritik. Der 10-Punkte-Plan ist Makulatur, kritisiert der Chef der Verbraucherschutzorganisation Food- Watch, Thilo Bode. Der Aktionsplan gehe über bestehende Gesetze nicht hinaus. Eine schwache Leistung, meint Bode. Auch das von Seehofer angekündigte Verbraucherinformationsgesetz, das Kunden mehr Informationen über Inhaltsstoffe, Herkunft und Beschaffenheit von Lebensmitteln geben soll, habe Mängel. Hauptproblem: Bei laufenden Verfahren soll es keine Informationspflicht geben. Konsequenz: Der Verbraucher erfährt erst, was drin war, wenn er das Essen bereits verzehrt hat, sagte Bode dem Tagesspiegel am Sonntag.
Auch die SPD ist mit Seehofers Vorschlag nicht einverstanden. Der Gammelfleischskandal hat gezeigt, dass mehr Informationsrechte für die Verbraucher notwendig sind, sagte SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber dem Tagesspiegel am Sonntag. Es müsse in Zukunft möglich sein, auch vorbeugend zu handeln, damit sich solche Skandale vermeiden ließen.
Strittig ist, wer in Zukunft Auskunft geben muss nur Behörden oder auch Unternehmen? Kelber fordert, auch Unternehmen einzubeziehen. Da muss sich die Union noch bewegen, sagt er. Das sehen auch die Verbraucherzentralen so: Die Informationspflicht darf sich nicht auf Behörden beschränken, meint Angelika Michel-Drees vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Außerdem solle sich das Verbraucherinformationsgesetz nicht nur auf Lebensmittel konzentrieren, sondern auch Spielzeug oder Haushaltsgeräte einbeziehen.
Auch die Grünen fordern eine Nachbesserung. Wenn es schwarze Schafe gibt, muss man auch Ross und Reiter benennen, meint Fraktionsvize Reinhard Loske. Das abgespeckte Gesetz schützt die Industrie stärker als die Verbraucher, kritisiert Loske.
Die stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgruppe Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz der CDU/CSU-Fraktion, Ursula Heinen, ist jedoch zuversichtlich, dass das Verbraucherinformationsgesetz noch im Januar auf den Weg gebracht wird. Das Gesetz wird zügig beschlossen werden, das sind wir den Verbrauchern schuldig, sagte Heinen dem Tagesspiegel am Sonntag. Sie sehe keinen unlösbaren Konflikt mit der SPD.
Für die Forderung der SPD, die Informationspflichten auch für Unternehmen geltend zu machen, sieht Heinen allerdings keine Chance: Das kriegen wir so nicht hin. Neben dem Schutz von Betriebsgeheimnissen liege das vor allem an den wettbewerblichen Nachteilen, die kleineren Unternehmen durch eine solche Regelung drohen, meint Heinen. Trotzdem sollte mit der Wirtschaft noch einmal darüber gesprochen werden. Bei der Auskunftspflicht während laufender Verfahren will die Union der SPD dagegen entgegenkommen: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir das wesentlich offener gestalten werden, sagte Heinen. Mögliche juristische Wege würden derzeit geprüft.
Wenig Hoffnung scheint es jedoch für Seehofers Forderung nach einem Ausbau der staatlichen Lebensmittelkontrolle zu geben. Hier bahnt sich zwischen Bund und Ländern neuer Streit an. Der Minister hatte die Ländern aufgefordert, neue Kontrolleure einzustellen. Eine Umfrage des Tagesspiegels hat jedoch ergeben, dass nur die Kontrollbehörde in Baden-Württemberg wegen des Fleischskandals bis zu 76 neue Mitarbeiter beschäftigen will. Alle anderen Bundesländer bauen ihren Bestand nicht aus.
Verbraucherpolitikerin Heinen sieht die Länder in der Pflicht. Die Länder sparen gerne an der Lebensmittelkontrolle, das ist ein Riesenproblem, kritisiert Heinen. Es müssten nicht nur neue Leute eingestellt werden, die Kontrolle müsse auch effizienter gestaltet werden. Haltbarkeitsdaten von Joghurt müssen nicht unbedingt von einem ausgebildeten Lebensmittelkontrolleur gecheckt werden, sagt Heinen. Sie schlägt vor, dass Unternehmen schon während der Herstellung ihrer Produkte die Daten regelmäßig an die Lebensmittelkontrollbehörde weiterleiten. Am Donnerstag [12.1.2006] soll es ein Bund-Länder-Treffen geben, bei dem über die Lebensmittelkontrolle gesprochen werden soll. Seehofer nimmt nicht teil. Er hat anderes zu tun: Der Minister hält dann auf der Grünen Woche die Eröffnungsrede.
Jedes Fleisch muss in Ordnung sein
Bauernpräsident: Billigware ist schlechter
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 8. Januar 2006, Seite ?? (Wirtschaft). Das Gespräch führte FLORA WISDORFF. [Original]Gerd Sonnleitner (57) ist seit 1997 Präsident des Deutschen Bauernverbands. Sonnleitner ist selber Landwirt und betreibt einen Hof in Bayern.
DER TAGESSPIEGEL: Herr Sonnleitner, können die Verbraucher sicher sein, dass sie von den Bauern gesunde Lebensmittel bekommen?
Sonnleitner: Ja. Bei allen Skandalen in den vergangenen Jahren lagen die Ursachen nicht bei uns Bauern. Meistens gab es im vor- oder nachgelagerten Bereich der Lebensmittelkette Probleme. Beim letzten Fleischskandal hatte keiner mehr nach dem Schlachthof kontrolliert, was gehandelt oder gar manipuliert wurde. Das war ein Versagen der Politik. Der neue Bundesminister Horst Seehofer hat gemerkt, dass man diese Löcher in der Kontrolle schließen muss. Sein Zehn-Punkte-Plan und das Verbraucherinformationsgesetz müssen jetzt schnell umgesetzt werden, damit die Verbraucher wieder Vertrauen gewinnen.
DER TAGESSPIEGEL: Aber ein Steak vom Rind aus Massentierhaltung bedeutet doch ein größeres Gesundheitsrisiko als das von Tieren, die draußen auf der Weide gelebt haben?
Sonnleitner: Heute muss absolut jedes im Handel angebotene Fleisch gesundheitlich in Ordnung sein. Als ich Kind war, war der Schweinebraten für mich das Schlimmste, er war oft fettig und schmierig. Heute schmeckt er viel besser als früher [Ed: oh je, er hat ja keine Ahnung von Geschmacksqualitäten...]. Damals sind die Schweine nicht ausgewogen gefüttert worden. Heute hat man ein Schwein gezüchtet, das relativ wenig Fett hat und zartes Fleisch [Ed: das sogenannte PSE-Schwein (nach EU-Norm?)]. Die Tiere werden bedarfsgerecht gefüttert und in klimatisierten Ställen gehalten. Dadurch ist die Schlachtqualität viel besser als früher [Ed: aber nicht die Geschmacksqualität, was jeder Spitzenkoch bestätigen wird BIO-Fleisch schmeckt eindeutig besser].
DER TAGESSPIEGEL: Vielen Verbrauchern ist Biofleisch aber lieber...
Sonnleitner: Auch ich habe Sympathien für die ökologische Landwirtschaft. Es gibt aber auch Biobauern mit großen Herden. Grundsätzlich will die Ökolandwirtschaft besonders tierschonend und sehr umweltfreundlich wirtschaften. Viele Verbraucher meinen, dass Bioprodukte besser schmecken und eine bessere Qualität haben. Andere dagegen, besonders Wissenschaftler, zeigen auf, dass objektiv bisher nicht nachgewiesen wurde, dass die Produkte gesünder sind.
DER TAGESSPIEGEL: Wenn jemand Billigware kauft, kauft er damit automatisch schlechtere Qualität?
Sonnleitner: Ja, hier gibt es ein deutsches Problem. Bei uns wird hauptsächlich über den Preis verkauft und weniger über die Qualität. Dabei haben Tier- und Umweltschutz, Spitzenqualität und Sicherheit ihren Preis. Ich bin froh, dass die neue Bundesregierung auch den kurzfristigen Verkauf unter Einstandspreis jetzt verbieten will. Der Druck, etwas Kriminelles zu machen, ist mit einer Geiz-ist-geil-Mentalität einfach größer.
DER TAGESSPIEGEL: Was wünschen Sie sich von dem neuen Agrarminister Seehofer?
Sonnleitner: Vor allem, dass mehr beachtet wird, dass wir in einem knallharten Wettbewerb stehen. Es kann nicht sein, dass die deutsche Regierung beim Ausarbeiten der EU-Regeln in Brüssel kaum Einfluss ausübt und anschließend die nationalen Standards im EU-Vergleich höher ansetzt. Dann werden viele Produkte nicht mehr hier, sondern im Ausland produziert, wo Tier- und Umweltschutzstandards niedriger sind. Dies trifft noch stärker im weltweiten Vergleich zu. Die Eierproduktion wird derzeit etwa in die Ukraine verlegt, weil es dort keine Legehennenverordnung mit einem Verbot der Käfighaltung gibt, wie es bei uns am 1. Januar 2007 in Kraft tritt.
DER TAGESSPIEGEL: Langfristig werden die Subventionen für die europäischen Bauern auslaufen, viele Lebensmittel werden importiert werden. Wie sieht der EU-Bauer der Zukunft aus?
Sonnleitner: Viele Bauern entwickeln sich zu Energielieferanten, weil die Nachfrage nach alternativen Energien weiter steigen wird nach Treibstoffen aus Rapsöl oder Bioethanol oder nach Biomasse oder Biogas. Da wachsen wir in einen sehr guten Markt hinein. Und als weltweit führender Exporteur von Agrargütern sind unsere Lebensmittel wegen ihrer Qualität sehr geschätzt, besonders nach Osteuropa und Asien werden wir mehr Käse, Fleisch und Wurstwaren exportieren.
Zoll stoppt Laster mit 4,6 Tonnen "Gammelfleisch"
[Ed: wenn's schon die deutsche Lebensmittel-Kontrolle nicht schafft, ist es gut zu wissen, daß wenigstens unser Zoll (nun) aufpaßt...]
Aus: Berliner Morgenpost, 11. Janaur 2006, Seite ?? (Berlin). [Original]HEILIGENHAFEN. Zollbeamte haben auf der "Vogelfluglinie" nach Dänemark bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein) einen Kühltransporter mit 4,6 Tonnen verdorbenem Dönerfleisch gestoppt. Die Kühlaggregate des Lkw hätten nicht funktioniert, so daß das Fleisch bereits angetaut gewesen sei, teilte der Zoll gestern mit. Außerdem habe die Berliner Speditionsfirma keine EU-Transportgenehmigung gehabt. Das "Gammelfleisch" wurde vernichtet. Die Dönerspieße sollten von Berlin nach Schweden gebracht werden. Der Fahrer gab zu, schon zu Beginn der Fahrt von dem Defekt gewußt zu haben.
L A N D W I R T S C H A F TWarnung vor Ostseehering und Paprikaschoten
Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit hat in einem Produkttest viele Giftstoffe gefunden.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 12. Januar 2006, Seite xx (Wirtschaft). [Original]BERLIN (Tsp). Der Präsident des Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, gab sich kurz vor Beginn der Grünen Woche in Berlin optimistisch: "Es ist uns gelungen, das Verbrauchervertrauen zurückzuholen", sagte er am Mittwoch [11.1.2006]. In diesem Jahr steht die Ernährungsmesse vor allem unter einem Zeichen: Die Lebensmittelsicherheit. Nach dem Gammelfleisch-Skandal und der Angst vor der Vogelgrippe fragen sich die Verbraucher zunehmend, wie gesund und sicher das Essen in Deutschland ist.
Die Unsicherheit der Verbraucher ist offenbar berechtigt, denn viele Obst- und Gemüsesorten sowie Fischarten enthalten Giftstoffe. Das hat eine Studie des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ergeben, die am Mittwoch in Berlin präsentiert wurde. Getestet wurde ein ganzer Korb von Produkten. Auf der Giftliste der Tester standen Pflanzenschutzmittel- Rückstände, Schwermetalle, Nitrat, Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen und andere organische Kontaminante.
Besonders schlecht schnitten Barsche und Lachse aus Südostasien ab. "Wegen der hohen Quecksilberkontamination sollte man den Verzehr vor allem größerer und älterer Fische einschränken", sagte Rainer Binner, Mitverfasser der Studie. Auch im Hering wurden Giftstoffe gefunden, vor allem bei Ostseehering konnten die Tester fast immer Duft- und Farbstoffe nachweisen. Letztere stammen von Farbanstrichen der Fangschiffe. Auch viele Obst- und Gemüsesorten fielen bei den Verbraucherschützern durch. So wiesen 83 % der getesteten Gemüsepaprikaschoten Rückstände aus Pflanzenschutzmitteln auf, bei 37 % lag der Gehalt sogar über den gesetzlich zugelassenen Höchstmengen. Dazu zählten vor allem Paprika aus der Türkei und aus Spanien. Kopfsalate und Rucola hatten meist einen zu hohen Nitratgehalt: Bei Kopfsalaten lagen 25 % der Proben über den Höchstwerten, bei Rucola waren es sogar 100 %. Bei allen Salatarten fanden die Tester Anteile mit Rückständen von Pflanzenschutzmitteln. Gleiches gilt auch für Erdbeeren und Äpfel.
Angesichts der Studienergebnisse forderte Binner den Lebensmittelhandel auf, schon vor der Ernte und vor dem Verkauf die Produkte auf Giftstoffe zu kontrollieren. Zudem rät er Verbrauchern zum Kauf von Bioware. Für Tests wurden konventionelle Produkte benutzt. Der Ökomarkt scheint jedenfalls von der Verunsicherung der deutschen Verbraucher schon 2005 profitiert zu haben. Er hat sich nach Berechnung der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) im vergangenen Jahr um mehr als 10 % auf 4 Milliarden Euro vergrößert.
Eine gute Nachricht beinhaltete die Studie des Bundesamtes für Verbraucherschutz dann doch noch: Ausgerechnet an den Lebensmitteln, die viele für weniger gesund halten, gab es nichts zu beanstanden. In Brühwürsten egal ob Bockwurst, Wiener, Bratwurst oder Bierschinken wurden keine Giftstoffe entdeckt. Auch Brot und Pizza schnitten bei dem Test gut ab. [Ergebnisse des Lebensmittel-Monitoring 2004]
A K T I O N G E G E N G E N - F O O DSeehofer will keine Trendwende
Landwirtschaftsminister Horst Seehofer hat sich gegen Vorwürfe gewandt, er betreibe eine Trendwende in der Agrarpolitik. "Wir machen keinen Feldzug gegen den Ökolandbau", sagte er heute kurz vor Beginn der Internationalen Grünen Woche in Berlin.
Aus: Spiegel Online 12. Januar 2006, 17.44 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN. "Wir respektieren beides, wir unterstützen beides", sagte Seehofer. Die Bundesregierung strebe eine "vernünftige Partnerschaft" zwischen Biobauern und konventionellen Betrieben an.
Er kündigte einen Sparkurs für beide Bereiche an. "Wenn wir insgesamt sparen müssen, versuchen wir, die Lasten gerecht aufzuteilen." In diesem Jahr müssten in seinem Etat 200 Millionen Euro eingespart werden von insgesamt rund 5 Milliarden [Ed: also 4 %].
Seehofer wollte sich nicht dazu äußern, welche Bereiche der Landwirtschaft betroffen sein werden. Er könne sich jedoch nicht vorstellen, dass bei den Direktzahlungen an die Landwirte der Rotstift angesetzt werde.
Kurz nach seiner Amtsübernahme hatte Seehofer für Wirbel gesorgt. Damals hatte er zum Ziel seiner Vorgängerin Renate Künast von den Grünen, bis 2010 insgesamt 10 % Biolandbau zu erreichen, erklärt: "Von dieser Planwirtschaft müssen wir uns verabschieden." Die Bauern müssten selbst entscheiden, ob sie Biolandwirtschaft oder konventionellen Anbau betreiben wollten.
Seehofer äußerte Unverständnis an der Kritik der Umweltverbände zu den Überlegungen, die Haftungsregelungen bei der grünen Gentechnik zu ändern. "Wir werden nichts tun, was den Schutz von Umwelt und Menschen beeinträchtigt", sagte der CSU-Politiker. Er sprach sich dafür aus, gentechnisch geänderte Produkte zu kennzeichnen.
Deutschland werde EU-Richtlinien wie die zur Freisetzung genmanipulierter Saaten künftig nur noch eins zu eins umsetzen und nicht strengere Vorgaben machen, sagte der Minister. Das gelte auch im Tierschutz.
Einen kräftigen Aufschwung für die Landwirte erhoffe er sich durch die Produktion von Biomasse und Bioenergie, sagte Seehofer. Er werde diesen Bereich, in dem es mehr Dynamik gebe als bei der Gentechnik, massiv fördern.
Wahlfreiheit statt gentechnologische Zwangsbeglückung
Mitteilung der unabhängigen Verbraucherorganisation Foodwatch
Aus: foodwatch-Newsletter, Berlin, 17. Januar 2006, 14.10 Uhr MEZ (News). [Original]BERLIN. Nach Gammelfleisch und Vogelgrippe könnte Gentechnik sich zum bestimmenden Thema der nächsten Monate entwickeln. Denn Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer hat angekündigt, das Gentechnik- Gesetz nach den Wünschen der Gentech- Industrie auszugestalten. Das heißt: Aufweichung der Haftungskriterien für Gentechnik- Anbauer und dadurch Gefährdung der gentechnikfreien Landwirtschaft.
Viele Landwirte, aber auch zum Beispiel die Stadt München und kirchliche Einrichtungen, haben inzwischen Gentechnikfreie Regionen gegründet oder ihren Verzicht auf den Anbau von Gentechnik- Pflanzen erklärt. Babykost- Hersteller Hipp hat zu Beginn der Grünen Woche angedroht, seine Produktion ins Ausland zu verlagern, falls auf deutschen Äckern zu viel Gentechnik blühen sollte.
Schreiben Sie Horst Seehofer foodwatch unterstützt die Brief-Aktion des virtuellen Demokratie- Portals Campact für Wahlfreiheit bei Gentech- Lebensmitteln!
Noch ist nicht entschieden, ob Minister Seehofer mit seinen Vorschlägen die Wahlfreiheit der Bürger, egal ob Bauern oder Verbraucher, in Sachen Gen-Essen aushöhlt. In Europa haben 70 % und in Deutschland, laut dem Meinungsforschungsinstitut Forsa, rund 80 % der Befragten Vorbehalte beziehungsweise lehnen Gentechnik auf dem Acker und im Essen ab.
Führende Politiker der Regierungsfraktionen stehen der Agro-Gentechnik skeptisch gegenüber. Noch sind die Verhandlungen zwischen den Ministerien nicht abgeschlossen.
Weitere Informationen zur Campact-Aktion, die Aktion selbst und Weiterempfehlungsmöglichkeiten unter:
http://www.stoppt-seehofer.de/gentec/home
Der Käse meldet sich an der Supermarktkasse
Handel setzt auf Funketiketten / Tagung in Berlin
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 19. Januar 2006, Seite xx (Wirtschaft). [Original]BERLIN (Tsp). Eine Kundin schiebt einen voll beladenen Einkaufswagen zum Ausgang, ohne an der Kasse zu stoppen. Was wie ein dreister Diebstahl aussieht, könnte das Einkaufen der Zukunft sein. Die RFID-Technik (Radiofrequenz- Identifikation) soll es möglich machen: Jedes Produkt wird mit einem Chip ausgestattet. Die im Chip gespeicherten Warendaten, zum Beispiel der Preis, das Haltbarkeitsdatum, der Herstellungsort und vieles mehr, werden per Funkwellen an ein Lesegerät übertragen. Bezahlt wird ebenfalls automatisch, der Betrag wird vom Kundenkonto abgebucht.
Noch steht die RFID-Technologie am Anfang und bis vollautomatische Einkaufsvisionen Wirklichkeit werden, dauert es wohl noch 5 bis 10 Jahre.
Bei der Erforschung und Entwicklung nimmt Deutschland eine führende Position ein. Bundesweit gibt es rund 60 Unternehmen, die vor allem im Rahmen von Pilotprojekten die neue Technologie einsetzen. Dazu zählen neben Metro auch SAP, Henkel, IBM oder Siemens. Bei der CeBIT 2006 werden die Chips einen Schwerpunkt bilden. Am heutigen Donnerstag diskutieren Unternehmen und RFID-Experten in Berlin über die Chancen der Technologie.
Getestet wird schon jetzt, beispielsweise im "Future Store" der Supermarktkette Extra, die zum Handelskonzern Metro gehört. Hier im nordrhein-westfälischen Rheinberg tragen Philadelphia- Käse und Gilette-Mach-3-Rasierklingen einen RFID-Chip. "Es sind nur wenige Produkte mit einem Chip ausgestattet, um unterschiedliche Funktionen zu testen", sagt Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß. So gibt der Chip am Frischkäse dem Personal ein Signal, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
"Bis jetzt ist es eher die Ausnahme, dass Verbraucher im Handel mit einem RFID-Chip in Berührung kommen", sagt Andrea Huber vom Informationszentrum RFID. Ein RFID-Chip ist kleiner als 0,5 Quadratmillimeter und kann auf jeder Transport- und Produktverpackung angebracht werden. Die Daten können aus einer Distanz von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern gelesen werden.
Bislang werden die RFID-Chips vor allem in der Logistik und Lagerwirtschaft eingesetzt. So auch bei der Metro. "In der Logistik versehen wir Paletten mit den Chips, um zum Beispiel den Weg der Ware zurückverfolgen zu können", sagt von Truchseß. "In diesem Jahr werden wir einen Schritt weitergehen und einzelne Kartons mit den Chips versehen."
Aber nicht nur im Handel wird die RFID-Technik genutzt. "In Skipässen und Mitgliedskarten von Fitness- und Wellnessclubs kommen sie auch zum Einsatz", sagt RFID-Expertin Huber. Und beim Berlin-Marathon hat jeder Läufer einen solchen Chip am Schuh, der dann Start- und Zielzeit erfasst.
Allerdings sind die RFID-Chips noch zu teuer. "Die Stückkosten liegen momentan bei 30 bis 50 Cent", sagt Huber. "Ein flächendeckender Einsatz wird erst ab einem Stückpreis von einem Cent interessant." Zudem gibt es noch ungelöste technische Probleme. So ist das Lesen vieler Chips auf einem Haufen noch zu ungenau. und Chips, die auf Metall angebracht sind, machen Schwierigkeiten.
Dennoch glaubt Huber, dass sich die RFID-Chips durchsetzen werden, weil sie möglich machen, dass Gegenstände miteinander kommunizieren. "Das Internet der Dinge", nennt sie das. So wird zum Beispiel der heimische Medikamentenschrank Informationen von den mit einem Chip ausgestatteten Schachteln und Flaschen lesen und anzeigen, wenn Medikamente unverträglich sind.
Doch so vielfältig die Einsatzmöglichkeiten der RFID-Chips sein werden, so gefährlich sind sie aus Sicht der Datenschützer. Die Technologie lässt den Verbraucher leicht zum gläsernen Kunden werden, der unbemerkt vieles von sich preisgibt, bis zur Farbe seiner Socken, wo er sie gekauft und was er dafür bezahlt hat. "Gefahr entsteht, wenn unbemerkt und dauerhaft ein Bezug zwischen Kunden und gekauften Waren hergestellt wird", sagt der Berliner Datenschützer Hanns-Wilhelm Heibey.
Was macht der Frosch im Körnermais?
Kunde entdeckt toten Lurch in einer Dose / Plus entschuldigt sich / Lebensmittelaufsicht will ermitteln
Aus: Berliner Morgenpost, 20. Januar 2006, Seite xx (Berlin). [Original]BERLIN (BM). Radowan P. ernährt sich gesund. Der junge Mann liebt Fitneß-Kost, vor allem Salate. Die Krönung seiner Vitamin-Kreationen sind immer einige Körner Mais aus der Dose. Lecker, und im Plus-Supermarkt an der Tempelhofer Manteuffelstraße gab es die 340-Gramm-Dose für 39 Cent, randvoll gefüllt mit leckerem Mais, dachte zumindest Radowan P.
In seiner Wohnung in der Neuköllner Hertzbergstraße wollte der junge Mann endlich an den begehrten Inhalt, öffnete schwungvoll mit dem Dosenöffner das blecherne Behältnis und staunte nicht schlecht. Mitten im gelben Meer der Maiskörner lag etwas Undefinierbares, ein schwarzes, fünf Zentimeter großes Teil, das dort nicht hingehörte, nicht auf der Dose stand und deshalb auch nicht drin sein sollte. Ein Blatt, rätselte Radowan. Doch bei näherer Betrachtung des Fremdkörpers stellte sich heraus, daß der Körnermais unfreiwillig mit einem Frosch, vermutlich einem Laubfrosch, "garniert" war.
Seitdem beschäftigt Radowan, das bezirkliche Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt sowie die Supermarktbetreiber die Frage, wie der Frosch in die Dose gehüpft ist. "Der Bezirksverkaufsleiter hat sich sofort bei Herrn P. entschuldigt", sagt Plus-Pressesprecherin Melanie Prüsch. Von Plus wurde gestern in Berlin umgehend Maisdosen derselben Charge einer Sonderprüfung unterzogen. "Ohne Beanstandungen", versichert Frau Prüsch. Zudem unterläge der Lieferant ständig zertifizierten Qualitätskontrollen.
Doch damit will sich Radowan P. nicht zufriedengeben. Gleich heute früh will er mit seinem außergewöhnlichen Fundstück zum Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt in Tempelhof-Schöneberg gehen, um dort den Mais-Frosch untersuchen zu lassen. "Wir werden den gesamten Vorgang genauestens protokollieren und dann die Dose mit dem gesamten Inhalt zu mikrobiologischen Untersuchung ins Institut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen schicken", sagte gestern Gesundheitsstadträtin Elisabeth Ziemer (Grüne). Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, wird geprüft, ob ein Strafantrag bei der Amtsanwaltschaft wegen Ekelerregung eingereicht wird.
Doch sowohl die Stadträtin wie auch Plus-Sprecherin Melanie Prüsch sehen keine Veranlassung zur Sorge bei den Verbrauchern. Die Wahrscheinlichkeit, in einer weiteren Dose auf ähnlich mysteriöse Fundstücke zu stoßen, sei erfahrungsgemäß äußerst gering.
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