Nahrungsprobleme in den Medien – Teil 5 khd
Stand:  20.11.2005   (36. Ed.)  –  File: Food/in_M/edia_05.html




Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Artikel und andere Texte zum Thema "Nahrung" (food) gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert. Manches ist auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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Ein RFID-Chip auf jedem Apfel

[Ed: hm, das ist vielleicht mal eine sinnvolle Anwendung der umstrittenen RFID-Technik – aber bezahlen muß das der Verbraucher...]

Aus: Heise-Newsticker, 16. Oktober 2005, 18.37 Uhr MESZ (Lebensmittel-Kontrolle). [Original]

KANADA (ad/c't). In Kanada sollen RFID-Etiketten den Weg nachvollziehbar machen, auf dem Lebensmittel zum Verbraucher gelangt sind. Nach diversen Skandalen wollen die Verbraucher wissen, woher ihr Essen kommt und wer was damit gemacht hat, ist sich die kanadische Regierung sicher. Die zuständige Behörde AAFC hat deshalb ein Rahmenwerk erarbeitet, um die Gesetzgebung der Provinzen und Territorien in diese Richtung zu lenken. Ziel sei es, dass bis 2008 der Weg von 80 % aller Nahrungsprodukte kontrollierbar wird.

Die Kanadier wähnen sich mit ihren Bestrebungen nicht alleine: In den USA führte die Angst vor Bio-Terrorismus 2002 zu einem Gesetz, nach dem noch in diesem Jahr die Wege für die Nahrungsmittelversorgung dokumentiert werden müssen, um eine Überwachung durch die Behörden zu gewährleisten. Uns Europäer treibe einerseits die Angst vor Rinderwahnsinn oder Vogelgrippe und andererseits der Wunsch, regionale Marken zu schützen. So soll sichergestellt werden, dass Parmesan- Käse auch wirklich aus der richtigen Region Italiens stammt.

Doch Nahrungsmittel passieren oft sehr viele Stationen auf ihrem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher. Anhand der eindeutigen Kennzeichnung jedes einzelnen Produkts soll sich diese Kette Glied für Glied verfolgen lassen – in beide Richtungen. Das könnte man auch mit Barcode- Aufklebern realisieren; das kanadische Rahmenwerk macht in dieser Hinsicht keine Vorschriften. Doch der kanadische Verband der Lebensmittelhändler CCGD hält eine Lösung, bei der die Aufkleber immer wieder eingescannt werden müssen, für zu personalintensiv und zu teuer. Der Vizepräsident des Verbands Dave Wilkens sagte, die Möglichkeit der Nachverfolgung von Nahrungsmittel gebe es bereits, doch man müsse die Effizienz steigern. Seine Mitglieder nutzten die Zeit, die die Regierung ihnen lässt, um RFID- Lösungen zu prüfen, mit denen dann jedes Schweineschnitzel und jeder Apfel schon vom Erzeuger mit einer eindeutigen Kennung versehen wird.



F L E I S C H S K A N D A L   I N   B A Y E R N 

Verbraucher essen Fleischmüll auf

Im Fleischskandal können die Behörden zunächst keine Reste sicherstellen. Vermutlich haben ahnungslose Supermarkt-Kunden den Abfall als vermeintliche Lebensmittel verzehrt.

Aus: Berliner Morgenpost, 17. Oktober 2005, 11.50 Uhr MESZ (Aktuell). [Original]

MÜNCHEN (morgenpost.de). Ein Teil der mutmaßlich in bayerischen Betrieben zu Lebensmitteln umdeklarierten Fleischabfälle vom Geflügel ist auf den Tellern der Verbraucher gelandet. Zumindest aus einem Zwischenhandels-Betrieb seien die Fleischabfälle in die Supermarktregale gelangt und wohl schon verzehrt worden, sagte Roland Eichhorn, Sprecher von Bayerns Verbraucherminister Werner Schnappauf (CSU).

Bei Durchsuchungen zweier fleischverarbeitender Betriebe in Bayern habe man kein Restmaterial mehr auffinden können. Das Ministerium wollte den Fleischmüll, der aus der Schweiz importiert wurde und nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Memmingen für Menschen ungenießbar war, aus dem Handel zurückholen lassen.

Bei dem zweiten Betrieb liefen die Untersuchungen noch, es sei aber unglaublich kompliziert, den Weg der Ware nachzuvollziehen, sagte der Ministeriumssprecher. Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Franz Maget, warf der Regierung und dem Minister vor, beim Schutz der Verbraucher in der Frage des Ekelfleisches kläglich versagt zu haben. Im bayerischen Überwachungssystem gebe es schwere Mängel und Versäumnisse [Ed: seit vielen Jahren].

Falsch deklariert ausgeliefert

Insgesamt waren bis zu 2600 Tonnen "ekelerregendes Material" (Minister Schnappauf) falsch deklariert zur Weiterverarbeitung an Firmen im In- und Ausland geliefert worden. Eine Fleischfirma im niederbayerischen Deggendorf [Ed: Firma Frost GmbH] soll die Schweineschwarten und Geflügelgerippe, die nur noch als Tierfutter hätten verarbeitet werden dürfen, umdeklariert und vertrieben haben.

Ermittelt wird außerdem gegen eine verbundene Firma in Illertissen bei Neu-Ulm. Der dortige Betrieb durfte einen Tag nach seiner Schließung am 13. Oktober bereits wieder öffnen. Durchsuchungen hatten nach Angaben des Umweltministeriums keine Beanstandungen ergeben. Geschlossen blieben der Betrieb in Deggendorf sowie ein Unternehmen in Simbach.

Dort waren bei der Razzia in 39 Fleischbetrieben rund 500 Tonnen illegal gelagerte Schlachtabfälle gefunden worden. Der Betrieb habe aber mit dem aufgedeckten Skandal nichts zu tun, hieß es im bayerischen Verbraucherministerium.

Bayerische Regierung will Schlachtabfälle deutlicher kennzeichnen

Als Konsequenz aus dem Skandal will Bayern eine EU-Initiative starten, um Schlachtabfälle speziell zu kennzeichnen. Denkbar sei, die Ware zwangsweise mit Lebensmittelfarbe zu färben, sagte Eichhorn. Auch die Behälter könnten gekennzeichnet werden. [mehr]



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Durch die Lücke im System kam Fleischmüll in den Handel

Der Fleischskandal offenbart die Ohnmacht der Behörden. Verbraucherschützer fordern schärfere Kontrollen und eine Meldepflicht für Tierabfälle. Geltende EU-Vorschriften müssten umgesetzt werden.

Aus:
Frankfurter Rundschau, Frankfurt am Main, 18. Oktober 2005, Seite xx (Wirtschaft). [Original]

In Bayern sind große Mengen Fleischabfälle als Nahrungsmittel gekennzeichnet und in Lebensmittelbetrieben im In- und Ausland weiterverarbeitet worden. Die Rückholaktion der bayerischen Behörden scheiterte am Wochenende, bei Razzien in den betroffenen fleischverarbeitenden Betrieben fanden die Beamten kein Restmaterial mehr. Aus einem Betrieb sei der verarbeitete Fleischmüll (Geflügelgerippe, Schweineschwarten) in die Supermärkte gelangt und vielleicht sogar schon verzehrt worden. Den Weg der Ware nachzuvollziehen sei sehr kompliziert, sagte ein Sprecher des bayerischen Verbraucherministeriums.

Gefahr für die Gesundheit besteht laut dem bayerischen Verbraucherminister Werner Schnappauf (CSU) nicht, da die in Lebensmittel gelangten Abfälle hoch erhitzt verarbeitet worden seien. Das bestätigt das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. Die Abfälle seien lediglich für Hunde- und Katzenfutter zugelassen.

Bundesminister Jürgen Trittin fordert eine zügige und konsequente Aufklärung: "Es kann nicht akzeptiert werden, dass jetzt deutsche und europäische Verbraucherinnen und Verbraucher Lebensmittel essen sollen, die aus 2600 Tonnen ekelerregenden Schlachtabfällen hergestellt worden sind."

"Kriminelle Machenschaften"

Auch der Bundesfachverband Fleisch verurteilt den Skandal. Hauptgeschäftsführer Patrick Steinke fordert für die "eindeutig kriminellen Machenschaften" die "schärfste Bestrafung". Irgendwo sei ein Loch im Kontrollsystem, das solchen Missbrauch erst ermögliche. Steinke geht trotzdem davon aus, dass es sich bei dem umetikettierten Fleischabfall um einen Einzelfall handele. "Aufgrund eines schwarzen Schafes wird eine ganze Branche an den Pranger gestellt."

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen verlangt mehr Kompetenzen für die Lebensmittelkontrolle auf Bundesebene und mehr Information der Verbraucher. "Man darf nicht auf die Wirtschaft alleine vertrauen", sagt Thomas Isenberg, Leiter Gesundheit und Ernährung. Er legt Wert darauf, dass die Überwachung der Lebensmittelzulieferer nicht weiter ausgedünnt wird.

Dass verstärkte Lebensmittelkontrollen allein Fleischskandale verhindern können, daran zweifelt Matthias Wolfschmidt, Tierarzt und bei der Organisation Foodwatch für Kampagnen zuständig. "Die Kontrollbehörden sind nicht so aufgestellt." Bezeichnend sei, dass nicht etwa Lebensmittelkontrolleure sondern der Zoll den Fall aufgedeckt hätten. Die in Deutschland umdeklarierten Schlachtabfälle stammten ursprünglich aus der Schweiz.

Als Lücke im System hat Wolfschmidt die "uneingeschränkte Handelbarkeit von Fleischabfällen der Kategorie 3" ausgemacht. Anders als bei den Abfällen der Kategorien 1 (Risikomaterial, das verbrannt werden muss) und 2 (Inhalt von Magen und Därmen, Fleisch von erkrankten oder mit Rückständen belasteten Tieren, das verbrannt oder von der chemischen Industrie weiterverarbeitet wird) gebe es keine Meldevorschriften, "die Behörden wissen nicht, wie viel es gibt, und das geben sie auch zu".

Verstoß gegen EU-Vorschriften

Dass der bayerische Verbraucherminister mit der vollmundig angekündigten Rückrufaktion gescheitert ist, verstößt laut Wolfschmidt eindeutig gegen die EU-Basishygieneverordnung. Die schreibt ein Überwachungs- und Kontrollsystem vor, das ermöglichen soll, jede einzelne Lebensmittelzutat bis zum Produktionsbetrieb zurückzuverfolgen. Foodwatch warnt schon länger vor den Gefahren durch Schlachtabfälle, deren Verwendung im Zuge der Rinderseuche BSE eingeschränkt wurde. Laut EU-Verordnung müsste aus Fleischabfällen der Kategorie 3 gewonnenes Tiermehl eingefärbt oder vergällt, also ungenießbar gemacht werden, um eine Verfütterung zu verhindern. Das sei aber nicht der Fall. Als preiswerter Pflanzendünger massenhaft im Einsatz, kann Wolfschmidt nicht ausschließen, dass dieses Tiermehl dennoch illegal verfüttert wird. Möglicherweise der Stoff für den kommenden Lebensmittelskandal. [mehr]



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Fleischabfälle zu Hühnersuppe verarbeitet

Im bayerischen Fleischskandal sind neue Einzelheiten bekannt geworden. Falsch deklarierte Schlachtabfälle wurden unter anderem zu Hühnerklein und Hühnersuppentopf verarbeitet und in neun Bundesländer geliefert. Erstmals wurden jetzt auch Produktnamen genannt.

Aus: Spiegel Online – 18. Oktober 2005, 17.46 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

HAMBURG/MÜNCHEN. Bayerns Umweltministerium nannte heute erstmals Produktnamen: "Gelha Hühnerklein" und "Gelha Hühnersuppentopf". Verbraucher sollten die Produkte zurück in die Supermärkte bringen, empfahl das Ministerium. Gesundheitsgefahr bestehe beim Verzehr aber nicht.

Sogenannte K3-Geflügelkarkassen aus Österreich seien an den niederbayerischen Geflügelprodukte-Hersteller Rottaler in Gangkofen geliefert worden. Daraus seien die Produkte von Mitte Dezember 2004 bis Ende Februar 2005 hergestellt und vertrieben worden. Der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) forderte eine Verschärfung von EU-Bestimmungen.

Die betroffenen Produkte haben nach Ministeriumsangaben eine Haltbarkeit von 18 Monaten und wurden an Firmen [Ed: welche???] in Sachsen-Anhalt, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Thüringen und Baden-Württemberg geliefert. In einem zweiten bayerischen Betrieb laufen derzeit noch Ermittlungen. In dem Skandal steht ein bayerischer Unternehmer im Verdacht, insgesamt 2500 Tonnen Schlachtabfälle illegal als genießbares Fleisch gekennzeichnet und in Umlauf gebracht zu haben.

Umdeklarierte Schweineschwarten gingen auch an ein Lebensmittelunternehmen in Rheinland-Pfalz, das aus einem Teil der Schlachtabfälle Gelatine herstellte und auslieferte. Das rheinland-pfälzische Umweltministerium geht nach eigenen Angaben davon aus, dass das Unternehmen in "gutem Glauben" gehandelt habe [Ed: hm, und was hatte die (chemische) Wareneingangskontrolle dieses Unternehmens festgestellt?]. Es habe sofort eine Rückrufaktion gestartet, als es von der Verwendung falsch deklarierter Ware erfahren habe. Der Rückruf war demnach bei einem außerhalb von Rheinland-Pfalz liegenden Unternehmen erfolgreich, an einen zweiten Produktionsbetrieb wurde die Gelatine bereits 2004 geliefert.

Schnappauf kündigte für Donnerstag [20.10.2005] eine Expertenrunde an, bei der über Konsequenzen aus dem Skandal beraten werden soll. Der Minister kritisierte, dass es für den Handel mit K3-Material in der EU weder ausreichende Vorschriften für einheitliche Begleitpapiere noch für eine klare und deutliche Kennzeichnung von Dokumenten, Transportbehältern oder des Materials selbst gebe.

Gestern hatte das Amtsgericht Memmingen bereits Haftbefehl gegen den Hauptverdächtigen im Fleischskandal, den [einschlägig vorbestraften] Geschäftsführer der Deggendorfer Firma [Ed: Frost GmbH], erlassen. Ihm wird vorgeworfen, in mehr als 50 Fällen ungenießbares Fleisch in den Verkehr gebracht und als genusstauglich an mehrere Firmen in Deutschland mit hohem Gewinn weiterverkauft zu haben.

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Die Namen der übrigen beteiligten Firmen im Fleischskandal will das bayerische Umweltministerium zunächst nicht bekannt geben. "Wir können nicht mit Verdächtigungen arbeiten und den guten Ruf einer Firma auf Jahre hin beschädigen", sagte Schnappauf. Nur wenn ein konkreter Produktname bekannt sei, könne dieser veröffentlicht werden. Um die Bekanntgabe der Namen war ein Streit zwischen dem Bund und Bayern entbrannt. [mehr]

[15.10.2005: Bayern – ein Eldorado für Lebensmittel-Panscher?]  (khd-Page)



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„Der Fall in Bayern ist nur die Spitze des Eisberges“

Der Lebensmittelskandal in Bayern hat das Vertrauen in die Kontrollen erschüttert. Über die Konsequenzen für Länder und Verbraucher sprachen wir mit Matthias Wolfschmidt von Foodwatch.

Aus: Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA), Kassel, 19. Oktober 2005, Seite xx (Nordhessen). Matthias Wolfschmidt (39) ist stellvertretender Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch und approbierter Tierarzt. [Original]

HNA: Sind die Behörden und Lebensmittelkontrolleure der Länder personell ausreichend aufgestellt, um Missbrauch aufzudecken?

Matthias Wolfschmidt: Man muss schon überprüfen, ob die finanzielle und personelle Ausstattung für Kontrollen ausreicht. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Nach europäischem Gesetz müssen alle Mitgliedsstaaten der EU geeignete Überwachungssysteme bereithalten. Diese sollen ermöglichen, die Lebensmittelsicherheitsvorkehrungen der Unternehmen und die lückenlose Rückverfolgbarkeit aller Produkte und Zutaten zu überwachen und sicherzustellen.

HNA: ... dafür sind doch vor allem die Länder zuständig.

Wolfschmidt: Richtig. Aber der Bund spielt dabei auch seine Rolle. Er muss nämlich die Koordinierung übernehmen, allen voran das Verbraucherministerium und dessen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).

HNA: Offensichtlich hat das in Bayern versagt. Was muss optimiert werden?

Wolfschmidt: Festzuhalten ist zunächst, dass der dortige Fall nicht durch Aktivitäten der Lebensmittelkontrollen aufflog, sondern durch den Zoll! Transportbegleitende Papiere können offenbar helfen, um solche zwielichtigen Praktiken aufzudecken. Nach unseren Recherchen erfassen aber die Kontrollbehörden in ihren eigenen Zuständigkeitsbereichen nicht einmal die Mengen an Schlachtabfällen der drei verschiedenen Risiko- Kategorien. Die wissen weder, wie viel da anfällt noch, was damit genau gemacht wird.

HNA: Wie kann das verbessert werden?

Wolfschmidt: Wir haben nachgewiesen, dass auch in Sachen Tiermehlweiterverarbeitung unklar ist, was mit den Schlachtabfällen geschieht. Hunderttausende von Tonnen werden jedes Jahr frei und unkontrolliert gehandelt. Als ob es BSE nie gegeben hätte. Weder die Bundesregierung noch die Länder haben sich seitdem darum gekümmert, die ungeregelte Verwendung der Kategorie-3-Abfälle aufzuklären und vernünftig zu regeln. Immerhin geht es laut den Abfallentsorgern um eine Million Tonnen pro Jahr allein in Deutschland. Schon die Einführung geeigneter Dokumentations- und Aufzeichnungsverpflichtungen wäre ein Fortschritt. Dann hätten die Behörden in Bayern auch nicht so sehr im Trüben fischen müssen. Bundesrat und Bundesregierung hätten da längst tätig werden müssen.

HNA: Warum hat die Europäische Union nicht längst die Verwendung von Tierabfällen unter Strafe gestellt?

Wolfschmidt: Da haben offensichtlich wirtschaftliche Partikularinteressen Vorrang vor Bürgerinteressen gehabt. Und die haben dafür gesorgt, dass der europäische Gesetzgeber den Umgang mit dem Kategorie-3-Material (Rinderfüße, Hörner, Schwarten, Euter usw.) weit gehend ungeregelt gelassen hat. Der Fall in Bayern ist die Spitze des Eisbergs.

HNA: Wie kann man sich schützen?

Wolfschmidt: Der bayerische Fall widerlegt zunächst einmal die These der ehemaligen Verbraucherministerin Renate Künast, derzufolge der angebliche Billigwahn der Verbraucher für schlechte Lebensmittelqualität verantwortlich sei. Denn es ist egal, wo Sie einkaufen, Sie können nicht sicher sein, ob nicht durch einen zwielichtigen Kanal minderwertige Ware mit ekligen Zutaten in die Lebensmittelkette geraten ist.

HNA: Also ist der Verbraucher machtlos?

Wolfschmidt: Nein. Wir müssen uns bei den Politikern darüber beschweren, dass sie uns wichtige Informationsrechte vorenthalten. Wer die Produkte und Chargen, in denen Schlachtabfälle enthalten sind, nicht sofort bekannt gibt, entmündigt uns.

HNA: Das reicht?

Wolfschmidt: Wir brauchen auch eine lückenlose Rückverfolgbarkeit der Produkte vom Teller zurück zum Ursprung und umgekehrt vom Ursprung bis zum Endprodukt. Wenn das gut funktionieren würde, bräuchte Bayerns Verbraucherminister Schnappauf nach seiner Ankündigung, alle Lebensmittel zurückzuholen, jetzt nicht so herumzueiern. Denn dort sind die Abfälle nicht nur in die Lebensmittelkette gelangt und teilweise von uns aufgegessen worden. Die bayerischen Behörden tun sich auch schwer zu erfahren, welche Lebensmittelhersteller die Abfälle überhaupt verwendet haben und in welchen Produkten sie sich befinden.

HNA: Heute haben die Bayern einige Funde bekannt gegeben. Ist das kein Erfolg?

Wolfschmidt: Es wird nur eine Firma samt Produkten genannt. Der Rest bleibt im Dunkeln. Angeblich gibt es Schwierigkeiten bei der Ermittlung. Die Behörden und Ministerien weigern sich, alle vorliegenden Fakten zu veröffentlichen. Solange man uns elementare Informationen über unser Essen vorenthält, leben wir quasi in mittelalterlichen Zuständen. [mehr]



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Schlachtabfall-Skandal

Statement der unabhängigen Verbraucherorganisation Foodwatch

Aus: foodwatch-Newsletter, Berlin, 19. Oktober 2005, 14.47 Uhr MESZ (News). [Original]

BERLIN. Der jüngste Lebensmittelskandal: Wie letzte Woche bekannt wurde, hat eine Firma aus dem bayerischen Deggendorf Schlachtabfälle umdeklariert und gewinnbringend als lebensmitteltauglich weiterverkauft. In verschiedenen Bundesländern ansässige Firmen haben die Abfälle zu Lebensmitteln verarbeitet. Sie können sich eventuell wieder finden in Hühnchen- Nuggets, Fleischbrühe, als Fleischfüllung in Tortellini sowie in Form von Gelatine in Gummibärchen und Schokoküssen.

Aktueller TV-Tipp: Heute Abend [19.10.2005] diskutiert foodwatch-Stratege Matthias Wolfschmidt unter anderem mit dem verantwortlichen bayerischen Staatsminister für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Werner Schnappauf über den aktuellen Schlachtabfall-Skandal: Im "BürgerForum live" des Bayerischen Fernsehens (BR) um 20.15 Uhr live aus Deggendorf – schalten Sie sich ein!

Bei den Schlachtabfällen handelt es sich um Abfälle der so genannten Kategorie 3. Das sind zum Beispiel Euter, Schwarten, Augen, Häute, Innereien, Sehnen, Füße und Skeletteile. Diese dürfen seit der BSE-Krise nicht mehr an landwirtschaftliche Nutztiere verfüttert, geschweige denn direkt in Lebensmitteln verwendet werden.

Aufgedeckt wurde der Fall nicht etwa durch die für Lebensmittelkontrollen zuständigen Behörden, sondern durch den Zoll. Die in Deutschland umdeklarierten Schlachtabfälle stammten aus der Schweiz. Das zeigt: Lebensmittelkontrollen alleine können solche Skandale nicht verhindern.

foodwatch warnt schon seit einem Jahr vor den Sicherheitslücken beim Umgang mit Schlachtabfällen. Fleischabfälle der Kategorie 3 dürfen frei gehandelt werden. Missbrauch ist damit Tür und Tor geöffnet. Im Oktober 2004 dokumentierte foodwatch die Ergebnisse der Recherchen im Tiermehl- Report "Alles – außer Kontrolle. Sicherheitslücken der Tiermehl- Verwertung in Zeiten von BSE". [mehr]



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Ministerium beharrt auf Rückrufaktion

Im Skandal um Schlachtabfälle in Lebensmitteln ist ein Streit zwischen Unternehmen und Bayerns Umweltministerium entbrannt. Die Behörde hatte Produktnamen genannt und eine Rückrufaktion gestartet. Zwei beteiligte Firmen ließen jedoch mitteilen, ihre Produkte seien einwandfrei.

Aus:
Spiegel Online – 19. Oktober 2005, 17.27 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

MÜNCHEN. Es müsse davon ausgegangen werden, dass die Produkte "Gelha- Hühnerklein" und "Gelha- Hühnersuppentopf" genussuntaugliche Fleischabfälle enthielten, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums heute in München. Das von der Firma Rottaler belieferte Unternehmen Gelha Lebensmittel Handel GmbH [Werbespruch: „Geflügel und Wild in Spitzenqualität“] aus Stemwede in Nordrhein- Westfalen hatte dies gestern Abend bestritten. Die Produkte seien lebensmittelrechtlich überprüft worden und hätten sich als einwandfrei herausgestellt, betonte das Unternehmen. Die Firma unterstellte der Bayerischen Staatsregierung, der Öffentlichkeit nur schnelle Ergebnisse präsentieren zu wollen, statt gewissenhaft zu prüfen. *

Auch die Zulieferfirma Rottaler dementierte, Fleischabfälle verwendet zu haben, und drohte dem Verbraucherschutzministerium wegen der Veröffentlichung mit juristischen Schritten. "Es ist ein Skandal, mit welchen Mitteln das Ministerium hier völlig unberechtigt ein angesehenes Traditionsunternehmen gegenüber der Öffentlichkeit in Verruf bringt", teilte der Anwalt der Firma heute mit. Offenbar habe das Ministerium ein Bauernopfer gesucht.

Ein Sprecher des Umweltministeriums sagte, es gebe keinen Grund, von der Rückrufaktion Abstand zu nehmen. Bei seinen Ermittlungen habe sich das Ministerium auf die Ergebnisse der Zollverwaltung gestützt. Daraus habe sich ergeben, dass die niederbayerische Firma Rottaler [Ed: Fa. Rottaler Geflügelprodukte GmbH in Gangkofen] mit Schlachtabfällen beliefert wurde und aus diesem Material die genannten Hühner-Produkte herstellte. In dem Fleischskandal wird gegen mehrere Firmen ermittelt.

Gegen den Hauptverdächtigen, den Geschäftsführer einer Deggendorfer Firma [Ed: es ist die Firma Frost GmbH in Deggendorf], war am Montag [17.10.2005] Haftbefehl erlassen worden. Ihm wird vorgeworfen, in mehr als 50 Fällen ungenießbares Fleisch in den Verkehr gebracht und als genusstauglich an mehrere Firmen in Deutschland mit hohem Gewinn weiterverkauft zu haben. [mehr]



L E B E N S M I T T E L 

Tierreste verzweifelt gesucht

Der Skandal um Schlachtabfälle beweist: Kontrolleure haben gegen die Fleischmafia keine Chance.

Aus: DIE ZEIT – Nr. 43/2005, 20. Oktober 2005, Seite xx (Wirtschaft). [Original]

Wenn die Vermutungen der Staatsanwaltschaft Memmingen stimmen, landeten ungenießbare Fleischreste in Tütensuppen und Gummibärchen. Gerade mal 4 Jahre ist es her, da verunsicherte die BSE-Krise die deutschen Verbraucher, jetzt hat die Republik einen neuen Fleischskandal. Ein dubioser Verarbeiter von tierischen Nebenprodukten soll Schlachtabfälle zu Rohstoffen für die Lebensmittelindustrie umdeklariert haben.

Das bayerische Landesministerium für Verbraucherschutz versucht seit Tagen herauszubekommen, wo die Fleischreste einer Deggendorfer Firma geblieben sind. Minister Werner Schnappauf bezeichnet sie als »Ekel erregendes Dreckszeug«. Eine Spur führt zu einem Gelatinehersteller in Rheinland-Pfalz, eine andere zu einem Hühnersuppenhersteller in Gangkofen, der sein »Gelha-Hühnerklein« an Abnehmer in neun Bundesländern weiterverkauft haben soll.

Das seien Erfolge, teilt das Ministerium mit, »trotz aller Schwierigkeiten«. Schwierigkeiten allerdings, die es laut Gesetz gar nicht geben dürfte, denn das neue Lebensmittelrecht der Europäischen Union hätte gerade sie beseitigen sollen. Rückverfolgbarkeit war das Zauberwort, mit dem die EU neue Lebensmittelskandale nach der BSE-Krise zu verhindern trachtete. Der Weg vom Bullen im Stall bis zum Steak auf dem Teller sollte lückenlos nachweisbar sein.

Seit Verabschiedung des Gesetzes malen Bauern in ganz Europa die Farbmusterung ihrer Kälber auf Meldekarten und Viehhändler sowie Schlachthöfe dokumentieren, woher ihr Vieh stammt. Das funktioniert einigermaßen, wie die Verbraucherorganisation foodwatch im vergangenen Jahr herausgefunden hat: Bei einem Rindersteak aus dem Supermarkt ließ sich der Weg auf 14 mögliche Bauernhöfe zurückverfolgen, beim Fleischspieß vom Schwein gelangte die Rechercheurin immerhin bis zu einer Schlachtcharge von 258 Tieren.

Der Fall mit den umdeklarierten Schlachtabfällen aus Bayern beweist allerdings, dass das System noch einige Lücken hat: bei den tierischen Nebenprodukten der Kategorie 3, die als »nicht für den menschlichen Verzehr« gekennzeichnet sind. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise Klauen, Knochen, Schwarten oder Geflügelgerippe. Welche Stücke aber letztlich wie eingeordnet werden, entscheidet zum Teil der Schlachthof: So kann eine Schwarte einerseits – ordnungsgemäß gekühlt – als Rohstoff für die Gelatineproduktion weiterverkauft werden. Gelatine findet sich in Gummibärchen, aber ebenso in Fertigtorten, Jogurts und Apfelsaft. Andererseits können Schwarten auch in der Restetonne mit der Aufschrift »K3« landen. Einmal dort, dürfen sie nicht wieder zurück in die Lebensmittelproduktion. Aus ihnen darf auch kein Futtermittel für Nutztiere mehr gemacht werden. Es bleibt legal nur die Möglichkeit, aus dem Material der Kategorie 3 Hunde- oder Katzenfutter herzustellen. Oft verkaufen es Zwischenhändler aber auch an Pelztierfarmen weiter.

Was aber tatsächlich mit diesen Schlachtabfällen geschieht, ist nur schwer überprüfbar. Keine Behörde dokumentiert, wie viele Tonnen tierischer Nebenprodukte der Kategorie 3 tatsächlich anfallen und wo sie bleiben. Die Schlachthöfe, in denen jedes Vieh und jedes Stück Fleisch aufs Gramm genau abgewogen wird, müssen die Mengen ihrer Schlachtabfälle nicht nachweisen.

Verseuchte Tiere zu verbrennen ist teuer – aber Abfall kann man verkaufen

So gibt es lediglich Schätzungen wie die vom bayerischen Verbraucherschutzministerium. Es geht davon aus, dass in Bayern jedes Jahr etwa 400.000 Tonnen anfallen, in der Europäischen Union insgesamt 14 Millionen Tonnen. Minister Schnappauf beklagt, dass es bislang keine ausreichenden Vorschriften für einheitliche Begleitpapiere für den europaweiten Handel mit K3-Material gebe. An diesem Donnerstag [20.10.2005] berät Schnappauf mit Vertretern von Veterinärbehörden und der Fleischindustrie, wie Missbrauch von Schlachtabfällen künftig verhindert werden könnte.

Matthias Wolfschmidt von foodwatch glaubt, dass es das europäische Recht den Schlachthöfen sehr einfach mache, ihre Abfälle auf diese Weise zu verwerten. »Je größer der ökonomische Druck auf die Schlachthöfe wird, desto eher können sie in Versuchung geraten, untaugliches Material falsch zu deklarieren«, sagt er. Für die Verbrennung von einer Tonne verseuchter Tiere muss ein Schlachthof 100 bis 200 Euro zahlen, für Schlachtabfälle der Kategorie 3 dagegen bekommt er Geld bezahlt. Da nicht dokumentiert werden müsse, wie viele Abfälle welcher Kategorie anfallen, lade das System die Schlachthöfe geradezu zum Missbrauch ein, meint Wolfschmidt. Er hält den jetzt aufgedeckten Fall im bayerischen Deggendorf daher nur für einen von vielen.

Ein zweiter Schwachpunkt sind die Kontrollen: Lebensmittelüberwachung ist Sache der Bundesländer und überwiegend kommunal organisiert. In der Regel kontrolliert ein und derselbe Kreisveterinär über lange Zeit den Schlachthof in seiner Heimatstadt. Irgendwann, so die Gefahr, kennt und vertraut man sich zu sehr. Leichter hätte es eine landesweit operierende Kontrolltruppe ohne persönliche Kontakte zu den Unternehmen.

Ende der neunziger Jahre hat die EU-Kommission die Veterinärkontrollen in Deutschland scharf kritisiert – dennoch sind seitdem Kontrollkapazitäten abgebaut worden. Und noch immer stehen kleine Kreisbehörden einem international aufgestellten Industriezweig gegenüber. »In einer globalisierten Wirtschaft reicht es nicht mehr, mit dem Thermometer durch Kühlhallen zu laufen«, sagt Alexander Müller, Staatssekretär im Bundesministerium für Verbraucherschutz. »Gerade im Fleischsektor, der sehr anfällig ist für Manipulationen, brauchen wir neue, risikoorientierte Konzepte.« Die Aufgabe der staatlichen Kontrolleure müsse dabei sein, die Kontrollsysteme der Wirtschaft zu überprüfen. Denn nach dem neuen EU-Recht sind die Lebensmittelhersteller selbst für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich.

Wirksamer als schärfere Kontrollen wäre vielleicht noch eine ganz andere Waffe: ein größeres Informationsrecht der Verbraucher. Die ehemalige Verbraucherministerin Renate Künast hatte ein solches Informationsgesetz geplant, das Lebensmittelhersteller nicht nur gegenüber Behörden, sondern auch gegenüber Verbrauchern verpflichtet hätte, Auskunft über die Herkunft aller Zutaten zu erteilen. Das Gesetz war im Bundesrat am Widerstand von FDP und Unionsparteien gescheitert. Wäre es verabschiedet worden, könnte jetzt jeder, der gerade eine Tüte Gummibärchen gegessen hat, beim Hersteller anrufen und fragen, welchen Weg die Gelatine aus den Bärchen genommen hat. Und ob Schlachtabfälle aus Deggendorf darunter waren [Ed: und dazu hat jetzt FOODWATCH eine E-Mail-Aktion gestartet]. [Lebensmittelkontrolleure zu dem Skandal] [mehr]



Haben Bayerns Behörden den Fleischskandal verschlafen?

[Ed: das Fragezeichen hätte sich die BamS verkneifen sollen, denn schon seit Jahren wird in Bayern bei der Lebensmittel-Überwachung geschlafen]

Aus: Bild am Sonntag (BamS), Hamburg, 23. Oktober 2005, Seite 14 (Aktuelles – Nachrichten).

MÜNCHEN. Der Skandal um ekelerregende Schlachtabfälle – haben die Behörden in Bayern es unterlassen, die Bürger rechtzeitig zu schützen? Nach BamS-Informationen wußten die Ermittler mindestens seit Anfang Juli dieses Jahres von den Machenschaften eines Deggendorfer Fleischhändlers, der bis zu 2,6 Millionen Kilogramm ungenießbare Überreste wie Schweineschwarten [Ed: und Geflügelteilen] als Lebensmittel verkaufte. Doch die Behörden schlugen erst Mitte Oktober zu, zogen 500.000 Kilo aus dem Verkehr.

Bei einer nichtöffentlichen Sondersitzung des Bundestagsagrarausschusses letzte Woche trauten die Abgeordneten kaum ihren Ohren, als ein Spitzenbeamter des bayerischen Verbraucherschutzministeriums über den Umgang der Behörden mit dem Fleischskandal berichtete.

Fa. Frost GmbH in Deggendorf      
^   Das Kühlhaus-Unternehmen Frost GmbH im niederbayerischen Deggendorf ist im Visier der Ermittler. Es soll in der Gegend bestialisch gestunken haben, sagten Anwohner im Bayerischen Rundfunk.   (Foto: 2005 – br)
Hans Michael Goldmann, ernährungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion: „Nach den Aussagen ist klar, daß die Staatsanwaltschaft Memmingen mindestens seit Juli ermittelt – und daß diese Machenschaften bis in das Jahr 2003 zurückreichen. Hätte der bayerische Verbraucherminister Werner Schnappauf sofort reagiert, wären viele Tonnen der Abfälle nicht auf denTellern der Verbraucher gelandet.“ Goldmann äußert einen schweren Vorwurf: „Nach den vorliegenden Fakten drängt sich der Verdacht auf, daß hier vertuscht werden sollte. Schnappauf und Ministerpräsident Stoiber müssen jetzt genau darlegen, ab wann sie von dem Fleischskandal wußten.“

Bundesumweltminister [Ed: und derzeit amtierender Bundesverbraucherschutzminister] Jürgen Trittin kritisierte das Münchner Krisenmanagement: „Ein unglaublicher Vorgang. Das ist Stümperei der bayerischen Behörden und des Landwirtschaftsministers Schnappauf – jedenfalls kein Verbraucherschutz.“ Trittin kritisierte außerdem, daß Ekelfleischprodukte zu spät aus den Regalen der Supermärkte genommen wurden. „Der Rückruf hätte viel früher passieren müssen, dann hätten die Behörden auch etwas gefunden, und uns Verbraucher wären nicht tonnenweise Schlachtabfälle als Hühnersuppe [Ed: vom Hersteller als „Spitzenqualität“ deklariert] aufgetischt worden.“

In Bayern widersprechen sich die Behörden gegenseitig und schieben sich den Schwarzen Peter zu. Stoibers Landesregierung weist alle Schuld von sich – sie will erst am 11. Oktober von den Vorfällen erfahren haben: „Wir sind zu unserem großen Erstaunen nicht von unseren Behörden informiert worden. Weder darüber, daß der Zoll auf Fleischabfälle aufmerksam wurde, noch daß die Staatsanwaltschaft Memmingen ermittelt“, sagte Schnappaufs Sprecher Eichhorn. Bayern sei erst von niedersächsischen Kontrolleuren über Unregelmäßigkeiten in Kenntnis gesetzt worden.

Die Memminger Ermittler behaupten auf BamS-Anfrage jedoch, daß sie sich korrekt verhalten hätten: „Wir haben den Dienstweg eingehalten und intern an den Generalstaatsanwalt berichtet. Ich gehe davon aus, daß er das Ministeriumn informiert hat“, sagt Johann Kreuzpointner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Diese Auskunft stößt in Schnappaufs Ministerium auf Verwunderung: „Wir haben nie etwa vom Generalstaatsanwalt gehört.“

Und noch ein Skandal: Nach BamS-Informationen hatten die bayerischen Lebensmittel- Kontrolleure den Ekelbetrieb allein seit Juli siebenmal unter die Lupe genommen [Ed: vermutlich wg. der Beschwerden aus der Nachbarschaft wg. des enormen Gestanks] – aber wollen nichts von der Fleischschieberei bemerkt haben. Allerdings stellten sie bei 6 der Untersuchungen fest, Daß die Fleischfirma [Ed: Frost GmbH] gegen Hygiene- Auflagen verstieß. Wie das bayerische Verbraucherministerium bestätigte, veranlaßten die Inspekteure daraufhin sogar einmal, daß der Betrieb eingestellt werden mußte. [Lebensmittelkontrolleure zu dem Skandal] [Kommentar]

[15.10.2005: Bayern – ein Eldorado für Lebensmittel-Panscher?]  (khd-Page)
[19.10.2005: Deggendorfer Firma behält Zulassung]  (BAYERISCHER RUNDFUNK)



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Deutschland hat neuen Fleischskandal

Gesundheitsgefahr für Verbraucher nicht auszuschließen / Nach dem Skandal um umdeklarierte Fleischabfälle im bayerischen Deggendorf ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen einen Geflügel verarbeitenden Betrieb im niedersächsischen Lastrup.

Aus: Handelsblatt, Düsseldorf, 4. November 2005, Seite ?? (Unternehmen). [Original]

OLDENBURG/CLOPPENBURG (HB). Bei der Durchsuchung des Betriebes wurden am Mittwochabend [2.11.2005] mehrere Tonnen Fleisch sowie Unterlagen und Computer beschlagnahmt. Der Betrieb steht im Verdacht, große Mengen verdorbenes Hühnerfleisch verkauft zu haben. Es werde wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges und Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz ermittelt, teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg, Bernard Südbeck, am Donnerstag [3.11.2005] mit. "Eine Gesundheitsgefahr für Verbraucher ist nicht auszuschließen", sagte Südbeck. Der Landkreis Cloppenburg hat den Betrieb geschlossen.

Südbeck bestätigte auch, dass die Staatsanwaltschaft im schon älteren Hackfleischskandal bei der Supermarktkette Real 4 Strafbefehle beim Amtsgericht Hannover beantragt hat. Bei Real war Fleisch mit abgelaufenem Verfallsdatum umetikettiert und wieder verkauft worden.

Fleisch mit Wasser aufgespritzt

Der Lastruper Betrieb soll tiefgefrorenes Hühnerfleisch unsachgemäß aufgetaut und verkauft sowie vom Handel beanstandetes und an ihn zurückgeschicktes Fleisch eingefroren und später wieder angeboten haben. Zudem soll er Geflügelfleisch mit Wasser aufgespritzt und damit schwerer gemacht haben. Das betroffene Unternehmen hatte laut Südbeck für seinen Betrieb in Lastrup keine EU-Zulassung.

So könnten beim Einspritzen von Wasser auch Keime in das Fleisch gelangt sein. Die Behörden prüften nun, an wen der Betrieb sein Fleisch geliefert habe, um auch dort Proben zu nehmen und gegebenenfalls eine Rückholaktion zu starten. Proben aus dem Betrieb würden jetzt im Lebensmittelinstitut des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) in Oldenburg untersucht. "Vor Anfang kommender Woche werden voraussichtlich keine Ergebnisse vorliegen", sagte LAVES-Sprecherin Hiltrud Schrandt.

Ein Sprecher des Landkreises Cloppenburg sagte, das Zusetzen von Wasser sei zwar zulässig [Ed: das kann doch wohl nicht wahr sein...], müsse aber deklariert werden. Auch dürfe zurück gegangene Ware wieder angeboten werden. Zuvor müsse aber nachgewiesen werden, dass sie nicht verdorben sei und noch in Verkehr gebracht werden dürfe. [mehr]



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Behörden beschlagnahmen tonnenweise verdorbenes Geflügelfleisch

Aus:
Yahoo-News, 4. November 2005, 16.08 Uhr MESZ (Vermischtes). [Original]

OLDENBURG. Der neuerliche Fleischskandal weitet sich aus. Am Freitag [4.11.2005] wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Oldenburg mehrere Tonnen Geflügelfleisch in 5 Bundesländern beschlagnahmt hat. Die Ware stammt aus einem inzwischen geschlossenen Zerlegebetrieb im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg [Ed: Fa. Frischgeflügel Bünnemeyer GmbH in 49688 Lastrup], der aufgetautes Gefrierfleisch von Puten und Hühnern als frisch verkauft haben soll. Zunächst war offen, ob tatsächlich verdorbenes Fleisch in den Handel gelangt ist.

Das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stufte Proben aus dem Cloppenburger Betrieb als verdorben ein. "Das Fleisch stinkt extrem und ist schleimig und klebrig", sagte Behördensprecherin Hiltrud Schrandt in Oldenburg. Das Landwirtschaftsministeriums in Hannover erklärte allerdings, es sei unwahrscheinlich, dass dieses Fleisch noch zum Verkauf bestimmt gewesen sei. Verdorbenes Geflügelfleisch werde auf Grund seines Gestanks von Händlern und Endverbrauchern leicht erkannt, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne.

Die Durchsuchungen bei 15 Handelsunternehmen in Baden-Württemberg, Bremen, Berlin, Niedersachsen und Nordrhein- Westfalen fanden bereits am Donnerstag [3.11.2005] statt. Bei den Zwischenhändlern, die von dem Zerlegebetrieb beliefert wurden, habe man "tonnenweise Geflügelfleisch beschlagnahmt", sagte der Sprecher der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Bernard Südbeck. Gegen den Inhaber des vorläufig stillgelegten Betriebes werde weiter wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges und Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz ermittelt. Der 45-Jährige habe sich zu dem Vorwürfen noch nicht eingelassen, sagte Südbeck weiter. Er habe sich einen Anwalt genommen.

Erste Hinweise auf die illegalen Praktiken in dem Zerlegebetrieb kamen demnach von Mitarbeitern. Das Unternehmen unterhält in den Ortschaften Lastrup und Lindern im Kreis Cloppenburg zwei unabhängige Betriebsstätten, die sich nach Angaben des niedersächsischen Justizministeriums aber im Besitz einer Familie befinden. In dem Zerlegebetrieb soll gefrorenes Geflügelfleisch aufgetaut und dann als Frischfleisch weiterverkauft worden sein. Außerdem besteht nach Angaben der Staatsanwaltschaft der Verdacht, dass Fleisch durch Einpressen von Wasser schwerer gemacht wurde.

Das niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums bestätigte, dass in beiden Betriebsstätten "gut 20 Tonnen Geflügelfleisch" beschlagnahmt wurden. Die Sprecherin des Justizministeriums, Jutta Rosendahl, sagte, dass angemeldete Kontrollen in den Betrieben gezielt unterlaufen worden seien. Im Vorfeld hätten rege Transporte zwischen den beiden Standorten stattgefunden. [mehr]



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Fleisch-Skandal größer als bisher angenommen

Aus:
Spiegel-Pressemeldung – 5. November 2005, 10.35 Uhr MEZ zum Artikel "Mehr Schutz für Tippgeber" im SPIEGEL – 45/2005, 7. November 2005, Seite 20 (Panorama).

HAMBURG. Der Skandal um verdorbenes Geflügelfleisch aus Niedersachsen ist möglicherweise größer als bislang bekannt. In der vergangenen Woche hatte die Staatsanwaltschaft Oldenburg einen Betrieb in Lastrup bei Cloppenburg geschlossen, nachdem vor etwa 14 Tagen eine Mitarbeiterin der insolventen Firma berichtet hatte, dass dort gefrorenes Fleisch unsachgemäß aufgetaut und als Frischfleisch in den Handel gebracht worden sei. Zudem soll von Kunden beanstandete Ware einfach neu verpackt worden sein.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) war allerdings schon Anfang des Jahres von zwei Mitarbeitern über solche Praktiken in dem Betrieb informiert worden, bestätigt ein Gewerkschaftssekretär. Den beiden sei damals geraten worden, mit ihrem Wissen zur Polizei zu gehen – was diese aus Angst vor Kündigung aber nicht gewagt hätten. Der NGG-Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg fordert deshalb, den Informantenschutz für Mitarbeiter in der Lebensmittelbranche zu erhöhen.

Es müsse gesetzlich verhindert werden, dass Arbeitgeber etwa über die Akteneinsicht im Verfahren herausfinden können, wer ihre Praktiken verraten hat. Außerdem müssten Tippgeber vor Kündigung geschützt werden. Möllenberg: "Die Zahl der Lebensmittel- Skandale in jüngster Zeit zeigt, dass dringend gehandelt werden muss – zumal die staatlichen Kontrollen nicht ausreichen." [mehr]



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Das meiste ist in Berlin schon gegessen

Ging Skandalfleisch auch an Kliniken und Schulen?

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 6. November 2005, Seite 32 (Weltspiegel). [Original]

BERLIN (Tsp). Man muss schon gut gefrühstückt haben, damit der Magen die Lektüre über den jüngsten Fleischskandal aushält. Aber der Berliner Magen verträgt bekanntlich alles: Bulletten, Currywurst, Döner. Und? Was ist im Döner drin?

Von den am 25. Oktober aus Lastrup nach Berlin gelieferten 7,8 Tonnen "Putenflügelfleisch mit Haut" dürfte nach Einschätzung des Berliner Großhändlers das meiste schon verzehrt sein. "Vor allem als Dönerspieße", sagte Gökhan Dodurgali, Geschäftsinhaber von Euro-Pa-Fleisch in Berlin-Moabit [Beusselstraße] dem Tagesspiegel. Wie berichtet, hatten Polizei und Gesundheitsamt am Donnerstagabend [3.11.2005] das Lager durchsucht und den Rest der aus Lastrup bei Cloppenburg stammenden
 

Ein Berliner Döner-Großhändler
äußert sich ganz offen



Lieferung beschlagnahmt. Der Betrieb in Lastrup [Ed: Fa. Frischgeflügel Bünnemeyer GmbH, Vlämische Straße 1a, 49688 Lastrup] war nach dem Fund stinkender und vergammelter Ware von der Staatsanwaltschaft geschlossen worden.

"Etwa 2,2 Tonnen sind in Berlin plombiert worden", sagte Dodurgali, bis Donnerstag [10.11.2005] solle das Ergebnis der Laboruntersuchung vorliegen. Der Rest, gut 5 Tonnen, sei in der Woche nach Anlieferung an ein halbes Dutzend Firmen weiterverkauft worden, sagte Dodurgali. Die Namen seiner Abnehmer habe er der Polizei zur Verfügung gestellt. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung seien diese anschließend ebenfalls überprüft worden. Ob dort noch Fleisch beschlagnahmt wurde, blieb gestern unklar. Firmenchef Dodurgali glaubt das nicht: In der Regel werde die Ware innerhalb eines Tages verarbeitet.

Nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung bestehe der Verdacht, dass in das nach Berlin gelieferte Putenfleisch Wasser gespritzt worden sei, um das Verkaufsgewicht zu erhöhen. Gesundheitsgefährdungen würden dadurch allerdings nicht hervorgerufen. Rechtlich aber sei das schwerer Betrug und Verstoß gegen das Lebensmittelgesetz, sagte ein Berliner Polizeisprecher. Geführt werden die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft in Oldenburg. Die Sprecherin der Berliner Gesundheitsverwaltung, Roswitha Steinbrenner, betonte, dass die Firma Euro-Pa-Fleisch "ausschließlich Opfer und nicht Täter" sei.

Geschäftsführer Dodurgali berichtete, er beziehe seit 3 Jahren Fleisch von der Lastruper Firma. In diesem Jahr seien es zwei Lieferungen mit jeweils 7 bis 10 Tonnen gewesen. "Wir waren sehr überrascht", sagte der Großhändler enttäuscht. Wenn das für den Donnerstag erwartete Laborergebnis feststelle, dass das Fleisch in Ordnung sei, werde es selbstverständlich weiter verkauft. Die Firma wirbt im Internet mit dem Satz: "Ihr Partner — wenn es um Qualität geht." Sie beliefert Döner- Produktionsfirmen und Großküchen wie Firmenkantinen, Kliniken und Schulen sowie den Handel. [Kommentar] [mehr]



Es stinkt in diesem System

Der Fleischskandal und die Folgen

Aus:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Essen, 6. November 2005, Seite 1 (Leitartikel). [Original]

ESSEN (ots). Es ist widerlich und ekelhaft. Nach 3 Lebensmittelskandalen binnen weniger Wochen wühlen wir nun wieder im Abfall, um nachzuforschen, wie oder ob vergammeltes, verdorbenes, nicht für den Verzehr bestimmtes Fleisch auf den Teller des Verbrauchers gelangt ist. Unerträglich ist die Vorstellung, dass mit dem, was eigentlich Abfall war, noch Geld verdient wurde. Ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Menschen. Doch viel unerträglicher ist, dass es diesen Kriminellen leicht gemacht wird.

Was ist das für eine Zeit, in der wir ein Jahresgehalt für ein Auto ausgeben, weil es Crash-Tests mit Bravour besteht, weil es eine Handvoll Airbags und sonstige super Sicherheits-Ausstattung hat – doch in der wir uns buchstäblich einen Dreck darum kümmern, wie sicher unsere Nahrungsmittel sind? Denn das ist doch die Lehre aus BSE, Nitrofen, Dioxin und anderen Vorfällen: Der eigentliche Skandal ist, dass wir im Umgang mit Lebensmitteln dulden, dass Manipulationen leicht und Verbraucher ahnungslos sind.

Es stinkt gewaltig in diesem System von Kontrollen, das Vertrauen schaffen soll, jedoch vom Zufall lebt und auf die Selbstverpflichtung der Unternehmen hofft. Die Lebensmittelüberwachung ist Ländersache, was dazu geführt hat, dass in den Gemeinden und Kreisen chronisch unterbesetzte, klamme Behörden einem international operierenden Industriezweig gegenüberstehen. Wer Sicherheit will, muss sich landes- oder bundesweit handelnde staatliche Überwachungsbehörden leisten. Wenn das Risiko, erwischt zu werden, so lächerlich gering ist wie das Bußgeld, wird dem Missbrauch die Tür geöffnet.

Noch ein wirkungsvolles Instrument gibt es: das Recht des Verbrauchers auf Information. Es mag ja stimmen, dass die Geiz-ist-geil- Mentalität den Druck erhöht, möglichst billig zu produzieren. Doch wer nun sagt, dass Schnäppchenjäger selbst schuld an der ekeligen Resteverwertung sind, dann ist das eine Verhöhnung des Verbrauchers. Denn er ist ahnungslos, machtlos.

Wie klein er ist, zeigt sich in diesen Tagen. Wenn sich Ministerien aus Furcht vor Schadenersatzklagen weigern, Namen von betroffenen Firmen und Produkten zu nennen, dann heißt das doch: Das Recht des Verbrauchers auf unverdorbene Lebensmittel ist weniger wert. Diese Vorstellung ist wie umetikettiertes Fleisch: widerlich [Ed: und Schuld daran hat nur die CDU und CSU, die am 31.5.2002 das von der Bundesregierung erarbeitete Verbraucherinformationsgesetz auf Geheiß der Lebensmittel-Lobby verhinderten – zum Nachteil aller Verbraucher].



K N O R P E L   U N D   G E D Ä R M

Briten sollen sich vor Burgern ekeln

Um die Gesundheit der britischen Jugend sorgt sich die British Heart Foundation. Nun hat die Organisation eine Kampagne gestartet, die dem einen oder anderen den Magen umdrehen wird: Die Plakate zeigen drastisch, was wirklich in Burgern und Hot Dogs steckt.

Aus:
Spiegel Online – 7. November 2005, 15.40 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

LONDON. Die Bilder sind schlicht ekelerregend: glitschiges Fleisch, fettiges Gekröse, Knorpel und Gedärme. Die Wohltätigkeitsorganisation British Heart Foundation will schockieren – um der Gesundheit willen. Überall in Großbritannien sollen Plakate mit Burgern, Hotdogs und Chicken Nuggets aufgehängt werden, die das zeigen, was im Formfleisch wirklich drinsteckt – zumindest manchmal.

"Food4Thought" heißt die Kampagne, und sie wurde angeblich inspiriert durch eine Umfrage, derzufolge 36 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 8 und 14 Jahren nicht wussten, dass Pommes Frites aus Kartoffeln gemacht werden. Mit der Unterstützung einiger Prominenter soll die Kampagne dafür sorgen, dass weniger ungesundes Essen und ungesunde Getränke verkauft werden. Schlechte Ernährung gilt als eine der Hauptursachen für zahlreiche Krankheiten, etwa Herz-Kreislauf-Probleme und Diabetes.

Wie überall in der westlichen Welt ist auch in Großbritannien Übergewicht unter Kindern und Jugendlichen ein wachsendes Problem. Bei der British Heart Foundation glaubt man, das liege auch an mangelnder Information. "Die Kids wissen nichts mehr über die Grundnahrungsmittel", sagte Peter Hollins, der Generaldirektor der Organisation, der BBC. "Sie verstehen gar nicht mehr, was sie da essen." 37 Prozent der befragten Kinder wussten beispielsweise nicht, dass Käse hauptsächlich aus Milch besteht.

Die scheußlichen Bilder von dem, was laut der vorsichtig formulierten Bildunterschrift "die Rohzutaten einiger Burger, die in Großbritannien verkauft werden, vor der Verarbeitung" darstellt, werden auf Plakatwänden nur mit einem dicken "Zensiert"- Balken zu sehen sein. Auf der Webseite von Food4Thought wird jedoch auch die unzensierte Ekelhaftigkeit präsentiert. Flankiert wird die Parade der Scheußlichkeiten mit politischer Lobbyarbeit – Premierminister Tony Blair soll eine "political Pizza" serviert werden – und einem Informationsprogramm für Kinder und Jugendliche.



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