Nahrungsprobleme in den Medien – Teil 21 khd
Stand:  30.7.2013   (26. Ed.) S –  File: Food/in_M/edia_21.html


Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Artikel und andere Texte zum Thema "Nahrung" (food) gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert. Manches ist auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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B I O - B E T R U G

Über Italien lacht die Sonne, über "Bio" der Exporteur

Italien ist berühmt für seine Küche, seine Lebensmittel, namentlich das Olivenöl und neuerdings auch für BIO-Produkte. Es ist einer unserer wichtigsten Lieferanten von BIO-Lebensmitteln. Mit diesem Image lässt sich viel Geld verdienen. Udo Pollmer ist wieder einmal dem schönen Schein auf der Spur.

Aus:
DeutschlandRadio Kultur, Berlin, 8. Januar 2012, 11.54 Uhr MEZ (Wissenschaft) von UDO POLLMER. [Original] [MP3-Audio]

I talienisches Olivenöl ist bekanntlich gesund – ach was, es ist nur gepanscht. Derzeit wird Italien von einem Ölskandal erschüttert. Demnach sollen stolze 80 Prozent des italienischen Olivenöls gar nicht echt sein – sondern nur Importware, minderwertiges Billigstöl aus anderen Ländern, das dann durch allerlei Panschereien auf "italienisches Olivenöl" umgearbeitet wird. Das fertige Öl gelangt schließlich zum 10- bis 20-fachen Preis in den Handel, möglichst als erste Pressung. Und was ist mit den restlichen 20 Prozent, sind die wenigstens echt? Das wüsste ich auch gerne, allein mir fehlt der Glaube.

Natürlich haben die italienischen Verbraucher mehr Ahnung von Olivenöl als die deutschen, so dass man sie nicht so leicht aufs Kreuz legen kann. Die deutschen Kunden kaufen ihr Öl in dem Glauben, sie könnten damit ihr Herz pflegen. Die Italiener sehen das anders. Sie konsumieren Olivenöl aus dem gleichen Grund, wie wir unsere Butter: In Italien gedeihen eben Olivenbäume und keine Weidegründe für Kühe. Aber seit die Olive als "gesund" gilt, ist Panschen ein lukratives Geschäft.

Das Geheimnis, warum die Mittelmeerkost so vorteilhaft ist, liegt in der Statistik. Die Lebenserwartung eines Landes hängt naturgemäß vom Rentenbetrug ab. Je später Sterbefälle aktenkundig werden, desto länger wird die Rente bezahlt. Diese Daten korrelieren dann Ernährungsmediziner mit Olivenöletiketten oder Schätzungen des Tintenfischverzehrs. Dass die Menschen auf Kreta angeblich älter werden als die in Süditalien, liegt natürlich nicht an ihrer Ernährung oder den Aktivitäten der Mafia, sondern nährt den Verdacht, dass Rentenbetrug dort einfach besser funktioniert als auf Sizilien.

Süditalien ist auch der Ausgangspunkt eines weiteren aktuellen Lebensmittelskandals. Kurz vor Weihnachten flog ein Syndikat auf, das nach Angaben der Behörden 700.000 Tonnen konventionelle Produkte in Bioware umdeklariert und etwas teurer weiterverkauft hatte. Die Guardia di Finanza verhaftete sieben Verdächtige, darunter auch den Chef der größten Zertifizierungsstelle. Der italienische Bioverband Federbio will jetzt herausgefunden haben, dass es nur 17.000 Tonnen gewesen sein sollen. Da hat sich die Polizei wohl geirrt. Kurz zuvor hatte der gleiche Verband beklagt, dass die Betrügereien schon lange bekannt gewesen seien, aber Berlusconis Landwirtschaftsminister hätte die Täter gewähren lassen. Die Ökoszene wäscht ihre Hände wieder in Unschuld.

Dort, wo massenhaft Bio für den Export produziert wird wie beispielsweise in China, berichten die Medien ganz offen, dass dort die Zertifikate an Exporteure gegen Schmiergeld verkauft werden. Auch in Italien wird unverblümt ausgesprochen, was jeder weiß: Der Biosektor genießt schon lange das Wohlwollen der Mafia. Heute ist Italien ein echter Global Player in Sachen Bio. In Deutschland wird versucht, den Vorfall herunterzuspielen. Dass die italienischen Behörden auch die rumänische Niederlassung einer deutschen Kontrollstelle im Visier haben, ist bei uns kein Thema.

Das ist beileibe nicht der erste Skandal, der in Italien seinen Ausgang nahm. Denn dort liegt ein Zentrum des europäischen Bioanbaus. Bereits vor drei Jahren war ein international organisierter Betrug mit italienischem Bio-Getreide aufgeflogen, österreichische Händler dienten als Verschiebebahnhof und die deutsche Gemeinde der Gläubigen zahlte brav. Doch gegen das Syndikat konnten die Kontrollstellen damals leider, leider nichts ausrichten - ich zitiere aus der Öko-Presse: "Trotz eindeutiger Rückstandsfunde konnte der Lieferant über ein knappes Dreivierteljahr weiter liefern..." Dann machte er einfach seinen Laden zu und einen neuen auf: "Nun besteht der Verdacht, dass die angebliche Bio-Vermarktung über ein Nachfolgeunternehmen fortgeführt wird." Über Italien lacht die Sonne, über die Kunden der Exporteur. Mahlzeit!

Literatur dazu:
  • Berizzi P: La mafia dell'olio. La Repubblica vom 20. & 22. 12. 2011.
  • Comando Provinciale Guardia di Finanza di Verona: Operzione "Gatto con gli Stivali" la Guardia di Finanza di Verona scopere una gigantesca frode alimentare (e fiscale) nel settore dell'agricoltura "biologica". Comunicato stampa 6.12.2011.
  • Anon: Sul mercato 700mila tonnellate di falsi cibi bio maxioperazione della Finanza: sette arresti. La Repubblica 6.12.2011.
  • Sauer U, Liebrich S: Biobetrug – eine italienische Affäre. Süddeutsche Zeitung 14.12.2011.
  • Neuendorff J: Bio – mit Sicherheit! Ökologie & Landbau 2009; H.151: 41–43.
  • Dahm KH: Italien hat bei Bioprodukten die Nase vorn. Germany Trade & Invest 8. Juli 2011.
  • Moritz HJ: EU-Mittel für die Mafia. Focus 2011, Heft 14.


F O O D - C R I M E

Vom Stall ins Krankenhaus

Wie gefährlich sind Antibiotika im Hühnerfleisch?

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 11. Januar 2012, Seite 6 (Meinung) von ALEXANDER S. KEKULÉ. Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. [Original]

N euerdings gibt es im Fernsehen, neben dem schon penetranten Geköchel und Gebrutzel, auch Gourmet-Tipps besonderer Art: Infektionsverdächtige Lebensmittel, so warnt das Verbraucherschutzministerium seit der Ehec-Epidemie, sollen mindestens auf 70 Grad erhitzt werden. Für Fleisch verwendete Küchenutensilien dürfen nicht mit rohen Speisen in Kontakt kommen. Die Hände sind nach jedem Arbeitsgang mit Seife zu waschen. Nur die in OP-Sälen üblichen Latexhandschuhe und Gesichtsmasken werden, derzeit, für die Küche noch nicht empfohlen.

Anlass für den erneuten Bakterienalarm an Deutschlands Herden sind multiresistente Keime auf Hühnerfleisch. Im November hatten Studien aus Nordrhein- Westfalen und Niedersachsen für Aufsehen gesorgt, wonach über 96 Prozent aller Masthähnchen mindestens einmal in ihrem kurzen Leben Antibiotika bekommen. Diese Woche legte die Umweltorganisation BUND eine Untersuchung von Hähnchenfleisch aus deutschen Supermärkten nach: Elf von 20 Proben enthielten multiresistente Bakterien der gefürchteten Typen MRSA oder ESBL.

Der stereotype Aufruf zu mehr Küchenhygiene geht jedoch an der Sache vorbei. Von Lebensmitteln übertragene MRSA- und ESBL- Bakterien führen, im Gegensatz zu Durchfallerregern wie Ehec oder Salmonellen, nur extrem selten zu Erkrankungen. Denkbar wäre zum Beispiel die Infektion einer Schnittwunde durch MRSA — solche Lokalinfektionen sind aber fast immer problemlos heilbar. Zur Gefahr werden die multiresistenten Keime erst, wenn symptomlose Überträger sie an Menschen mit schwachem Immunsystem weitergeben. Auf Frühgeborenen-Intensivstationen etwa wird eine Zunahme tödlicher ESBL-Infektionen beobachtet. Fachleute vermuten, dass diese gegen viele Antibiotika unempfindlichen Bakterien aus der Landwirtschaft stammen. Sie werden primär über Tierkontakte und Mitarbeiter der Nutztierhaltung und Fleischverarbeitung auf die Bevölkerung übertragen — durch Küchenhygiene ist das nicht zu verhindern.

Antibiotika wurden früher in großem Stil in der Tiermast eingesetzt, weil sie – gewissermaßen als Nebenwirkung – auch das Wachstum fördern. Seit 2006 ist dieses Wachstumsdoping in der EU verboten. Doch dürfen ganze Herden „metaphylaktisch“ behandelt werden, wenn ein einzelnes Tier erkrankt ist. Aufgrund dieser Ausnahmeregelung bekommen deutsche Masthähnchen durchschnittlich an 7 ihrer 38 Lebenstage drei verschiedene Antibiotika. Schweine werden durchschnittlich 5,9-mal, Rinder 2,3-mal behandelt. Da der Tierarzt die Medikamente selbst verkaufen darf, verdient er kräftig mit. Ganz offensichtlich dient die „Metaphylaxe“ als Vorwand, weiter Wachstumsdoping zu betreiben. Da wäre es eigentlich naheliegend, Antibiotika in der Tiermast nur noch bei strenger Indikation zuzulassen und die Abgabe staatlich zu kontrollieren. Die Verbraucherschutzministerin ist jedoch auch für die Landwirtschaft zuständig. Und der Deutsche Bauernverband wehrt sich, gemeinsam mit dem Bundesverband Praktizierender Tierärzte, gegen eine Einschränkung der „Behandlungsmöglichkeiten erkrankter Tiere“ und behauptet, die bereits obligatorischen „Rückstandskontrollen“ auf Tierarzneimittel würden belegen, dass die gesetzlichen Vorschriften eingehalten werden.

Doch die Rückstandskontrollen überprüfen nur, ob die vorgeschriebenen Wartezeiten zwischen Arzneimittelgabe und Schlachtung eingehalten wurden. Auf Bakterien wird gar nicht untersucht, mit gutem Grund: Nach einer Antibiotikabehandlung werden resistente Keime monate- bis jahrelang ausgeschieden, bei gedopten Masttieren wären sie deshalb fast immer nachweisbar.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich resistente Keime aus der Nutztierhaltung in der Umwelt lange halten und sogar weiterentwickeln können. Zudem bewirken bereits Antibiotikakonzentrationen, die weit unter den bei Rückstandskontrollen zulässigen Höchstmengen liegen, eine Selektion resistenter Bakterien in der Umwelt. Solange die industrielle Tierhaltung den Antibiotikaeinsatz nicht drastisch verringert, werden tödliche Keime in den Krankenhäusern weiter zunehmen.



M I L D E S   U R T E I L   N A C H   5   J A H R E N

Zwei Jahre Haft auf Bewährung für Gammelfleisch-Händler

Im Jahr 2006 wurde verdorbenes Putenfleisch auf dem Großmarkt gefunden / Drei Verantwortliche sind nun verurteilt — und äußerten kein Bedauern / [Ed: Vorher unbedingt lesen: „Die Döner-Mafia“ (STERN – 37/2007)]

Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 19. Januar 2012, Seite 14 (Berlin). [Original]

BERLIN (Tsp). Mehr als fünf Jahre vergingen bis zum Urteil im Berliner Gammelfleisch-Skandal: Drei damalige Kaufleute sind am Mittwoch [18.1.2012] zu je zwei Jahren Haft auf Bewährung wegen Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz verurteilt worden. 70 Tonnen verdorbenes Putenfleisch lagerten in der Firma der Angeklagten. Ein Teil der Ware war mit Salmonellen infiziert und gesundheitsschädlich, ein anderer Teil des stinkenden Fundes wurde als wertgemindert eingestuft. "Sie haben eine Vielzahl von Menschen in Gefahr gebracht", hielt das Gericht den Männern vor.

Die Welle von Fleischskandalen in Deutschland hatte Berlin im September 2006 erreicht. Eine Firma mit Sitz auf dem Großmarkt an der Beusselstraße war dafür verantwortlich.

Die GmbH, registriert als Obst- und Gemüsehandel, war für ein lukrativ wirkendes Geschäft auf Putenfleisch aus Italien umgestiegen [Ed: Der STERN berichtete 2007 ausführlich auch über dieses Vorspiel zu einem noch viel größeren Skandal]. Die Chefs ließen 320 Tonnen anliefern. Davon fanden Kontrolleure des Lebensmittelamtes Mitte noch 103 Tonnen vor. Im Skandal dann ein weiterer Skandal: Es vergingen fast zwei Monate, bis die Öffentlichkeit von dem Fund erfuhr. Es sei leider zu einer Informationspanne gekommen, hieß es später. Eine Mitarbeiterin habe den Vorgang nicht an die damalige Gesundheitssenatorin weitergeleitet.

Die drei türkischen Familienväter, die nun auf der Anklagebank saßen, standen schnell als mutmaßliche Ekelfleisch-Täter fest. Die Staatsanwaltschaft erhob im April 2008 Anklage, dann lagen die Akten bei Gericht. Ein erster Prozessanlauf platzte im Sommer 2011. Jetzt nahmen die einstigen Fleischimporteure ein Angebot der Justiz an: Bewährung bei Geständnis. Die Angeklagten, 41 bis 51 Jahre alt, hielten es so kurz wie möglich: "Die Vorwürfe treffen zu." Nichts sagten sie zu den konkreten Geschäften oder Gewinnen, kein Wort des Bedauerns kam.

"Sie haben sich zusammengetan, um möglichst schnell zu Geld zu kommen", stand für den Richter fest. Unter dem Mantel der Firma auf dem Großmarkt in Moabit sei das Putenfleisch beschafft worden, um es an Dönerproduzenten zu verkaufen. Um lebensmittelrechtliche Belange hätten sich Mitat Ö., Nogman K. und Ali K. nicht besonders gekümmert. Das Gericht hielt ihnen jedoch zugute, dass es keinerlei Hinweise auf Erkrankungen aufgrund verzehrten Putenfleisches aus ihren Geschäften gab [Ed: hm, und warum war damals In Berlin die Zahl der Salmonellen-Erkrankungen stark angestiegen?].

Zwei der Männer sind seit langem arbeitslos, der dritte ist als Bürokaufmann tätig. Sie hatten es eilig nach dem Gammelfleisch-Prozess, dessen Kosten sie tragen müssen. "Es war ein Ausflug in den Fleischbetrieb, der für keine Seite erfreulich war", sagte ein Anwalt.



S C H U L E S S E N   V E R S E U C H T

Noroviren sind überall

Der Skandal um eingefrorene Erdbeeren zeigt: Nicht chinesische Exporteure, sondern Großcaterer müssen besser überwacht werden. Warum? Die Einzelheiten sind unappetitlich.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 10. Oktober 2012, Seite 6 (Meinung) von ALEXANDER S. KEKULÉ. Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. [Original]

S eit gestern ist es amtlich: Die Brechdurchfall-Epidemie wurde durch Erdbeeren aus China verursacht, die mit Noroviren verseucht waren. Betroffen waren nicht weniger als 506 Schulen und Kindertagesstätten in Ostdeutschland, die von dem Catering-Unternehmen Sodexo aus dem hessischen Rüsselsheim beliefert worden waren. Mit über 11.200 Erkrankten ist es der mit Abstand größte lebensmittelbedingte Krankheitsausbruch der deutschen Geschichte.

Jetzt fragen entsetzte Eltern, warum ihre Kinder Tiefkühlware aus einem fernen Land mit fragwürdigen Hygienestandards essen müssen, während bei uns die Bäume mit reifen Äpfeln und Pflaumen vollhängen.

Kita-Betreiber beteuern, für 2,50 Euro sei nichts Besseres zu bekommen. Sodexo will alle Vorschriften beachtet haben und verweist darauf, dass auch andere Caterer Billigware aus China beziehen. Die chinesischen Behörden bestreiten jeden Zusammenhang zwischen den exportierten Erdbeeren und dem Krankheitsausbruch.

Bislang wurde das Norovirus, gemäß Information des Robert-Koch-Instituts (RKI), in einer Charge tiefgekühlter Erdbeeren aus den Sodexo-Beständen nachgewiesen. Epidemiologische Untersuchungen hätten ergeben, dass alle betroffenen Einrichtungen mit dieser Charge beliefert worden sind. Sofern Sodexo die importierten Erdbeeren nicht zwischendurch aufgetaut hat (was gegen die Vorschriften wäre), dürfte die Quelle der Verunreinigung also in China liegen.

Die Einzelheiten sind unappetitlich: Da Noroviren nur den Menschen befallen und mit dem Stuhl ausgeschieden werden, müssen menschliche Fäkalien in die Erdbeeren gelangt sein. Wenn tatsächlich nur eine Charge verunreinigt war, ist dies wahrscheinlich nicht auf dem Feld, sondern im Verarbeitungsprozess passiert.

Trotzdem ist der Schluss, die billige Importware sei an dem Ausbruch schuld, zu kurz gegriffen. Norovirus-Ausbrüche kommen in den besten Küchen vor, auf Kreuzfahrtschiffen der Luxusklasse und in Feinschmeckerlokalen der Starköche. Weil sich die Erreger auf Lebensmitteln lange halten und bereits in winziger Menge Infektionen auslösen, ist garantiert Norovirus-freie Frischware nicht zu bekommen – auch eine Ladung polnischer oder deutscher Erdbeeren hätte verunreinigt sein können.

Alle landwirtschaftlichen Produkte mikrobiologisch zu überwachen, ist technisch (bislang) unmöglich. Die Zahl der infrage kommenden Erreger ist für eine prophylaktische Untersuchung zu groß und selbst für die üblichen Verdächtigen, wie Noroviren, Salmonellen und Ehec, gibt es keine zuverlässigen Schnelltests. Deshalb muss die Lebensmittelsicherheit hierzulande bei der Überwachung der industriellen Caterer und der Bekämpfung von Ausbrüchen ansetzen – und hier gibt es noch viel zu tun, wie das Norovirus gerade vorführte.

Am 20. September brach das Virus in 4 sächsischen Einrichtungen aus. Als das RKI, eine ganze Woche später, endlich von dem Ausbruch erfuhr, waren bereits über 75 Schulen und Kitas betroffen – trotz der nach der Ehec-Epidemie versprochenen Beschleunigung der Meldungen. Am 3. Oktober verkündete das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, alle Lebensmittel, die vor und während des Ausbruchs von der Catering-Firma verwendet wurden, seien „gesperrt und werden nicht mehr ausgeliefert“. Sodexo hatte also weitergeliefert – und prompt kam es von 3. bis 6. Oktober zu weiteren Ausbrüchen in 11 Einrichtungen.

Dass der Erreger diesmal, im Gegensatz zur Ehec-Epidemie im vergangenen Jahr, in dem verunreinigten Lebensmittel überhaupt direkt nachgewiesen werden konnte, ist ein Glücksfall: Der Kita-Speiseplan ist übersichtlich und Kinder erinnern sich an Süßes und Rotes besonders gut. Glück war auch, dass von der Charge chinesischer Erdbeeren überhaupt noch etwas übrig war, denn Großküchen müssen eigentlich nur von Speisen aus rohen Eiern Rückstellproben aufbewahren, und auch die nur für 7 Tage.

Wie es mit weniger Glück ausgehen könnte, werden Bund und Länder demnächst in der Katastrophenschutzübung „Lükex 2013“ durchspielen: Simuliert wird ein biologischer Anschlag auf die Lebensmittelversorgung.



H I N T E R   D E N   K U L I S S E N   V O N   N E S T L É

Die Welt aus dem Blickwinkel der Konzerne

[Ed: Wie sich der Nestlé-Chef bei Verbrauchern unbeliebt macht].

Aus:
The Intelligence – Das Informations-Portal, 2. Januar 2013, xx.xx Uhr MEZ (Politik). [Original]

Nestlé WELT (kh). Ein Top-Verantwortlicher von Nestlé, dem weltgrößten Lebensmittelkonzern, war freundlich genug, einige Minuten aus der Schule zu plaudern. Im Jahr 2011 reichte sein Rang aus, um bei der Bilderberg-Konferenz in St. Moritz geladen zu sein. Seinen Aussagen zufolge muss Wasser Geld kosten und unter allen Umständen muss mehr Arbeit künstlich geschaffen werden. Die bestehende Arbeit durch reduzierte Arbeitszeit unter mehr Menschen aufzuteilen, ist für ihn ein Fehler. Dass sich die Bevölkerung Europas um gesunde und natürliche Nahrungsmittel sorgt, nennt er „Heuchelei“ [Ed: war dann aber 2013 mit seinem Konzern (Marken Buitoni + Findus) wg. mangelnder Eigenkontrollen selbst in den Pferdefleisch-Skandal verwickelt].

Peter Brabaeck, eigentlich Brabeck-Lemathe, Nachkomme der einstigen Herren von Iserlohn in Nordrhein-Westfalen, arbeitet seit 1968 für Nestlé. 1997 wurde er zum CEO (Corporate Executive Officer). Mittlerweile amtiert er als Präsident des Verwaltungsrates. In dieser Eigenschaft wurde er auch 2011 zur Bilderberger-Konferenz in St. Moritz eingeladen.

Das am Ende eingesetzte Interview wurde schon im Sommer 2012 aufgezeichnet, hat in der Zwischenzeit jedoch nichts an Aktualität eingebüßt. Es vermittelt einen soliden Einblick in die Denkweise eines Verantwortlichen der Konzern-Welt. Brabecks Äußerungen gewinnen sogar besondere Bedeutung seit dem Bekanntwerden der Pläne, die Wasserrechte innerhalb der EU durch Diktat zu privatisieren. So kritisiert er die Ansicht, dass es sich bei der Wasserversorgung um ein Grundrecht handelt, das jedem Menschen zustehen sollte. Für einen Lebensmittelkonzern handelt es sich auch bei Wasser um ein Lebensmittel – und noch dazu um eines, auf das sich auch kurzfristig nicht verzichten lässt. Dementsprechend repräsentiert Wasser, sobald es von Konzernen kontrolliert wird, einen Marktwert.

Wie Brabeck selbst erklärt, liegt die Verantwortung eines Geschäftsführers darin, die erfolgreiche Zukunft seines Unternehmens zu sichern. Dies funktioniert natürlich bestens, wenn Güter, die von der Natur frei zur Verfügung gestellt, von Konzernen zu ihrem Eigentum ernannt werden; und wenn der Gesetzgeber diesen Diebstahl dann sogar noch legalisiert. Der Bürger, der Wasser braucht, soll dafür gefälligst bezahlen.

Die notwendigen Mittel dafür erhält er als Gegenleistung für seine Arbeit. Dass moderne technische Entwicklungen den Arbeitsprozess vereinfachen, sieht Brabeck noch lange nicht als Anlass dafür, dass allgemein weniger gearbeitet werden sollte. Im Gegenteil. Er sagt wörtlich: „Wenn Sie Arbeit schaffen wollen, dann müssen Sie arbeiten. Und nicht so, wie es in der Vergangenheit gewesen ist, dass man die bestehende Arbeit verteilt.“ Zweifellos ist diese Ansicht für einen Interessenvertreter der Konzern-Welt völlig logisch. Der Konzern verdient an der Arbeitskraft seiner Mitarbeiter und er verdient am Konsum. Der Staat sichert sich gleichzeitig seinen Anteil ebenfalls doppelt. Erst besteuert er die bescheidenen Einkommen der Arbeit und dann schlägt er ein zweites Mal zu, wenn diese – nun als Konsumenten – das verdiente Geld wieder ausgeben.

Nachdem sowohl Konzerne als auch steuereintreibende Staaten daran verdienen, dass unsinnig produziert und vielfach unsinnig konsumiert wird, ist es eigentlich keineswegs verwunderlich, dass beide Instanzen in harmonischer Eintracht diesen Unsinn fördern. (Der Staat bereichert sich natürlich nicht, sondern leitet die Einnahmen weiter – bevorzugt an den Finanzsektor).

Dass nicht nur 275.000 direkte, sondern darüber hinaus auch noch 1,2 Millionen Mitarbeiter von Zulieferfirmen von Nestlé abhängig sind, ist für Nestlè begrüßenswert. Wer abhängig ist, lässt sich diktieren.

Mit innerer Leidenschaft kritisiert er das steigende Naturbewusstsein der Menschen, bezeichnet es sogar als „Heuchelei“. „Bio ist nicht das Beste“, meint er wörtlich und fährt fort: „Nach 15 Jahren Verzehr von gentechnologischen Lebensmitteln ist in den USA nicht einmal ein einziger ... nicht einmal ein Krankheitsfall aufgetreten. Und trotzdem sind wir in Europa so beunruhigt, dass uns irgendetwas passieren kann.“

Diese Behauptung, dass gentechnisch veränderte Nahrungsmittel absolut bedenkenlos seien, entstammt natürlich Studien, die von Nestlé und ähnlichen Unternehmen in Auftrag gegeben werden. Dem Bürger das Recht zuzugestehen, dass er sich selbst eine Meinung bildet, liegt zweifellos nicht im Interesse eines Konzerns. Der Bürger soll „fressen, was ihm vorgesetzt wird“ – und schließlich ist er ja auch hier „abhängig“ von dem, was in den Geschäften angeboten wird.

Unsere moderne Welt sieht er nur positiv. Ob er wirklich die Mehrheit der Bevölkerung meint, wenn er sagt: „Wir haben noch nie so gut gelebt“, und: „Wir hatten noch nie so viel Geld“, lässt sich zwar nicht ausschließen, doch das verwendete „Wir“ passt wohl eher auf seine gesellschaftliche Schicht. Er fügt sogar hinzu: „Wir haben alles, was wir wollen, und trotzdem sind wir psychologisch in einer Trauerstimmung“. Vielleicht sollte er einmal darüber nachdenken, warum.

Das Video endet mit einer überaus bezeichnenden Szene. Der Mann, der stolz auf die vielen abhängigen Mitarbeiter verweist, erklärt zum Schluss mit nicht weniger Stolz, dass moderne Fabriken „hochrobotisiert“ sind. „Fast keine Leute“, fügt er hinzu. Doch zweifellos ändert dies nichts an seiner Meinung, dass mehr gearbeitet werden muss.

[Marken des Nestlé-Konzerns]



P F E R D E F L E I S C H - S K A N D A L

„Weitreichende Verschwörung“

Inzwischen sind 16 Länder vom Pferdefleisch-Skandal betroffen / Rumänien wehrt sich gegen Vorwürfe / Länder und Firmen in Europa schieben die Verantwortung für den Betrug hin und her, während Experten die unübersichtlichen Warenströme kritisieren.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 12. Februar 2013, Seite 24 (Weltspiegel). [Original]

LONDON/PARIS (Tsp). Der Skandal um Pferdefleisch, das als Rindfleisch deklariert in die Lebensmittelkette geschmuggelt wurde, ist am Montag [11.2.2013] zu einer europaweiten Affäre geworden. Die Luxemburger Fabrik [Tavola], die möglicherweise unwissentlich ein Umschlagplatz für das Billigfleisch war, lieferte nach Angaben des britischen Umweltministers Owen Paterson in 16 europäische Länder aus. Der Minister, der das Londoner Unterhaus unterrichtete, sprach von einer „weitreichenden kriminellen Verschwörung“ und forderte das europäische Betrugsamt OLAF zu Ermittlungen auf. „Jemand hat da etwas orchestriert“, sagte Paterson.

Er hoffe, dass eine Flut von Prozessen die Kriminellen „heraustreibe“, sagte Paterson weiter. Die europäische Polizeibehörde Europol und britische Beamte befassen sich bereits mit dem Skandal. Tests der britischen Lebensmittelbehörde FSA hatten ergeben, dass eine von dem Tiefkühlkonzern Findus vertriebene Fertig-Lasagne statt des auf der Packung versprochenen „100 Prozent Rindfleisch“ zu 100 Prozent Pferdefleisch enthielt.

Findus zog alle Lasagne-Packungen zurück, auch andere Rindfleischgerichte wurden in Supermärkten in Schweden und Frankreich aus den Regalen entfernt. Nun zeigt die Jagd nach den Schuldigen wieder einmal, wie komplex und vernetzt die Lebensmittelkette ist. Die Findus-Produkte wurden von dem französischen Hersteller Comigel geliefert. Comigel wiederum bezieht das Fleisch von einem französischen Unternehmen Spanghero, eine Tochter der Gruppe Poujol, und wird von rumänischen Schlachthöfen beliefert.

Als britische Regierungskreise zwei rumänische Schlachthöfe als Quelle des Pferdefleischs identifizierten, warnte Rumäniens Präsident Traian Basescu vor einem „bleibenden Imageschaden“ für sein Land. Aber in Rumänien schiebt man die Schuld auf „Komplizen“ in Frankreich. Ministerpräsident Victor Ponta sagte laut der rumänischen Nachrichtenagentur Mediafax, es fehle gerade noch, „dass unsere Produzenten an den Pranger gestellt werden, weil jemand in Frankreich die Daten über die Herkunft verändert hat“. Rumänien produziert laut der Zeitung „Daily Mail“ jährlich rund 14.000 Tonnen Pferdefleisch, hauptsächlich für den Export. Ein Verbot von Pferdefuhrwerken auf Rumäniens Straßen ließ diese Zahl noch in die Höhe schnellen. Pferdefleisch kostet nur ein Sechstel des unter den strengsten Kontrollen produzierten Rindfleischs.

Frankreichs Präsident François Hollande kündigte Sanktionen gegen möglicherweise betrügerisch arbeitende Firmen an. Inspekteure der französischen Verbraucherschutzbehörde DGCCRF nahmen am Montag [11.2.2013] mehrere betroffene Unternehmen unter die Lupe.

Umweltminister Paterson und die britische Regierung betonten am Montag [11.2.2013] erneut, dass bislang nichts auf eine Gesundheitsgefahr hindeute. Aber dies könne sich ändern, deutete er an. Wenn es Hinweise auf Gesundheitsgefahren gebe, werde Großbritannien schnell handeln und ein allgemeines Fleischimportverbot verhängen. Damit brachte er die Krise um den Rinderwahn BSE in Erinnerung. In den Neunzigerjahren wurden britische Bauern von den europäischen Absatzmärkten ausgeschlossen.

Die Behörden ordneten breit angelegte Tests der vermeintlichen Hamburger, die aus Pferdefleisch bestehen, und der Lasagnen an. Man will unter anderem wissen, ob Spuren des Wirkstoffes Phenylbutazon im Fleisch sind, ein entzündungshemmendes Mittel, das Pferden verabreicht wird.

Die Vorgeschichte des Skandals geht weit zurück. Irische Lebensmittelprüfer waren im vergangenen September durch eine falsche Etikettierung an Produkten aus Polen und eine Zunahme von Pferdeschlachtungen in Irland argwöhnisch geworden. Als ein Labortest von 27 Burger-Marken das in Irland hergestellte Markenprodukt Silvercrest als stark kontaminiert identifizierte, schlug die Behörde Alarm.

Mehr zu diesem Thema:
[18.01.2013:
Pferdefleisch im Burger]  (DER TAGESSPIEGEL)
[12.02.2013: (Noch) Keine Spur von Pferdefleisch in Deutschland]  (DER TAGESSPIEGEL)
[12.02.2013: EU-Minister beraten über Pferdefleisch-Skandal]  (EurActiv.de)
[14.02.2013: Frankreich verdächtigt heimische Firma]  (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG)
[15.02.2013: Tests sollen Klarheit im Pferdefleisch-Skandal bringen]  (REUTERS)
[16.02.2013: Die Spur führt nach Frankreich]  (DER TAGESSPIEGEL)
[16.02.2013: 144 Tonnen verdächtige Fertigprodukte in Deutschland]  (SPIEGEL-ONLINE)
[18.02.2013: Foodwatch kritisiert Aigners nationalen Aktionsplan]  (DER TAGESSPIEGEL)
[19.02.2013: Pferdefleisch-Skandal holt Nestlé ein]  (REUTERS)
[20.02.2013: Tierschützer warnten früh vor Pferdefleisch-Schwindel]  (SPIEGEL-ONLINE)
[20.02.2013: Die wichtigsten Fakten zum Pferdefleisch-Betrug]  (DIE ZEIT)




P F E R D E F L E I S C H - S K A N D A L

Foodwatch kritisiert Aigners nationalen Aktionsplan

Die Verbraucherschutzorganisation „Foodwatch“ kritisiert Ilse Aigners „nationalen Aktionsplan“ im Pferdefleischskandal und wirft ihr vor, die Verantwortlichen zu schonen.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 18. Februar 2013, 13.33 Uhr MEZ (Politik). [Original]

BERLIN (Tsp). Foodwatch wirft Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner eine folgenlose Ankündigungspolitik im Pferdefleisch-Skandal vor. „Frau Aigner schont die eigentlich Verantwortlichen und täuscht mit Scheinmaßnahmen darüber hinweg, dass sie die entscheidenden Schwachstellen nicht beseitigen will“, erklärte der stellvertretende Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation, Matthias Wolfschmidt, am Montag [17.2.2013] in Berlin. „Der Handel muss für seine Eigenmarken geradestehen und bei Täuschung oder Gesundheitsgefährdung strafrechtlich als Täter belangt werden.“ [Aktuelle Foodwatch-Aktion]

Große deutsche Handelsketten beziehen Fertigprodukte von anderen Unternehmen für ihre Eigenmarken. So hatte etwa Kaiser's Tengelmann am Freitag [15.2.2013] Lasagne der Eigenmarke „A&P“ zurückgezogen, weil in ihr entgegen den Verpackungsangaben Pferdefleisch enthalten sein kann. Kaiser's Tengelmann hatte das Nudelgericht beim französischen Hersteller Comigel in Auftrag gegeben.

Aigner hatte am Sonntag [18.2.2013] einen „nationalen Aktionsplan“ vorgestellt, der über die von der Europäischen Union beschlossenen Maßnahmen gegen den Pferdefleisch-Skandal hinausgehen soll. So sollen sich Verbraucher künftig auf einer zentralen Internet-Seite über zurückgerufene Lebensmittel informieren können. Auch dringt Aigner darauf, dass in Deutschland Lebensmittel auf mehr Zutaten hin untersucht werden sollen als dies die EU vorgesehen hat. Maßnahmen gegen den Handel sind in dem Entwurf nicht enthalten. Aigner berät derzeit ihre Vorstellungen mit ihren Ressortkollegen aus den Ländern.



F U T T E R M I T T E L - S K A N D A L

Futtermittelkontamination mit Aflatoxin B1 festgestellt

Aus:
Animal-Health-Online, 1. März 2013, xx.xx Uhr MEZ (Großtiere). [Original]

HANNOVER (aho). 3.560 Höfe in Niedersachsen sind mit Futtermitteln beliefert worden, die mit dem Schimmelpilzgift Aflatoxin B1 kontaminiert waren. Es wird u. a. von dem natürlich vorkommenden Pilz Aspergillus flavus gebildet und zeigt eine starke krebserzeugende Wirkung zeigt. Lebensmittel und Futtermittel unterliegen deshalb strikten Höchstmengenregelungen. Das Schimmelpilzgift gelangte über Mais aus Serbien in die Futtermittel. In der Lieferung Futtermais wurde eine Höchstmengenüberschreitung von Aflatoxin B1 in Höhe von bis zu 0,204 mg/kg Futtermittel (Höchstwert Futtermittel: 0,02 mg/kg) festgestellt. Hierüber informiert das Agrarministerium in Hannover.

Lagerhalle gesperrt

Die betroffene Sendung Mais, die insgesamt 45.000 Tonnen umfasste, wurde über den Hafen in Brake importiert. 10.000 t dieser Lieferung konnten in Brake gesperrt werden, 25.000t in einer Lagerhalle in Bremen wurden ebenfalls gesperrt. Ca. 10.000 t wurden jedoch an 13 Futtermittelhersteller in Niedersachsen ausgeliefert, die den Mais zur Herstellung von Mischfuttermitteln für Rinder, Schweine und Geflügel verarbeitet und an insgesamt 3.560 landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen sowie 14 landwirtschaftliche Betriebe in Nordrhein-Westfalen ausgeliefert haben.

Lebensmittelsicherheit

Die Verfütterung belasteter Futtermittel an Tiere kann zu einem Risiko für die Sicherheit der erzeugten Lebensmittel führen, so das Agrarministerium in Hannover. Nach einer ersten vorläufigen Einschätzung ist eine Belastung der Muskulatur (Fleisch) bei allen Tierarten und Nutzungsgruppen oberhalb der geltenden Höchstgrenze jedoch nicht zu erwarten. Schon geringe Höchstmengenüberschreitungen in Futtermitteln, die an Milchkühe verfüttert werden, können jedoch zu Höchstmengenüberschreitungen in der erzeugten Rohmilch führen.

Keine Höchstmengenüberschreitungen zu erwarten

Eine Gefährdung für Verbraucherinnen und Verbraucher durch aflatoxinbelastete Trinkmilch kann aufgrund des Vorgehens der Molkereien als unwahrscheinlich angenommen werden: Die Rohmilch eines Hofes wird bei der Abholung durch die Molkerei mit der Milch weiterer Milcherzeuger in einem Sammelfahrzeug eingesammelt. In der Molkerei wird die Milch aus verschiedenen Sammelfahrzeugen in Stapeltanks zur weiteren Verarbeitung zu Konsummilch, die von Verbraucherinnen und Verbrauchern erworben wird, zusammengeführt. Molkereien führen monatliche Eigenkontrolle in Bezug auf den Aflatoxingehalt der Milch in Stapeltanks durch. Eine Höchstmengenüberschreitung des Aflatoxingehaltes der Milch in Stapeltanks ist bisher nicht bekannt geworden, so das Ministerium.

Der hohe Aflatoxinwert wurde von der Molkerei Ammerland in der Milch eines Landwirtes aus dem Landkreis Leer gemessen. Der Höchstgehalt für Milch beträgt 50ng/kg oder 0,05µg/kg. Im jetzt gesperrten Milchbetrieb wurde ein Aflatoxinwert von 57ng/kg Milch gefunden. Die belastete Milch wurde entsorgt. Aflatoxine sind hitzestabil, werden also bei der Pasteurisation nicht inaktiviert. Aflatoxine gehen leicht in die Milch über.

Risikoorientierte Kontrollen

Mit Hilfe des höchsten bekannten Aflatoxingehaltes im Mais (0,204 mg/kg) wird jede Futtermittellieferung an landwirtschaftliche Betriebe unter Berücksichtigung der Einmischquote für Mais einer Risikobewertung unterzogen. Ist rechnerisch eine Höchstmengenüberschreitung im Mischfuttermittel zu erwarten, wird die zuständige Behörde für den entsprechenden Betrieb konkret ermitteln, wann das Futtermittel verfüttert worden ist.

Wurde in der zurückliegenden Woche ein belastetes Futtermittel an Milchkühe verfüttert, wird die Ablieferung der Hofmilch an Molkereien untersagt und eine Untersuchung der Milch veranlasst. Bei einem positiven Aflatoxinbefund oberhalb der Höchstmenge in der Milch, bleibt die Abgabesperre bestehen. Der Betrieb muss die Fütterung auf aflatoxinfreies Futtermittel umstellen und kann die Milchlieferung erst nach Vorliegen eines negativen Ergebnisses wieder aufnehmen.

Dieses Verfahren rechtfertigt sich aus der Erkenntnis, dass die Aflatoxinbelastung der Milch innerhalb ca. 1 Woche bei Umstellung auf aflatoxinfreies Futter unterhalb der Höchstgrenze von 0,00005 mg/ kg Milch liegt, so das Ministerium.



F O O D W A T C H   P R A N G E R T   A N

„Das ganze System ist faul“

Pferd statt Rind – Schimmelpilz im Futter – Betrug bei Bio-Eiern /
Statement von THILO BODE, Chef der unabhängigen Verbraucherorganisation
Foodwatch

Aus: foodwatch-Newsletter, Berlin, 8. März 2013, 15.39 Uhr MEZ (News).

BERLIN. Vor 10 Jahren habe ich foodwatch gegründet und seit dieser Zeit befasse ich mich intensiv mit den Missständen im Lebensmittelmarkt. Schon lange ist mir klar: Einzelne schwarze Schafe sind nicht das Problem, sondern das ganze System ist faul. Die Gesetze belohnen die Betrüger und Giftmischer, aber schützen nicht die Verbraucher!

Was in den letzten Wochen passiert ist, hat allerdings auch mir die Sprache verschlagen: Rind stand drauf und Pferd war drin. Das war nicht mehr "nur" Verbrauchertäuschung, sondern Betrug — und zwar im ganz großen Stil. Allein von November 2012 bis Januar 2013 wurden 359.722 Packungen Fertiggerichte mit einem Gewicht von 144 Tonnen nach Deutschland geliefert. Pferdefleisch in der Lasagne von Real, Metro, Kaiser's Tengelmann, Eismann, Edeka und familia Verbrauchermarkt! Ebenso in Tortellini, Cannelloni und Ravioli von Lidl, Aldi Süd, Aldi Nord, Kaufland und Nestlé.

Dann die Eier: Hunderte Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland haben systematisch die Vorschriften für die Haltung von Legehennen missachtet. Und täuschten die Verbraucher mit falscher Kennzeichnung. Konventionelle Eier wurden uns als Bio-Eier, oder "Bodenhaltung" als "Freilandhaltung" untergejubelt. Mehr als ein Jahr sahen die Behörden zu — ohne die Verbraucher zu informieren!

Und jetzt der giftige Schimmelpilz im Tierfutter: Knapp 4.500 Höfe in Niedersachsen sind damit beliefert worden. Auch hier das alte Lied: Mindestens 10.000 Tonnen des belasteten Maisfutters sind bereits verfüttert! Das ist kein Kavaliersdelikt! Das Pilzgift kann sich schließlich in der Milch wiederfinden.

Der eigentliche Skandal, liebe foodwatch-Interessierte, ist jedoch: Schon lange Zeit müssen die Unternehmen, der Handel und die Behörden Bescheid gewusst haben. Aber uns Verbraucher hat man wieder einmal für dumm verkauft. Die Politiker müssen jetzt endlich mal kapieren, dass sie für die Verbraucher da sind, und nicht die eigentlichen Täter schützen dürfen.

Ein Beispiel: Die großen Handelsketten Rewe, Kaisers, Aldi und Co. vertreiben Eigenmarken unter ihrem Namen, müssen aber kaum Strafen befürchten, wenn sie uns Pferd anstatt Rind andrehen. Vielmehr können sie auf ihre Zulieferbetriebe verweisen. Das ist ungefähr so, als wenn Mercedes nicht für defekte Bremsen einer Autoserie haften müsste, sondern der Bremsenhersteller! Das einzige Risiko für die Handelsketten: Sollte ein Verbraucher die Lasagne nicht schon verspeist haben, kann er sie umtauschen. Geld zurück, das war's.

Wir dürfen uns diese Zustände nicht mehr gefallen lassen! Wenn sich nichts ändert, dann werden wir auch weiterhin in schöner Regelmäßigkeit belogen, betrogen und vergiftet. Unterstützen Sie uns in unserem Kampf gegen die verbraucherfeindliche Gesetzgebung und werden Sie Förderer/Förderin von foodwatch!

Je mehr wir werden, umso weniger können unsere Politiker diese Stimme ignorieren! Fordern Sie mit uns: Den Handelskonzernen müssen endlich genaue Untersuchungspflichten für ihre Eigenmarken vorgeschrieben werden und sie müssen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können.

Die Strafen müssen sich am Umsatz der Unternehmen orientieren und so hoch sein, dass sie auch wirklich wehtun. Und die Behörden müssen endlich gesetzlich verpflichtet werden, im Fall von Täuschung und Betrug die Öffentlichkeit zu informieren — und zwar umgehend und umfassend. Damit wir das durchsetzen können, brauchen wir einen langen Atem und Ihre Hilfe. Unterstützen Sie uns und werden Sie Förderer/Förderin von foodwatch:

http://mailings.foodwatch.de/c/10226180/02a8b96b14433

Um wirksam die Gesetze beeinflussen zu können, müssen wir Gutachten, hochspezialisierte Anwälte und teure Gerichtsverfahren finanzieren. Deshalb brauchen wir Ihre Hilfe. Gehen Sie diese Ziele gemeinsam mit uns an. Wir Verbraucher müssen uns zusammentun, damit wir nicht weiter betrogen und hintergangen werden.



M A H L Z E I T  !

Natürlich — künstlich

Die Lebensmittelproduktion ist zu einem globalisierten, hochindustrialisierten Wirtschaftszweig geworden. Sie bietet kostenoptimierte Waren an, die nur noch entfernt an Essen erinnern. Die Verbraucher ahnen nichts.

[Ed: Oh doch, ältere Menschen wissen
noch sehr genau, wie gut die Produkte früher schmeckten, als es diesen unregulierten Industriewahn noch nicht gab. Sie wissen aber auch, daß am Ende die LM-Industrie mit ihrem Murks siegen könnte, wenn denn erst alle Geschmackserinnerungen ausgestorben sein werden – falls nicht doch noch die Politik sehr massiv eingreift].

Hinweis auf: Der Spiegel – 31/2013, 29. Juli 2013, Seite 34–43 (Deutschland). [Original suchen]




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