Kriminelle Lebensmittel-Händler – Die Döner-Mafia khd
Stand:  19.1.2012   (10. Ed.)  –  File: Food/Ex/Die_Doener-Mafia.html




Auf dieser Seite „Kriminelle Lebensmittel-Händler“ wird ein Report der Zeitschrift STERN vom September 2007 dokumentiert, der erstmals etwas Licht in die Machenschaften der Döner-Mafia bringt. Vor allem werden hier Namen genannt, die unsere famosen Politiker immer geheimhalten.

Links mit dem Symbol * zeigen auf weiterführende Informationen im Internet, die die Aussage belegen. xxx = Text folgt demnächst.



F O O D - C R I M E
Die Döner-Mafia
 

VON

G E O R G   W E D E M E Y E R


Für Tierfutter war es gerade noch gut genug, doch es landete im Döner Kebab: Gammelfleisch von italienischen Puten. Im aktuellen Ekel-Skandal führen erstmals auch Spuren zu einem europäischen Schlacht-Multi [Ed: die VION N.V.].

Aus: STERN – Nr. 37/2007, Hamburg, 6. September 2007, Seite 26–32 (Deutschland) von GEORG WEDEMEYER. Der Artikel steht inzwischen auch im Internet: [Zum Original Teil 1] [Zum Original Teil 2] [Zusammenfassung].


      Die Stinkspur setzt ein in den Abruzzen. Dort hatte im Frühjahr 2006 eine Firma mit dem schönen Namen "L'Altra Carne" ("Das andere Fleisch") eine billige Quelle für Putenfleischreste aufgetan. Die Italiener wussten zwei Dinge: erstens, dass sich altes Putenfleisch bestens unter Döner Kebab mischen lässt, und zweitens, dass Berlin die Döner-Hauptstadt Europas ist. Von mehr als 1200 Imbissen und Restaurants werden dort täglich rund 50 Tonnen Döner unters Volk gebracht. Rein rechnerisch isst jeder Berliner zwischen 12 und 65 Jahren jede Woche ein solches Drehspieß- Fleisch-Brot, der Durchschnittsdeutsche nur alle vier Monate. Also kam das alte italienische Putenfleisch nach Berlin.

      Importeur in Berlin war die Firma Expim GmbH. Eine winzige Klitsche in Halle 101, Büro 279 des Berliner Großmarktes an der Beusselstraße. Eigentlich war Expim ein Obst- und Früchtehandel, aber für das italienische Fleischgeschäft stieg man eben um. Von Mai bis September 2006 lieferte L'Altra Carne an Expim rund 300 Tonnen ranzige Fleischlappen, mit denen Expim zu Spottpreisen den Berliner Dönermarkt aufmischte. Die Konkurrenz wurde sauer, und nach Tipps und Hinweisen auf das steinalte Zeugs handelte die Polizei. Am 21. September 2006 wurden bei Expim 95 Tonnen beschlagnahmt.

      Das hätte das Ende dieser Geschichte sein können. War es aber nicht, im Gegenteil. Der Expim-Betrug ist nur das Vorspiel zum
aktuellen Skandal, der die bisherigen in den Schatten stellen könnte. [Ed-19.1.2012: Und dieses kriminelle „Vorspiel“ der Expim-Gammelfleisch-Händler wurde erst 5 Jahre später im Januar 2012 strafrechtlich geahndet...].

      Ende August [2007] entdeckten Veterinäre knapp 12 Tonnen uralten Fleisches bei der Firma Wertfleisch im bayerischen Wertingen — und stießen damit auf einen Betrieb, der mindestens über Monate systematisch Gammelfleisch zu Lebensmittelfleisch umetikettiert hat. Gammelfleisch, das — wie sich nun herausstellt — auch aus dem Berliner Expim-Skandal stammt.

Die Stinkspur geht weiter

      Der ist bislang nicht zu Ende ermittelt. So kam heraus, dass Expim in 6 Monaten 4 verschiedene Geschäftsführer gehabt hatte. Der letzte wohnte in einem Obdachlosenheim und hatte lediglich von Expims Hintermännern für seinen Namen und ein paar Unterschriften 160 Euro erhalten. Chemische Untersuchungen zeigten zudem, dass ein Großteil des Fleisches salmonellenverseucht war und sich tatsächlich die Zahl der Salmonellenerkrankungen in Berlin kurzzeitig verdreifacht hatte.

      Die Stinkspur geht weiter.

      Der Weg des Ekel-Fleisches 2006/07
^   Der Weg des Ekel-Fleisches führte von Berlin nach Berlin. Eine verkleinerte, nachbearbeite Grafik aus dem „Stern“ vom 6.9.2007. Gespannt sind Verbraucher auf die Ausreden des sowieso bei ihnen wenig beliebten Konzerns VION, denn dieser hat die Lebensmittel-Vielfalt plattgemacht — auch geschmacklich. [Vergrößern]   (Repro: 8.9.2007 – pep)

      Die Firma Expim ging pleite, das potenzielle Hundefutter wanderte in die Konkursmasse. Nach langen Probenahmen wurde im Frühjahr 2007 ein großer Teil des beschlagnahmten Putenbergs von den Behörden wieder freigegeben, aber nur als Schlachtabfall: sogenanntes K3- Material, das nur tauglich für Tierfutter ist, aber nicht für den menschlichen Verzehr. Über einen weiteren Früchtehandel und eine Insolvenzversteigerung landete das Fleisch am 26. März 2007 für den geschätzten Preis von 10 Cent pro Kilo bei einer englischen Firma mit dem ebenfalls schönen Namen "Meat and More" (Fleisch und mehr), die sich mittlerweile Interfleisch-Berlin nennt. Auch sie hat ihr Büro im Großmarkt Berlin- Beusselstraße.

      Im Laufe des Juli verkaufte die Interfleisch die K3-Hundefutter-Putenlappen für 30 Cent das Kilo an die Firma Sonac in Schleswig-Holstein. Am 12. Juli 2007 ging eine Lieferung über 20.351 Kilo auf 30 Paletten mit der Amtstierärztlichen Bescheinigung Nr. DE -010511-193 des Bezirksamtes "Mitte von Berlin" auf einem Kühllastwagen mit dem Kennzeichen NF-KC 165 von Berlin nach Bad Bramstedt. Alles hatte seine Ordnung, dies war ein eindeutig legales Geschäft, denn Sonac ist ein amtlich zugelassener Spezialverwerter für K3-Schlachtabfälle. Auch hier hätte also wieder Schluss sein können mit dieser Geschichte. Aber von wegen.

      Der relativ hohe Preis von 30 Cent pro Kilo, den Sonac an die Interfleisch gezahlt hat, macht die Ermittler nun stutzig. Normalerweise kaufen K3-Betriebe ihr Material für 10 bis 15 Cent pro Kilo ein. Merkwürdig auch, dass die Firma Sonac das Fleisch sofort weiterverkaufte an die viel kleinere K3-Firma Madigro im belgischen Brügge.

Die Belgier waren bloßer Zwischenhändler

      Das Stinkematerial ging aber nur den Papieren nach in Richtung Belgien, um von dort nach Bayern verkauft zu werden. Tatsächlich fuhr 4 Tage später, am 16. Juli, derselbe Lastwagen mit dem Kennzeichen NF-KC 165 dieselben Paletten von Bad Bramstedt zu Wertfleisch, einem Lebensmittelbetrieb in Wertingen, nördlich von Augsburg. Die Belgier waren bloßer Zwischenhändler, sodass die Sonac nicht direkt etwas mit der illegalen Abfall-Lieferung an den Lebensmittelbetrieb zu tun hatte.

      Dort arbeitet der 56-jährige Wolfgang Lermer, ein Fleischhändler, der den Behörden schon länger wohlbekannt ist. Boxen scheint er zu können, jedenfalls hat er in den 90er Jahren einen Amtskontrolleur mit einem Kinnhaken niedergestreckt. Das hat aber nicht verhindern können, dass er anschließend wegen Subventionsbetrugs zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

      Mehrfach klappten die Lieferungen von Sonac an Lermers Wertfleisch reibungslos. Immer kamen die Lkw nachts, und Wolfgang Lermer entfernte als Erstes die Frachtaufkleber mit der Aufschrift "Material der Kategorie 3": "Nicht zum menschlichen Verzehr". Auch die Fuhre vom 16. Juli wechselte so für rund 50 Cent je Kilo den Besitzer. Das Frachtkleber-Abreißen verdoppelte den Wert der Gammelware, denn anschließend verkaufte Lermer sie für rund einen Euro je Kilo an Dönerfabrikanten. Nur am 23. August ging die Sache durch einen blöden Zufall schief.

      Da stand der Lkw mit dem Kennzeichen NF-KC 165 nicht zur Verfügung, und Sonac musste die Ladung ausschreiben. Eine Spedition aus Esslingen griff zu. Deren Fahrer Miroslav Strecker hatte gerade Melonen von Spanien nach Schleswig- Holstein gefahren, da kam die Rückfracht nach Süddeutschland gerade recht. Im Sonac- Auftrag packte Strecker noch verdorbenes Rindfleisch von der Firma Nordfrost in Kaltenkirchen zum Puten-Gammel dazu, und ab ging's nach Wertingen.

"Passion for better food"

      Dort nahm Wolfgang Lermer den 49- Jährigen in Empfang und dirigierte ihn in die hinterste Ecke, "damit keiner sieht, was ausgeladen wird". Dann habe Lermer, so erzählt Strecker, "die K3-Aufkleber eigenhändig abgerissen, zusammengeknüllt und in die Hosentasche gesteckt". Weil aber außen auf dem Firmenschild "Wurst- und Fleischfabrik" steht, und Miroslav Strecker eins und eins zusammenzählte, alarmierte er noch auf der Heimfahrt die Polizei.

      Was die Behörden nun am allermeisten stutzig macht, ist, dass die Firma Sonac nicht irgendwer ist, sondern Marktführer in der Schlachtabfall-Branche und eine Tochterfirma der Vion.

Vion? Nie gehört?

      Vion-Produkte hat man nahezu täglich auf dem Tisch, denn die niederländische Firma "Vion N.V." ist der größte Fleischverarbeiter in Europa. In den vergangenen Jahren hat das holländische Unternehmen in Deutschland viele in der Fleischbranche geschluckt. Die Nordfleisch, die Südfleisch, Moksel, Lutz, Artland — heute alles Vion. Ein paar Zahlen: über 10 Millionen Schweineschlachtungen jährlich, 7,4 Milliarden Euro Umsatz, Gewinnsteigerung voriges Jahr 29 Prozent. Wahlspruch: "Passion for better food", Leidenschaft für besseres Essen.

      Wegen Vion haben die vagabundierenden italienisch-berlinerisch-englisch-niederländisch- belgisch-bayerischen Putenfleisch- Hundefutter-Dönerlappen Politik und Ermittler gründlich alarmiert. Kann es sein, dass die Stinkspur über Sonac zum allergrößten Fleischmulti führt?

      Motivation genug gäbe es, behauptet die deutsche Verbraucherschutzorganisation foodwatch, denn die Sache sei einträglich. Laut Vion-Geschäftsbericht ist die Umsatzrendite bei Firmenteilen wie Sonac, die sich um Schlachtnebenprodukte/ Schlachtabfälle kümmern, achtmal so hoch wie im Sektor Frischfleisch. Ernährungsminister Horst Seehofer (CSU) jedenfalls raunt nun erstmals öffentlich von "europäischen Dimensionen" und "großer krimineller Energie". Beim ersten K3-Fleischskandal hatte er noch an die Verfehlungen einiger schwarzer Schafe geglaubt.

"Wir wollten nicht, dass aus dem K3-Material wieder Lebensmittel werden"

      Sonac und Vion weisen derartige Verdächtigungen zurück. Hans Voß von Sonac, der auch für Vion spricht, sagt: "Wir wollten nicht, dass aus dem K3-Material wieder Lebensmittel werden." Wolfgang Lermer von Wertfleisch gibt an, ganz auf eigene Faust gehandelt zu haben. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Memmingen hat inzwischen herausgefunden, dass er über das Putenfleisch hinaus bis zu 160 Tonnen Ekelfleisch an vier Berliner Dönerfabrikanten verkauft hat. Genau dokumentiert sind bisher allerdings nur 19 Lieferungen mit insgesamt 49 Tonnen. Empfänger war stets die Berliner "Beysan Fleischwarenherstellung GmbH" in der Koloniestraße 95. Auf ihrer Internetseite wird man mit "Guten Appetit" begrüßt, die Firmenphilosophie lautet "Liebe geht durch den Magen", und unter "Rohstoffe" steht: "Zur Gewährleistung unserer Qualitätsansprüche beziehen wir unsere Rohstoffe ausschließlich von renommierten europäischen Unternehmen, hauptsächlich aus Deutschland und Holland."

      Wolfgang Lermer aus Wertingen wird sich geschmeichelt fühlen. Oder meint Beysan Sonac und Vion? Aus dem Sonac-Wertinger Putengammel- Hundefutter formte die Beysan-GmbH massenhaft Dönerspieße. Für geschätzte 3 Euro je Kilo — statt der üblichen 3,50 bis 4,50 Euro — gingen sie an 40 Imbissbuden in der Hauptstadt und in Norddeutschland und wurden wohl größtenteils schon gegessen. Die amtlich ermittelte Kundenliste belegt, dass in dieser Zeit genau 36.129 Kilo Dönerspieße verkauft wurden. Die Firma lehnte jede Stellungnahme "zum laufenden Verfahren" gegenüber dem STERN ab.

      Ihr bester Kunde war mit insgesamt 12.500 Kilo Beysan-Besitzer Servet Öncebe selbst. Ihm gehört die unter gleicher Adresse gemeldete Dönerkette Fatih Servet, die zum Beispiel im Berliner Hauptbahnhof ein Restaurant betreibt. Allein dorthin wurden 3.081 Kilo geliefert.
[
VION schon länger auffällig]


Rubriken dieser ersten deutschen Internet-Seiten, die sich kritisch mit Lebensmitteln befassen (1993 gestartet)
  • Nahrung (Food-Leitseite)
  • Kulinarisches (Rezepte)
  • Fine Food (Spezialitäten)
  • Übersicht der Skandale
  • Skandale pt.1 pt.2 pt.3
  • Skandale pt.4 pt.5
  • Acrylamid
  • Dioxine
  • Nitrofen
  • BSE-Page (u. a. Gifte)
  • Forderungen von 1989
  • Food in den Medien (Start)
  • Zur Site-map des »khd-research.net«


    © 2007-2012  – Universitätsrat a. D. Karl-Heinz Dittberner (khd) – Berlin   —   Last Update: 19.01.2012 21.14 Uhr