BERLIN 2.1.2010 (khd). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist zu beobachten, daß
Lebensmittel- Industrie und -Handel immer stärker eine Geschmacks-Diktatur aufbauen. Viele
schmackhafte Produkte gibt es nicht mehr, andere schmecken widerlich. Der Trend geht zum
Einheitsgeschmack. Aber wollen wir das wirklich? In der Kolumne Abgeschmeckt | Abgeschmackt
sollen in lockerer Folge besonders auffällige Beispiele aus dem täglichen (Koch-) Leben
aufgespießt werden.
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Saure Sahne ist eigentlich ein recht einfaches Milchprodukt. Aber unsere
Lebensmittel-Industrie hat offensichtlich mit deren Herstellung inzwischen Probleme. Um saure Sahne zu
erhalten, werden
Sahne (Rahm)
Milchsäurebakterien zugesetzt, die die Sahne nach einiger Zeit dick werden lassen. Sie schmeckt dann
feinsäuerlich und eignet sich hervorragend, um guten Bratensaucen den letzten Pfiff zu geben. Das
klappt heutzutage oft nicht mehr.
In den Supermärkten wird heute saure Sahne nur in sehr begrenzter Auswahl angeboten. Und allzuoft
ist die Qualität so miserabel, daß sie den Geschmack von Bratensaucen ruiniert. Besonders
übel fiel das jetzt bei einem 200-g-Becher der REWE-Eigenmarke ja! auf. Obwohl der Becher
(EAN-Nr.: 4-388840-100781, MHD: 8.1.2010) geschlossen war, hatte diese saure Sahne einen Beigeschmack, der
sich auch beim Aufkochen der Sauce nicht verlor. Dieser störende Geschmack muß bei der
Herstellung entstanden sein, anderes ist kaum vorstellbar.
Aber wodurch entstand dieser für saure Sahne so untypische Geschmack, der auch schon bei
ähnlichen Produkten anderer Hersteller aufgefallen war? Liegt das an der Art der verwendeten
Milchsäurebakterien? Liegt es an der Verpackung aus Plastik? Oder wurde doch mit
irgendwelchen Zusätzen gearbeitet? Beispielsweise verändert der bei süßer Sahne oft
verwendete Stabilisator-Zusatz
Carrageen den Geschmack der Sahne. Aber auf dem Becher stand nichts von Zusätzen.
Es war nur der Fettgehalt angegeben (10 %) und, daß diese Sahne speziell für die
REWE-Handelsgruppe GmbH (Köln) hergestellt wurde durch (DE | NI 053 | EG).
Hinter dem Code NI 053 verbergen sich
die Hochwald Nahrungsmittel-Werke GmbH in Lüneburg (Niedersachsen), wie ein Blick in die amtliche
Liste der
Milchverarbeitungsbetriebe zeigt.
Hat man einige Jahrzehnte Kocherfahrung, dann weiß man, daß bis in die 1990er-Jahre saure
Sahne fast immer wohlschmeckend war. So lieferte beispielsweise die saure Sahne der Berliner Meierei-
Zentrale (MZ) stets gute Kochergebnisse. Auch die saure Sahne, die in 1/2-Liter- Glasflaschen aus Sachsen
bis vor wenigen Jahren in den Berliner Handel kam, war hervorragend und hielt sich zudem noch recht
lange. Alle solche guten Produkte sind aber aus den Supermarkt-Ketten verschwunden, die offensichtlich
nur auf Billig und schlechte Qualität setzen. Ein Dienst am Kunden ist das nicht.